Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

IX. Stellung zur Eucharistie

Seit urchristlicher Zeit ist die Eucharistie Mittelpunkt und Quelle des religiösen Lebens. Das mußte natürlich auch für die Stigmatisierte von Konnersreuth gelten. Ja für sie soll Christus in der heiligen Hostie nicht bloß Quelle des religiösen, sondern auch Quelle des leiblichen Lebens gewesen sein. Da sie den Versicherungen entsprechend nahrungslos lebte, war ihr die einzige Speise Christus unter der Gestalt des Brotes, und dies auch insofern in einem ausschließlichen Sinne, da sie ohne Kommunionempfang nicht am Leben geblieben wäre.

Man hat den begründeten Eindruck, daß bei Therese Neumann die Einstellung zur Eucharistie einseitig dem Kommunionempfang galt. Es fällt auf, daß die Feier der Eucharistie selber, das heilige Meßopfer, nicht entsprechend gewertet wurde. Therese nahm nicht regelmäßig an der Meßfeier teil. War sie anwesend, so wurde ihr die heilige Kommunion an ihrem Platz hinter dem Hochaltar gereicht. Oft blieb sie wegen Unpäßlichkeit oder Müdigkeit am Vormittag im Bett. Falls sie den ganzen Tag nicht aufstand, brachte ihr der Pfarrer die Kommunion. Sonst vereinbarte er mit Therese die Zeit, wann er in die Kirche kommen und ihr die Kommunion reichen sollte.

Die Müdigkeit, welche Therese vom Besuch der heiligen Messe abhielt, war oftmals verursacht durch die Erledigung von Postsachen. Nach eigenen Angaben ist sie oftmals bis nachts ein, zwei oder gar vier Uhr aufgeblieben, um Briefe zu lesen oder zu schreiben. - War das wichtiger als der Besuch der heiligen Messe?

Der Platz, an dem Therese Neumann der heiligen Messe beiwohnte, befand sich nicht im Kirchenschiff, sondern, wie bekannt, hinter dem Hochaltar, wo sie allein, in ihrem Polsterstuhl sitzend, mit dem Blick zur Rückwand des Hochaltars, am Gottesdienst teilnahm. Auch wenn sie außerhalb des Meßopfers kommunizierte, saß sie in ihrem Stuhl.

Es ist nichts anderes als ein Theater, wie Therese Neumann bei besonderen Anlässen ihre große Sehnsucht nach der Hostie zum Ausdruck brachte. Als Bischof Waitz im Jahre 1928 in Konnersreuth weilte, brachte er zur Stigmatisierten die heilige Kommunion ins Elternhaus. "Und da hört der Bischof sie rufen: Heiland, Heiland!' Therese lehnte sich zurück, faßte den Bischof am Chorrock, als 'Folgte sie ihn heranziehen, und noch einmal hörte er die Worte: Heiland, Heiland!' (1)." - Wenn alle Kornmunizierenden solche "Sehnsucht" hätten!

Seit Ende des Jahres 1922, so heißt es, konnte Therese Neumann eines Halsleidens wegen auf Jahre hin, nämlich bis zum 30. Juni 1931, nicht mehr schlucken. Wie Aretin bezeugt (2), konnte die Kommunion nur in der Weise erfolgen, daß Therese ihren Kopf so hielt, "daß ein winziges, angefeuchtetes Stück der heiligen Hostie gleichsam infolge der eigenen Schwerkraft in den Schlund fiel."

1. Kommunion ohne Schluckbewegung

Wenige Monate später, also nach Beginn des Halsleidens so schildert Aretin weiter, habe eine andere Art des Kommunionempfangs begonnen, die seither alltäglich geworden sei: die konsekrierte Hostie wurde dem sie darreichenden Priester gewissermaßen aus den Fingern gerissen und verschwand ohne   jede   Schluckbewegung. So alltäglich, wie Aretin meint, war dies allerdings nicht. - Normalerweise konnte Therese Neumann von Ende 1922 bis Mitte 1931 nur ein winziges Teilchen der Hostie konsumieren. Kam sie aber vor dem Kommunionempfang in visionäre Ekstase und sah sie dann "an Stelle des Priesters in der Hostie den Heiland selbst als Kind (Weihnachtszeit) oder den Auferstandenen (Osterzeit) auf sich zukommen", dann ging "die heilige Hostie sofort beim Auflegen auf die Zunge ohne Schluckbewegung in sie ein" (1). In diesem Falle konnte auch eine ganze Hostie gereicht werden.

Man brauchte offenbar nur zu warten, ob eine Ekstase sich einstellte; einfacher noch, Therese kündigte zuvor schon an, ob sie in Ekstase geraten werde. Wahrend eines vorausgehenden ekstatischen Zustandes nämlich wußte sie von künftigen Ereignissen; sie vermochte also auch anzugeben, wann der nächste "Zustand der gehobenen Ruhe" eintreten werde. "Der Pfarrer", schreibt Teodorowicz (2), "ist nämlich wohlunterrichtet; denn Therese macht solche Ankündigungen immer noch ihrer Kommunion, ohne jedoch nach der Ekstase etwas davon zu wissen."

Gerlich berichtete (3), wie er das Verschwinden der Hostie beobachten konnte. Therese selber hat es ihm "bewiesen". "Als der Pfarrer mit dem Ziborium um die Ecke des Altars kam, geriet Therese Neumann beim Anblick der Hostie in Ekstase und zeigte höchstes Verlangen, dem Heiland entgegenzusehen, woran sie der Stuhl durch seine vorn schließenden Armlehnen hinderte. Ihr Gesicht strahlt, ihre Augen leuchten, die Hände sind etwas vorgestreckt, die Füße sind in Bewegung. Der ganze Körper ist etwas gehoben, als ob sie aufstehen möchte. Der Pfarrer gab mir Anweisung, direkt so vor ihr niederzuknien, daß ich ihr genau in den Mund sehen könnte. Das geschah. Bei der Annäherung der Hostie öffnete sie weit den Mund und streckte etwas die Zunge heraus. Die Hände hielt sie vor die Brust. Der Pfarrer legte vorn auf ihre Zunge eine ganze Hostie und trat sofort von ihr zurück. Sie nahm die Zunge, auf der die Hostie sichtbar lag, ein wenig zurück, aber nur so weit, daß die Spitze noch die Unterlippe berührte und nur die Zähne des Unterkiefers verdeckte, so daß ich weiter die hintere Zungenpartie und den Gaumen sehen konnte. Plötzlich war die Hostie verschwunden. Therese Neumann streckte sofort einige Zeit hindurch die Zunge weit heraus. Der Mund war weit geöffnet, sie schloß ihn von dem ersten Öffnen an nicht, ebenso machte sie keine Schluckbewegungen von der ersten Öffnung des Mundes an. Die Hostie war in der Mundhöhle und am Gaumen, die ständig offen vor mir lagen, nicht zu sehen. Nach einiger Zeit innerster Konzentration begann sie ekstatisch zu sprechen."

Wohlgemerkt, tags zuvor hatte Therese "in der Ekstase" erklärt, Gerlich solle Zeuge sein, wenn sie kommuniziere; der "Heiland" also wollte dies. Wird man ungerecht, wenn man das Ganze als ein unwürdiges Theater bezeichnet? Fällt nicht auf, daß Therese zuerst die Zunge zurücknimmt und sie dann wieder weit herausstreckt? Ist das Verschwinden der Hostie so unerklärlich? Konnte Therese mit Schluckbewegungen nicht beliebig warten?

