Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

II. Zwischen Unfall und Stigmatisation

1. Krankheiten und Heilung

Fritz Gerlich widmet einen großen Teil seines ersten Bandes über Therese Neumann der Schilderung ihrer verschiedenen Krankheiten. Der ganze zweite Band hat nur ihre Leiden zum Thema. Gerlich war nicht Arzt, sondern Historiker. Die Kenntnis Ober das Leben von Therese Neumann und ihre Krankheiten verdankt er den Auskünften, wie er sie in Konnersreuth eingeholt hat. Quellen seines Wissens sind die Familie Neumann und natürlich der zuständige Pfarrer Karl Naber. Hauptzeuge freilich ist die Person, über die er schreibt, Therese Neumann selbst. Er sagt (1): in Konnersreuth erfährt man vielerlei von Therese Neumann, wenn sie im gewöhnlichen Bewußtseinszustand ist. Man erhält aber auch manchen Aufschluß, wenn sie im Zustand der erhobenen Ruhe - gewöhnlich Ekstase genannt - spricht. So ist es auch mir ergangen. Auch über die Schicksale der Therese Neumann habe ich manches durch sie im Zustand der erhobenen Ruhe erfahren. Da Gerlich die Äußerungen der Stigmatisierten in der Ekstase für absolut richtig erachtete, weil nach seiner Überzeugung der Heiland aus ihr sprach, zog er keine der erhaltenen Auskünfte ernsthaft in Zweifel. Im Gegenteil: Mögliche Zweifel unterdrückte er auf Grund seiner Auffassung. Der Heiland hat gesprochen.

Früher hatte sich Gerlich "niemals eingehender mit den hier in Frage kommenden Krankheitsvorgängen befaßt" (2). Trotzdem stellt er Diagnosen, wie sie auf Grund bloß vorliegender mündlicher Berichte kein Arzt in solcher Form wagen würde. Ja, er übt schärfste Kritik am Urteil von erfahrenen Fachärzten wie ein Lehrer seinen Schülern gegenüber.

Gewiß hat Gerlich Monate verwendet, um die Krankheitsgeschichte fertig zu bekommen. Aber er bevorzugt offensichtlich nur das, was zugunsten von Therese Neumann spricht. Aus der genannten Auffassung heraus, daß hinter den Worten der Stigmatisierten in der Ekstase Christus steht, geht er wie ein Rechtsanwalt vor, der seinen Schützling auf alle Fälle verteidigt.

Nun versteht man auch, warum Gerlich für Therese nicht günstig lautende Urteile von Ärzten einfach ablehnt. Von fünf Ärzten, die zu Beginn ihrer Leiden zugezogen worden waren, sind vier einmütig zu dem Urteil gekommen, daß schwerste Hysterie vorliege. Darum finden sie bei Gerlich keine Gnade; sie werden namentlich am Schluß seines 2. Bandes hart mitgenommen.

Der einzige behandelnde Arzt, der Beifall findet, ist Dr. Burkhardt. Dabei ist zu beachten, daß dieser bereits im Februar 1919 verstorben ist. Alles, was er gesagt haben soll, findet sich ganz allein in den Angaben der Therese Neumann und ihrer Angehörigen. Im Grunde genommen sind also die Aussagen von Dr. Burkhardt' nichts anderes als solche der Stigmatisierten und ihrer nächsten Umgebung.

Auf Grund der erhaltenen, recht zweifelhaften Krankheitsberichte stellt dann Gerlich seine Diagnosen auf. Es leuchtet ein, daß über solch ein Unterfangen ein Arzt nur den Kopf schütteln kann. Verständlich auch, daß ein so erfahrener Facharzt wie Dr. Deutsch wiederholt von "reines Erzeugnis der Gerlichschen Phantasie" oder von ."Unsinn" spricht.

Es ist nicht möglich, im einzelnen auf die verschiedenen Krankheiten der Therese Neumann einzugehen. Ärzte, wie der genannte Dr. Deutsch und andere, haben dazu als Fachleute Stellung genommen. Hier soll nur eine gedrängte Übersicht geboten werden, die nicht vollständig sein kann.

