Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

Einleitung

Das Bischöfliche Ordinariat von Regensburg hat im Amtsblatt vom 10. Dezember 1937 bekannt gegeben, daß sich die Familie Neumann von Konnersreuth der Aufforderung des Hl. Offiziums, Therese solle sich in eine Klinik begeben zur Beobachtung und vor allem zur Überprüfung der Nahrungslosigkeit, ebensowenig gefügt habe wie den vorausgegangenen Wünschen des Oberhirten der Diözese und des gesamten bayerischen Episkopates. Zugleich sprach das Ordinariat die Bitte aus, man möge von weiteren Veröffentlichungen über Konnersreuth absehen.

Dem Wunsch des Bischofs sind nur kritisch eingestellte Katholiken nachgekommen. Noch der Regensburger Verlautbarung ist eine ganze Reihe von Konnersreuther Schriften und Veröffentlichungen erschienen oder angekündigt worden. Daraufhin hat auch wieder der in Lippstadt tätige Chefarzt Dr. Deutsch, sechs Jahre nachdem er sich mit den Veröffentlichungen Gerlichs auseinandergesetzt hatte, zur Feder gegriffen und das Büchlein herausgegeben. Ärztliche Kritik an Konnersreuth Wunder oder Hysterie?'

Von dem mir greifbaren Schrifttum ist die Abhandlung von Dr. Deutsch die einzige, die nach der ausgesprochenen Bitte des Regensburger Ordinariats gegen Konnersreuth Stellung bezogen hat. Alle anderen von mir eingesehenen Veröffentlichungen, die nach 1938 erschienen sind, sprechen sich für Konnersreuth aus, nicht zum geringen Teil in der Tonart frömmelnder Betrachtungen, die auf den Kern der Probleme wenig oder gar nicht eingehen oder sie gleichsam mit einer Handbewegung erledigen. Zum Teil verrät schon der Titel, welche Kost geboten wird. Diese Schriften haben viele Käufer gefunden. Das Heft von Waitz hat allein bis 1938 eine Auflage von mehr als 300000 Exemplaren erreicht und die Schrift von Staudinger "Die Leidensbraut von Konnersreuth" verzeichnet 1937 eine Auflage von 343000.

Die meisten Schriften bringen wenig Wesentliches. Viel Material bietet Fritz Gerlich in seinen zwei Bänden, dann Erzbischof Teodorowicz von Lemberg und Boniface. Steiner ergänzt in der jüngsten Zeit durch Auszüge aus dem Tagebuch von Pfarrer Naber und durch Veröffentlichungen einiger Briefe der Therese Neumann.

Um zu einem einigermaßen treffenden Urteil über Therese Neumann kommen zu können, braucht man vor allem in Druck erschienene Äußerungen aus ihrem eigenen Mund, denn Mitteilungen aus privaten Quellen kann oder darf man nicht verwerten. Hier findet man viel in den Schriften, die sich auf die Aussagen der Stigmatisierten unmittelbar berufen. Dazu gehört einmal Gerlich als Berichterstatter, der viele Monate hindurch an Ort und Stelle vor allem über die Krankheiten und Heilungen der Therese Neumann sich erkundigt hat.

Der Erzbischof von Lemberg, Josef Teodorowicz, war wiederholt in Begleitung des Bischofs Lisowski in Konnersreuth und hat Therese Neumann eingehend ausgefragt. Therese hegte zu ihm, wie er selbst sagt, "ein besonderes Vertrauen" (1). Sie hat ihm "vieles aus ihrem Innenleben anvertraut" und ihm "ihr Herz ausgeschüttet".

Das Buch von Boniface wurde, wie es auf dem Umschlag heißt, von der Familie Neumann und von Pfarrer Naber anerkannt. Auch Boniface verdankt sein Wissen weithin unmittelbaren Angaben der Beteiligten, war er doch viermal in Konnersreuth, das letztemal im Jahre 1955.

Einen ausgezeichneten Einblick in die Fragen, welche Konnersreuth aufgeworfen hat bieten zwei Werke von französischen Verfassern, die auf Therese Neumann nur im Zusammenhang mit ihrer Problemstellung zu sprechen kommen. Der hervorragende Neurologe und Psychiater Jean Lhermitte behandelt in der 1953 erschienenen Arbeit "Echte und falsche Mystiker" ein überaus heikles Thema mit kritischer Sorgfalt. Rene Biot, der eine Reihe von medizinischen Werken herausgegeben hat, beschäftigt sich in "Das Rätsel der Stigmatisierten" mit der Tatsache der Stigmatisation und sucht Antwort zu geben auf die Frage, wie die Entstehung von Wundmalen zu erklären ist.