Im übrigen wurden offenbar nur einige Auserwählte gewürdigt, bei der Kornmunionspendung außerordentliche Phänomene beobachten zu dürfen. Ich weiß, abgesehen von Pfarrer Naber, von keinem Seelsorger von Konnersreuth der letzten 25 Lebensjahre der Therese Neumann, der ein auffallendes oder gar wunderbares Phänomen erlebt hatte. Von einem Mitbruder habe ich folgenden mündlichen Bericht erhalten: Als er in Konnersreuth zelebrierte, wurde er vorher vom Pfarrer aufmerksam gemacht, er werde, wenn er Therese die Kommunion reiche, staunen. Aber es geschah nichts Auffallendes. In der Sakristei fragte der Pfarrer den Geistlichen, was er nun sage. Auf die Antwort, es sei ihm nichts aufgefallen, wandte sich der Pfarrer an Therese, die eben erschienen war: "Nun, Resl, warum war heute nichts los?" Diese erwiderte: "Ich wollte nicht, sonst wäre der junge Herr zu sehr erschrocken." - Wer wollte da nicht? An diesem Tag war die Danksagung nach der Kommunion sehr kurz, da Therese gleich nach der Messe in die Sakristei kam. Ob da Neugierde schuld war?

Den beiden Bischöfen Waitz (4) und Teodorowicz (5) erklärte Pfarrer Naber, Therese bekunde ihr heftiges Verlangen nach der heiligen Kommunion dadurch, daß sie den Priester an der Stola und am Chorrock zerre. So geschah es denn auch. Teodorowicz berichtet (6): Therese fühle sich äußerst unglücklich und verlassen, wenn sie vor dem Empfang der heiligen Kommunion merke, daß der Heiland nicht mehr in ihr gegenwärtig sei. Dann werde die Vereinsamung so schmerzlich, daß sie sich nicht mehr beherrschen könne und ausrufe: "Warum hast du mich, Herr, verlassen? Komm doch zu mir!" Als ihr der Erzbischof an einem Freitag die heilige Kommunion reichen sollte, wurde er zuvor von dem Pfarrer gewarnt. In ihrer Begierde noch dem Heiland werde sie noch seiner Stola greifen und daran zerren, um ihn zu zwingen, ihr doch schneller die heilige Kommunion zu reichen. Von einem Priester deswegen zur Rede gestellt, habe Therese geantwortet, dies alles hänge nicht von ihr ab, es sei vielmehr das Einwirken der Gnade. In der Adventszeit, also in der Zeit des Andenkens an die Ankunft des Messias, zeige sie nicht diese gewaltsame innere Erschütterung, sagt Teodorowicz. - Warum wohl?

Einmal forderte Naber den Kardinal von Prag, Kaspar, auf, er solle mit der Hostie eine Weile vor Therese stehen bleiben, "damit sie sich den von den Toten auferstandenen Heiland erst ansehe". Das gleiche sagte der Pfarrer zum Sekretär des Kardinals von Rossum; er mache das auch selber und betrachte dann das Verhalten der Therese (7). - Das ist doch sonderbar! Das einemal greift Therese in ihrer Begierde noch dem Heiland nach der Stola und zerrt daran, das andere Mal muß zugewartet werden, damit sie den Heiland ansehen kann. Warum hat in solchen Fallen, da man absichtlich zögerte, die Sehnsucht nach dem Heiland nicht bewirkt, daß die Hostie den Händen des Priesters entschwand und in die Stigmatisierte einging? Kam ja doch die Hostie zuweilen sogar aus dem verschlossenen Tabernakel zu ihr!

Mit Recht bezeichnet Dr. Deutsch als abstoßend, daß Therese Neumann beim Kornrnunionempfang offensichtlich Wert darauf legte, daß andere zuschauten und dann auch glaubten, die Hostie sei auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Dem Nichtkatholiken Gerlich zeigt sie die Zunge; und als einmal jemand leise den Priester fragte, ob die Hostie verschwunden sei, sagte sie unmittelbar nach der heiligen Kommunion vorwurfsvoll: "Auch Du zweifelst noch?" Deutsch stellt die Frage: "Ist das heiligmäßige Andacht beim Empfang der heiligen Eucharistie oder hysterisches Theater, bei dem der Eindruck auf das verehrliche Publikum der Zweck der Übung ist (8)?" Hier erhebt sich noch eine andere Schwierigkeit: Wie allgemein berichtet wird, stellte sich nach dem Kommunionempfang der Zustand der gehobenen Ruhe ein. Was sich während desselben ereignete und was Therese sprach, davon wußte sie hernach nicht das mindeste. Aber offenbar wußte sie genau, was sie tat, solange sie in Ekstase war. Sie öffnete ja, um das Verschwinden der Hostie zu beweisen, nach dem Kommunionempfang wieder den Mund weit; man konnte sich dann vergewissern, daß die Hostie nicht mehr im Munde zu finden war. Sie hörte auch, was nach der Kommunion von den Umstehenden gesprochen wurde, selbst wenn man nur flüsterte. Sie redete zum Zweifler und machte ihm Vorwürfe. Therese verfolgt die Ereignisse vor, während und noch der Kommunion mit klarem Bewußtsein; sie tritt selbst als frei Handelnde auf. Soll sie wirklich noch der Kommunionekstase gar nichts mehr von dem im Gedächtnis behalten haben, was sie beispielsweise verkündet hatte? Der einzige Beweis ist, wie in anderen Fallen auch, die eigene Aussage.

2. Vision beim Kommunionempfang

Wie Therese wiederholt versicherte, sah sie beim Empfang der Hostie den Heiland selber, und zwar in verschiedener Gestalt, je nach der Zeit des Kirchenjahres. Der Angabe von Pfarrer Naber gemäß schaute sie freilich den Heiland nur dann, wenn sie in der Nacht zuvor ein Sühneleiden durchgemacht hatte. Dann vermochte sie auch die ganze Hostie zu empfangen, während sie sonst bis Mitte 1931 nur mit Mühe ein kleines Teilchen zu sich nehmen konnte (1). Das steht freilich in Widerspruch zu dem Bericht von Gerlich (2). Da erduldete vorher Therese kein Sühneleiden. Trotzdem hat sie die ganze Hostie empfangen können. Das ist wohl so zu erklären, daß in diesem Fall Gerlich von dem wundersamen Geschehen überzeugt werden sollte; der "Heiland" hatte ja ihn als Zeugen selber gewünscht!

Die Schilderung eines Kommunionempfangs, wobei Therese Neumann den Heiland schaute, bringt Teodorowicz (3). Der Bericht geht zurück auf den Kapuzinerpater Herrmann Joseph. Dieser war an einem Freitag nach Pfingsten in Konnersreuth. Wie der Pfarrer versicherte, hatte in der Nacht zuvor Therese kein Sühneleiden durchmachen müssen; es fand auch an diesem Freitag keine Leidensvision statt. Demgemäß hätte sie auch nicht beim Kommunionempfang den Heiland sehen dürfen. Sie sah ihn doch; es war ja ein gewichtiger Zeuge anwesend; der "Heiland" hatte Einsehen. Nun die Schilderung des Paters:

Die Pfarrmesse ging gerade dem Ende zu; der Pater ist beim Ankleiden zur Meßfeier. "Da ging auf einmal die Tür von draußen her energisch auf. Unwillkürlich wandte ich den Kopf - da schaute ich in ein Antlitz, so voll Schmerz und innerem Weh, wie ich noch keines gesehen hatte, nicht einmal bei einem Sterbenden. Die Augen erinnerten an einen Verschmachtenden, der die letzten Anstrengungen macht, den rauschenden Quell noch zu erkennen, ehe er entkräftet niedersinkt: Therese Neumann, sie kam um die heilige Kommunion zu empfangen. Vermutlich war sie in Ekstase, denn sie sah weder mich noch sonst etwas. Es war die Ekstase der namenlosen Sehnsucht und inneren Gottverlassenheit, von der sie stets ergriffen wird, wenn die heiligen Gestalten der vorigen Kommunion in ihr verschwinden. Ehrfurchtsvoll macht sie die Kniebeugung hinter dem Altar."

