Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

VI. Im Dienste des Nächsten

1. Beratung

Wie man Therese Neumann nachrühmt, hat sie vielen Menschen durch Rat und Tat geholfen. Sie wußte manch einen durch ihr Zureden zu ermuntern; sie erteilte Ratschlage im Wachzustand und in der Ekstase. Wenn es wahr wäre, daß Christus sie als Sprachrohr benutzt hat, dann dürfte kein Versager aufzuweisen sein. Es ist zu verstehen, daß in den Veröffentlichungen aufgezeigt wird, was für die ungewöhnlichen Gaben der Therese Neumann spricht. Wo es daneben gegangen ist das erscheint nicht so leicht im Druck. Und wo wirklich einmal ein Versager aufgegriffen wurde, da wußte man sofort eine Ausflucht anzubringen. So geschah es in dem Fall, als sich eine Oberin in ein gewagtes Unternehmen eingelassen hatte, und zwar auf den Rat der Therese Neumann hin; es ging schief. Nun die Erklärung: Da waren eben die beteiligten Personen schuld; sie hatten nichts riskieren dürfen! Und: Man habe die erteilte Anweisung der Therese subjektiv ausgedeutet (1). Auf diese Ausrede stößt man nicht bloß einmal. Steiner schreibt im Zusammenhang mit dem oben angedeuteten Konkursverfahren, das die Oberin verschuldet hatte, man habe noch dieser Angelegenheit diesbezügliche Fragen im erhobenen Ruhezustand "nicht mehr zugelassen". - Das ist an sich durchaus verständlich, daß man vorsichtig wurde, wenn beispielsweise ein Totgesagter in die Heimat zurückkehrte. Das genannte Verbot galt allerdings offenbar nur für Personen, die nicht zum vertrauten Kreis gehörten. Die anderen haben weiterhin ihre Fragen gestellt.

Nach Auskunft von Weihbischof Dr. Höcht wandte sich eines Tages jemand an das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg und forderte Schadenersatz. Der Grund dafür war folgender: Therese Neumann war von einer jugendlichen Person gefragt worden, ob sie Ordensberuf habe. Therese bejahte die Frage und ermunterte zum Eintritt in ein Kloster. Aber noch zwei Jahren verließ der Kandidat wieder die Ordensgemeinschaft. Nun verlangte die Familie Schadenersatz von der Familie Neumann. Als diese sich weigerte, sollte das Ordinariat den Lohnausfall ersetzen. - Therese hatte nicht recht beraten.

Wenn, wie in dem erwähnten Fall, ein Irrtum oder ein Versagen nachgewiesen wurde, hatte man die bequeme Ausrede zur Hand: Die erteilte Auskunft sei subjektiv ausgedeutet worden. Da tat man sich schon leichter, falls die Aufnahme eines Bittstellers von einem Klosteroberen abgelehnt wurde; da konnte wenigstens kein Schadenersatz eingefordert werden. Mir ist bekannt, daß eine Oberin sich nicht bloß einmal Auskunft in Konnersreuth geholt hat, wenn sich eine junge Kandidatin gemeldet hatte. Die Aufnahme wurde verweigert, wenn Therese Neumann Ordensberuf verneint hatte.

Namentlich die Zeit unmittelbar nach dem Kommunionempfang hat man benutzt, um Auskunft in verschiedenen Fragen zu erhalten. Man stelle sich vor, wie sich die Vertrauten hinter dem Altar der Pfarrkirche von Konnersreuth an Therese wandten wie an ein Orakel! Aber sie sahen darin nichts Ungebührliches. Die Mitteilung durch Therese galt ihnen so viel wie Gottes Wort. "Ihre Aussage oder Gegenrede bei Besprechungen und Fragen war lebhaft. Das Wissen, das hier geäußert wurde, überstieg weit das Wissensgut von Therese Neumann. Sie sprach hier annähernd hochdeutsch. Die Person des mit ihr Sprechenden war durchschaut, und manchmal wurden, gewissermaßen um Vertrauen zu schaffen, ohne Vorwurf persönliche Bemerkungen aus dem Vorleben des Betreffenden gemacht, oder es wurden Antworten im Gespräch auf eine Frage gegeben, ehe man die Frage formuliert oder gestellt hatte" (2).

Eigenartige Dinge: Nach der Kommunion gibt Therese Neumann sozusagen ein Auskunftsbüro ab. Warum eigentlich nur hier, da doch nach Konnersreuther Darstellung die Hostie unaufgelöst in der Stigmatisierten blieb bis zur nächsten Kommunion?

Nach Steiner konnte man Auskunft erhalten über Probleme, die dem eigenen oder dem Seelenheil anderer dienten, auch über Projekte, wenn man damit Christus dienen wollte; es wurden zuweilen sogar wertvolle persönliche Ratschläge erteilt. Natürlich bekam man auch Aufschluß über das Schicksal Verstorbener.

Merkwürdig ist, daß die Auskünfte in hochdeutschen Sprache erteilt wurden, wahrend Therese nichts verstand, wenn ihr "Schutzengel" in der Schriftsprache redete. Sonderbar auch, daß der Herrgott Vertrauen den "Offenbarungen" gegenüber durch Aufdecken von Ereignissen aus dem Vorleben des Fragenden erwecken wollte; noch sonderbarer, daß er das gerne durch Offenbaren von für die betreffende Person peinlichen Dingen tat.

Daß ausschließlich Fragen gestellt worden seien, die das Seelenheil betrafen, wie versichert wird, entspricht durchaus nicht der Wahrheit. Es wurde oft genug um Auskunft in rein weltlichen Dingen nachgesucht. Freilich konnte man immerwieder irgendeine entfernte Beziehung zu höheren Interessen finden. Das ist ja nicht schwierig.

Wenn Therese Neumann die Gabe der Herzenskenntnis und andere außergewöhnliche Gnaden besaß, warum versagte sie ihrem eigenen Bruder gegenüber? Wie konnte sie zulassen, daß er sich in gewagte, nicht legale Unternehmen eingelassen hat? Warum versagte ihr seherisches Auge dem Mitteilhaber ihres Bruders bei den Allunit-Werken in Zwiesel gegenüber? Das Unternehmen ging in Konkurs.

Im Jahre 1957 wurde das Urteil im sogenannten Traunsteiner Weinschiebeprozeß gesprochen. Zu den Verurteilten gehörte neben anderen der Weinkaufmann Anton Eutermoser, Josef Plonner und Ferdinand Neumann, ein Bruder der Therese Neumann, Landrat von Kemnath. Plonner war mit Ferdinand Neumann Teilhaber der Allunit-Werke in Zwiesel.

Bei jenem Mammutprozeß in Traunstein standen 7 Angeklagte vor Gericht wegen Devisenvergehen, Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung, falscher Aussagen und anderer Vergehen. Im Wesentlichen ging es um illegale Einfuhr von 8550 Hektoliter ausländischen Weines, die zur Tarnung als "Schenkungen an kirchliche und karitative Organisationen" deklariert worden waren. Ein beachtlicher Teil der erzielten Gewinne floß in die Allunit-Werke in Zwiesel.