Man findet es unfaßbar, welche Unsummen von Krankheiten die Stigmatisierte durchmachen mußte. Im Jahre 1918 zieht sie sich eine "Rückgratverletzung" zu. Eine nicht zu wiederbehebende "Klemmung des Zentral-Nervenstranges" stellt sich ein, dazu eine fortschreitende Lähmung. Therese kann das Bett nicht mehr verlassen. Im Jahre 1919 erblindet sie vollkommen; 1922 werden die Schluckmuskeln gelahmt; das Halsleiden dauert ununterbrochen bis zum Sommer 1931. Im Jahre 1923 kann sie plötzlich wieder sehen; aber dafür treten andere Leiden auf. Krampfzustände stellen sich ein und werden immer heftiger und bedrohlicher. "Durch dauernde Muskelzusammenziehung wurde das linke Bein angezogen, der linke Fuß kam unter den rechten Oberschenkel zu liegen." Großflächige Aufliegewunden am Rücken und an den Beinen und Füßen, bis zu den Knochen, bilden sich. Dann leidet Therese an einer Blinddarmentzündung "unmittelbar vor dem Durchbruch", wird jedoch wunderbar geheilt, als man sie ins Krankenhaus bringen wollte. Magengeschwüre setzen ihr heftig zu und dann tritt ein subphrenischer Abszeß (Eiteransammlung unterhalb des Zwerchfells) auf. Dazu kommen Halsgeschwüre, Mandelentzündungen, Furunkel in der Achselhöhle und im Ohr, allgemeine Sepsis, Rheuma und Herzbeschwerden, Lähmungen der verschiedensten Art. Zur Blindheit gesellt sich Taubheit, die bald verschwindet, bald sich wieder einstellt. Sprechstörungen treten auf, Krämpfe, Husten, Seitenschmerzen, Störungen der Blase und des Mastdarmes und der Menstruation. Um 1919 soll Therese einen schweren Schädelbasisbruch erlitten haben, den man zurückführen wollte auf nicht weniger als 11 Unfälle, die sie in kurzem Zeitraum von fünf Vierteljahren erlitten haben soll. Zeugen für diese Unfälle allerdings gab es nie. Sicher handelt es sich dabei nicht um Unfälle im eigentlichen Sinn, sondern um hysterische Anfälle.Bemerkenswert ist, daß Therese Neumann bereits bis drei Monate vorher gemerkt haben will, daß wieder ein Magengeschwür im Entstehen sei. Wäre Gerlich Arzt gewesen, dann hätte er ihr das nicht abgenommen. In einem Brief vom 27. 5. 1923 (3) schildert Therese die grausigen Beschwerden, verursacht durch ein "Magengeschwür": "Schon seit Weihnachten spürte ich, daß im Magen sich wieder ein Geschwür bildete. Kurz vor Ostern konnte ich wieder ziemlich schlucken, aber Speise zu mir nehmen konnte ich wegen des Magens nicht. Und die Karwoche wurde ich so schlimm, mein Magengeschwür wurde so groß, daß Herz und Lunge vor lauter Geschwulst nicht mehr funktionierten. Ich bekam kaum mehr Atem. Dieser Zustand dauerte dann bis - um 25. April. Ich empfing die heiligen Sterbesakramente abends, ich war dem Ersticken nahe. Der hochwürdige Herr Pfarrer meinte, das Geschwür könne nicht aufgehen, ich aber hatte so viel Qual, daß ich mich kaum mehr auskannte. Auf einmal, erzählte mir meine Mutter, wurde ich ganz steif und blau, ich bekam Oberhaupt keinen Atem mehr. Alle meinten, jetzt kommt's zum Sterben. Da auf einmal ging es auf und das Brechen los. Ich wurde dann etwas leichter, war aber sehr matt. Ich durfte jetzt nur Eis schlucken, auch das Bluten wollte kein Ende nehmen. Im Verstand wurde es wieder leichter, langsam besser..." - Das ist waschechte Eigendiagnose; von 1922 bis 1925 befand sich Therese Neumann nicht unter ärztlicher Beratung. Ein so geartetes Magengeschwür hat auch bestimmt noch kein Arzt behandelt.