Die Ekstase verliert sich offenbar sehr rasch. "Sie winkt den Ministrantenbuben, die Türe hinter ihr zu schließen, da sie bei der heiligen Kommunion von anderen nicht gesehen sein will." Dann, nach der Pfarrmesse, entläßt der Pfarrer die Kinder, ordnet noch etwas in der Kirche; jetzt erst zieht er Chorrock und Stola an. "Er winkte mir, ganz nahe zu treten, unmittelbar neben Theresens Stuhl. Ich konnte das leicht tun, denn sie sah und hörte nichts mehr, was um sie vorging. Sobald sie des heiligen Sakramentes ansichtig wurde, war die Ekstase über sie gekommen. Hatte sie vorher todmüde in dem Sessel gelehnt, so saß sie jetzt hochaufgerichtet mit ehrfurchtsvoll gefalteten Händen, in Anbetung des heiligsten Augenblicks harrend. Ich kniete neben Therese, einen Schritt von ihr entfernt nieder, so daß ich auch das Geringste sehen und alles überschauen konnte. Der Priester trat einen Schritt naher. Therese öffnete in der Verzückung beide Arme und streckte sie der heiligen Hostie entgegen. Aber ihre Augen sind nicht auf den einen Punkt der heiligen Hostie gerichtet, sondern auf eine Gestalt, die ich nicht sehe. Sie darf den Heiland selbst sehen, den Auferstandenen, den ich nur in Brotgestalt gehüllt vor mir habe. Wohl eine Minute, wenn nicht länger, bleibt der Pfarrer so stehen, und ich benütze die Zeit, mir mit kühlem Verstand und scharfem Auge jede Einzelheit zu betrachten und einzuprägen ... Ich sehe genau zu, ob ich das Verschwinden der Hostie bemerke, von dem schon so viele geschrieben haben, aber ich sehe nichts; sie schließt den Mund zu schnell. Allerdings ist auch nicht die geringste Schluckbewegung zu sehen."

Wie will der Pater bezeugen, daß Therese Neumann die Gestalt des Auferstandenen geschaut hat? Einen anderen Beweis als deren Aussage gibt es nicht. Ist dem Pater wohl nicht der Gedanke gekommen, daß die Schluckbewegung zeitlich nach Belieben erfolgen konnte?

Die Vision beim Kommunionempfang beschreibt Fahsel folgendermaßen: "Ihre Arme sind erhoben und sie schaut in die Richtung, wo sich die heilige Hostie in den Händen des Pfarrers befindet. Während derselbe die übrigen Gebete spricht, schaut sie mit seligem Lächeln wie verklärt hinauf und dann wieder hinunter. Ich frage sie danach, weshalb sie dies tue, und sie antwortete: 'I schau den Heiland in glänzender Gestalt. Dann wird der Glanz der Gestalt zu einer Feuerflamme, die auf mi zukommt und in meinen Mund eingeht. Dann weiß i nix mehr, dann bin i ganz beim Heiland.' Es ist aufgefallen, daß sie mit besonderer Aufmerksamkeit nach unten schaut. Sie erklärte, die Wundmale an den Füßen des Heilandes in ganz besonderem Glanze zu sehen."

Im Zusammenhang mit mystischen Kommunionen deutete zuweilen, wie Therese Neumann versichert, der Heiland auffallende künftige Ereignisse an. Als ihr einmal Wutz die heilige Hostie reichte, geschah es, "daß bei einer solchen Vision der Heiland sich umdrehte und Herrn Professor ... gut anschaute" (4). Später will Therese dieses "Gutanschauen" so verstanden wissen, als habe ihr der Herrgott den nahen Tod des Professors, der für sie völlig unerwartet kam, andeuten wollen.

3. Kommunion ohne Priester

Als weiteres außerordentliches Zeichen göttlicher Auserwählung wird genannt der Kommunionempfang ohne Priester. Das soll sich einmal zugetragen haben, als Therese mit einer ihrer Schwestern zu Besuch bei Professor Wutz in Eichstätt war. Der Professor hatte in seiner Privatkapelle zelebriert und im Tabernakel ausnahmsweise eine konsekrierte Hostie aufbewahrt für den Fall, daß er seiner kranken Mutter die Wegzehrung reichen mußte. "Nachmittags, als Therese Neumann sich auf einem Sessel ausruhte, gab sie plötzlich alle äußeren Kennzeichen der ekstatischen Kommunion, auf die, wie üblich, der Zustand der Verzückung folgte. Beunruhigt begab sich Professor Wutz - nach einem Augenblick der Bestürzung - in sein Oratorium und stellte fest, daß der Speisekelch leer war. Im Zustand der gehobenen Ruhe bestätigte Therese, daß sie die verschwundene Hostie konsumiert hatte, daß diese also von selbst zu ihr gekommen war" (1). Von da ab, berichtet Boniface weiter, seien Pfarrer Naber und die Priester, die Therese betreuten, auf ihrer Hut gewesen, und sie hätten wiederholt Gelegenheit gehabt, festzustellen, daß dann, wenn bei der Kommunionspendung zu große Verzögerungen eintraten und die Sehnsucht nach dem Heiland in ihr übermächtig wurde, die Hostie den Weg von selbst zu ihr nahm.

Soll man das glauben? Warum hat Therese Neumann in Eichstätt nicht am Morgen kommuniziert? Hat sie da die heilige Messe überhaupt versäumt? Wenn für gewöhnlich der Tabernakel leer war, dann wußte sie sicher, daß an diesem Tage sich eine Hostie in dem Kelch befand. Das hat Wutz kaum verschwiegen; es brannte wohl auch ein Licht vor dem Tabernakel. Wie kam die Hostie aus dem Tabernakel heraus? In der Frage steckt ein ganz schwerer Verdacht. Wie viele brave Katholiken würden herzlich gerne die Sakramente empfangen, wenn ein Priester zu erreichen wäre. Sie müssen verzichten; der Heiland kommt nicht zu ihnen in der Eucharistie. Therese Neumann wohnt unter einem Dach mit dem Heiland im Sakramente. Sie kann bei der heiligen Messe zur Kommunion gehen; ein Priester befindet sich im Hause. Zu ihr kommt die Hostie aus verschlossenem Tabernakel?

Einen Bericht, der sehr viel Ähnlichkeit mit dem vorausgegangenen aufweist, bringt Steiner (2). Es heißt dort: Therese Neumann weilte in Eichstätt bei Prof. Wutz. Vom 29. auf 30. April 1929 ertrug sie ein schweres geistiges Leiden, das ihr auch körperlich so sehr zusetzte, daß man um ihr Leben fürchtete. "Man hatte in der Hauskapelle ihres Gesundheitszustandes wegen eine konsekrierte Hostie aufbewahrt. Plötzlich kommt Therese in Ekstase und macht die Gesten wie bei einem Kommunionempfang. Dann tritt der erhobene Ruhezustand ein. Es kommen nach einiger Zeit die Worte: ,Die Resl hat den Heiland empfangen.' Als daraufhin Prof. Wutz den Tabernakel öffnete, war keine Hostie mehr vorhanden (Mitteilung Prof. Wutz, bestätigt durch Bruder Ferdinand Neumann)." Dieser Bericht sieht doch verdächtig ähnlich dem vorher geschilderten. Sollte es sich, wie man annehmen muß, um den gleichen Fall handeln, wo liegt dann der Grund für den nicht unerheblichen Irrtum in der Berichterstattung? Boniface war ja wiederholt in Konnersreuth und eine schriftliche Quelle für sein Wissen gibt er nicht an.

Nach der Darstellung von Fahsel (3) ergibt sich eine weitere Variante. Es war in der Nacht zum 30. April 1929. Die anwesenden Priester fürchteten um das Leben der Therese Neumann. Eine Hostie war in der Privatkapelle von Prof. Wutz aufbewahrt worden, um Therese am nächsten Morgen die Kommunion spenden zu können. Nach der ekstatischen Kommunion soll sie ausgerufen haben: "Sie hat den Heiland empfangen. Gehet und sehet nach. Er ist aus dem Tabernakel verschwunden." - Hier redet also der "Heiland" unmittelbar aus Therese; ihm war es ein Anliegen, daß man vom wunderbaren Geschehen sich überzeuge.

