Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

XII. Eine Heilige?

Seitdem Therese Neumann verstorben ist, wird immer wieder der Wunsch nach Einleitung des Seligsprechungsprozesses ausgesprochen. So wie sich Konnersreuthgläubige das vorstellen, würde die Seligsprechung der Frage nach Übernatürlichkeit der bekannten Phänomene die Grundlage entziehen. Es handelt sich jedoch, angefangen von den "wunderbaren Heilungen" bis zur angeblichen Nahrungslosigkeit, in keinem Fall um natürlich unerklärliche Dinge. Beschäftigt man sich mit den "Phänomenen", so erscheint das Bild der also Ausgezeichneten zuweilen in recht zweifelhaftem Lichte.

Daß Therese Neumann auch ihre Schwachen hatte, das wurde bereits bisher immer wieder klar. Wir stellen uns die Frage: Kann man ihr Leben als beispielhaft fromm bezeichnen, als heiligmäßig, oder stößt man auf Fehler, die unvereinbar sind mit dem, was man von einer von Gott begnadeten Person erwarten muß?

Wenn man die Berichte der verschiedenen Autoren vergleicht, die sich auf persönliche Aussprachen mit Therese Neumann berufen, stößt man auf nicht wenige Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten. Das beginnt bereits mit ihrem Geburtsdatum. Steiner schreibt, sie sei in der Nacht vom Karfreitag zum Karsamstag 1898 kurz vor Mitternacht zur Weit gekommen. Nach Luise Rinser wird im Geburtsregister des Standesamtes in Konnersreuth der 9. April 1 Uhr angegeben; im Taufbuch war ursprünglich verzeichnet der 9. April, Karsamstag, früh 12,15 Uhr. Die Mutter aber behauptete später, ihre Tochter sei schon am 8. April kurz vor Mitternacht geboren worden. Auch Therese selbst, in der Ekstase befragt, erklärte, am Karfreitag geboren zu sein. Dazu meint Rinser: "Aber ich fürchte, hier korrigiert der Wunsch, das Geburtsdatum gerade noch auf einen Karfreitag fallen zu lassen, die Wirklichkeit." Ich sehe darin eine interessante Erklärung für die Frage, weichen Wahrheitsgehalt die Auskünfte im gehobenen Ruhezustand beanspruchen können. Ist ein Geburtsdatum auch so wichtig, daß man darüber den Herrgott bemühen muß? Von Bedeutung wäre auch die Frage, wann die Mutter darauf gekommen ist, daß ihre Tochter bereits am Karfreitag zur Weit gekommen sei. Die Angaben für das Standesamt und für das Pfarramt können doch nicht gemacht worden sein, ohne daß die Eltern etwas davon gewußt haben. Wann hat die Mutter die "falsche" Eintragung beanstandet? Offensichtlich erst nach der Stigmatisation ihrer Tochter. Jetzt konnte man den Karfreitag, der zufällig dem wirklichen Geburtstag so nahe lag, schön einfügen in das Leben der mit den Wundmalen Ausgezeichneten. Jetzt auch konnte man den "Heiland" befragen, der damit die Ursache für die Korrektur im Taufregister abgab.

Ein großer Teil dessen, was Ober Therese Neumann berichtet wird, stützt sich auf deren eigene Aussagen. Steiner bezeichnet in der Einleitung zu seinem Buch als Hauptinformationsquelle Therese Neumann. Er sagt: "Ihre Worte sind in hohem Maße Unterlage für Pfarrer Nabers Tagebücher, aus ihren Aussagen hat auch der Verfasser geschöpft."

Viele Angaben übernehmen weiter Steiner, wie auch andere Verfasser, so Teodorowicz und Boniface, unmittelbaren Berichten der Eltern und Geschwister der Stigmatisierten. Wie Wolfgang Bauer meint (1), kann man keine zuverlässigeren Zeugen für die Wahrheit finden. "Die Familie Neumann genoß seit jeher den Ruf der Ehrlichkeit der Rechtschaffenheit, der Wahrhaftigkeit und des äußersten Pflichtgefühls. Einen seit so vielen Jahren angesammelten Schatz an Tugenden vergeudet man nicht im Handumdrehen."

Des weiteren benützt Steiner die Veröffentlichungen von Fritz Gerlich. Von ihm sagt er: "In einigen Punkten allerdings ist Gerlich nicht vollständig. Therese Neumann hat später geäußert, sie habe Gerlich als einem Laien und Protestanten damals noch nicht alles erzählen können." - Warum, so fragt man sich, hatte sie das nicht gekonnt? Was hat sie Gerlich vorenthalten müssen?

Voll des Lobes, ja einer ausgesprochenen Lobhudelei, ist Teodorowicz, wenn er Ober Therese Neumann urteilt. "Das Ungewöhnliche in diesem geistigen und sittlichen Gepräge liegt ... in der Mannigfaltigkeit und in dem seltenen Ebenmaß der guten Eigenschaften, die nach allen Seiten hin ihre Strahlen senden" (2).

Zwar lobt Rößler (3) an Therese Neumann ihre gemütstiefe Frömmigkeit, die schon in ihrer Jugend zutage getreten sei; andererseits habe man aber auch schon früh bemerkt "jene Ungeduld, jene zum Zorn neigende Eigenwilligkeit, die ihr zeitlebens zu schaffen machte und die sie bereitwillig eingestand." Dies bestätigt auch ihr eigener Bruder Ferdinand (4); er spricht von Ungeduld, zeitweiliger Heftigkeit und Eigenwillen.

Lobend hebt Rößler hervor (5): "Sie hat eine unendliche Selbstbeherrschung und Disziplin, auch hat sie eine ziemliche Gleichgültigkeit dem Urteil anderer gegenüber. Was man ihr sagt, das hebt sie weder noch verletzt es sie ... Sie ist völlig unbeeinflußbar." - Mit dem, was Rößler vorher gesagt hat, stimmt dies nimmer recht zusammen; unendliche Selbstbeherrschung verträgt sich nicht mit Ungeduld, zeitweiliger Heftigkeit und Eigenwillen. In wieweit ihr das Urteil anderer über ihre Person gleichgültig gewesen ist, mit dieser Frage müssen wir uns noch naher beschäftigen; einiges ist bereits klar geworden.