Wie ich dazugekommen bin, selber etwas über Konnersreuth zu schreiben? Auf wundersüchtige Berichte in Tageszeitungen habe ich ein paarmal erwidert; es erfolgte weder Antwort noch Veröffentlichung. Dann las ich von Wundern, die noch dem Tod der Therese Neumann geschehen sein sollen. Hier bin ich der Sache nachgegangen, obwohl ich von vornherein das Ergebnis gekannt habe. Wie vermutet, handelte es sich um reine Märchen. Dann liest man, daß in Konnersreuth laufend Gebetserhörungen durch die Fürbitte der Therese Neumann gemeldet werden. Die Beschäftigung mit einem Thema führt zur Vertiefung in die erschienene Literatur. So ist aus einem geplanten längeren Artikel ein Buch geworden.

Man kann mir den Vorwurf machen, daß mein Wissen nicht aus erster Quelle stammt, da ich nie in Konnersreuth gewesen bin. Das stimmt. Ich habe auch jetzt kein Verlangen, die Pilgerschar von Wundersüchtigen zu vergrößern. Es waren Leute in Konnersreuth, die haben schon vorher an die Übernatürlichkeit der Phänomene geglaubt, andere sind 'Gläubige' geworden; es waren auch Besucher dort, die sind vollkommen ernüchtert weggegangen. Ein Besuch hätte weder die Möglichkeit geboten, über die Echtheit oder Unechtheit der Stigmen etwas auszusagen noch die Nahrungslosigkeit nachzuprüfen. Das Urteil von Fachleuten, insbesondere von Ärzten, ist viel wichtiger als ein vorübergehender Augenschein. Außerdem sei darauf hingewiesen, daß Priester jahrelang in der Umgebung von Konnersreuth waren und daß sie reichlich Gelegenheit hatten, sich ein Urteil zu bilden. Das Urteil wurde mehr und mehr negativ. Mein Urteil, das sich seit der Studentenzeit nicht geändert hat, hat sich gerade durch die Lektüre in der letzten Zeit so sehr gefestigt, daß ich nicht mehr den geringsten Zweifel hege: Hier handelt es sich nicht um Übernatürliches; nein, es geht um rein Natürliches, Menschliches, ja allzu Menschliches. Aus den eigenen Aussagen der Therese Neumann, wie sie Augen- und Ohrenzeugen bringen, laßt sich meiner Oberzeugung nach klar erweisen. Hier war Gott nicht am Werke, wenn man nicht von bloßer Zulassung sprechen will. Ich verweise schon hier auf die vielen, offenkundigen Widersprüche, die man aus ihren Worten nachweisen kann. Bei Durchschnittsmenschen nimmt man solche Dinge nicht ohne weiteres tragisch; bei Gottbegnadeten können und dürfen sie nicht vorkommen.

Weiter kann man mir den Vorwurf machen, daß doch Therese auch viel Gutes getan hat. Sicher hat sie das. Aber ich wollte keine Biographie herausgeben. Es geht mir darum, den Nachweis zu führen, daß es sich bei den sog. Konnersreuther Phänomenen um durchaus natürlich erklärbare Dinge handelt und daß das persönliche Leben der Stigmatisierten Mängel aufweist, die eine Verehrung ihrer Person durch Wallfahrten und Verbreiten von "erbaulichen Schriften" nicht rechtfertigen.

Ich darf noch anfügen, daß ich auf Grund der Lektüre, und nicht bloß durch sie, weiß, mit welchen Methoden zuweilen gegen Kritiker an Konnersreuth vorgegangen wurde. Ich bin mir darum vollkommen klar darüber, in ein Wespen- oder Hornissennest gestochen zu haben. Das nehme ich gerne in Kauf im Dienst der Wahrheit.

Zum nächsten Kapitel.

Zum Inhaltsverzeichnis

Zur Bücherübersicht

Diese Seiten liegen ausschließlich in der Verantwortung der unten genannten Person. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers wieder.

Gerald.Huber@indian-skeptic.de

Letzte Änderung: 1. September 1999