Ergänzend fügt später Fahsel dem Bericht hinzu (4), Therese habe bereits am Nachmittag des 29. April 1929 Prof. Wutz gegenüber vorausgesagt - "Heut' abend müssen S' net erschrecken, i werd' stark leiden." - Man ist doch erschrocken. Die Angabe von Fahsel, Prof. Wutz habe zu dem Zweck eine Hostie im Tabernakel aufbewahrt, um Therese Neumann am nächsten Tag die Kommunion spenden zu können, ist nicht ganz verständlich. Wutz brauchte ja zu diesem Zweck keine Hostie aufzubewahren, da er am folgenden Morgen wieder zelebrieren konnte.

Zeuge einer Fernkommunion will Fahsel am Freitag, dem 26. Juni 1931, gewesen sein (5). Um halb elf Uhr kam Therese Neumann ins Pfarrhaus. "Sie sah auffallend elend aus und fühlte sich sichtlich schwach. Wir erfuhren, daß sie kurz zuvor für einen Sterbenden gelitten hatte. Sie bat den Pfarrer, ihr die hl. Kommunion zu spenden, die sie am Tag zuvor zuletzt empfangen hatte." Therese, der Pfarrer und Fahsel gehen in die Kirche. Dieser soll die Kommunion an ihren Platz bringen. "Als ich ungefähr einen Meter vor ihr stand und die heilige Hostie erhob, um die letzten Gebete zu sprechen, gewahrte ich zu meinem Erstaunen, daß sie sich mir nicht zuwandte, sondern ruhig im Stuhl saß mit der Richtung auf die Hinterwand des Tabernakels. Ihre Arme lagen kreuzweise auf der Brust, Mund und Augen waren geschlossen. Es war dieselbe Stellung, die sie jedesmal noch Empfang der Kommunion im erhobenen Zustand der Ruhe einzunehmen pflegte ... In diesem Augenblick kam Bewegung in ihre Gestalt. Sie drehte sich mit geschlossenen Augen zu mir hin, hob etwas den Kopf und öffnete den Mund. Da sah ich auf ihrer Zunge heil und weiß eine Hostie liegen. Nun begriff ich, sie hatte bereits das Sakrament empfangen."

Man fragt sich: Wenn der Heiland in Gestalt der Hostie unmittelbar zu Therese kam, warum geschah das nicht auf kürzestem Wege? Warum erscheint die Hostie längere Zeit im Munde, da doch die Sehnsucht der Therese so groß war? Es gibt wohl nur eine Begründung: Die Umgebung mußte einen "Beweis" haben.

Denken wir daran, daß Pfarrer Naber wiederholt längere Zeit vor Therese Neumann stehen blieb und mit dem Darreichen der Hostie wartete, entweder um zu experimentieren, wie sich Therese verhalten würde, oder um Zuschauern das Verlangen der Kommunizierenden nach dem Heiland zu demonstrieren. Erinnern wir uns, daß auch der Kardinal von Prag auf Anregung des Pfarrers so handeln mußte, dann versteht man einfach nicht warum jetzt auf einmal die Sehnsucht keine Minute mehr zuwarten ließ. Und doch gestattete die Sehnsucht, daß Therese die Hostie eine geraume Weile im Munde behielt; sie öffnete ja erst den Mund nach längerer Zeit des andachtsvollen Verharrens. Wie konnte sie auf einmal die Sehnsucht dämpfen, was vorher nicht möglich war? Ist das Heilandsliebe oder Theater? Kann man es Dr. Deutsch verübeln, wenn er zur Erklärung der "Fernkommunion" annimmt, Therese Neumann habe sich aus der Sakristei Hostien besorgt? Sie besaß ja einen Schlüssel zur Sakristei.

Laut Eintrag im Tagebuch von Pfarrer Naber vom 30. Januar 1931 (6) hatte Therese die vorausgegangene Nacht hindurch bis halb sechs Uhr früh Briefe gelesen. "Dazwischen hatte sie der Heiland durch den erhobenen Ruhezustand gestärkt." - Sonst nennt man den nächtlichen Ruhezustand Schlaf. Falls Therese auf diesen verzichten konnte, dann brauchte sie auch keine göttliche Stärkung, um Briefe lesen zu können. Die hl. Messe am Morgen versäumte sie. Aber mittags so um elf Uhr kam sie in den Pfarrhof und bat den Pfarrer, er möge ihr die hl. Kommunion reichen. Sie ging voraus in die Kirche an ihren Platz. "Als ich hinkam, fand ich sie im erhobenen Ruhezustand. Ich fragte, ob etwa der H. Benefiziat inzwischen die hl. Kommunion gereicht habe, und erhielt zur Antwort: Nein, sondern, da Therese mit einer solchen Sehnsucht nach dem Heiland verlangte, daß sie dem Ohnmächtigwerden nahestand (die Herzwunde habe sich geöffnet, hieß es, und das Blut fließe bis zum Knie herab), so sei der Heiland wunderbarer Weise zu ihr gekommen: eine hl. Hostie sei vom Tabernakel her durch den Altar ihr zugeschwebt, in die Nähe gekommen verschwunden und das verklärte Jesuskind in der Größe des Alters von annähernd vierzig Tagen vor ihr erschienen und in sie eingegangen. Dies alles erzählte Therese nachher im gewöhnlichen Zustand genauso und bemerkte noch, daß die hl. Hostie am Rande von einem lichten Schein umgeben gewesen sei."

Nehmen wir zu dieser Erzählung, was Boniface schreibt (7): "An Festtagen oder zur Belohnung nach schweren Sühneleiden konnte man bei ihr eine ekstatische Kommunion beobachten. Sobald sich ihr der Priester mit der Hostie näherte, sah sie nicht die Hostie und den Priester, sondern nur den verklärten Heiland, der auf sie zukam." Das Briefelesen kann doch nicht den Wert eines Sühneleidens gehabt haben, so daß Therese ekstatisch kommunizieren durfte. Als Ersatz für das unbegründete Versäumen der hl. Messe kann man die ekstatische Kommunion sicherlich nicht werten. Therese vermochte ganz genau das Alter des Jesukindes anzugeben, nämlich: noch nicht ganz vierzig Tage. Woher diese exakte Angabe? Sehr einfach: Die ekstatische Kommunion fand statt am 30. Januar; das Jesuskind wäre am 2. Februar vierzig Tage alt geworden; deswegen: "annähernd vierzig Tage"!

Mehrmals war diese Kommunion ohne Priester, wie es heißt, die letzte Rettung; sonst wäre Therese gestorben. So geschah es am 8. November, als Pfarrer Naber nach Waldsassen gefahren war und erst nach elf Uhr zurückkehrte. Als er nun Therese die Kommunion reichen wollte, merkte er, daß sie sich bereits im erhobenen Ruhezustand befand, wie gewöhnlich nach der Kommunion. Darüber berichtet der Pfarrer (8): "Auf meine Frage, was geschehen, erfuhr ich, daß die Sehnsucht nach dem Heiland Therese so stark ergriffen hatte, daß das Herz zu schlagen aufhörte und nur mehr fibrierte und in etlichen Minuten ganz stille gestanden wäre. Dies zu verhüten, sei der Heiland vom Tabernakel herab ohne des Priesters Mitwirken zu Therese gekommen."

Wiederum geht es nur um etwa eine Minute, die zu warten unmöglich war. Therese hätte gar nicht so lange zu warten brauchen, hätte sie am Morgen die hl. Messe besucht. Zu anderer Zeit führte das Warten nicht in eine so unmittelbare Gefahr. So kam sie eines Tages, als ein auswärtiger Priester anwesend war, in die Sakristei und erklärte, sie wolle kommunizieren. Daraufhin begab sie sich an ihren Platz. Nach einiger Zeit erschien sie wieder und fragte vorwurfsvoll, warum man so lange zögere. Der Besucher meinte: "Ja, Resl, bist du denn schon vorbereitet?" Barsch kam die Antwort: Ich bin immer vorbereitet.' - Aber immerhin, sie konnte warten.