In ihrer Jugend, sagt Boniface (6), war Therese ein Mädchen, das sich Respekt zu verschaffen wußte. "Einmal war ihr ein junger Mann bis auf den Dachboden der Scheune nachgeschlichen und schritt siegesbewußt auf sie zu. Da sie nichts griffbereit bei der Hand hatte, um sich zu wehren, zögerte Therese nicht und sprang vom Heuboden auf die Tenne, unter der Gefahr, sich Hals und Bein zu brechen." - Nun, so gefährlich wird der Sprung in die Tiefe nicht gewesen sein.

"Ein anderes Mal", fahrt Boniface weiter, "hatte sie, um sich der Aufdringlichkeit eines anderen Besuchers zu entziehen, mit ihm für die folgende Nacht in einem Obstgarten ein Stelldichein vereinbart. Sie nahm jedoch einen kräftigen Peitschenstiel mit sich und konnte mit demselben besser als durch Worte den Burschen überzeugen, daß es vorteilhafter sei, sich mit Mädchen ihrer Art nicht weiter einzulassen. Der Unvorsichtige erklärte am anderen Morgen, er sei vom Fahrrad gestürzt."

Teodorowicz gegenüber hat sich Therese Neumann bei der Abwehr des Verehrers noch tapferer, noch starker gefühlt; denn dieser schreibt: "Stark, wie sie ist, hat sie einen zudringlichen Bewerber regelrecht durchgeprügelt und ihm gehörig heimgeleuchtet" (7).

Was ist Dichtung und was ist Wahrheit? Diese Frage taucht immer wieder auf, wenn man die Lobeshymnen auf Therese Neumann vernimmt. Insbesondere während des Nazireiches machten angebliche Prophezeiungen aus ihrem Munde über kommende Ereignisse die Runde. In Wirklichkeit wußte sie nicht mehr als irgendein anderer Mensch. Ebenso wird ihr nachgerühmt ein seltenes Maß an Weitsicht und persönlichem Mut. Ein höherer Geistlicher soll eines Tages versucht haben, sie zu belehren, indem er ihr erklärte, die Religion habe von den Nazis nichts zu befürchten, sondern nur von den Sozialisten und Kommunisten. "Eure Bischöfliche Gnaden", so erklärte ihm kurzerhand Therese Neumann, "sind vollkommen im Irrtum."

Was ist Wahrheit? Boniface, dem wir die erwähnte Äußerung verdanken (8), weiß von einem Brief, den Therese noch dem Anschluß von Österreich an Kardinal Innitzer von Wien geschrieben haben soll. Der Kardinal habe geglaubt, man könne mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiten. Therese soll ihn brieflich eines Besseren belehrt und ihm vorgeworfen haben, "er habe damit der Religion und Kirche keinen guten Dienst erwiesen." - Wem Boniface sein Wissen verdankt, verrät er nicht. Wahrscheinlich hat er bei seinem Besuch in Konnersreuth im Jahre 1955 davon erfahren. Wäre der Brief geschrieben worden, so müßte man das Unterfangen als Unverfrorenheit bezeichnen. Aber keine Sorge, es handelt sich um eine Fabel.

In den Bereich der Märchen gehört auch die folgende Behauptung von Boniface (9): Bei allen Abstimmungen während des Nazireiches habe Therese ganz offen ihre Ablehnung bekundet. Eines Tages habe sie beschlossen, nicht zur Abstimmung zu gehen "mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand". Aber die SS habe sie im Kraftwagen holen lassen. Sie habe dann vor deren Augen ihren Stimmzettel ausgefüllt, ihnen denselben vor die Nase gehalten, und zum Erstaunen aller Anwesenden gerufen:

"Bitte, meine Herren von der SS, überzeugen Sie sich, daß hier ,Nein' steht!" - Kann sonst jemand außer der Familie Neumann die Quelle dieser Erzählung gewesen sein? Daß die SS in Konnersreuth Zubringerdienste geleistet hat, möglich wäre es. Sicher aber ist unrichtig, daß Therese vor deren Augen den Stimmzettel im Wahllokal ausgefüllt hat. Den Zeugen für so viel Schneid müßte man erst finden.

Ganz so groß kann ihre Tapferkeit nicht gewesen sein; sonst wäre sie nicht so sehr erschrocken, als sie, aus der Ekstase erwacht, an ihrem Bett "zwei Gendarmen" stehen sah (10). Durch ihren Anblick soll sie einen derartigen Schock erlitten haben, daß sie längere Zeit von nervösen Störungen geplagt wurde, die sie schon aufschreien ließen, wenn nur eine Türe zufiel. Auch in der Kirche kam das vor. Darum bat Therese den Heiland um Befreiung von dem peinlichen Übel. Die Bitte wurde erhört.

Mehr als ein Märchen kann auch nicht sein, daß der Gauleiter durch einen Offizier über "das körperliche Wohl von Therese Neumann" gewacht und daß Hitler selber ihr "einen indirekten Schutz" gewährt habe, ihr, der "offen auftretenden Gegnerin". Boniface bezeichnet es als "Wahrheit daß Hitler eine geheimnisvolle Angst vor Therese Neumann hatte, über deren Leben er sich genauestens unterrichten ließ" (11).

Man kann nicht ohne ein peinliches Gefühl lesen, wenn Gerlich und Boniface schreiben, daß Gott Gegner der Therese offensichtlich gestraft habe. Im Wirtshaus von Konnersreuth habe ein Bauernknecht sich geäußert, er müsse erst verrückt werden, ehe er an die Visionen der Therese Neumann glaube. Nach vier Tagen habe man ihm eine Zwangsjacke anlegen müssen, da er tobsüchtig geworden sei (12). - Eine Lehrerin, die sich in Konnersreuth als Denunziantin betätigt habe, sei bald nach Kriegsende mit völliger Blindheit geschlagen worden (13). - Wer sich solche Urteile anmaßt, handelt unchristlich.