Wahrend des Prozesses fiel gelegentlich auch der Name Therese Neumann. Der Vorsitzende ließ aber nicht alles vorbringen, was die Zeugen auftischen wollten. Nebenbei wurde auch gesprochen über die illegale Investition von 100000 Mark zum Ausbau des Alpengasthofes Kreuz bei Serfaus in der Nähe von Landeck in Tirol. Der Ort sollte eine Art Zufluchtsstätte werden für Eutermoser und den sogenannten "Konnersreuther Kreis". Man rechnete damals mit politischen Unruhen von der Ostzone her, weiche die Amerikaner möglicherweise zum Rückzug veranlassen könnten. "Auch das Reserl fand den Plan gut; ich meine die Therese Neumann von Konnersreuth", sagte ein Zeuge aus. Der Kommentar des Vorsitzenden zu diesen Angaben lautete: "Vielleicht sollte beim Auftauchen der Russen der Landgendarm eine Tafel mit der Aufschrift 'Aufstieg für Russen verboten' aufstellen" (3). - Einen Beweis für besondere Erleuchtung gibt hier die beratende Funktion der Therese Neumann nicht ab!

Worauf es uns ankommt, das ist nicht der Prozeß an sich, das ist auch nicht die Frage noch Schuld und Sühne. Unsere Frage lautet: Welche Rolle hat in der Angelegenheit Therese Neumann gespielt? Nicht darum geht es, ob sie selber Gesetze übertreten hat; das war sicher nicht der Fall. Aber daß sie um Auskunft angegangen wurde, namentlich im "erhobenen Ruhezustand", und daß ihre Weisungen befolgt wurden, die in Konflikt mit den Gesetzen brachten, darüber kann kein Zweifel bestehen.

Die Schuld für die Vorgänge bei den Weinimporten, durch die unter anderem die Allunit-Werke in Zwiesel finanziert werden sollten, gab einer der Rechtsanwälte, Dr. Oehl, der "Wundergläubigkeit" der angeklagten Ferdinand Neumann, Josef Plonner und August Eutermoser. Er sagte: "Vielmehr müsse man dem sogenannten Konnersreuther Kreis, der weitgehend mit den Allunit-Werken in Zwiesel identisch sei, als den eigentlichen Initiator bezeichnen. Und hier sei es wieder in erster Linie die stigmatisierte Therese, die Schwester des angeklagten Ferdinand Neumann gewesen, die den Beteiligten entsprechende Weisungen erteilt habe. Die Stigmatisierte, führt Dr. Oehl weiter aus, habe auch dann noch zum Weitermachen aufgefordert, als die Angeklagten selber Zweifel hatten, ob die Sache ein gutes Ende nehmen könnte." Auf sie gehe auch die Aufforderung zurück, sich mit dem damaligen Direktor der Jeia, Morris S. Verner, in Verbindung zu setzen; Verner habe mit Konnersreuth sympathisiert (4). - Der Vorsitzende sagte von Mr. Verner, er sei hinters Licht geführt worden.

Der Mitangeklagte wollte noch mehr vorbringen: "Wir haben noch gar nicht davon gesprochen, welche Rolle Fräulein Therese Neumann in der Sache spielte." Aber der Vorsitzende winkte ab (5). Das ist verständlich; denn für die Verteidigung des Angeklagten war der Versuch, die Schuld abzuwälzen, unerheblich. Das Gericht hatte darum keine Veranlassung, die aufgestellten Behauptungen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen.

Ein helles Licht kann in die ganze Angelegenheit nicht mehr gebracht werden. Fest steht auf jeden Fall, daß Therese Neumann nicht richtig beraten hat. Das gilt auch für ihre Auskünfte im ekstatischen Zustand, bei dem der "Heiland" aus ihr gesprochen haben soll. Aber in diesem Fall beruft man sich freilich auf die Behauptung, von den wahrend der Ekstase gesprochenen Worten habe Therese im Wachzustand nichts mehr gewußt. Wie weit die Fragen mit ihr im normalen Wachzustand besprochen worden sind, kann man nicht aufweisen. Man versteht allerdings nicht recht, warum sie nicht wenigstens ihren eigenen Bruder vor Unheil bewahrt hat. Wenn sie Fremden gegenüber über die Gabe des Hellsehens und der Bilokation verfügt haben soll, hatte ihr die Erleuchtung in Belangen der eigenen Familienangehörigen nicht fehlen dürfen.

Wir kommen zurück zum Traunsteiner Prozeß. Die erste Frage ist die: Hat Therese Neumann von der widerrechtlichen Lizenz für Weineinfuhr gewußt? Wie die "Chamer Nachrichten" berichten (7), hat sie auf Befragen ausdrücklich erklärt, überhaupt nichts von einer Weinlizenz gewußt zu haben. Auch Pfarrer Naber hat ein Mitwissen verneint. Beide versichern, vor den Presseberichten nichts von Geldveruntreuung gewußt zu haben.

Josef Plonner hatte wiederholt mit Therese Neumann im "gehobenen Zustand" gesprochen und sie "mit Rücksicht auf die Erfolgschancen seiner Manipulation befragt". Er hat sich immer wieder auf die Auskünfte, die er durch sie erhalten hatte, berufen. Ferdinand Neumann selber bestätigte, daß seine Schwester und Plonner wiederholt beisammen waren (8).

Bei der Lösung der finanziellen Frage bei der Weineinfuhr brauchte man die Vermittlerrolle des Mr. Verner. In der Ekstase gefragt, forderte Therese Neumann Josef Plonner auf, mit Verner zu reden. Wie Plonner aussagte, hatte er Bedenken geäußert hinsichtlich des Geschäftsabschlusses. "Alle Bedenken zerstreute sein Freund, der Landrat Neumann, mit dem Hinweis, die Resl habe in Ekstase nach der heiligen Kommunion die Aktion mit Dr. Rindt gebilligt" (9).

Damit der Ankauf des Gutes Fockenfeld zustande kommen könnte, sollte Therese selber mit ihrem Bruder Ferdinand nach Frankfurt fahren, eben zu jenem Mr. Verner. Man war noch im Überlegen, welche Wege zum Ziele führen könnten. "Pfarrer Naber überraschte die Unschlüssigen bald darauf mit der Nachricht, daß er selbst inzwischen mit Resl in Ekstase gesprochen habe." Das Ergebnis: Wenn Therese bereit sei, die Strapazen der Fahrt nach Frankfurt auf sich zu nehmen, werde der Heiland das Leiden ausfallen lassen. Der Tag der geplanten Reise war nämlich ein Freitag. Therese erklärte sich bereit (10).

Auch über die Allunit-Werke wurde der "Heiland' in Anspruch genommen. "Pfarrer Naber hat an Therese im gehobenen Zustand die Frage gestellt, was von den Allunit-Werken und den Bestrebungen ihrer Teilhaber zu halten sei. Damals war gesagt worden, die Sache sei der Idee nach gut, aber es seien Leute dabei, die es nicht ehrlich meinten" (11).

Diese Auskunft wird erst 1955, also eine Reihe von Jahren nach den Ereignissen, bekannt gegeben. Was wird Therese vorher gesagt haben, als noch keiner der Beteiligten an eine Aufdeckung der Vorgehen gedacht hat? Man müßte auch annehmen, daß sie die als unehrlich Bezeichneten entlarvt hatte. Warum hat sie es nicht getan? Die Auskunft vom Jahre 1955 ist so viel und so wenig wert wie seinerzeit das spätere Urteil über Professor Ewald.

Die als Geschenk getarnten Lizenzen für Weineinfuhr kamen tatsächlich zustande. Nach Plonners Aussagen hat er selber Therese wiederholt über die wirtschaftlichen Aussichten der Unternehmungen gefragt. Die Auskünfte seien positiv gewesen, erteilt in der Ekstase. Bei der Verteidigung des Angeklagten Plonner wurde die Frage gestellt: "Wer ist schuldiger, derjenige, der nach einigem Ringen an die absolute Echtheit der Ekstase glaubte, oder die, die als besser Gebildete, seriöse Personen oder gar als Priester mich in diesem Glauben bestärkten, nein, erst zu diesem Glauben brachten?' (12).