Die Wunder im Zusammenhang mit dem Kommunionempfang sind noch nicht zu Ende. Therese Neumann kommunizierte einmal sogar in Konnersreuth ohne Priester, wobei die Hostie aus Eichstätt kam. Das erzählt Steiner (9); er stützt sich auf den Bericht von Ferdinand Neumann. Prof. Wutz zelebrierte in Eichstätt und konsekrierte dabei drei kleine Hostien. Bei der Kommunionspendung war eine unauffindbar. "Nach einiger Zeit rief Resl aus Konnersreuth an, es seien heute der Herr Pfarrer und der Herr Benefiziat am Morgen nicht dagewesen, sie habe aber große Sehnsucht nach dem Heiland gehabt und habe deshalb der hl. Messe in Eichstätt beiwohnen dürfen. Dabei sei auch in sie unmittelbar nach dem 'Domine, non sum dignus' eine hl. Hostie eingegangen." - Da verschlägt es einem die Sprache!

Beachtung verdient, daß der Zeuge für diese Fernkommunion der Bruder der Therese ist, Ferdinand, der in der fraglichen Zeit bei Prof. Wutz wohnte, da er in Eichstatt die Schule besuchte. Zur Ergänzung sei auch die Einleitung zu dem Bericht über die Fernkommunion gebracht: "In der Zeit, da ich als Gymnasiast bei Prof. Wutz wohnte, ministrierte ich bei ihm bei der hl. Messe in der Hauskapelle und versah auch die Dienste des Sakristans. So richtete ich eines Tages wie gewöhnlich neben der großen Hostie für den Priester drei kleine für meine Schwester Ottilie, für meinen Bruder Hans und für mich her. Während der hl. Messe, die etwas verspätet begonnen hatte, mußte Hans vor der Kommunion zur Schule weg. Als der Professor die hl. Kommunion austeilte, waren nur noch zwei kleine Hostien vorhanden. Er und ich suchten, in der Meinung, die dritte müsse herabgefallen sein, aber es war vergeblich. Nach der hl. Messe sprachen wir darüber. Ich beteuerte, drei Hostien hergerichtet zu haben und der Professor sagte, er habe bei der Wandlung auch auf die kleinen Hostien geschaut und bestimmt drei gesehen. Wir suchten also nochmals gründlich, aber ergebnislos, und waren deshalb recht beunruhigt."

Ein Mirakel? Gewiß nicht! Nur eine Frage, es gäbe deren mehr: Warum mußte Hans zur Schule, nicht aber der Gymnasiast Ferdinand?

Mit bemerkenswerten Abweichungen berichtet über das gleiche Ereignis Anni Spiegl (10). Wutz habe bei der hl. Messe zwei kleine Hostien für Ottilie und Ferdinand Neumann mitkonsekriert. "Als er beiden die heilige Kommunion reichen wollte, war nur mehr eine Hostie da. Herr Professor wurde sehr unruhig, suchte und fand nichts. Er teilte die eine Hostie zur Kommunion und las die heilige Messe zu Ende. ... So gegen elf Uhr kam ein Anruf von der Resl. Herr Professor möge sich doch beruhigen. Das mit der heiligen Hostie heute früh habe sich wie folgt zugetragen: Es war ihr nachts nicht gut, so konnte sie die Frühmesse nicht besuchen. Als sie vor acht Uhr in Konnersreuth zur Kirche ging, um zu kommunizieren, war Herr Pfarrer schon weg zur Schule. Es überkam sie eine starke Sehnsucht zum Heiland. Plötzlich befand sie sich in der Hauskapelle des Wutz-Hauses und nahm dort an der heiligen Messe teil, wo sie auch kommunizierte. Zum Beweis schilderte sie auch den Blumenschmuck der Kapelle und mahnte Ottilie, Wasser nachzugießen, weil die Blumen welk seien."

Was soll man von den Berichten halten, die sich so widersprechen? In dem einen Falle brauchte Wutz keine dritte Hostie, weil Hans Neumann vorzeitig den Gottesdienst verlassen mußte; das andere Mal mußte er die einzige kleine Hostie brechen. Das eine Mal waren die beiden Seelsorger von Konnersreuth überhaupt nicht anwesend; das andere Mal heißt es, Therese habe die heilige Messe versäumt. Man bedenke, die Schulmesse endet gewöhnlich um dreiviertel acht Uhr. Da konnte Therese Neumann in Konnersreuth nicht teilnehmen. Aber sie konnte vor acht Uhr in die Kirche gehen um zu kommunizieren. Warum war Therese, wenn schon ein Wunder geschehen mußte, nicht visionär beim Gottesdienst in Konnersreuth anwesend? Kann man sagen, dem einen Berichterstatter sei ein Irrtum unterlaufen? Aber welchem? Es kommen als Beteiligte nur in Frage: Therese, ihre Geschwister und Prof. Wutz.

Erst um elf Uhr rief Therese in Eichstätt an. Und da beweist sie ihre mystische Kommunion mit dem Hinweis auf die Blumen in der Kapelle. Warum soll sie erst um elf Uhr angerufen haben? Was konnte in der Zwischenzeit nicht alles geschehen sein? Man kann nicht bloß von Konnersreuth aus anrufen, sondern auch von Eichstätt aus.

4. Wissen um das Vorhandensein einer konsekrierten Hostie

Wie Boniface auf Grund der Schilderung von Pfarrer Naber vom Jahre 1955 mitteilt (1), hatte dieser eines Tages eben die umfangreiche Post empfangen. Therese Neumann war bei ihm. "Plötzlich veränderten sich die Züge der Resl; sie zeigte auf einen noch nicht geöffneten Umschlag und sagte: 'Der Heiland ist da!' Sie war erregt und wie außer sich. Höchst beunruhigt nahm der gute Pfarrherr den Umschlag, öffnete ihn und fand eine Hostie darin. Aus dem Begleitbrief, der von einem ausländischen Geistlichen herrührte, war zu entnehmen, daß in seiner Kirche eine Gottesschändung vorgekommen war; man hatte auf dem Boden einige Hostien gefunden, von denen man nun nicht wußte, ob sie konsekriert waren oder nicht. Er habe eine davon entnommen und sende sie nun dem Pfarrer Naber mit der Bitte, sie dem untrüglichen Sinn der Seherin vorzulegen. Der Versuch war überzeugend!"

Wer war der Absender? Den Priester möchte ich kennen, der so etwas tut, der in einem derartigen Fall nicht weiß, was er mit den "einigen Hostien" zu tun hat. So töricht kann gar keiner sein, daß er eine "Briefprobe" unternimmt. War es Zufall, daß Therese Neumann bei der Ankunft der Post im Pfarrhof anwesend war? - Nehmen wir an, in jener ausländischen Kirche sei tatsächlich der Tabernakel erbrochen worden, einige Hostien seien auf dem Boden gelegen. Wie hatte jener Priester im Zweifel sein können, daß es sich um konsekrierte Hostien handelte?

Nun noch eine interessante Ergänzung zu diesem bedenklichen Märchen; sie stammt von Steiner (2).- Er erzählt so: "Den folgenden Fall hatte mir Pfarrer Naber vor Jahren erzählt. Da ich ihn jedoch nicht selbst erlebt habe und Pfarrer Naber sich heute wohl noch an die Tatsache selbst, aber nicht mehr an Einzelheiten erinnerte, habe ich Therese Neumanns Bruder Ferdinand, der Augenzeuge war, um einen Bericht gebeten." Also der Bericht: "Das Jahr kann ich auch nicht mehr ganz genau angeben. Es dürfte etwa 1932 gewesen sein. Aber genau weiß ich, daß es ein Sonntag war. Ich bin bei meiner Schwester Marie in der Küche des Pfarrhofes gewesen, da kam die Resl mit Herrn Pfarrer herein; ich glaube, es war nach der Nachmittagsandacht. Resl wurde sofort erregt und sagte: 'Da ist ja der Heiland herinnen.' Pfarrer Naber lachte und sagte: 'Resl, da täuschst du dich aber gewiß. Der Heiland ist bestimmt nicht im Pfarrhof.' Sie sagte: 'Doch, ich spür es doch; er ist ganz in der Nahe hier.' Und sie ging dabei auf einen Stoß Briefe zu, die noch ungeöffnet dalagen. Sie hat eigentlich gar nicht lange herumgesucht, sondern ein blaues Geschäftskuvert herausgezogen und es Pfarrer Naber gegeben. Man machte es auf, und da lag in einem Stück weißen Papiers eine Hostie. Keine Zeile dazu, keine Absenderangabe. Nur die Anschrift: 'An Fräulein Therese Neumann, Konnersreuth. Poststempel Waldsassen.' Der Übeltäter wurde bald darauf entdeckt. Es war ein Porzellanmaler aus Waldsassen, ein großer Skrupulant, der, ursprünglich Protestant, mehrmals konvertiert hatte. Als Zweifler wollte er einen Beweis für die Gegenwart Christi im Altarsakrament. Sein Vorgehen soll er selbst später eingestanden haben. Er will die Hostie nach dem Kornmunionempfang in einem der engen Durchgänge zwischen den Seitennischen der Waldsassener Stiftskirche aus dem Mund in ein Tüchlein genommen haben, um sie dann abzusenden.