Auf Grund einer Eigendiagnose stellt Therese im Jahre 1924 ein Geschwür im Kopf' fest (4). Blut und Eiter fließen aus einem Ohr und aus beiden Augen; sie leidet furchtbare Qual. Heute noch sieht man auf beiden Händen die Masen, wo ich vor lauter Qual aufkratzte. Auch raufte ich mir ganz die Haare aus.' So teilt sie 10 Monate später in einem Brief mit. In der Karwoche beißt sie sich die Zunge fast durch, so daß sie der Geschwulst wegen nicht mehr reden kann. Das Geschwür im Kopf fließt später ab, 1/4 Liter Eiter; es wiederholt sich aber.

Man sieht, Therese trägt kräftige Farben auf. Es muß bemerkt werden, was ja auch sonst die Regel war, daß kein Arzt zugezogen wurde. Diesem wäre es auch sicher schwer gefallen, ein derartiges Geschwür im Kopf zu lokalisieren, von dem aus Blut und Eiter durch ein Ohr und die Augen abfließt.

Zur Abwechslung plagen dann Therese wieder Herzkrämpfe. Für einen Priester, der an Trunksucht litt, muß sie eine durch einen Insektenstich verursachte Blutvergiftung mitmachen. Das Gift wandert und setzt sich zusammen in zwei Geschwüren, "eines in den Gedärmen, das andere außen an der linken Seite" (5). Im Jahre 1940 erleidet Therese einen Schlaganfall in drei Schoben; die rechte Körperseite bleibt gelähmt. Nach 5 Wochen sind plötzlich alle Folgen des Schlaganfalls verschwunden. Aber jetzt setzt ihr eine Nervenschwäche übel zu; die Nieren sind nicht in Ordnung. Dazu noch die gewohnten Schmerzen, welche durch die Stigmen und Visionen entstehen, und unzählige andere, vor allem durch freiwillig für Mitmenschen übernommene Leiden.

In allem eine ungewöhnliche, variantenreiche Leidensliebe, ja geradezu Leidenswut! Bei dieser Sachlage kann man nicht begreifen, daß die wiederholt und mit Nachdruck geforderte klinische Untersuchung unnachgiebig abgelehnt wurde, nicht zuletzt mit dem Hinweis auf mögliche Schmerzen, die im Zusammenhang damit zugemutet werden könnten.

Auf einige Krankheiten sei kurz eingegangen. Da ist einmal die Wirbelverrenkung am 10. März 1918. Ein einziger Arzt, nämlich Dr. Burkhardt, soll eine Verrenkung der Lendenwirbelsäule festgestellt haben. Dieser Arzt ist bereits, wie erwähnt, im Februar 1919 gestorben. Kein anderer hat die gleiche Diagnose gestellt. Nie wurde eine Röntgenaufnahme gemacht. Bischof Waitz wendet sich gegen die Feststellung, daß die genannte Verletzung nicht durch eine medizinische Untersuchung konstatiert worden sei und meint (6): "Wenn man so vorgeht, wird man schließlich sagen können: Der Tod Christi am Kreuze ist auch nicht ärztlich festgestellt worden. Deshalb hat man keine Pflicht zu glauben, daß Jesus gestorben und von den Toten auferstanden ist. Es ist Unsinn, sich mit solchen Sachen herumzuplagen." - Nein, so zu argumentieren, ist Unsinn. Wir wissen: Die Kirche legt die strengsten Maßstäbe an, wenn es gilt, zu einem behaupteten Wunder Stellung zu nehmen. Gerade auf das einhellige Urteil der Ärzte kommt es bei wunderbaren Krankenheilungen an.

Angeblich führte das ständige Liegen auf den gleichen Körperstellen zu schweren Wunden, so daß sogar Knochen freilegen (7). Dem Erzbischof Teodorowicz versicherte Therese (8): "Der linke Fuß hatte vom Knöchel bis zur Sohle keine Haut mehr, der Knöchel war blank. Am Rücken hatte ich sechs bis acht Flecken, etwa so groß wie ein Markstück oder auch wie Handbreite. Aus allen Wunden sickerte Wasser, Blut und Eiter."