Teodorowicz versichert (14): "Wie ich mich öfters überzeugen konnte, ist Therese frei von jeder Überhebung, ja selbst von der Überzeugung, sie sei ein Werkzeug des Heilandes, durch welches er spricht." Er hat ihr einmal vorgehalten, sie sei nunmehr so berühmt, die ganze Welt spreche von ihr. Da habe sie lächelnd geantwortet: "Eh! Was! Die einen loben mich und die anderen nennen mich eine Schwindlerin; ich achte aber weder auf das eine, noch auf das andere; denn es führt ja nicht zu Gott" (15). Therese selber beurteilt sich so: "Man muß unterscheiden zwischen kindlich und kindisch; ich bin nicht kindisch, sondern kindlich" (16).

Aus den veröffentlichten Äußerungen der Therese Neumann, namentlich aus ihren Briefen, läßt sich leicht beweisen, wie sehr sie überzeugt war, ein auserlesenes Werkzeug des Heilandes zu sein. Mit bestem Willen findet man keinen heroischen Grad von Demut. Aber oft stößt man auf eine krankhafte Geltungssucht, die sich freilich in das Gewand der Demut kleidet.

Im Brief vom 22. Februar 1937 an Professor Wutz beruft sie sich darauf, daß sie in den vergangenen zehn Jahren für den Heiland und die Kirche gelitten, gearbeitet und geblutet habe. Dafür werde ihr nunmehr der Ausschluß aus der Kirche angedroht. Im gleichen Briefe beschwert sie sich über das "immerwährende Quälen" die zehn Jahre hindurch. - Wer hat sie denn je gequält, sie, die sonst so unglaublich leidensfreudig war, daß sie zu ihren vielgesichtigen Krankheiten hinzu noch für eine Unmenge anderer Leiden freiwillig bis in "Todesgefahr" auf sich nahm? Die Qual, über die sie sich beschwert, bestand darin, daß von ihr Bereitschaft zu einer klinischen Beobachtung verlangt wurde. Man hat den Eindruck, daß sie lieber die Exkommunikation in Kauf genommen hatte als einer Untersuchung zuzustimmen. Die Qual, von der sie spricht, bestand auch darin, daß man es gewagt hat, nicht an sie zu "glauben". Dabei sah sie selber ihre Lebensaufgabe im Kreuztragen, wie sie dem Erzbischof Teodorowicz versicherte (17): "Meine Mission ist das Leiden."

Für Menschen, die ihr nicht zu Gesichte standen, fand sie keine guten Worte. So bezeichnet sie den Freiburger Nervenarzt Dr. Eduard Aigner, der dreimal bei ihr in Konnersreuth war und bei dem man gehofft hatte, man werde ähnlich wie bei Fritz Gerlich aus einem Saulus einen Paulus machen, als einen Monisten. Sie meint von ihm: "Er glaubt an keinen persönlichen Gott! Er betet die Natur an; die Natur ist ihm Gott" (18). Ein andermal urteilt sie Ober ihn: "Er will ja die Wahrheit gar nicht. Und wenn einer nicht will, kann man nichts machen. Der glaubt nicht an den Heiland und jetzt glaubt er nicht einmal mehr an Gottvater. Als kleines Kind war er schon katholisch, aber das ist lang her" (19). Wenig schmeichelhaft bezeichnet sie den Arzt als scheinheilig (20). All diese Äußerungen zu verschiedenen Zeiten machen ihre Enttäuschung kund; aus Saulus wurde kein Paulus. Darum wurde er auch in Konnersreuth nicht mehr vorgelassen.

Dr. Aigner hat sich selbst als "gottgläubig" bezeichnet. Wie weit die Angaben der Stigmatisierten von Konnersreuth zutreffen, läßt sich nicht mehr nachprüfen. Offenbar soll durch die Bemerkungen über seine religiöse Einstellung die Verweisung aus Konnersreuth begründet werden. Freilich wäre es Aigner auch dann nicht anders ergangen, wenn er als überzeugter Christ gewagt hätte, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Andere Männer wurden genauso abgewiesen wie der Freiburger Neurologe, gläubige Ärzte und Theologen.

Scheinheilig nennt Therese Dr. Aigner. Das war sie eher als der Arzt. Bekanntlich hat sie sich nachts längere Zeit in der Kirche aufgehalten. Boniface überliefert (21), sie habe sich um Mitternacht "immer" in die Kirche begeben, um eine Anbetungsstunde zu halten. Hierzu verfügte sie über einen Sakristeischlüssel, so daß sie jederzeit Zutritt finden konnte. Natürlich war dies dem Pfarrer wohlbekannt.

Nun berichtet Rößler von einem Erlebnis während einer Mahlzeit bei Pfarrer Naber, wobei Therese die Bedienung übernommen hatte. Beim Gespräch erwähnte Rößler so nebenbei, er sei des Nachts an der Sakristeitüre vorbeigekommen und habe dort den Schlüssel stecken sehen, obwohl Sakristei und Kirche im Dunkel lagen. "Sofort blickte der Pfarrer fragend die Resl an. Wie auf Abwegen erwischt, spielte diese den armen Sünder: Muß ich's sagen?' - ja, nur 'raus mit der Sprache!' - Also des war halt i!"' Der Pfarrer bohrte mit den Fragen weiter, und so stellt sich heraus, daß sie nachts von 11 Uhr ab mehrere Stunden in der Kirche gewesen war, vorne am Hochaltar gesessen und zum Tabernakel hinübergeschaut hatte" (22).

Läßt man nachts außen an einer Kirche ohne Absicht einen Schlüssel stecken? Der Pfarrer war genau im Bilde. Warum führen beide, er und Therese, eine Komödie auf? Etwas anderes ist es nicht.

Noch weit bedenklicher bei Therese Neumann erscheint der Mangel an wahrer Nächstenliebe; von Feindesliebe findet man sowieso keine Spur. "Manches ist da", sagt Professor Wunderle, "was nicht gut ist, insbesondere die Duldung der ungeheuren Lieblosigkeit, mit der alle Zweifler und alle gutwilligen Gegner - zu letzteren rechne auch ich mich - überschüttet werden."