Soweit der Zeuge Ferdinand Neumann. Es dreht sich wohl in den beiden Versionen um ein und denselben Fall. Wie weit die Darstellungen auseinanderklaffen, ist nicht zu übersehen. Nach der Darstellung von Ferdinand Neumann soll der Brief die Anschrift seiner Schwester getragen haben. Merkwürdigerweise lag er im Pfarrhof bei der Post des Pfarrers. Wie kam er dahin, ausgerechnet dieser eine Brief, da doch Therese täglich einige hundert Briefe erhielt? Eigenartig ist auch die Angabe, der Porzellanmaler habe mehrmals konvertiert.

5. Die bis zur nächsten Kommunion unaufgelöste Hostie

Wie versichert wird, blieb die Hostie unaufgelöst in Therese Neumann bis zum nächsten Kommunionempfang. Da erhebt sich sofort die Frage: Wer kann das bezeugen? Nun, den "Beweis" erbrachte die Stigmatisierte in eigener Person, und das nicht bloß einmal.

Anni Spiegl erzählt (1): "Eines Abends war Äbtissin Benedikta im Wutzhaus. Es ging um eine ernste Angelegenheit. Frau Äbtissin war eine sehr kluge, eigenwillige Persönlichkeit. Sie ließ sich von der Meinung der Resl nicht überzeugen. Da beide an Temperament nicht zu kurz gekommen sind, ging es recht lebhaft her. Frau Äbtissin wollte einen Beweis. Da erbrach Resl die Hostie, so unversehrt, wie sie dieselbe am Morgen empfangen hatte. Sie war recht erschrocken hierüber. Die Hostie lag vor ihr auf ihrem weißen Taschentuch. Resl betete und beugte sich darüber. Da ging die Hostie in sie ein ohne jede Schluckbewegung. Resl kam in den Zustand der 'erhobenen Ruhe' und sagte nun der Frau Äbtissin ganz genau, was sie in ihrer schwierigen Angelegenheit tun sollte." - Soll hinter so einem unwürdigen Theater der Herrgott stehen?

Einen anderen "Beweis" hat Fahsel überliefert (2). Er schildert die Ereignisse so: "Am Freitag, dem 25. Juli 1930, wurde dem zweiten Ortsgeistlichen von Konnersreuth, Benefiziat Härtl, folgendes gesagt, als er bei Therese Neumann stand, die sich im Zustand der erhobenen Ruhe befand: 'Morgen wird's einen kleinen Schrecken geben; es braucht aber nichts verbrannt zu werden.' Auf seine neugierige Frage, ob sie beide, Pfarrer Naber und er, dabei sein werden, kam die Antwort: 'Ihr werdet geholt werden.' Als der Benefiziat am Samstagabend das Schulhaus verließ, kam ihm der Pfarrer eilig und sehr aufgeregt entgegen und forderte ihn auf, mit ihm zur Resl zu gehen. Diese habe den Heiland brechen müssen. Jetzt wisse er nicht, was denn anfangen. Der Benefiziat erinnerte sich sofort an die gestern gehörten Worte: 'Es braucht nichts verbrannt zu werden.' Der Therese war am Nachmittag, wie in der letzten Zeit oft, sehr schlecht geworden. Sie brach Blut und Schleim. Recht matt begab sie sich dann zu Bett, nachdem sie sich noch ein sauberes Taschentuch beigelegt hatte. Bald darauf mußte sie nochmals brechen. Und diesmal fühlte sie zu ihrem großen Schrecken, daß auch die hl. Hostie, die sie am Morgen desselben Tages empfangen hatte, mit heraufkam, zuerst sehr rasch, dann blieb sie im Hals etwas hängen. Therese bemühte sich von Anfang an, wieder zu schlucken und sie nicht herauszulassen. Aber umsonst. Sie konnte es nicht verhindern. Zu ihrem großen Leid mußte sie die hl. Hostie mit etwas Schleim in ihr Taschentuch erbrechen. Daß dieses sauber war, war ihr einziger, wenn auch nur ganz schwacher Trost." Sie schickte zu Pfarrer Naber; dieser holte auf Drängen von Therese Neumann den Benefiziaten. Beide sahen die unversehrte Hostie auf dem Taschentuch. Nur an einer Stelle war sie etwas von Blut gerötet. Therese lag, das Taschentuch vor sich haltend, im Bette und zitterte am ganzen Körper. Unter einem Strom von Tränen begann sie: 'Ach, Herr Benefiziat, mir ist etwas passiert.' Dann begann sie zu beten: 'O Heilanderl, da liegst jetzt, warum bist denn von mir fortgegangen? Wenn i nur wüßt, was i dir getan hött. I kann nix dafür. Ach, was sollen wir denn jetzt tun? Sagt doch etwas!'' Der Pfarrer meinte, zum Benefiziaten gewendet, Resl wäre sogar bereit, den Heiland wieder zu sich zu nehmen, aber sie könne ihn nicht schlucken. Der Benefiziat sagte: 'Soviel wissen wir, es braucht nichts verbrannt zu werden.' Therese betete wieder. Noch längerer Zeit wurde sie plötzlich emporgerissen wie beim Beginn einer Vision. Sie schaute vor sich hinauf und hinunter wie in der Ekstase vor dem Kommunionempfang. Nach einer kleinen Weile öffnete sie den Mund, wie wenn sie kommunizieren wollte. Kurz darauf wiederholte sich das gleiche. Jetzt hob der Pfarrer das Taschentuch empor gegen den Mund. Plötzlich war die hl. Hostie verschwunden, und man merkte, wie stets bei der Kornmunionekstase, keinerlei Schluckbewegungen. Sie sank sanft in ihr Kissen zurück, und es trat der Zustand der erhobenen Ruhe ein. Es wurde sofort gesagt: 'Der Heiland ist jetzt wieder in der Resl. Es war ein Sühneleiden für ein krankes Mädchen. Dieses hatte öfters nach dem Zurückgehen von der hl. Kommunion die hl. Hostie aus dem Mund genommen, in ihr Taschentuch gelegt und sie nachher den Offizieren gezeigt und mit ihnen darüber gespottet.' Als Therese wieder zu sich kam, waren ihre ersten Worte: 'Ach, jetzt ist der Heiland wieder in mir. I spür es.' Sie war übervoll vor Freude und forderte die Anwesenden auf, dem Heiland für seine Güte zu danken."