Persönlich gefragt, hat Therese Neumann versichert, von den Weinlizenzen, die Mr. Verner Herrn Plonner erteilt hat, nichts gewußt zu haben. "Ich bin deswegen nicht zu Mr. Verner gefahren. Es ist möglich, daß sich Mr. Verner über solche Dinge unterhalten hat, was mich auch gar nicht interessiert hatte. Ich wußte von einer Weinlizenz überhaupt nichts. Ich verstehe das heute noch nicht, wie das zugegangen ist und was diese gemacht haben. Ich kann mir auch heute noch nicht vorstellen, wie diese Dinge vor sich gegangen sind oder wie hier überhaupt Unrecht geschehen ist" (13). - Da hat offenbar die innere Stimme ganz schwer versagt!

Auch Pfarrer Naber wurde in der Angelegenheit gefragt. Er versicherte, nichts gewußt zu haben. Mr. Verner sei zwar in Konnersreuth gewesen; aber mit Therese Neumann habe er über dieses Geschäft nicht gesprochen. Weiter wurde der Pfarrer gefragt, ob Therese im gehobenen Zustand' von Plonner befragt worden sei. Die Antwort lautete: Ich weiß nichts davon' (14).

Daß Mr. Verner nicht über die in Frage stehenden Dinge gesprochen hat, könnte der Pfarrer nur dann mit Sicherheit aussagen, falls er immer bei den Gesprächen anwesend war. Oder stützt er sich auf die Aussage der Therese? Wenn sie im "gehobenen Zustand' versichert, nicht zu wissen, ob sie von Plonner gefragt worden sei, hat dann der "Heiland' nichts gewußt? Worüber sollen denn Plonner und Therese Neumann gesprochen haben, wenn nicht über die Dinge, derentwegen er noch Konnersreuth gekommen war?

Dazu ist weiter zu überlegen: Steiner schreibt (15): "Im allgemeinen war der Kreis der zum erhobenen Ruhezustand Zugelassenen sehr beschrankt. Pfarrer Naber pflegte jedesmal, vor allem dann, wenn er den Betreffenden mit der Ekstatischen allein ließ, vor den ersten Begegnungen zu fragen, ob er die Person zulassen dürfe." - Hat nun der Pfarrer Plonner zugelassen oder nicht? Ferdinand Neumann erklärte ja, Plonner habe des öfteren im "gehobenen Ruhezustand" mit seiner Schwester gesprochen.

Ferdinand Neumann sagte aus (16): "Tatsache ist, daß Plonner und Therese (letztere im gehobenen Ruhezustand) des öfteren Aussprachen hatten. Der Inhalt dieser Aussprachen kann heute nicht mehr nachgeprüft werden. Plonner hat die Ausspracheergebnisse möglicherweise in ganz subjektivem Sinne ausgelegt. Er hat es im übrigen immer wieder verstanden, zu Therese ohne Pfarrer Naber zu gelangen und sich Aussagen der Therese Neumann sozusagen erschlichen ... Ich habe wiederholt erlebt, daß Plonner bei Besprechungen mit anderen Geschäftspartnern Auskünfte, die er auf diese Weise erfahren bzw. sich erschlichen hatte, zur Bekräftigung seiner Verhandlungsführung mißbraucht, damit argumentiert, oder sich sonstwie darauf berufen hat." Gefragt, ob er etwas unternommen habe, um Plonner von Therese fernzuhalten, gab er zur Antwort: "Ich habe wiederholt bei Verhandlungen, die Plonner mit Geschäftspartnern geführt hat, festgestellt, daß, wenn Plonner sich mit seiner Meinung nicht durchsetzen konnte, er sich auf angebliche Weisungen aus Konnersreuth berufen hat. Daraufhin habe ich energisch veranlaßt, daß dem Plonner keine Gelegenheit mehr zu Aussprachen mit Therese gegeben wird."

So ganz überzeugend klingen die Angaben nicht. Wie hatte Plonner Zutritt zur Wohnung der Therese Neumann erhalten können ohne Wissen des Pfarrers oder des Vaters? Wie konnte er sich Aussprachen erschleichen? Außerdem hat ja Ferdinand Neumann selber seine Schwester befragt. Plonner gab vor Gericht an, Bedenken gegen den Geschäftsabschluß gehabt zu haben; diese Bedenken habe sein Freund Ferdinand Neumann zerstreut unter Berufung auf die Auskunft seiner Schwester.

Zugleich wird durch dieses illegale Unternehmen wirtschaftlicher Art, bei dem Therese Neumann wiederholt um Rat gefragt worden war, die Behauptung widerlegt, man habe von der Stigmatisierten während der Ekstase lediglich Auskunft erhalten über Probleme, die das Seelenheil betreffen, oder höchstens über solche Projekte, durch die man Christus dienen wollte. Keiner der Beteiligten, über die der Traunsteiner Prozeß Aufschluß gibt, wollten mit dem Unternehmen Christus dienen. Durch ungesetzliches Handeln kann man das sowieso nicht.

Als Ergebnis wird man festhalten müssen: Therese Neumann hat nichts davon gewußt, daß die Geschäftspraktiken widerrechtlich waren. Von den Geschäftsunternehmen selber mußte sie gewußt haben. Fest steht auch, daß Plonner wiederholt mit ihr gesprochen hat. Dabei hat ihre Sehergabe und Erleuchtung kläglich versagt.

2. Briefwechsel

Nicht wenige Menschen haben in Wort und Schrift, auch durch persönliche Briefe, durch Trost und Rat Mitmenschen geholfen. So viele Briefe wie Therese Neumann werden wenige erhalten haben; so wenige hat aber auch kaum einer beantwortet wie sie. Die von Steiner veröffentlichten Briefe (1) sind an ihr nahe stehende Personen gerichtet, an Bekannte und Gönner.

Steiner meint (2): "Das innere Leben der Therese Neumann ... spiegelt sich am klarsten aus ihren eigenen Briefen wider ... Es ist die innige Verbundenheit mit dem Jesuskind und mit der seligen kleinen Theresia, aber auch die dunkle Nacht des Geistes, die der Mystiker zu durchstehen hat, herauszuhören."

Wenn sich in den Briefen wirklich das innere Leben der Therese Neumann am klarsten widerspiegelt, dann findet sich meiner Ansicht nach kaum ein besserer Beweis für die Geisteshaltung einer hysterischen Person. Ob es um die Schilderung ihrer Krankheiten und Leiden geht und die dabei ins rechte Licht gestellte Gottergebenheit und Tapferkeit, oder um ihre Gespräche mit dem Jesulein und seine Privatoffenbarungen, ob es sich handelt um die Abwehr drohender Gefahr durch die kirchliche Obrigkeit oder durch Ärzte und Theologen, die es gewagt hatten, ernste Bedenken anzumelden, immer dreht sich alles um die eigene Person. Darüber kann eine offensichtlich hysterische Scheindemut nicht hinwegtäuschen. Eine gesunde Frömmigkeit hat nicht die Sprache, wie wir sie in den Briefen der Therese Neumann finden.

Noch Steiner liefen in Konnersreuth täglich 300 bis 500 Briefe ein. Wie wird Therese diesen Stoß an Postsachen bewältigt haben? Wenn wir im Durchschnitt 400 Briefe für den Tag annehmen, an Beantworten war da nicht zu denken, weil das Lesen schon nicht möglich war. Nehmen wir an, in der Stunde habe Therese 30 Briefe überflogen, dann hatte sie für 400 Briefe mehr als 13 Stunden benötigt.