Ähnlich erging es Dr. Deutsch, der immer wieder darauf gedrängt hatte, daß die angeblichen Wunder, insbesondere die Wundmale, sowie Nahrungs- und Ausscheidungslosigkeit so geprüft würden, wie es die Regeln der Naturwissenschaft immer und unter allen Umständen forderten. Dafür wurde er in der übelsten Weise angegriffen. Auf die Anfeindungen, so äußerte er sich, könne er nicht in gleichem Tone antworten. "So roh kann ein gebildeter Mann gar nicht werden, um gegen solche Schimpftiraden angehen zu können" (23).

Mehr als einer, der diese Lieblosigkeit zu spüren bekam, hat es vorgezogen zu schweigen.

Eine auffallende Abneigung äußerte Therese Neumann gegen die Vertreter der Wissenschaft, sobald sie auch nur den geringsten Zweifel ihrer Person gegenüber spürte. Da machte sie keinen Unterschied, ob einer Arzt oder Theologe war oder sonst einen Beruf ausübte. Dies verschweigt nicht einmal ein begeisterter Anhänger wie Teodorowicz (24); er merkt aber offenbar nicht die Widersprüche. "Wenn aber", so sagt er, "ihrer Überzeugung nach keine ehrliche Absicht in bezug auf die Konnersreuther Vorgänge vorliegt, wird sie streng und hart, unerbittlich hart gegen Zweifler, wie auch gegen solche, die an diese Vorgänge glauben. Sie behandelt solche Leute mit Widerwillen." - Was versteht wohl Teodorowicz unter "ehrlicher Absicht"? Darf eine Heilige aufrechte und aufrichtige Männer, wie Professor Wunderle, Dr. Deutsch, Dr. Ewald und andere, mit Widerwillen behandeln? So etwas sagt Teodorowicz, der das "seltene Ebenmaß der guten Eigenschaften" preist, die "nach allein Seiten hin ihre Strahlen senden"!

Eine Art der "Wissenschaft" freilich hat auch Therese Neumann gelobt, wie wiederum Teodorowicz weiß (25): "Aus den Gesprächen, die wir, Bischof Lisowski und ich, mit Therese Neumann führten, läßt sich zur Genüge schließen, wie sie die Wissenschaft hochschätzt und die Bedeutung der Wissenschaft für Kirche und Glauben anerkennt."

Ja gewiß, diese Wissenschaft, welche sie in Schutz nahm, die hat sie sehr hoch eingeschätzt. Darum war sie auch dem Erzbischof so zugetan. In einer Unterredung meinte dieser "wie von ungefähr": "Denken Sie, daß ich ihretwegen Gewissensbisse erleide!" "Wieso?" fragte Therese erstaunt. Teodorowicz meinte: "Ja, ich habe meiner Lebensaufgabe beinahe 3 Jahre geraubt, wozu ich nicht das Recht hatte, und zwar, um diese Zeit Konnersreuth und Therese Neumann zu opfern." Aber da verbesserte Therese "allsogleich lächelnd": "Aber nicht Konnersreuth und Therese Neumann, sondern dem Heiland und den Seelen" (26).

Sie hat die Wissenschaft hochgeschätzt beteuert Teodorowicz. Zu Professor Killermann hat sie anders gesprochen: "Auf die Wissenschaft kommt es nicht an; da wird nicht eine Seele bekehrt; großenteils ist die Wissenschaft ungläubig - der Heiland hat's gesagt."

Gegnern von Konnersreuth wurde übel mitgespielt. Man mag einwenden, Therese Neumann treffe keine Schuld an der Kampfmethode, von der beispielsweise Wunderle und Deutsch sprechen. Aber dem ist nicht so; man kann sie nicht schuldlos sprechen. Keiner von denen, aber auch nicht einer, die ihre Bedenken und Zweifel zu äußern wagten, haben je erlebt, daß sie von Therese gegen ungerechte persönliche Angriffe in Schutz genommen worden wären. Aber sie hat nicht bloß gewähren lassen; sie hat "Nichtgläubigen" deutlich genug ihre Abneigung erkennen lassen; sie hat mitgemischt, und nicht bloß im Hintergrund. Die mildeste Form ihrer Ablehnung von Gegnern war die Bemerkung, sie wolle mit diesem oder jenem nichts zu tun haben, der glaube nicht an sie. Erst recht vermißt man eine ernste Bereitwilligkeit, wirkliches Unrecht zu ertragen; sie ertrug ja nicht einmal gut gemeinte und berechtigte Kritik, außer vielleicht von der Seite, die ihr ergeben war.

Professor Wunderle wurde namentlich von Gerlich, dem erklärten Freund der Familie Neumann, der Zutritt hatte, wann immer er wollte, in unverantwortlicher Weise persönlich angefeindet. In einer Stellungnahme dazu vom 17. Mai 1931 fragt Wunderle am Schluß: "Kennt und billigt Therese Neumann ein derartiges Verfahren in ihrer Verteidigung? Wie weit ist sie mit der Polemik Gerlichs und des Konnersreuther Kreises einverstanden?" (27).

In ähnlichem Sinn drückt sich Professor Mager aus (28): "Wenn Therese Neumann die Art des Dr. Gerlich billigt und ihn als Anwalt ihrer Angelegenheit betrachtet, dann spricht Christus bestimmt nicht aus ihr." - Sie hat die persönliche Polemik nicht verurteilt, sie hat sie gebilligt.

Wie Therese Neumann und der Kreis um sie Gegnern gegenüber verfahren Sind, die nicht einfach blindlings glaubten, dafür ist ein sprechendes Beispiel Professor Wunderle. Er war dreimal in Konnersreuth, am 11. Juli 1926, am 29./30. Juli des gleichen Jahres und am 28./29. Juli 1927. Ein weiterer Besuch würde ihm unmöglich gemacht. Er hatte es gewagt, in Wort und Schrift seine Zweifel, in einwandfreier Form, anzumelden. Das hat man ihm nie verziehen. Therese selber und ihre Eltern haben ihm das sehr verübelt und vor allem ihr Verteidiger Fritz Gerlich hat ihn in liebloser Weise angegriffen. Daß Pfarrer Naber Privatbriefe, die ihm Wunderle geschrieben hatte, zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat, rundet das Bild nur ab.

