Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

VIII. Gefahr und Hilfe aus dem Jenseits

1. Der Teufel

Therese Neumann müßte keine ganz Große vor dem Herrn gewesen sein, hatte sie nicht schwerste Nachstellungen von seiten des Teufels ertragen müssen. Man muß sich wundern, daß davon in den vielen Schriften über die Stigmatisierte so wenig zu finden ist. Nur einer weiß darüber mehr zu berichten, dafür offenbar zum Ausgleich in ganz kräftigen Farben, nämlich Teodorowicz. Er schreibt (1): "Unter den schweren Versuchungen, die ihr vom Teufel legionweise geschickt werden, hat Therese am meisten gegen die Versuchung zu kämpfen, warum sie so viel leiden und so viel ertragen muß. Der Teufel möchte sie zu gern von der geduldigen Ertragung ihrer Schmerzen und des Sühnelebens abbringen. Seine ganze Redekunst, seine ganze abgefeimte

Spitzfindigkeit streben diesem Ziele zu ..."

Mit diesen Worten will Teodorowicz beweisen, daß die Ekstasen nicht satanischen, sondern göttlichen Ursprungs seien. Sie stellten eine Schutzwehr dar gegen die Folgen der körperlichen Leiden. Von ihnen käme Ausdauer im Sühneleiden für die Seelen. Die Ekstasen seien sozusagen der Ausgleich im Hinblick auf die Unsumme von Leiden zum Wohle von Lebenden und Verstorbenen. Wie könne man denken, daß der Satan Zustande, d. h. Ekstasen hervorriefen die gegen das Leiden gerichtet seien? "Denn dadurch handelte er selbst gegen seinen Zweck und Vorteil, die Seelen zu erobern!" - Eine Mystik besonderer Prägung 1

Außer im Werk von Teodorowicz findet man sonst kaum etwas über teuflische Versuchungen. Nur Steiner spricht so nebenbei davon (2). Im Jahre 1927, als sich Therese für einige Zeit im Pfarrhof aufhielt, habe sie der Teufel bei Nacht zum Fortgehen gedrängt. Sie kam allerdings bloß bis zur Stiege, wo sie ohnmächtig wurde. Das ist aber auch schon alles; zu mehr hat der Teufel sie nicht angetrieben. Was er wohl mit diesem Drängen zum Fortgehen erreichen wollte? Wodurch Therese den Satan erkannt hat, das wußte sie sicher selber nicht.

Ein andermal kommt Steiner bloß in einem Satz auf die Einflüsterungen Satans zu sprechen (3). Es war am 1. Juni 1932. Therese hatte die Hostie erbrochen. "Da sagte etwas ganz deutlich: Der ist es doch gar nicht; ist ja bloß Brot; siehst es doch, wirf es weg!" Die Wirkung dieser Einflüsterungen war, daß Therese des Schreckens wegen "etwas sitzen" mußte. Sie behauptet zwar nicht, daß eine höllische Macht sie versuchen wollte; aber wer sollte denn so sprechen?

Uber die Verfolgungen des Teufels wissen also die Anhänger der Stigmatisierten nicht viel zu berichten. Wesentlich mehr haben sie erfahren über die Hilfe, weiche ihr ein guter Geist gewährt hat.