Gerlich wandte sich gegen das Gerücht, daß Therese die an sie abgesandten Briefe nicht lese, sondern höchstens hin und wieder einen Brief sich vorlesen lasse. Auf Grund seiner eigenen Beobachtungen behauptet er, sie lese "nach Möglichkeit" die Briefe und schließe diejenigen Absender, die es wünschten, in ihr Gebet ein. Sie empfinde es allerdings als angenehm, wenn ihr jemand die Briefe aufschneide. Freilich, beantworten würde sie die Briefe nicht, denn die Stigmen an der Hand machten ihr das Schreiben schwer (3).

Da hat Gerlich geflunkert oder er hat sich durch die Stigmatisierte einen Bären aufbinden lassen. Wenn diese Garten- und Feldarbeit zu verrichten vermochte, um wieviel mehr konnte sie dann Briefe schreiben. Daß die Möglichkeit, die Post zu bewältigen, einfach aus Zeitmangel nicht bestand, ist einleuchtend, selbst wenn man Boniface glauben darf, daß Therese nach ihrer Anbetungsstunde um Mitternacht in ihrem Zimmer bis gegen 4 Uhr Einblick in ihren umfangreichen Briefwechsel genommen hat (4).

Wie zahlreich die täglich einlaufenden Postsachen gewesen sind, beweist eine Notiz von Boniface (5), die sagt, daß eines Tages die Gestapo "mehrere Sacke voll Briefe" mitgenommen habe.

Wir können uns vorstellen, wie viele Bitten an Therese Neumann herangetragen worden sind, von denen sie nichts erfahren hat, weil die Briefe nicht gelesen, wenn auch geöffnet wurden. Man kann sich aber auch vorstellen, daß namentlich amerikanische Sendungen auch materiell wertvoll gewesen sind. Daß darüber nicht viel in die Öffentlichkeit gedrungen ist, versteht sich von selbst. Einen gewissen Aufschluß hat man aber doch bekommen durch einen ungetreuen Postbeamten. Ich lasse die Pressenotiz im Wortlaut folgen (6):

Der "Tiroler Anzeiger"' schreibt am 24. April 1930:

Therese von Konnersreuth bestohlen.

Regensburg, den 22. April 1930. Bei der Regensburger Postdirektion sind in den letzten Monaten Reklamationen über abhanden gekommene Briefsendungen, insbesondere Einschreibesendungen eingegangen. Insbesondere verschwanden zahlreiche Amerikabriefe, die an Therese von Konnersreuth adressiert waren. Die Reklamationen gingen meist von Absendern aus, die an Therese fromme Spenden in Dollarnoten sandten. Der Postbeamte Steinbauer gab an, seit vielen Monaten speziell Überseebriefe, die an die fromme Dulderin gerichtet waren, erbrochen und den Inhalt für sich verwendet zu haben.

Die Höhe der Unterschlagung kann nicht genau festgestellt werden. Therese erhält täglich einige hundert Briefe, worunter sich auch viele Überseesendungen befinden, in welchen Geldnoten als fromme Spenden enthalten sind. Gewöhnlich enthalten diese Briefe 1 bis 10 Dollar. Es wird angenommen, daß Steinbauer mehrere hundert solcher Briefe ihres Inhalts beraubte, so daß man von einem Schaden von zirka 3000 bis 6000 Dollar sprechen kann.

Therese konnte darüber keine Angaben machen, da sie solche Gaben nur zum geringen Teil für sich und ihre Angehörigen verwendet und den größten Teil solcher Spenden für soziale und religiöse Zwecke überweist.

Steinbauer, der aus dem Postzuge heraus verhaftet wurde, gelang es, in einem unbewachten Augenblick sich zu erhängen.

Hätte der Postbeamte kein Geld in den Briefen gefunden, so hätte er sie nicht so lange unterschlagen wie er es tatsächlich getan hat. Daß solche Geldsendungen an der Tagesordnung waren, daraus kann man niemand einen Vorwurf machen. Aber man sollte die Armut der Familie Neumann nicht überbetonen, wie es beispielsweise 1932 geschehen ist, als nach Luise Rinser die von den bayerischen Bischöfen verlangte Untersuchung deswegen abgelehnt worden sei, weil niemand die Kosten zu tragen bereit war; die Familie Neumann habe natürlich nicht über die nötigen Mittel verfügt.

3. Religiöser Gewinn

In dem Gutachten von Professor Martini vom Jahre 1928 lesen wir: Es fällt mir außerordentlich schwer, die Möglichkeit des Betruges hier zu ventilieren, wo ohne Zweifel viele Menschen religiösen Gewinn geerntet haben.' Therese Neumann selber beruft sich im Brief an den Bischof von Regensburg auf den Nutzen, den durch sie die Kirche genommen habe.

Sicher stimmt es, daß nicht wenige Nutzen gezogen haben. Aber das beweist nicht die Übernatürlichkeit all der bekannten Phänomene. Man denke an Heroldsbach. Mit dem gleichen Argument will man immer noch dartun, daß die "Offenbarungen" echt seien. Können nicht Schwärmer aller Art Nutzen stiften? Ich denke an Pfarrer Gaßner. Was er selber in einem Brief ausgesprochen hat, das wurde ihm in einer wahren Flut von Schriften bestätigt: "Es bekehren sich viele Freidenker und Übelgesinnte, ja auch die größten Sünder; und es scheint, das Christentum habe einen außerordentlichen Vorteil erhalten, in dem lebendigen Glauben Wachstum zu machen" (1). Und doch waren die Praktiken Gaßners und seine Thesen von medizinischer und theologischer Sicht her völlig verkehrt.

Wenn es wahr wäre, wie Boniface die religiösen Verhältnisse in Konnersreuth schildert, dann müßte dieses Pfarrdorf unter dem Einfluß der Stigmatisierten ein wahres Muster an Frömmigkeit gewesen sein. "Erzählte man sich doch im Dorf - und dies traf auch ganz genau zu -, daß die Kirche von Konnersreuth an den Wochentagen ihretwegen weitaus besser besucht war als die anderen Kirchen in der Umgebung an den Sonn- und Feiertagen" (2).

Hatten die Leute nur ihretwegen den Wochengottesdienst besucht, so wäre das kein besonderes Zeichen von echter Frömmigkeit gewesen; die Schar der Pilger, namentlich an den Freitagen, hatte ja Boniface bei seiner Angabe nicht im Auge. Zudem war Therese, die ihren Platz hinter dem Hochaltar hatte, für die Anwesenden nicht sichtbar. Das Urteil über die Nachbarpfarreien ist zudem irreführend. Die religiösen Verhältnisse waren und sind dort nicht viel anders als in Konnersreuth selbst. Außerdem wäre schwerlich zu begreifen, daß der Einfluß der Stigmatisierten keine 5 km weit ausgestrahlt hatte. Kenner der Verhältnisse bezeichnen die Angaben von Boniface als unwahr.

Auch die Leute von Konnersreuth haben ihre guten und weniger guten Seiten, wie sie gerade einem Seelsorger bekannt sind. Auch ein Pfarrer Naber hat damit rechnen müssen. Da war um das Jahr 1955 ein Priester an einem Sonntag in Konnersreuth. Während des Gottesdienstes mußte er junge Burschen tadeln, weil sie sich hinten am Kircheneingang herumtrieben und Unruhe stifteten. Pfarrer Naber merkte das und erkundigte sich. Auf die Mitteilung des Geistlichen erklärte er: "So lange ich in Konnersreuth bin, kämpfe ich dagegen; ich kann ihnen das nicht austreiben." - Menschen, auch in Konnersreuth, haben ihre Fehler.