Beim ersten Besuch Wunderles bewegte sich die Aussprache mit Therese Neumann in normalen Bahnen. Kurz darauf, am 21. Juli 1926, verfaßte der Professor einen Bericht über seine Eindrücke in Konnersreuth. Er betont dabei, daß er einen halben Nachmittag mit dem Ortspfarrer und der Stigmatisierten "in offenster Aussprache alles Wichtige an seelischen und körperlichen Vorgängen bereden durfte".

Auf Einladung des Pfarrers kam kurz nach dem ersten Besuch Wunderle wieder nach Konnersreuth, am 29.Juli 1926. Er hatte Gelegenheit, unter vier Augen mit Therese Neumann zu sprechen. Am Tag darauf war er auch Zeuge des Freitagleidens. Über die Unterredung mit Therese veröffentlichte er dann am 1.September 1926 einen Aufsatz. Als seine Stellungnahme zu den Ereignissen bekannt wurde, griff ihn namentlich Pfarrer Witt in scharfer Form an.

Im Frühjahr 1927 gab Wunderle einen Aufsatz über Konnersreuth heraus, mit dessen Inhalt der Konnersreuther Kreis durchaus nicht einverstanden war. Insbesondere bezeichnete man seine Darstellung über den Unglücksfall vom 10.Marz 1918 und die anschließenden Ereignisse als unrichtig, obwohl Wunderle sich auf die Auskünfte berufen konnte, die ihm Therese selber gegeben hatte. Den Unwillen der Familie Neumann hatte auch erregt, daß der Professor beim zweiten Besuch die Seitenwunde der Therese angesehen hatte. Die künstliche Aufregung darüber erscheint allerdings erst sehr spät nach den Ereignissen, als man eben Gründe gegen Wunderle brauchte. Wir erinnern uns an ein ähnliches Vorgehen, als es galt, Gründe gegen die Einweisung in eine Klinik zu finden. Die Verbitterung erreichte ihren Höhepunkt, als Wunderle am 27. Juni 1930 auf dem internationalen religionspsychologischen Kongreß in Erfurt einen Vortrag hielt mit dem Thema: "Die Stigmatisierte von Konnersreuth."

Bereits in der Diskussion nach der Rede hat Gerlich den Professor in so übler Weise persönlich angegriffen, daß sogar ein Mann, der Konnersreuth nach seinen eigenen Worten nahestand, für ihn entschieden eingetreten ist, nämlich Professor Mager von Salzburg. Mit beiden Professoren hat sich dann Gerlich in einer Kampfschrift auseinandergesetzt (29). Er hat den Versuch unternommen, Wunderles Berichterstattung als völlig falsch hinzustellen. Hauptzeuge und Berichterstatterin dafür war Therese Neumann. Zur Information hielt sich Gerlich wiederholt in Konnersreuth auf. Therese, die er in normalem Wachzustand und in der Ekstase befragte, gab ihm den gewünschten Aufschluß und zeichnete jetzt, aus der Sicht der Abwehr des Feindes, ein Bild über die verschiedenen Besuche Wunderles, wie es dem tatsächlichen Geschehen nicht entspricht. In ihrer Berichterstattung weicht sie offensichtlich und im Widerspruch zu den Versicherungen Wunderles vom wahren Sachverhalt ab. Man gewinnt dabei einen unschönen Eindruck sowohl über ihre Wahrheitsliebe wie auch über ihre Liebe zum Nächsten.

Im Gegensatz zu den Darstellungen Wunderles schildert nun Therese den Verlauf des ersten Besuches (30): Die Unterhaltung im Beisein des Pfarrers sei eine gemütliche Plauderei gewesen. Sie habe jedoch kein rechtes Vertrauen zu Professor Wunderle gehabt; er habe sie so merkwürdig angeschaut, sie wisse nicht, wie. Er habe sie ausgeforscht. Von ihrer Krankheit habe sie damals nichts erzählt; möglicherweise seien vom Pfarrer "ganz allgemeine Bemerkungen" gemacht worden. Das Gespräch habe "nicht sehr lange" gedauert. Im Pfarrhof sei vom Professor die Handwunde angeschaut worden, wahrscheinlich auch die Fußwunde. Sie könne sich nicht erinnern, ob über die Entstehung der Wunden gesprochen worden sei; jedenfalls sei kein Wort über ihre Stellung zum Heiland gefallen. Im Elternhaus habe man sich nicht weiter über ihre Angelegenheiten unterhalten; Wunderle habe es eilig gehabt und sei wieder fortgefahren. - Dem, was Wunderle niedergeschrieben hatte, wird also so ziemlich in allen Punkten widersprochen.

Nun folgt Gerlichs Bericht über den zweiten Besuch des Professors am 29./30. Juli 1926, gemäß der Schilderung durch Therese Neumann: Diesmal sei anwesend gewesen außer Pfarrer Naber Professor Fischer von Bamberg; später sei. Dr. Seidl hinzugekommen. Am Freitag war auch Pralät Geiger von Bamberg zugegen. Bei der Unterredung sei ihr "unheimlich zumute" gewesen. "Es war so, wie wenn die nichts Aufrichtiges mit mir vorhatten. Wie wenn sie glaubten, ich wäre nicht, wie ich sein soll. Ich kam mir so hilflos vor ... Ich habe ganz wenig damit geplaudert. Professor Wunderle war mir nicht sympathisch. Er hat ungefähr so dreingeschaut: ,Ich versteh' etwas, da komm' ich jetzt.' Am liebsten hatte ich gesagt: Ich möcht' ,raus. Ja, noch mehr." Als Dr. Seidl angekommen sei, hätten die übrigen das Zimmer verlassen müssen. Dr. Seidl habe dann eine Pinzette genommen. Diese sei ihm zu Boden gefallen, weshalb er geflucht habe, was ihm von ihr verwiesen worden sei. Die Pinzette sei ihm ein zweites Mal heruntergefallen. "Er hat in die Wunde der linken Hand hineingestochen. Da sei ihr übel geworden und sie habe Herzbeschwerden bekommen. Dann seien die übrigen wieder hereingekommen. Sie habe erklärt: Ich halte es unbedingt nicht mehr aus!" Und sie habe gebeten, sich entfernen zu dürfen. Professor Fischer habe Seidl einen Schinder genannt. Prof. Wunderle habe sie in Gegenwart der Herren "etwas über ihre Krankheit" erzählt. Die Krankheitsgeschichte, wie sie Wunderle dargestellt habe, sei nicht richtig.