2. Der Schutzengel

Ein ausnehmend inniges Verhältnis soll Therese Neumann zu ihrem Schutzengel unterhalten haben. Nicht seiten, oder gar immer, vermochte sie ihn wahrzunehmen oder zu sehen. Sie sah ihn "im Zustand der Eingenommenheit" zu ihrer Rechten stehen; sie sah ihn auch zur Rechten eines jeden Besuchers (1). Nach Boniface (2) müßte sie ihren Schutzengel immerzu wahrgenommen haben; denn er schreibt: "Im wachen Zustand sieht Therese zu ihrer Rechten immer einen leuchtenden Menschen - einen Engel - (wie auch zur Rechten anderer Menschen), und sie steht mit ihm in einem ständigen Zwiegesprach. Dieser Engel offenbart ihr die Dinge, die sie über das verborgene Leben oder den Seelenzustand ihrer Besucher wissen muß; was viele als eine unmittelbare Herzenskenntnis betrachten (eine Kenntnis, die sie übrigens auch weitgehend besitzt) und wofür viele Beispiele sprechen, ist in Wirklichkeit eine Offenbarung, was ein wesentlicher Unterschied ist." - Da kommt man in einige Verlegenheit, weil man nicht mehr weiß, wer nun eigentlich zu Therese gesprochen hat, der Schutzengel oder der Heiland! Im Wachzustand offenbar müßten die "Offenbarungen" vom Schutzengel eingegeben worden sein.

Vom Schutzengel erfuhr Therese gelegentlich auch spürbare Hilfe (3). Es kam vor, daß sie aus dem Bett fiel. Plötzlich aber lag sie wieder in demselben. Die Erklarung in der Ekstase: Der Schutzengel hatte sie ins Bett gebracht. - "Als Therese 1927 einige Zeit im Pfarrhof war, drängte sie der Teufel einmal zum Fortgehen. Sie kam einen Teil die Stiege hinab, blieb aber dort aus Schwäche liegen. Niemand kam dazu, sie selber konnte sich auch nicht helfen, fand sich aber doch plötzlich wieder in ihrem Bette. In solchen Fällen, hieß es in der Ekstase, greife der heilige Schutzengel ein." Hat der Teufel sie zum Fortgehen gedrängt, damit der Schutzengel wieder Gelegenheit hatte, sie zurückzuführen?

Der Schutzengel (Auskunft in der Ekstase) hat auch des öfteren zu ihr gesprochen, aber nur für sie hörbar, und zwar immer von der rechten Seite her, "sowohl während des gewöhnlichen Zustandes als auch während des Zustandes der Eingenommenheit." Merkwürdig scheint, daß Therese Neumann im "eingenommenen Zustand" nicht hochdeutsch verstand. Darum gab sie die Worte des Engels nur mechanisch wieder wie fremdsprachliche Worte. Sie beklagte sich, daß der Engel sich nicht greifen lasse, daß er so albern rede.

Wohl das schönste Erlebnis mit dem Schutzengel soll sich am Pfingstsonntag 1931 abgespielt haben. "Therese war während des Hauptgottesdienstes hinten im Schiff der Kirche unter den Leuten. Dies bekam ihr nicht gut und sie fühlte sich nach der ersten Vision sehr übel; das Herz wollte nicht mehr funktionieren. Wir waren alle gegangen, sie auf dem Kanapee liegend zurücklassend (offenbar hatte man sie in ihr Zimmer zurückgebracht. D.V.). Gleich darauf läutete es von ihrem Zimmer aus nach unten. Der Vater geht hinauf und findet Therese im Bett liegend wie bei Nacht, ausgezogen und dagegen protestierend, daß man sie zu Bett gebracht habe. Vor dem Kanapee auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers liegt ihr Obergewand mit dem Schurz und dem Unterrock darunter und der Uhrschnur mit der Uhr um den Hals, alles noch in der Lage und vollständig geschlossen, wie es Therese an ihrem Leibe getragen hatte. Therese erzählte hernach, es sei ihr erst vorgekommen, als ob sie jemand vorn an beiden Schultern berühre und daraufhin das Gewand hinabfalle; hierauf habe sie nochmals eine gleiche Berührung gefühlt, was nicht nach ihrem Wunsche gewesen sei. Im erhobenen Ruhezustand wurde gesagt, das alles habe der heilige Schutzengel gemacht, damit Therese keinen Schaden nehme."