Man muß auch den folgenden Bericht, wie ihn Boniface bringt, mit Vorsicht aufnehmen. Mit Rücksicht auf die Sühneleiden und die blutigen Ekstasen der Therese Neumann hätten alle früher so besuchten Tanzsäle der Gemeinde ihre Tore geschlossen. Selbst die Fastnacht sei seit 1928 in Konnersreuth nicht mehr gefeiert worden, was man bis dahin noch nicht erlebt habe (3). - Das ist wiederum eine Behauptung und nicht mehr. In schweren Zeiten, wie während des Krieges, mußten, wie anderswo auch, Lustbarkeiten unterbleiben. Die jungen Leute von Konnersreuth unterschieden sich im übrigen in keiner Weise von ihren Altersgenossen an anderen Orten. Und gingen sie nicht in Konnersreuth zum Tanz, sie fanden auswärts Gelegenheit genug, auch Geschwister der Stigmatisierten.

Noch etwas rühmt Boniface den Konnersreuthern nach, nämlich, daß in der Pfarrei "beim Angelusläuten alles Leben stillsteht, was heute genauso wie gestern ein jeder mit eigenen Augen feststellen kann". Auch diese Feststellung ist eine Übertreibung. Hätte sich Boniface an Nachbarorten informiert, er hätte keinen wesentlichen Unterschied gefunden.

Bei Erzählungen gebrauchen wir gerne, um etwas besonders zu betonen, Superlative. Der Berichterstatter darf nicht so arg übertreiben.

4. Stellvertretende Leiden

Zu den vielen und ungeheueren Schmerzen, die Therese Neumann durch die Vielzahl ihrer Krankheiten zu ertragen hatte, kommen noch eine Menge von freiwillig übernommenen Leiden für andere, ihre stellvertretenden Leiden, Schmerzen von oftmals unerträglichem Ausmaß, wie beispielsweise Gerlich bezeugt (1): "Ich sah sie vor Angst und Schmerz geworfen im Bett liegen und hörte, wie sie stöhnte: 'Ich kann nimmer, ich mag nimmer.' Als der Pfarrer helfend sagte: Aber, Resl, wenn's der Heiland so will!' dann kam die Antwort: Wenn er es so will, dann will ich's auch. Dann werd's scho recht sei. Denn er ist gut. Aber weißt, es ist ja nimmer zum Aushalten."

Ihre Leidensliebe kannte keine Grenzen. "Therese Neumanns heroische Haltung drückte sich in der Hingabe aus: Heiland, nimm alles, was ich zu leiden habe, für andere an; für meine eigenen Fehler will ich schon selber im Fegfeuer büßen.' Zu leiden hatte Therese Neumann fast in unmenschlichem Maße. Zu ihren körperlichen Leiden der ständigen Schmerzempfindlichkeit der Stigmen (mit Ausnahmen der Osterwoche), der mitempfundenen körperlichen Schmerzen bei den Freitagsleiden, den Schmerzen und Plagen, die ihr Sühneleiden verursachten, kamen die seelischen Leiden: Das Mit-Leiden mit dem Heiland und seiner Mutter, das Mit-Leid mit den Kranken, mit den Leiden und Gebrechen der Besucher; Pein bereiteten ihr Spötter. 'Heiland, verzeih!', war ihr Wort, wenn sie einen Mann fluchen hörte" (2). Natürlich verschafften ihr auch zusätzliche Peinen die Beleidigungen, die gelegentlich gegen sie in den Briefen ausgesprochen wurden, die an sie gerichtet waren. Steiner weist wohl darauf hin; aber recht viele Beleidigungen wird sie dort nicht gefunden haben, weil sie ja die Briefe nur ausnahmsweise gelesen hat. Nach dem, was Boniface über den religiösen Hochstand der Konnersreuther schreibt, wird auch kaum einer geflucht haben.

Wir befassen uns nun mit den stellvertretenden Leiden für Menschen, die Krankheiten und Schmerzen aller Art erduldeten, und mit Seelenleiden für andere, die in Schuld vor Gott waren oder einem Laster frönten. Aretin meint (3): "Die Sühneleiden der Therese sind zweierlei Art, beide aus überzeugender Nächstenliebe geboren. So übernimmt Therese die körperlichen Leiden irgendeiner Person, ohne daß man häufig die Zusammenhänge erkennen kann. Da leidet sie die Lungenentzündung eines anderen, die Brandwunden eines dritten mit allen Erscheinungen der Krankheit und der Schmerzen, während der rechtmäßige Träger der Schmerzen augenblicklich geheilt ist. Diese Fälle sind ungemein häufig."

Vom jüngeren Bruder, der an einer schweren Kopfgrippe erkrankt war, die ihn zu jeder weiteren wissenschaftlichen Arbeit unfähig machte, übernahm Therese die Krankheit. "Er wird gesund, sie wird jedoch von der Grippe befallen, die sie dermaßen angreift daß sie eine zeitweilige Lähmung der rechten Körperhälfte verursachte" (4).

Am 9. Mai 1931 übernimmt Therese rheumatische Beschwerden von Pfarrer Naber (5). In der Nacht geht sie in die Kirche, um sich dem Heiland zur Übernahme des Leidens anzubieten. Am Morgen vermochte sie dann nicht mehr das Bett zu verlassen; erst um 9 Uhr herum konnte sie zur Kommunion kommen. Sie hatte den Rheumatismus gerade dort und mit den Behinderungen, wie sie der Pfarrer hatte, nur doppelt so schmerzhaft. Der Pfarrer aber war geheilt.

Um die Wende 1922/23 litt ihr Vater an schwerem Rheumatismus, vor allem in den Armen, so daß er das Schneiderhandwerk nicht mehr ausüben konnte. Da fragte Therese die hl. Theresia, ob sie das Leiden des Vaters auch noch auf sich nehmen dürfe. Und siehe da, vom nächsten Tag an zog es ihr die linke Hand und den linken Arm so stark nach der Brust herauf und die Hand blieb ein Vierteljahr dermaßen gegen die linke Brustseite gepreßt, daß allmählich ein Druckgeschwür entstand. Die Krankheit war auch hier offenbar schwerer als die des Vaters. Dieser wurde nach wenigen Tagen gesund; eine plötzliche Heilung war es allerdings nicht (6).

Ein andermal befreite Therese durch ein stellvertretendes Leiden ihren Vater von einer schweren Darmkrankheit. Teodorowicz überliefert den Hergang im Anschluß an die Erzählung aus dem Munde von Professor Wutz (7). Dieser wandte sich während einer Autofahrt an Therese: "Du könntest auch wirklich die Leiden deines Vaters, die ihm so zusetzen, auf dich nehmen.' ist gut' - antwortet Therese -, und ich mußte fast lachen' - sagte der Professor -, als sich fast im selben Augenblick darauf ein lautes Knurren in Theresens Därmen hören ließ. Dies war eben eines der Krankheitssymptome bei Vater Neumann."

Ähnliche Dinge übrigens finden wir häufig bei den Gaßnerischen Heilkuren. Im sogenannten Probeexorzismus, wie er das Verfahren bezeichnete, ließ er zum nicht geringen Staunen, aber auch zur kurzweiligen Unterhaltung, die Patienten ihre Krankheitssymptome hervorbringen, bevor er dann durch ein Machtwort dem "Satan" gebot zu weichen, was die Heilung bedeutete. Befehlsgemäß hörte man neben anderen Erscheinungen "Blähungen, die nicht ohne Geräusche abgingen". - Nach Gaßners Auffassung war es der Teufel, der die Symptome verursachte.