Ober die Ereignisse am Freitag, dem 30. Juli, könne Therese selber keinen Bericht geben, da sie an dem Tag in Ekstase gewesen sei. Dafür stützt sich hier Gerlich auf die Aussage ihrer Angehörigen. Wunderle habe gewünscht, die Seitenwunde zu sehen. Aus diesem Grunde verließen alle das Zimmer; nur der Arzt blieb. Dieser entblößte die Seitenwunde, bedeckte aber die Umgebung derselben so, daß nur die Wunde selber frei lag. Daraufhin wurden die übrigen wieder hereingelassen. "Es sei alles geziemend zugegangen."

Die folgende Schilderung verdankt Gerlich wieder Therese Neumann unmittelbar, welche sich darauf berief, daß sie ihr Wissen von ihren Angehörigen erhalten habe: Die Eltern hätten die Herzwunde noch nie gesehen und hätten diese zu sehen auch nie verlangt. Ober die Besichtigung ihrer Seitenwunde habe sich Therese sehr geärgert. "Das hat mich sehr gekränkt, und kränkt mich heute noch. Das wäre doch strafbar, wenn der Mensch machtlos ist, einfach da hergehen und die Wunde anschauen!" Der Pfarrer habe gemeint: "Wir müssen das zulassen, sonst werden wir beim Bischof verklagt, daß wir etwas verhindern." Die Eitern seien "furchtbar zornig" geworden über dieses Vorgehen (31).

Gegen diese Art der Berichterstattung ist manches einzuwenden. Zweifellos hatte sich niemand künstlich aufgeregt, falls Wunderle zu den "Gläubigen" sich bekannt hätte. Zudem kam die Empörung reichlich spät. Wozu auch eine Aufregung, wenn zugegeben werden mußte, daß alles geziemend zugegangen ist? Die Wunde befand sich unmittelbar neben dem Brustbein. Sollten die Anwesenden, Pfarrer Naber, Dr. Seidl, Professor Fischer, Dompfarrer Geiger aus Bamberg und Professor Wunderle polizeiwidrig gehandelt haben?

Die Eltern sollen furchtbar zornig geworden sein; sie sollen die Seitenwunde noch nie gesehen haben! Wer kann so etwas glauben? Was müßten das für prüde Menschen gewesen sein, ausgesprochene Skrupulanten!

Therese Neumann kam am 9. April 1898 zur Weit. Die Eltern wurden am 14. Februar 1898 kirchlich getraut, also kaum 8 Wochen vor der Geburt ihrer Tochter Therese. Diese wird immer als das älteste Kind ihrer Eltern bezeichnet. Es stimmt nicht. Boniface schreibt (32): "Vor ihr hatten die Eltern einen kleinen Jungen, der nur einige Stunden lebte; sie haben Therese nie von ihm erzählt, bis sie ihn eines Tages in einem Gesicht erblickte und dann mit Fragen über ihn zu ihnen kam." - Die Geschichte mit dem Gesicht kann man ruhig zu den üblichen Märchen rechnen. Das verstorbene uneheliche Kind muß 1897 geboren worden sein. Im November des gleichen Jahres kam noch ein Kind zur Weit, dessen Vater Ferdinand Neumann war. - Bei solcher Sachlage will man glauben machen, daß die Eltern, insbesondere der Vater, so prüde gewesen seien?

Ober den 3. Besuch am 28./29. Juli 1927 äußert sich Professor Wunderle in einem Brief vom 24. Juli 1930 (33). In einem Privatgespräch habe er sich mindestens 3/4 Stunden lang mit Therese Neumann unterhalten. Diese sei "durchaus freundlich und lieb" gewesen. Sie habe ihm freilich mitgeteilt, daß ihre Eltern, namentlich der Vater, ungehalten über ihn seien. Es sei auch richtig, daß der Vater unhöflich war, aber die Türe habe er ihm entgegen anderslautenden Berichten nicht gewiesen. Der zweite Punkt der Unterhaltung sei eine Beurteilung von Dr. Ewald gewesen. Im Zwiegespräch kam Wunderle auch auf die überraschende Beurteilung des Judaskusses zu reden. Therese hielt nämlich den Verräter, namentlich während der Ekstasen, für einen Freund Jesu. So schaute sie am Fronleichnamsfest, dem 4. Juni 1931, die Fußwaschung und Einsetzung des Altarsakramentes. Dabei betonte Therese ausdrücklich, "wie der Heiland zu Judas bei der Fußwaschung so liebevoll gesprochen" habe (34).

Hören wir, was Therese dazu zu sagen hat: Wunderle habe "etwas eigenartig" geredet. "Ich habe ihn mit Fleiß ziemlich kühl behandelt, weil ich ihn nicht recht mochte. Vielleicht war es beim Heiland ein Fehler, aber ich habe ihn halt nicht mögen." Sie habe ihm Vorwürfe gemacht: "Überhaupt, schauen Sie, wie verdreht Sie die erste Auflage gemacht! Damit ist dem Heiland nicht gedient. Überhaupt, jetzt, scheint es, jetzt soll wieder etwas Neues gemacht werden, eine neue Auflage." Das Gespräch habe für eine kurze Zeit eine sehr scharfe Wendung gegen Wunderle genommen. Vom Gebetsleben und ähnlichen Dingen sei bei dieser Besprechung keine Rede gewesen. "Die Unterhaltung habe höchstens 10 Minuten gedauert ... Ober den Judaskuß habe sie ihm nichts gesagt." - Damit wendet sie sich gegen Wunderle, der unter Hinweis auf eine mindestens dreiviertelstündige Unterredung über ihr intimes seelisches Leben gesprochen haben will. Weiter leugnet sie, über den Judaskuß gesprochen zu haben. - Wer sagt die Wahrheit?