Die Aufliegewunden sollen dann wieder geheilt sein, plötzlich und ohne Narben zurückzulassen. Prof. Dr. Ewald meint dazu (9): "Allzu schlimm kann es nicht gewesen sein; denn heute sind Narben nicht zu erkennen." Für die Anhänger von Konnersreuth gilt gerade die Tatsache , daß keine Narbe zurückblieb, als Beweis für ein Wunder. Dr. Deutsch erklärt hierzu (10): "Den Angaben der Therese widerspricht auch ein früherer Bericht des behandelnden Arztes Dr. Seidl; er hat solche Durchliegewunden, wie Therese sie angibt, bei ihr nie festgestellt." Bemerkenswert erscheint, daß die Wirbelverrenkung mit ihren Folgen zwar auch wunderbar verschwunden sein soll, daß aber die ehemals kranke Stelle noch später nachgewiesen werden konnte und daß sich auch gelegentlich Schmerzen einstellten.

Vier Jahre hindurch soll Therese Neumann völlig blind gewesen sein. Eine einwandfreie Untersuchung der Augen jedoch hat nie stattgefunden. Als die Erkrankung der Augen mit Hilfe des Augenspiegels untersucht werden sollte, bekam Therese nach Ewalds Angaben hysterische Krampfanfälle. Eine Augenspiegelung konnte nicht vorgenommen werden. Dazu erklärt das Gutachten der behandelnden Ärzte, daß die Augen der Therese Neumann damals "jeden Einfall des Lichtes mit einer Verengung der Pupille beantworteten, genau so, wie jedes gesunde Auge tut." Es handelt sich demnach lediglich um eine hysterische Blindheit, wie man sie nach Dr. Deutsch gar nicht so seiten antrifft. - Das Gutachten für die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft vom 27. 2. 1920 lautet. "Schwerste Hysterie mit Blindheit und teilweiser Lähmung."

in diesem Zusammenhang muß auch darauf hingewiesen werden, daß behauptet wurde, Therese sei im Zustand der sogenannten gehobenen Ruhe während der Ekstasen völlig blind gewesen. Versuche, die unternommen wurden, hatten zweifelsfrei erwiesen, daß sie nicht das Geringste sehen konnte (11). Hier lag also keine organische Blindheit vor. War es früher eine solche?

Einen lehrreichen Fall von hysterischer Blindheit beschreibt Stern (12) folgendermaßen: "So sah ich einen im Feld nach Schreck und leichter Hornhautverletzung blind gewordenen Mann, der jahrelang in einer Blindenanstalt bei unhysterischem Gesamtverhalten wie ein wirklich Blinder sich benahm und alle schauspielerischen Verhaltensstörungen vermissen ließ; er wurde von mir in Hypnose mit galvanischem Lichtblitz und entsprechender Suggestion geheilt."

Krankheiten und Gebrechen, von denen Therese Neumann mehr oder minder wunderbar geheilt worden sein will, zahlt Gerlich folgende auf (13): Subphrenischer Abszeß, Blindheit, Druckbrand am Fuß, Rückgratverrenkung, Aufliegewunden am Rücken, Lähmung, Blinddarmentzündung. Das sind lange nicht alle "Wunderheilungen". So nennt Boniface (14), um nur noch ein "Wunder" anzufügen, eine doppelseitige Lungenentzündung, die am 19. November 1926 Therese in den Todeskampf führte. "Der in aller Eile herbeigerufene Arzt bestätigte, es sei das Ende, es sei nichts mehr zu machen." Natürlich stammt auch dieses Urteil nicht von einem Arzt, sondern ist lediglich Erzählung des Neumannkreises. Therese wurde, wie nicht anders zu erwarten war, augenblicklich aus der Todesnot errettet. Auch von den übrigen Krankheiten versichert Boniface (15): "Alle Heilungen waren endgültig, d.h. keines der verschwundenen Krankheitsmerkmale stellte sich jemals wieder ein."

Nachdenklich stimmt, daß trotz der vielen Gebrechen von dem Kreis um Therese Neumann eingehende ärztliche Untersuchungen vermieden bzw. verhindert wurden. "Seit langen Jahren", schreibt Dr. Deutsch 1938 (16), "hat kein Arzt die Therese Neumann untersuchen dürfen, ja den einfachsten Beobachtungen werden die denkbar größten Schwierigkeiten gemacht."