Wie rasch sich Legenden bilden und wie kritiklos sie geglaubt werden, dafür ist ein Beispiel das längst widerlegte und immer wieder neu aufgewärmte Märchen von der Heilung eines Schülers, der Priester werden wollte. Gerlich (8), Teodorowicz (9), Boniface (10) und andere berichten über den gleichen Fall, in manchen Punkten voneinander abweichend. Wir folgen zunächst der Darstellung Gerlichs: "Seit Weihnachten 1922 - der Zeit des Auftretens eines Halsleidens, das uns jetzt beschäftigen muß hat sie überhaupt nichts Festes mehr gegessen. Ein Gymnasiast aus der Pfarrei, der Theologie studieren wollte, hatte ein Halsleiden bekommen, das ihn zur Aufgabe des Theologiestudiums zu zwingen drohte. Therese Neumann flehte darum, statt seiner das Leiden übernehmen zu dürfen. Denn 'ich taug eh nichts mehr in meinem Leben'. So geschah es auch. Der Student konnte sein Studium fortsetzen. Therese Neumann aber bekam ein Halsleiden, das noch heute besteht. Sie fühlt noch immer ihren Hals wund und hustet manchmal Blut aus. Zumeist ist dies, wie sie mir sagte, morgens der Fall, wo auch Blutbrocken mit Schleim vermischt auftreten. Beim Gurgeln erscheinen Blutfetzen.

Damals zu Weihnachten 1922 konnte sie zunächst zwölf Tage lang keinen Tropfen schlucken. Dr. Seid[ erklärte als Ergebnis seiner Halsuntersuchung, die Schluckmuskeln seien gelähmt. Eine Schwellung des Halses bestreitet Therese Neumann und erklärt, sie hätte nur nicht schlucken können. Der Hals sei wund gewesen. Am Dreikönigstag 1923 konnte sie das erstemal wieder kommunizieren."

Mit einer Reihe von Abweichungen schildert das gleiche stellvertretende Leiden Teodorowicz: "Allgemein bekannt ist ihr stellvertretendes Leiden für einen Seminarkandidaten, dessen Mutter an einem Halsleiden starb. Aus dem, was mir Therese über die Sache sagte, wurde mir nicht genug klar, ob der Kandidat bereits an demselben Halsübel erkrankt war, oder aber, ob man die Erblichkeit des Falles befürchtete. Und Therese erzählte mir, daß sie selber nahe am Sterben gewesen sei. Sofort wurde sie so stark von der Halskrankheit befallen, daß sie nicht essen, ja nicht einmal Wasser zu schlucken vermochte. Ich konnte mich kaum des Lachens erwehren, als sie mir dabei den kindlichen Monolog wiederholte, den sie damals an den Heiland gerichtet hatte. Dieses fürchterliche Ausmaß an Halsleiden war zu stark für sie gewesen und sie wendet sich vorwurfsvoll an den Heiland, wie ich das schon früher erwähnte: 'Aber, Heiland, so arg habe ich es ja auch nicht gemeint.'"

Luise Rinser weiß zu berichten, Therese Neumann habe gebeten, Gott möge das Halsleiden des Jungen auf sie selbst übertragen. Der Junge sei augenblicklich geheilt worden; sie selber habe seit dieser Zeit an Halsgeschwüren und Schluckmuskellähmung leiden müssen. Das sei ihr erster Versuch gewesen, für andere stellvertretend zu leiden. - Eine Woche vor dem Tode war Therese zum letztenmal in Eichstätt. Hier erzählte sie Anni Spiegl von ihrem stellvertretenden Leiden für den Theologen. Dieser sei schwer krank geworden. Der Arzt habe ein tuberkulöses Halsleiden festgestellt. In seiner Not sei der Student zur Resl gekommen. "Sie war voll Mitleid mit ihm. Sie bettelte den Heiland, doch ihr das Halsleiden für ihn zu schicken, damit der junge Mann Priester werden könne. Bald darauf erkrankte Resl an schwerem Halsleiden, das sie lange plagte. Der Theologiestudent wurde gesund (11)."

Man vergleiche nun die angegebenen Berichte, die nicht übereinstimmen, mit dem, wie Therese Neumann selbst früher den Hergang der Krankheit erzählt. In einem Brief vom 27. Mai 1923 an die Lehrerin Simson in Pielenhofen (12) lesen wir: "Ungefähr drei Tage vor Nikolaus bekam ich im Hals eine kleine Lähmung, so daß ich nur Flüssigkeiten nehmen konnte. Ich konnte eben nicht recht schlucken. Sogar die hl. Kommunion mußte ich in Wasser nehmen, aber nur ein ganz kleines Teilchen. Dieser Zustand verschlimmerte sich so stark, daß ich den ersten Weihnachtsfeiertag auch nicht ein Tröpflein zu mir nehmen konnte. Dieses dauerte dann zwölf Tage. Ich wurde so elend und matt, daß ich den Durst kaum mehr spürte. Ich glaubte, ich dürfte jetzt sterben; aber welch ein Schmerz, sterben ohne den lb. Heiland im Herzen! Dies schien mir unmöglich. Der lb. Heiland wollte es auch nicht haben und so öffnete er mir am Tag vor dem Dreikönigsfest wieder meinen Hals so viel, daß ich wenigstens ein bißchen Wasser schlucken konnte. Dieser Zustand wurde allmählich wieder besser."

Therese Neumann wußte offensichtlich damals, als sie diesen Brief schrieb, mehr als fünf Monate nach den Ereignissen, noch nicht, daß sie für einen anderen zu dulden hatte und für wen sie litt. Dabei soll sie, wie sie zu späterer Zeit versichert, freiwillig das Leiden des Schülers auf sich genommen haben! Auch die angegebenen Daten stimmen nicht überein, am wenigsten bei Boniface, dessen Darstellung ich übergangen habe.

Und nun die Krone auf die Wunderberichte: Der "Geheilte" hatte wohl, wie viele andere, eine Halsentzündung, die wieder abgeklungen ist. Aber er wußte nichts und weiß nichts davon, daß er nahezu unheilbar krank war und daß er wunderbar geheilt wurde. Während der Weiheexerzitien im Jahre 1931 erfuhr Prof. Waldmann von der angeblichen Heilung. Mit Erlaubnis des Regens hat er den Primizianten aufgesucht und ihn befragt. Dieser versicherte ausdrücklich, er sei weder unheilbar erkrankt gewesen noch habe ihn Therese Neumann von seinem Leiden befreit. So der Bericht des Professors bei einer seiner Vorlesungen.

Bei der Befreiung der Stigmatisierten von der stellvertretenden Halserkrankung ging es später genauso wunderbar zu wie seinerzeit bei der Heilung des späteren Theologen. Das erzählt Bischof Teodorowicz (13). Am 1. Juli 1931 war er wieder in Konnersreuth. Jetzt erzählte ihm Pfarrer Naber, daß gerade am Tag zuvor die Halsleiden der Therese Neumann verschwunden seien; nun könne sie wieder eine ganze Hostie schlucken. Sie hatte "während ihres Zustandes der gehobenen Ruhe" ihrer Umgebung früher vorausgesagt, ihr Halsleiden werde so lange dauern, bis jener Schüler das erste hl. Meßopfer feiern werde.