Der Besuch vom 28./29. Juli 1927 war der letzte für Professor Wunderle. Man hat es ihm unmöglich gemacht, weitere Beobachtungen in Konnersreuth zu machen. Kann man sagen, Therese Neumann habe die Form, wie Gerlich gekämpft hat, nicht gutgeheißen, wo sie so fleißig mitgemischt hat?

Nicht besser wie Professor Wunderle erging es Professor Mager (35). Er war am 1. und 2. März 1928 in Begleitung seines Ordensmitbruders P. Staudinger in Konnersreuth. Seine Erfahrungen veröffentlichte er in der "Benediktinischen Monatsschrift". Er hat später Professor Wunderle gegen ungerechte persönliche Angriffe mannhaft verteidigt. Sein Eintreten für Professor Wunderle ärgerte Gerlich nicht wenig. Darum richtet sich sein Angriff in seiner Streitschrift auch gegen ihn. Wie im Falle Wunderle, so begab sich Gerlich auch jetzt zur Information nach Konnersreuth und befragte Therese. Was sie ihm über den Besuch Magers sagte, war für ihn Wahrheit; was Mager schrieb, war also Lüge.

Im einzelnen warf Gerlich Professor Mager vor:

  1. Die Darstellung seines Besuches entspreche nicht dem wirklichen Geschehen.
  2. Er habe nur eine einzige Unterredung mit Therese Neumann gehabt.
  3. Er habe mit ihr "fast nichts" gesprochen.
  4. Von dem für die Beurteilung des Falles so hoch bedeutsamen erhobenen Ruhe-
  5. zustand habe er keine Kenntnis genommen.
  6. Den erhobenen Ruhezustand, wie nunmehr, habe es damals noch nicht gegeben.

In einem Brief vom 15. Mai 1931 an Gerlich widerlegt Mager die Vorwürfe Punkt für Punkt. Unter Berufung auf seinen Mitbruder P. Staudinger, der sich bereit erklärt hatte, alles unter Eid auszusagen, behauptete er mit aller Bestimmtheit und Entschiedenheit:

  1. Der von ihm veröffentlichte Bericht entspreche vollkommen dem wirklichen Geschehen.
  2. Er habe nicht bloß eine Unterredung mit Therese Neumann gehabt, sondern außer am 1. März auch am Freitag, dem 2. März, und zwar allein während ihres Zustandes der Freitagsekstasen. Er und sein Mitbruder hätten auch während der Freitagsekstasen miterlebt, was Pfarrer Naber mit Therese Neumann an Zwiegesprächen geführt habe.
  3. Er und sein Mitbruder hatten mit Therese wenigstens eine Stunde lang gesprochen, als sie in jenem Zustand gewesen sei, den Pfarrer Naber als erhobenen Ruhezustand bezeichne. - Er habe später wiederholt Versuche unternommen, gerade jenes Zustandes wegen wieder nach Konnersreuth zu kommen; er und sein Mitbruder hatten wiederholt an Pfarrer Naber geschrieben; beide seien jedoch ohne Antwort geblieben. P. Staudinger sei noch zweimal in Konnersreuth gewesen; aber beide Male sei seine Bitte, Therese Neumann im Zustand der erhobenen Ruhe zu sprechen, abgeschlagen worden. Dem Laien und Nichtkatholiken Gerlich habe man nie die geringsten Schwierigkeiten gemacht.

Zum Schluß erklärt Mager: "Können Sie ... nach diesen Feststellungen erwarten, daß mein Vertrauen auf Ihre und Ihrer Gewährsleute Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit gestärkt wurde?" - Der Vorwurf trifft niemand anders mehr als Therese Neurnann, die Gerlich wahrheitswidrig informiert hatte. Was ist von der Auskunft des "Heilandes" während der Ekstase zu halten?

Was tat nun Gerlich? Er legte den Brief Magers Therese Neumann vor und teilte dann dem Professor am 23. Mai 1931 mit was sie zu seinen Angaben zu sagen wußte:

  1. Therese habe im wesentlichen nur mit P. Staudinger gesprochen, weil Mager der Dialekt der Therese große Schwierigkeiten bereitet habe. Sie hätte Gerlich wiederholt und vor Zeugen zu dem Brief vom 15. Mai versichert, sie habe fast nichts' mit Professor Mager gesprochen. Dieser habe die mit dem Ohr aufgenommenen Worte der Therese dem Sinne nach nicht vollständig verstanden. "Das ausgezeichnete Gedächtnis der Therese Neumann und ihre außergewöhnliche Gewissenhaftigkeit in ihren Angaben Ober ein Geschehnis haben sich also auch hier wieder herausgestellt", meint Gerlich.
  2. Mager habe von den Reden der Therese nur verstanden, was Pfarrer Naber hochdeutsch verdolmetscht habe. Der Professor habe nur unmittelbar jenes Gespräch verstanden, das ihm "vom Heiland" gewährt worden sei, "in welchem er die im erhobenen Zustand befindliche Therese Neumann als irdisches Werkzeug benützt." Gerlich betont daß die Auskunft der Therese Neumann absolut richtig sei; denn er habe ihr seine Fragen im erhobenen Ruhezustand vorgelegt. Hier habe sie ihm genau den Verlauf des Gespräches geschildert und habe auch darüber Aufschluß gegeben, was der Professor von dem verstanden habe, was der "Heiland" mit ihm gesprochen habe. - Das heißt also: Der Heiland hat die Darstellung, wie sie Professor Mager gegeben hat, widerlegt!

Man kann hier, im Falle Wunderle und Mager, nur eine Frage stellen: Wenn die Schilderungen so einander widersprechen, kann lediglich eine Partei die Wahrheit gesagt haben, entweder Wunderie und Mager oder Therese Neumann. Also: Wer hat gelogen?