Ein Wunder mit vielen Fragezeichen! Warum legte Therese Neumann ein sauberes Taschentuch bereit? Sie wußte doch nicht, daß sie dieses brauchte; es hieß ja, von dem, was sie im Zustand der erhobenen Ruhe sage, wisse sie nichts. Dann, wie kam es, daß beim ersten Erbrechen Blut und Schleim zum Vorschein kam, die Hostie aber nicht? Wie merkte sie, daß beim zweiten Erbrechen die Hostie "mit heraufkam"? Außerdem spielt das Ereignis im Jahre 1930, wo Therese normalerweise nur ein kleines Teilchen von einer Hostie empfangen konnte. Wie kommt nun eine ganze Hostie zum Vorschein? Es zeigt sich auch, daß Therese ein gar großes Interesse daran hatte, nach Möglichkeit Zeugen des Theaters zu haben. Darum laßt sie den Benefiziaten herbeiholen. Zudem ist es recht merkwürdig, daß nicht sie selbst erklärt, der Heiland sei wieder zu ihr gekommen; die Stimme wird einem anderen zugeschrieben, eben dem "Heiland". Viel auf einmal, wenn das alles wahr sein soll. Und schließlich handelt es sich um eine durchaus unverständliche Sühne. Dadurch, daß die Hostie erbrochen wurde, soll der Frevel jenes Mädchens gesühnt worden sein? Das glaube, wer es glauben will!

Aus der Aufzeichnung im genannten Tagebuch vom 1. Juni 1932 (3) stammt folgende Mitteilung: "Vorgestern früh schon hatte es nach der heiligen Kommunion im erhobenen Ruhezustand geheißen, ich solle am nächsten Tag abends ja zu Hause sein, die Therese werde ganz bestürzt kommen mit bitterer Klage." Am Abend während der Maiandacht: "Ich fand sie in größter Angst in der Sakristei, wo sie mir gleich erzählte, sie habe Galle gebrochen. Die feuchte Hostie hatte sie zwischen den Fingern..." Sie erzählt: "Ich jammerte: 'Ach, Heiland, ach Heiland, was fange ich denn an mit Dir?' Da sagt etwas ganz deutlich: 'Der ist es doch gar nicht; ist ja bloß Brot, siehst es doch, wirf es weg!'" Nun begibt sich Therese also zum Pfarrer in die Sakristei und jammert weiter: "Ach, was hab ich denn dem Heiland angetan, daß er aus mir fort ist! Ich bin verloren. Wenn der Bischof erfährt, wie ich da den Heiland herumtrage, schließt er mich aus der Kirche aus." Nach einiger Zeit ruft sie: "Herr Pfarrer, der Heiland ist fort, er ist wieder in mir." Als Erklärung wird angegeben: "Diese ehrfurchtsvolle Angst um den sakramentalen Heiland hatte Therese für einen Priester zu leiden zur Sühne der schlampigen Behandlung des Allerheiligsten durch denselben." - Unfaßbar! Wie soll durch Erbrechen der Hostie gesühnt werden können, was jener Priester gefehlt hatte? Da kann man doch nicht von einer Gott wohlgefälligen Leistung sprechen. So etwas ist doch kein gutes Werk, das sühnende Wirkung hat!

Den folgenden Bericht verdanken wir Professor Mayr in Eichstätt. Er überliefert, was er zugleich mit anderen Zeugen am Karsamstag, dem 4. April 1942, erlebt hat (4). Es war um 8 Uhr abends. Therese Neumann lag im Bett; sie hatte Brechreiz. Plötzlich, ohne den Mund zu schließen, lallte sie: "Der Heiland, der Heiland." Dann streckte sie die Zunge etwas vor, um uns zu zeigen, was geschehen war. Auf der Zunge lag ein rein weißer Körper von der Form und Größe einer kleinen Hostie, doch gequollen und biegsam.'

Wunder über Wunder! Die Hostie wird trotz Magensaft ("Galle erbrochen"!) nicht aufgelöst. Das eine Mal erscheint sie völlig unversehrt, das andere Mal ist sie aufgequollen. Wenn sich die Hostie nicht aufgelöst hat über einen Zeitraum von etwa 24 Stunden hin, warum hat sie sich dann aufgelöst oder warum ist sie verschwunden? Warum war das Verlangen nach der Kommunion, zeitlich gesehen, so verschieden? Bald kommuniziert Therese, wie an Ostern, am frühen Morgen in ihrem Zimmer, nimmt aber dann beim Hauptgottesdienst in der Kirche teil, bald kommuniziert sie während der heiligen Messe am Morgen, bald außerhalb des Gottesdienstes je nach Laune, bald früher, bald gegen Mittag. Wenn sie an einem Tag um 11 Uhr zur Kommunion ging und am andern Tag früh, waren dann in ihr zwei Hostien? - Warum hatte sie nach dem Kommunionempfang Visionen, ihre sogenannten Ruhezustände, wenn der Heiland immer in ihr gegenwärtig war?

Kann man bei einem so abnormen Verhalten zur Eucharistie einen Mann wie Dr. Deutsch verurteilen, wie es beispielsweise im Buche Steiners geschieht (5), wenn er von einem Theater mit der erbrochenen Hostie spricht (6)? Wenn er sagt: "Es sieht einem hysterischen Theater so ähnlich wie ein Ei dem andern."?

  1. Das Theater wird vorher angekündigt.
  2. Den gewünschten Zeugen wird bereits einen Tag vorher angesagt, man werde sie herbeiholen.
  3. Therese schickt Boten aus, die Geladenen herbeizuholen. Ihre Schwester muß den Pfarrer holen; auf Drängen der Therese muß auch der Benefiziat gerufen werden.
  4. Zum Schluß wird die Vorstellung durch die Stimme des Heilandes' erläutert und alles löst sich wie immer in Wohlgefallen auf.

Wer da nicht nachdenklich wird, wer blindlings zustimmt, der muß an eine Kette von Wundern glauben, wie sie unerhört sind:

  1. Therese weiß die künftigen Ereignisse im Zusammenhang mit der empfangenen Hostie genau voraus.
  2. Die Hostie gelangt völlig unversehrt vom Mund durch die Speiseröhre in den Magen.
  3. Sie bleibt viele Stunden hindurch im Magen, ohne vom Magensaft auch nur im geringsten angegriffen zu werden.
  4. Es wird "Blut" aus dem Magen erbrochen; aber die Hostie wird dadurch nicht gefärbt.
  5. Erinnern wir uns an das Sühneleiden der Therese für einen Trinker! Sie erbricht einen übelriechenden alkoholischen Fusel; aber die Hostie kommt nicht zum Vorschein.
  6. Ein andermal verläßt die Hostie durch die Speiseröhre den Magen, wird dabei aber in keiner Weise deformiert.
  7. Dann folgt zum guten Schluß ein geheimnisvolles Orakel, das alles erklärt. So werden Sünden, ja Verbrechen anderer Menschen gesühnt! Und der Heiland, der aus der Resl spricht, hat dem Ganzen den Stempel der Wahrheit aufgedrückt!

Hat es jemals so etwas gegeben?

Der Grund, warum Therese Neumann bisweilen ohne Priester kommunizierte, war nach ihrer eigenen Angabe der, daß sich mittlerweile in ihr die Hostie aufgelöst hatte und daß dann die Sehnsucht nach dem Heiland sie überwältigte. Sie muß demnach die Auflösung der Hostie in etwa beobachtet haben. So berichtet Staudinger (7): "Köstlich, sagt der Pfarrer, ist ihr kindliches Gespräch mit dem Heiland, wenn sie sieht, daß die Gestalt der hl. Eucharistie sich auflöst und der Heiland mit seiner sakramentalen Anwesenheit sie verläßt. 'Wart nur, Heiland', sagte sie, 'krieg' dich schon wieder; kommst mir nicht aus; dauert nöt lange, dann kommst wieder.'" Köstlich ist solche Rede nicht, auch nicht kindlich. Das ist nicht die Sprache kindlicher Frömmigkeit, das ist Hysterie in Hochkultur.

6. Mystische Kommunion bereits in der Kindheit

Wenn jemand so im Ruf einer Begnadeten steht wie Therese Neumann, dann schaut man selbstverständlich auch zurück in die Tage der Kindheit und sucht, ob sich nicht da auch schon außerordentliche Dinge zugetragen haben. Und in der Tat man sucht nicht vergebens. Bereits am Tage ihrer Erstkommunion wurde sie mit einer göttlichen Offenbarung ausgezeichnet, von der sie allerdings damals, in ihrer Demut und Bescheidenheit, keinem Menschen etwas verriet. Es war dies das erste mystische Phänomen, das sich bei ihr äußerte (1).