Hören wir den Bericht von Teodorowicz: "Er sollte seine erste hl. Messe am 30. Juni 1931 in Regensburg um halb 7 Uhr lesen. Sollte sich die Voraussagung Theresens erfüllen, so mußte sie an eben diesem Tage gegen 7 Uhr früh von ihrem Halsleiden befreit werden. Unterdessen gingen diese Erwartungen vollständig fehl. Das Leiden stellte sich nicht nur ein, ja es steigerte sich dermaßen, daß Therese kaum zu sprechen vermochte. Drei Stunden später hören die Schmerzen plötzlich und vollständig auf. Therese fühlt sich vollkommen gesund. Die Kehle war ausgeheilt. Was war geschehen? Eines unvorhergesehenen Hindernisses zufolge war die Primiz von halb 7 Uhr auf 9 Uhr verlegt worden. Ungefähr um halb 10 Uhr fand die Konsekration statt. Im selben Augenblick genas Therese. Ich sprach mit ihr über diesen Fall. Wie es sich aus dem Gespräch ergab, wußte Therese nichts über die äußeren Umstände ihrer Genesung, ebenso wußte sie nichts von ihren im Zustande der gehobenen Ruhe gemachten Aussagen. Sie kannte jedoch das Primizdatum ihres Schutzbefohlenen, der ihr sicherlich eine Einladung zu der Feier zukommen ließ. Sie sagte mir, sie wäre darauf vorbereitet gewesen, daß von da ab die Schmerzen zunehmen worden. 'Ich dachte mir, sagte sie, daß, wenn ich so viel für ihn leiden mußte, wo er ja erst Kleriker war, wieviel mehr werde ich für den Priester leiden müssen.'"

Wie die Genesung des damaligen Schülers, so ist die Heilung der Therese Neumann eine Legende. Es entspricht schon nicht der Wahrheit, daß Therese nicht zu wissen wünschte, was sie im Zustand der gehobenen Ruhe geäußert. Sie hat ja wiederholt ihren Pfarrer aufgefordert, ihr das hernach mitzuteilen. Überlegen wir uns: Der Primiziant stammte aus der Pfarrei Konnersreuth! Warum hat er wohl nicht in seiner Heimatkirche Primiz gefeiert? Sicher waren am Weihetag Angehörige in Regensburg anwesend. Diese haben bestimmt gewußt, wann das Primizopfer angesetzt war. Es ist kaum zu glauben, daß sie erst am 30. Juni erfahren haben, daß die hl. Messe von halb 7 auf 9 Uhr verschoben worden war. Das war doch sicher bereits am Vortag bekannt. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß man erst nachträglich in Konnersreuth von der genauen Festlegung des Termins erfahren hat. Und schließlich gibt es ja die Möglichkeit zu telefonieren. Sollte in Konnersreuth niemand etwas gewußt haben, da doch der Primiziant aus der Pfarrei stammte?

5. Sühneleiden für Lebende

Eine andere Form der Leiden im Dienste der Mitmenschen waren die sog. Sühneleiden. Hier kann man wieder zwei Arten unterscheiden. Sühneleiden für Lebende und solche für Verstorbene. Für Kranke und Sterbende und um Bekehrung von Sündern erduldete Therese Neumann häufig geradezu unmenschliche Schmerzen.

Den Begriff "Sühneleiden" erklärte sie Dr. Gerlich einmal so (1): "Sieh mal! Der Heiland ist gerecht. Deswegen muß er strafen. Er ist aber auch gütig und will helfen. Die Sünde, die geschehen ist, muß er bestrafen. Wenn aber ein anderer das Leiden übernimmt, so geschieht der Gerechtigkeit Genüge, und der Heiland erhält Freiheit für seine Güte." - Ganz richtig informiert zeigt sich hier Therese Neumann nicht hinsichtlich Strafe und Sühne.

Zu den Sühneleiden, die die Stigmatisierte ertrug, gehört das Mitleiden zur Bekehrung anderer. So litt sie im November 1928 viel für Wien, wo gerade eine große Volksmission abgehalten wurde (2). Meist aber wandte sie ihre so geartete Hilfe einzelnen Menschen zu. Auch für Prof. Wunderle, dem sie nicht gut gesinnt war, wollte sie sühnen. Über dieses Sühneleiden für einen Theologen, der nichts anderes angestellt hatte, als daß er kein "Gläubiger" im Sinne der Therese war, hat ein Pater mit Namen Plersch Aufzeichnungen gemacht, die Gerlich veröffentlichte (3):

"Die Aufzeichnungen von P. Plersch Ober die Unterhaltung zwischen Therese Neumann und dem Pfarrer Naber bei diesem Sühneleiden lauten: Therese Neumann: 'Die Stimm' hat g'sagt: Der ist drunten, a geistlicher Herr, für den soll i a bissl leiden. Der hat was getan, dös freit den Heiland net.' - Pfarrer: 'Was hat er getan? Ich frag' nicht, weil ich neugierig bin, sondern weil wir ihm helfen wollen.'- Therese Neumann: 'Der schreibt: Ärchernis gibt es. Er erklärt alles nach seinem Verstand, er möchte einen großen Namen, hat die Stimm' g'sagt. Dös freit den Heiland net. Die Stimm' hat g'sagt: Das muß man ihm sagen, er soll seinem Beruf folgen und das, was ihn nichts angeht, sein lassen; aber er wird schwer von seiner Meinung abgehen.' - Pfarrer: 'Reserl, weißt du dös g'wiß? Hat sie g'wiß so g'sagt?' --Therese Neumann: 'Moanst i lüag di o?' Nach einer kleinen Pause fährt sie fort: 'I soll geduldig aushalten.' Pfarrer: 'Warum, Reserl?' - Therese Neumann: 'Ja, für dean. Die Stimm' hat g'sagt: Der Pfarrer halt ihn für besser, als er ist.' Therese Neumann: 'Ja, der Herr Pfarrer ist a guater Mo.'- Therese Neumann: -,Die Stimm' hat weiter g'sagt: Er hat keine ernste Absicht. (Jetzt folgt im Text von P. Plersch die inhaltlich gleiche und ebenso scharfe Bemerkung über Prof. Wunderle, wie es jene ist, die ich, da ich niemand unnötig verletzen will, auch in dem Gespräch Therese Neumann mit ihm am 28. Juli 1927 auslasse.) Aber.- Er erlebt heute - bald - noch einen kleinen Schrecken.'" - Die Stimme hat auch den Auftrag erteilt, man solle Prof. Wunderle von ihrer Erklärung Mitteilung machen, was dann jedoch nicht ausgeführt wurde.

Wie lieblos doch die Stimme, d. h. der "Heiland' war! Die Bemerkung über Wunderle muß sehr verletzend gewesen sein, sonst hätte sie nicht P. Plersch übergangen. Merkt man nicht deutlich, was Therese immerzu verfolgt, ihr großes Anliegen: Man müsse an sie glauben! Wer dazu nicht bereit ist, der meint es nicht ernst, der gibt Ärgernis, der betrübt den Heiland. "Gläubige", wie Teodorowicz und Gerlich, wurden von Therese Neumann ermuntert, schriftlich für sie Zeugnis abzulegen. Prof. Wunderle aber sollte sein lassen, was ihn nichts anginge. Warum wird ihm das Recht abgesprochen, sich mit den aufgeworfenen Problemen zu beschäftigen, ihm, der Theologieprofessor an der Universität in Würzburg war? Er war nicht wundersüchtig; also wird ihm vorgeworfen, er habe keine "ernste Absicht". Anderen Theologen, wie Prof. Wutz, wurde nicht nahegelegt, sie sollten ihrem Berufe folgen und sein lassen, was sie nichts anginge.