Auf Gutachten verschiedener Ärzte hin erhielt Therese noch ihrer Arbeitsunfähigkeit eine 100prozentige Rente wegen "traumatischer Hysterie". Im Jahre 1932 wurde diese Rente auf 10 Prozent gekürzt, nachdem sich Therese wiederholt geweigert hatte, sich der von der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft geforderten Prüfung ihres Gesundheitszustandes zu unterziehen (17).

Professor Martini war anwesend, als Therese einen ihrer häufigen Erstickungsanfälle hatte. Er fragte den Vater, ob er sie am Rücken abhören dürfe. Der Vater lehnte schroff ab, das sei gefährlich; seine Tochter sei dabei schon einmal fast erstickt. Die Mutter fiel in den gleichen Ton ein. Der Pfarrer konnte sich gar nicht beruhigen in seiner Verteidigung. Schließlich verweist der Vater auf den Heiland als den einzigen, der helfen könne. Pfarrer Naber meint dazu, Therese habe es ja selber gesagt, sie sei verschleimt. Ihr Wort duldete weder Zweifel noch Widerspruch. Und siehe da, gleich unmittelbar darauf fühlte sich Therese wieder wohlauf und der Vater triumphiert: "Der Heiland hat geholfen (18)!" Daß kein echter Erstickungsfall vorlag, zeigt die Beobachtung durch Professor Killermann, der keine bläuliche Vefärbung im Gesicht erkennen konnte (19).

Der Freiburger Neurologe Dr. Eduard Aigner durfte Therese Neumann ebensowenig untersuchen wie andere Ärzte; klagte er doch einmal: "Meine Versuche einer exakten Nachprüfung scheiterten am Widerstand des Ortspfarrers (20)."

2. Hysterie

Was ist zu diesem Sammelsurium von Krankheiten, Leiden und Gebrechen zu sagen? Die Ärzte haben von Anfang an auf Hysterie erkannt. Deswegen erhielt Therese Neumann ja auch die Unfallrente, wegen traumatischer Hysterie. Aus den vorliegenden Veröffentlichungen wähle ich nur einige Beispiele aus, die dafür zeugen, daß es sich hier um einen Fall handelt, der in den Bereich der Pathologie gehört.

Dr. Deutsch sagt zu den Erstickungsanfällen (1)- Während derselben wurde kein objektives Zeichen der Erstickung gefunden, "vor allem keine Zeichen der Zyanose; dafür werden die Augen hochgradig nach oben gedreht, der Eindruck ist durchaus der einer hysterischen Reaktion."

Dr. Heermann spricht von Krämpfen, die sich bei Therese Neumann nicht selten einstellten (2): "Krämpfe, bei denen sich Therese Neumann über ein auf den Bettrand gestelltes Brett ins Zimmer schnellte und ganz steif wurde, und zwar wie Eisen, so daß der ganze Körper mitging, wenn man gewaltsam ein Glied hochzuheben versuchte, kommen eben nur bei Hysterie vor." - Weiterhin schreibt er: "In dem Bericht der vier Schwestern, die Therese Neumann zehn Tage beobachteten, wird überdies für die Nacht vom 17. auf den 18. Juli 1927 ein nervöser Anfall erwähnt, der zwölf Minuten dauerte: Therese Neumann war dabei halb bewußtlos, schlug um sich und rief, es steche ihr durchs Herz. Ein ärztlicher Beobachter war leider nicht zugegen; der Beschreibung nach kann es sich jedoch nur um einen hysterischen Anfall gehandelt haben."

Auch später, als Therese Neumann von ihren ursprünglichen Gebrechen genesen war, zeigen sich hysterische Züge. Boniface spricht davon, weiche Wirkung auf sie Aufregungen haben konnten: "Bekanntlich zeigen sich bei heftiger Erregung ausgiebige Blutungen aus ihrem Herzen, aus der Seitenwunde; sie fällt dann in Ohnmacht, und das Schlimmste für ihr Leben ist zu befürchten. Eine zu große Freude kann dieselbe Wirkung auslösen" (3). - Das Schlimmste ist allerdings weder durch Aufregung noch durch maßlose Freude eingetreten.