Es ist nicht ersichtlich, woher ein Schaden hatte drohen können. - Warum ging Therese am Pfingstfest nicht an ihren Platz in der Kirche, wie es sonst ihre Gewohnheit war? - Wieso erkannte sie ihren Schutzengel nicht, den sie sonst neben sich wußte und sah? Sie war ja, wie die Erzählung aufzeigt, nicht bewußtlos. - Wir hören von einer Klingelanlage. Diese diente zuweilen einem besonderen Zweck. Es wurde Hilfe herbeigeholt, falls "ungläubige" Menschen entfernt werden sollten, oder wenn der "schlechten Luft" wegen gelüftet werden mußte. - Darf man Märchen von so zweifelhafter Art als mystische Phänomene bezeichnen?

Wer hat nun eigentlich in der Ekstase aus Therese Neumann oder zu ihr gesprochen? In der ersten Zeit wurde die Stimme der heiligen Theresia von Lisieux zugeschrieben; später erscheinen als Sprechende der Heiland und der Schutzengel. Dieser gab manches Mal Anweisungen, die offenbar keinem anderen Zweck dienten, als für Therese und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten Zeugnis abzulegen.

Eines Tages, während Therese sich in Ekstase befand, unterhielten sich Pfarrer Naber und Benefiziat Härtl darüber, ob die soeben abgelaufene Vision über die Heilung zweier Blinder und über eine Teufelsaustreibung einem Bericht der Hl. Schrift entspreche. "Auf einmal fangt Therese zu reden an: 'Da hat einer gesagt. Er lese nach bei Matthäus.9.'" - Der Bericht über die Heilung der zwei Blinden und des Besessenen ist so bekannt, daß der Zweifel der beiden Theologen unverständlich ist.

Ein anderes Beispiel aus dem Tagebuch von Pfarrer Naber: "An einem Karfreitag war ich bei Resi gewesen und dann nach unten gegangen. Kaum im unteren Zimmer angekommen, wird die dortige Glocke von Resls Zimmer her geläutet. Da sonst niemand zu sehen ist, gehe ich nochmals in Resls Zimmer und werde dort mit den Worten empfangen: 'Hat grad einer gesagt: Er soll seinen Mantel anziehen, daß er sich nicht verkältet.' Ich hatte tatsächlich meinen Mantel auf dem Kanapee ganz vergessen" (4). - So weit das Tagebuch. Steiner fügt in der Fußnote dem Bericht bei: Therese habe den Mantel gar nicht bemerken können; im Zustand der Eingenommenheit habe sie nichts sehen können - also Blindheit. - Hatte der Pfarrer nicht sehr bald das Vergessen seines Mantels bemerkt, bevor er sich erkältete?

Auch im Normalzustand will Therese Neumann vom Schutzengel beraten worden sein. Einmal erzählte Resl, sie habe ein Schriftstück, das sie gerade notwendig brauchte, verlegt gehabt. Sie habe schon in der Kirche gebetet gehabt, daß es zum Vorschein kommen möchte, und eben beim Ofen in ihrem Zimmer zu diesem Zweck gebetet. Da auf einmal hörte sie reden; sie meinte, es sei ihre Schwester Creszenz, aber sie sah nichts von der. Die Stimme sprach: "Geh in das Dachkämmerchen neben dem Zimmer und heb einen Teil der Briefe weg, dann findest du das Gesuchte." Therese tat, wie geheißen; das Schriftstück lag da.

Die Heimat der Engel ist der Himmel. Daß der Schutzengel immer an der rechten Seite des Menschen weilen muß, diese Vorstellung ist naiv. Die Aufgabe des Schutzengels erstreckt sich in erster Linie auf das Seelenheil des ihm anvertrauten Menschenkindes. Die Auffassung der Therese Neumann über seine Aufgabe ist kindisch. Die Berufung auf die Auskünfte durch den Schutzengel ist ebenso falsch wie der Glaube, daß aus ihr der Heiland gesprochen habe. Es überrascht einigermaßen, daß Therese Neumann keine Offenbarungen durch die Mutter Gottes zugeschrieben werden.

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Letzte Änderung: 1. September 1999