Pfarrer Naber (4) verdanken wir die Mitteilung über das Freitagsleiden am 23. März 1928. Am Abend leidet Therese zusätzlich noch "rasende Schmerzen in der rechten Schulter für jemand, der an diesem Tag dagewesen war, und, wie sie sagte, die Schulterwunde nicht anerkennen wollte'. - Demnach müßte das Nichtanerkennen der Schulterwunde eine Sünde gewesen sein. Aber wo liegt hier wirklich eine Schuld und die Verpflichtung zu sühnen? Therese Neumann hat über rasende Schmerzen in der Schulter geklagt. Handelte es sich um wirkliche Schmerzen? Eine weitere Frage. Was sollten die Schmerzen bezwecken? Sollte damit die "Sünde des Nichtgläubigen" getilgt oder sollte dieser dadurch zum Glauben an die Schulterwunde geführt werden?

Laut Aussage des Tagebuches, das der Ortspfarrer führte, ertrug Therese in den Fastnachtstagen 1931 hauptsächlich bei Nacht schwere Leiden zur Sühne der Fastnachtssünden, namentlich "Kopf-, Augen-, Füßeweh und Durst und Teufelsplagereien".

In diesen Tagen soll sich, so verkündete die "Stimme" im erhobenen Ruhezustand, der Mann bekehrt haben, der zuvor an Therese Neumann eine Spottkarte geschrieben hatte (5). - Die geschilderten Fastnachtsleiden entsprechen wohl den Fastnachtssünden. Da in Konnersreuth den Angaben gemäß Fastnacht nicht mehr begangen wurde, müßte sie nur für Auswärtige gelitten haben.

Krankheiten, wie sie geschildert werden, so meint man, hatten die Angehörigen in nicht geringen Schrecken versetzen müssen. Das war jedoch nicht der Fall, wußte man doch aus Erfahrung, daß nichts schiefgehen konnte. Zudem forderte Therese, falls ihre Leiden besonders gefährlich schienen, die Angehörigen auf, nicht zu erschrecken. "Daher wird oft, wenn sie zu erkranken scheint, nicht der Arzt gerufen. Letzthin erkrankte sie an doppelseitiger Lungenentzündung, die sich rasch verschlimmerte, daß ihr Tod befürchtet werden mußte. Plötzlich war sie jedoch wieder gesund, nachdem die Person, für die sie litt, die erflehte Gnade erhalten hatte. Es war ein Sühneleiden (6)." - Das Auftreten und plötzliche Aufhören der Lungenentzündung müßte ein Wunder gewesen sein. Da kein Arzt gerufen wurde, wie konnte die Diagnose gestellt werden?

Noch ein Beispiel sowohl für den Erfolg der Sühneleiden wie auch für die vorgeblichen medizinischen Kenntnisse der Umgebung der Therese Neumann, entnommen dem Tagebuch von Pfarrer Naber (7): In der ersten Augustwoche 1928 duldete Therese schwer an einer durch Insektenstich verursachten Blutvergiftung für einen Priester, der kurze Zeit zuvor gebeten hatte, ihm aus der Leidenschaft der Trunksucht herauszuhelfen. Etwa zwei Wochen darauf, weil der Priester sich nicht besserte, setzte sich das Gift in zwei Geschwüren zusammen, davon eines in den Gedärmen, das andere außen an der linken Seite. Am 20. September erscheint jener Geistliche in Konnersreuth. Daß er geheilt war von seiner Sucht, wird allerdings nicht angegeben.

Daß eine durch einen Insektenstich verursachte Blutvergiftung sich in zwei Geschworen an verschiedenen Stellen auswirkt, ist schwerlich anzunehmen, zumal das eine Geschwür seinen Sitz in den Gedärmen gehabt haben soll. Wie hatte man auch wissen sollen, daß ein Darmgeschwür vorlag? Das vermag auch kein Arzt auf Anhieb festzustellen.

Wohl den unverständlichsten Fall von Sühneleiden hat Fahsel überliefert (8): "Eines Morgens wurde dem Pfarrer aus dem ekstatischen Zustand der Ruhe heraus gesagt: 'Heute nachmittag wirst du zur Resl gerufen werden.' Am Nachmittag erschien ihr Vater im Pfarrhaus: Herr Pfarrer, kommen S' nur mal 'rüber, i weiß net, die Resl liegt daheim auf dem Sofa und stöhnt und hat so großen Durst. Und merkwürdig, aus ihrem Mund riecht's wie nach Alkohol. Ja, das ganze Stüberl riecht danach. Was dös ist?' Der Pfarrer ging hinüber und roch dasselbe. Nach einiger Zeit kam Therese zu sich, und alles war wieder gut. Später stellte es sich heraus, daß zur selben Zeit eine bestimmte Person in einer anderen Stadt eine innere Erschütterung erlebte und sich seitdem vom Laster der Trunksucht befreit fühlte. Zugleich hatte die betreffende Person eine auffallende Stärkung im Glauben und in der Liebe Christi."

Eine ganz merkwürdige Szene! Der "Heiland" verkündet am Morgen, daß der Pfarrer nachmittags zur Resl gerufen werden wird. Diese liegt auf dem Sofa, stöhnt und hat großen Durst; sie ist aber zugleich bewußtlos bzw. befindet sich im Schlaf. Woher kommt der Alkoholgeruch? Wenn man nicht annehmen will, daß Therese Alkohol getrunken und solchen im Zimmer versprüht hat, dann müßte man an ein göttliches Einwirken denken. Wer kann denn das? Wer kann glauben, daß einer dadurch, daß er selber einen Rausch hat, einen anderen von der Trunksucht befreien kann, ja daß er ihn dadurch im Glauben und in der Liebe zu Christus zu stärken vermag?

Diese Alkoholszene war durchaus kein Einzelfall. Das Neumannhaus hat noch mehrmals erlebt, daß es Schnapsgeruch verströmte, wie Boniface erfahren hat (9): "Sehr oft vergegenwärtigt Therese in ihren Sühneleiden die typischen Merkmale des Gewohnheitslasters, dem die Person frönte, für die sie leidet. Oft wurde berichtet, daß, wenn sie für einen Säufer sühnt, sie den Anschein einer Betrunkenen erweckt und sogar eine Flüssigkeit erbricht, die einen bitteren Dunst von Fusel von sich gibt. Ihr Zimmer erfüllt sich dann mit den üblen muffigen Gerüchen von Trinkgelagen; ihre Hausgenossen werden dadurch belästigt und müssen die Fenster öffnen."

Das ist eine ganz bedenkliche Sache! Wie eine betrunkene Person einherwandeln und Schnapsfusel erbrechen, das als mystisches Phänomen bezeichnen, ist, gelinde gesagt, eine starke Zumutung! Keiner erbricht alkoholischen Fusel, wenn er solchen nicht vorher getrunken hat.

Da immer wieder versichert wird, daß in Therese Neumann die Hostie unaufgelöst gegenwärtig blieb bis zum nächsten Kommunionempfang, erhebt sich weiterhin die Frage, wieso mit dem Fusel nicht auch die Hostie erbrochen wurde. Da müßte man wieder an ein zusätzliches Wunder denken; denn sonst soll ja Therese gelegentlich die Hostie erbrochen haben. - Boniface erklärt, die Stigmatisierte habe bei ihren Sühneleiden die typischen Merkmale des Gewohnheitslasters gezeigt, dem die betreffende Person gefrönt habe, für die sie sühnte. Es gibt viele Laster. Weiche Folgerungen da gezogen werden müßten, ist nicht auszudenken.

Kann man Dr. Deutsch widersprechen, wenn er im Hinblick auf das von Fahsel überlieferte Sühneleiden schreibt: "Da muß man sich doch darüber klar sein, daß es sich bei dieser, man verzeihe mir das Wort, 'Schnapsmystik', nicht um ein Wunder Gottes zu seiner Verherrlichung handelt, sondern um die Ausgeburt eines hysterischen Weibergehirns (10)."

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Letzte Änderung: 1. September 1999