An anderer Stelle erwähnt Boniface, wie die Gestapo eine Haussuchung vorgenommen habe: "Wieder ein andermal sah Therese, die soeben nach einer Ekstase das Bewußtsein wieder erlangt hatte, an ihrem Bett zwei grinsende Gendarmen in Uniform stehen. Diese Überraschung gab ihr einen solchen Schock, daß sie noch längere Zeit unter nervösen Zuckungen zu leiden hatte. Hörte sie z. B. eine zuschlagende Türe, so fuhr sie zusammen und konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Da diese Rückwirkungen sogar in der Kirche eintraten und dadurch die Andacht der Gläubigen oft gestört wurde, bat sie den lieben Heiland, sie davon zu befreien; sie wurde bald erhört. 'Er hat es mir genommen', sagt sie noch heute voller Dankbarkeit."

Von ihrem sonderbaren Verhältnis zur Eucharistie, das ganz in das Bild der Hysterie paßt, wird später die Rede sein. Nur eines möge vorweggenommen werden; der Bericht befindet sich im Buch von Boniface (4). Er spricht davon, daß in Therese Neumann die Hostie unaufgelöst blieb bis zum nächsten Kommunionempfang. Wurde die Hostie aber einmal "vor dem Augenblick aufgelöst, an dem sie aufs neue kommunizieren kann, so sinken die Kräfte der Seherin sehr rasch ab. Der Gesichtsausdruck selbst verändert sich. Ihre Augen werden blau umrändert, ihre Wangen hohl, ihre Gesichtsfarbe schwindet, ihr Blick erlischt, und sie bricht zusammen. Dann muß der Priester, der durch die Umgebung alarmiert wird, ihr schnell die heilige Kommunion bringen." - Nie ist der Fall eingetreten, daß kein Priester in rasch erreichbarer Nahe war.

Über das Wesen der Hysterie gibt die Medizin Auskunft. Sie sagt, daß hysterische Personen nicht im gewöhnlichen Sinn als Schwindler oder Betrüger bezeichnet werden können. Man erklärt das Leiden als eine funktionelle geistig-nervöse Erkrankung. Ein besonderes Kennzeichen der hysterischen Veranlagung ist eine krankhafte Geltungssucht" Der letzte, gröbste Typ ... ist der, den man mit Kohnstamm schulmäßig den 'nosophilen' (Krankheit liebend) nennt, weil der Wille zur Krankheit bei ihm eine bedeutende Rolle spielt. Im Gegensatz zu den anderen Formen ist er vor allem durch die Unwahrhaftigkeit charakterisiert" (Kutzinski) (5). - Auf die erwähnte hysterische Unwahrhaftigkeit soll später eingegangen werden. Daß bei Therese Neumann nosophile Hysterie vorlag, wird noch klarer als bisher ersichtlich bei der Behandlung ihrer sogenannten Sühneleiden.

Betrachtet man die Krankheitszustände in geradezu ungeheuerlicher Zahl und Verschiedenheit, versteht man die Diagnose: Hysterie von seltener Hochgradigkeit. Eindeutig hat Dr. Deutsch sein Urteil über Therese Neumann gesprochen: Hysterie. Er hat Ober das Werk Gerlichs, der ohne notwendiges medizinisches Rüstzeug seine Diagnosen gestellt hat, ein vernichtendes Urteil gesprochen. Verständlich, daß er sich Zorn, ja Haß zugezogen hat. Aber aus seiner langjährigen Erfahrung heraus war er berechtigt zu sprechen. Er hat nie etwas von dem zurückgenommen, was er über Konnersreuth geschrieben hat. Entgegen anderslautenden Stimmen muß dies betont werden.

Der Arzt René Biot urteilt eindeutig (6), es sei sicher, "daß bei Therese Neumann so klar wie nur irgendwie möglich die Diagnose der Hysterie gestellt worden ist, um damit medizinisch die Kette von Krankheitssymptomen zu charakterisieren, die sie bereits vor dem Auftreten der Wunden zeigte."