Benefiziat Ebel, der wahrend der Kommunionmesse die Mädchengruppe beaufsichtigte, hielt ihre "in sich versunkene Haltung" für Zerstreuung und machte ihr bittere Vorwürfe. Therese, heißt es, habe sich nicht verteidigen können; sie mußte innerlich verarbeiten, was sie geschaut hatte. Ebel wußte nicht, daß ihr Verhalten durch eine äußere Erscheinung verursacht worden war. Nach Steiner (2) hat Therese Neumann bei ihrer Erstkommunion den Heiland selbst auf sich zukommen sehen; sie habe sich deshalb, sich ihrer selbst nicht mächtig, nicht wie vorgeschrieben, verhalten. Am Tag darauf habe der Benefiziat Therese vor allen Kindern gestraft. - Sie ließ sich bereitwillig strafen und vor ihren Mitschülern bloßstellen; mit keinem Worte verteidigte sie sich und keinem Menschen, weder Eltern noch Priestern, verriet sie ihr Geheimnis. Das soll man glauben? Das soll man glauben, nachdem doch niemand anderer als sie selbst dem Erzbischof Teodorowicz verraten hat, daß sie als Kind in der Kirche viel herumgeschaut hat und daß sie sehr schwatzhaft war (3)?

Da wir nun das Geheimnis kennen, muß sie es doch einmal preisgegeben haben. Sie hat das getan am 13. Januar 1953, wo sie "vor einer vereidigten kirchlichen Kommission" unter Eid ihr Erlebnis berichtete (4). Was für eine kirchliche Kommission das war, wird nicht angegeben. Vom zuständigen Regensburger Bischof war sie ganz bestimmt nicht berufen und beauftragt worden. Wo gibt es das sonst, daß man nach vierzig Jahren von einer Person eine eidliche Aussage verlangt über etwas, was sich in der Kindheit abgespielt haben soll? So lange hätte Therese mit ihrer Rechtfertigung gewartet, sie, die so empfindlich war, wenn man nicht an sie glaubte'?

Die Biographen betonen sonst einmütig, daß Therese Neumann in ihrer Kindheit in keiner Weise sich von den übrigen Kindern unterschieden habe. Nach Jahrzehnten erst taucht die Legende auf, sie habe damals schon einzigartige Auszeichnungen durch den Herrgott erfahren, sie habe alle anderen ihres Alters an tiefer Frömmigkeit überragt. Ja, Boniface weiß sogar anzugeben (5), daß sie in den Jahren nach dem Erlebnis am Erstkommuniontag des öfteren die Gnade erhalten habe, aus der Ferne die hl. Kommunion zu empfangen. "Damals waren die päpstlichen Weisungen über die häufige Kommunion noch nicht veröffentlicht, und die Kinder, selbst in urkatholischen Gegenden wie in Bayern, durften nur an hohen Feiertagen an die Kommunionbank treten. Dagegen wurde die geistliche Kommunion sehr empfohlen, und Therese, die dieser frommen Übung täglich huldigte, begab sich hierzu in die Kirche, so oft sie sich nur freimachen konnte. In ihrem Eifer kniete sie so nahe als möglich vor dem Tabernakel nieder, d. h. an die Kommunionbank, die die Schranke zum Chore bildete. Und dort trug es sich - mindestens zwölfmal - zu, daß ihre sehnlichste Begierde durch das geheimnisvolle Kommen einer Hostie belohnt und so die Begierdekommunion in die sakramentale Kommunion verwandelt wurde."

Von diesen Kommunionen ohne Priester erzählt auch Steiner (6). Nur in der Zahl ist er sich mit Boniface, der doch sein Wissen auch Therese Neumann verdankt, nicht einig. Nach ihm erklärte Therese Neumann 1953 unter Eid: "Bei solchen Besuchen kam es, als ich an der Kommunionbank kniete, zwei- bis dreimal, vielleicht sogar öfter, vor, daß die hl. Hostie aus dem Tabernakel auf mich zuschwebte ... und ich die heilige Gestalt unter Schlucken genoß." Jahrzehnte lang habe sie geschwiegen und sie hatte wohl auch nie davon gesprochen, wenn nicht eine geistliche Kommission sie über ihr Innenleben vernommen hätte.

Die "geistliche Kommission" hat keinen Zweifel an der Wahrheit des Geschilderten geäußert! Sie hat nicht herausgefunden, daß trotz eines einzigartigen Erlebnisses die Zahlenangabe so unsicher ist! Boniface sagt: "Mindestens zwölfmal." Kann ein Mensch bei solchen Auszeichnungen Gottes so weit irren? Und dabei noch Aussage unter Eid!

Was da Therese Neumann zum besten gibt, sind reine, sehr bedenkliche Märchen. Lhermitte spricht in seinem Werk über echte und falsche Mystiker über die allgemeinen Voraussetzungen der Stigmatisation (7). Er erwähnt die rätselhaften Krankheiten, die plötzlichen und unerwarteten Heilungen, die eine ahnungslose Umgebung in Staunen setzen, Schmerzen, die offenbar in einem absichtlich gewählten Augenblick auftreten, und fahrt dann fort: "So sehen die typischen Merkmale aus, die die Kandidaten für die leibliche Stigmatisation auszeichnen. Wir wollen noch erwähnen, daß die 'Dämmerzustände', die phantastischen Märchengeschichten, die krisenhaften Angstzustände, die sehr lebhaften und furchterfüllten Vorstellungen, eine gewisse Neigung, im Schmerz die Wollust zu suchen, ebenfalls bei mehreren Stigmatisierten festgestellt wurden (Schleyer). Überdies kommt es nur selten vor, daß sie nicht von Visionen, Ansprachen oder Ekstasen heimgesucht wurden; und wenn der Betreffende mitunter diese seltsamen Erscheinungen bis in seine früheste Kindheit zurück verfolgt, darf man sich durch solche Berichte nicht zum Narren halten lassen. Es ist möglich, daß er durchaus gutgläubig einer Selbsttäuschung unterliegt und auf Grund einer ungenauen Erinnerung ein weit neueres Phänomen in eine ferne Vergangenheit verlegt."

Die Erzählungen der Therese Neumann über ihre mystischen Kommunionen in der Kindheit sind nichts anderes als phantastische Märchengeschichten.

"Eucharistische Phänomene", meint Boniface (8), "sind bei weitem die bedeutendsten und bezeichnendsten aller Tatsachen, die in Konnersreuth zu beobachten sind. Sie sind auch diejenigen, vor denen die rationalistische Wissenschaft vollständig verstummt und die keine Hypothese zu geben vermag, so phantasievoll und großsprecherisch sie sich sonst auch benimmt." - Ein großes Wort, ein gefährliches Wort! Nein, so ist es nicht. Da braucht es gar nicht viel Wissenschaft, da braucht es keine phantasievolle Hypothese, sondern nur ein Normalmaß an gesundem Menschenverstand, um zu erkennen, daß hier Gott nicht am Werke war. Hier wurde mit der Hostie Schindluder getrieben; ich kann nicht anders sagen. Fehlt es nicht im letzten bei solcher "Mystik" Oberhaupt an der rechten Gottesauffassung?

Boniface bezeichnet Therese Neumann als "eucharistische Mystikerin" (9). - Gott bewahre uns vor solcher Mystik! Das ist Pseudomystik von Psychopathen. Es ist eine Erfahrungstatsache, die Ärzten und Seelsorgern bekannt ist, daß gerade hysterische Personen leicht dazu neigen, das Geheimnis der Eucharistie zu einem Theater zu mißbrauchen. Hier haben sie eine günstige Gelegenheit aufzufallen. Sie wollen ja das Interesse auf sich lenken.

Zum vorhergehenden Kapitel.

Zum nächsten Kapitel.

Zum Inhaltsverzeichnis

Zur Bücherübersicht

Diese Seiten liegen ausschließlich in der Verantwortung der unten genannten Person. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers wieder.

Gerald.Huber@indian-skeptic.de

Letzte Änderung: 1. September 1999