Professor Jean Lhermitte, dessen Autorität als Neurologe unbestreitbar ist, schreibt (7): "Es kann ohne Übertreibung behauptet werden, daß es keinem mit den Gelegenheiten der Psychopathologie vertrauten Menschen schwer fallen dürfte, in den vielerlei Erscheinungen, an denen Therese Neumanns Leben so reich war, die Züge der hysterischen Neurose zu erkennen."

Noch auf dem Sterbebette diktierte der 64jährige Chefarzt des Lippstädter Dreifaltigkeits-Krankenhauses den letzen Teil seiner Streitschrift wider Konnersreuth. In einem Offenen Brief sagt er: "Ich habe in meiner 37jährigen ärztlichen Tätigkeit so viele hysterische weibliche Personen gesehen, die mit wahren Engelsgesichtern zum Tisch des Herrn gingen, und zwar recht häufig." Die Schriften von Dr. Deutsch sind nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit den von Dr. Gerlich herausgegebenen Büchern. Was dieser über die Krankheiten von Therese Neumann schreibt, nennt Deutsch medizinischen Unsinn. Um die Einstellung des Arztes etwas zu charakterisieren, sei das Schlußwort in seiner letzten Schrift zitiert: "Ich bin stolz, als Naturwissenschaftler in der Natur Gottes Gedanken nachdenken zu dürfen, wie Keepler sagt. Ich bewundere Gottes Weisheit und Macht in der wunderbaren und sinnvollen Ordnung, die vom kleinsten einzeiligen Lebewesen bis zum Menschen in der organischen Natur herrscht und falte dabei in tiefster Ehrfurcht anbetend meine Hände vor meinem Schöpfer und Erhalter... Als überzeugtem Katholiken ist mir ferner das Blut, das nach meinem Glauben täglich auf dem Altar für uns geopfert wird, unendlich viel wichtiger als das Blut, mit dem Hände und Gesicht einer hysterischen Kranken in Konnersreuth beschmiert sind ... Nur für die Wahrheit kämpfe ich, gegen Personen nur insoweit, als sie sich der Wahrheit entgegenstellen und in törichter Verblendung einen offenkundigen hysterischen Betrug zu decken suchen. Diesen Kampf werde ich führen bis zum letzten Atemzuge."

Am 24. August 1938 ist Dr. Deutsch gestorben. Verständlich, daß er beim Konnersreuther Kreis nicht gut angeschrieben war. Karl Naber wirft ihm "verleumderische Anschuldigungen und Demütigungen" vor und der Vater der Stigmatisierten bezeichnet ihn im Brief an den Bischof von Regensburg als einen unverschämten Menschen (8). Was dieser Arzt geschrieben hat, offenbart die klare und eindeutige Sprache des Fachmannes. Eine Legende aus obskurer Quelle soll sein Zeugnis entwerten. Dr. Deutsch habe widerrufen, so erklärt am 10. Juni 1948 Pfarrer Naber (9). "Jemand, der in den Sterbestunden des Dr. Deutsch bei diesem gewesen sei, hatte ihm berichtet, daß Dr. Deutsch kurz vor seinem Tode alles mit Bedauern zurückgenommen habe, was er jemals gegen Konnersreuth geschrieben habe."

Nicht ein Schimmer an Wahrheit liegt in diesen Worten. Hier die mir kürzlich zugegangene schriftliche Versicherung der Gattin des Chefarztes Dr. Deutsch- "Ich kann ... versichern, daß die Äußerung ... nie über die Lippen meines Mannes gekommen ist. Das Gegenteil ist der Fall. Er war bis zuletzt der festen Überzeugung, mit seinem Kampf gegen Konnersreuth der guten Sache gedient zu haben; er nahm immer wieder viele Anfechtungen entgegen, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen.. ."


Zum vorhergehenden Kapitel.

Zum nächsten Kapitel.

Zum Inhaltsverzeichnis

Zur Bücherübersicht


Obiges liegt ausschließlich in der Verantwortung der unten genannten Person und stellt keine Meinungsäußerung der Universität Regensburg dar.

Gerald.Huber@geographie.uni-regensburg.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers wieder.

Letzte Änderung: 27. September 1997