Wenn Boniface recht hat, dann war eine Grundtugend der Therese Neumann ihre unbedingte Wahrheitsliebe. In der Schule schon sei sie ihrem Lehrer, ihrem Pfarrer und auch ihren Eltern besonders aufgefallen "durch eine unüberwindliche Abneigung vor der Lüge, eine Abneigung, die zum Teil als überspannt empfunden wurde." Schon, was wir bisher gehört haben, macht diese Angabe nicht glaubwürdig.

Waren Thereses Beteuerungen wahr, dann müßte sie tatsächlich anders veranlagt gewesen sein wie die übrigen Kinder; ein Märchenalter wäre ihr fremd geblieben. Märchen habe sie nämlich, wie Gerlich schreibt (36), nie hören mögen. Schon im ersten Schuljahr sei es ihr fremd vorgekommen, wenn die Lehrerin Märchen erzählte; sie habe sich dabei gedacht: "Was wird denn dies für eine Lüg' gewesen sein?" Ihm selber habe sie lebhaft versichert, sie habe nie "etwas Zusammengedichtetes gelesen, wie Romane oder Kalendergeschichten".

Die bedingungslose Wahrheitsliebe der Therese Neumann bestätigte ihre ehemalige Lehrerin. Sie erinnerte sich, einmal die Fabel vom Fuchs und den Trauben erzählt zu haben. Da sei die kleine Therese ganz entrüstet' aufgestanden und habe gerufen: "Aber Fräulein Lehrerin, das ist doch gelogen! Ein Tier kann doch nicht reden!" - Die übrigen Kinder haben das natürlich auch gewußt.

Wenn Gerlich schreibt: "Wir müssen bei Hysterischen an eine seelische Veranlagung denken, die aus krankhaftem Geltungsdrang erfahrungsgemäß auch zu Lüge und Betrug greift", so urteilt er richtig. Er hatte das auf Therese Neumann anwenden können.

Es ist ein großes Wort, das Therese Neumann dem Erzbischof Teodorowicz gegenüber ausgesprochen hat (37): "Man hat uns zu Hause so streng zur Wahrheit angehalten, daß ich nie in meinem Leben gelogen habe." Ein Eigenlob, das von den Tatsachen widerlegt wird.

Wie steht es mit ihrer Wahrheitsliebe? Wieder beschäftigt uns die Frage. Da berichtet Gerlich (38) über ihre Kinderzeit. Ihr Vater sei sehr streng gewesen. Wenn er von seinem Platz von der Empore in der Kirche aus bemerkt habe, daß eines seiner Kinder beim Gottesdienst schwätzte, so mußte der Ruhestörer zu Hause "auf Holzscheiten knien und den Rosenkranz beten". "Therese erzählt, daß ihre jüngeren Schwestern Anna und Ottilie öfters dieser Strafe verfielen, Marie und sie selbst aber nicht."

Was hier Therese sagt, klingt anders als ein späteres Bekenntnis, von dem Teodorowicz zu berichten weiß (39): "Der Ortspfarrer erzählte mir. ... , daß sie sich in der Kirche umsieht und so schwatzhaft ist, daß die Eltern sie zur Strafe auf kantigem Holz knien lassen, wie mir Therese selbst lächelnd erzählte." - Kann beides die Wahrheit sein?

Boniface lobt Therese bei seinem Bericht über ihre Kindheit: "Ihre starke Frömmigkeit fiel allgemein auf. Besonders beobachtete man, daß sie die Leidensgeschichte, trotz aller Bemühungen sich zu beherrschen, nicht anhören konnte, ohne zu weinen." Gerlich zeichnet ein anderes Bild (40): "Therese Neumann zeigte noch übereinstimmenden Angaben - auch denen ihres Seelenführers Pfarrer Naber - niemals ein über die gewohnte Frömmigkeit der überzeugten Katholiken hinausgehendes religiöses Verhalten." - Wieder: Wer hat recht?

Wenn Therese erzählt, daß die Rebhühner und Hasen zutraulich herangekommen seien, wenn man sie fütterte (41), so ist das nicht Tatsache, sondern höchstens kindliche Phantasie, die bei einer erwachsenen Person überwunden sein sollte.

Gerlich (42) und andere berichten von Blasen- und Mastdarmstörungen, die sich bei Therese Neumann nach einem Fall von der Kellerstiege eingestellt hätten. Sie konnte von da ab die Ausscheidungen nicht mehr zurückhalten und verunreinigte die Leib und Bettwäsche. "Weil sie sich noch der üblichen Art junger Mädchen dessen außerordentlich schämte, ließ Therese Neumann ihre Mutter auf dem Glauben, die jüngere Schwester, bei der freilich auch früher nie Derartiges beobachtet worden war, sei die Kranke, wahrend in Wirklichkeit der Sturz von der Kellerstiege ihr zu den übrigen Störungen auch dieses gebracht hatte." - Da hat sie doch offensichtlich ihre Mutter angelogen. Die Mutter soll den Schwindel geglaubt haben? Wie hatte Therese auch die jüngere Schwester verdächtigen können, die gesund war und nie früher das Bett verunreinigt hat? Da hätte ja die Schwester Ottilie, die damals im 16. Lebensjahr stand, einen viel größeren Heroismus gezeigt als Therese, wenn sie sich eine glatte Verdächtigung hatte gefallen lassen.

Die Zeit vom 23. April bis 10. Juni 1918 verbrachte Therese Neumann im Krankenhaus von Waldsassen. Ihre Blasen- und Mastdarmstörungen besserten sich jedoch nicht obwohl sie das Bett hüten mußte. Aber sie brachte es fertig, daß niemand von ihrem Gebrechen etwas gemerkt hat. "Die Schwestern des Krankenhauses hatten ihr eine Menstruationsunterlage gegeben, die sie unter tags im Bett behielt, nachts aber zum Trocknen im Gang aufhing, wo die Putzlumpen und mehrere derartigen Decken aufgehängt werden, wahrend sie statt deren sich einen Unterrock unterlegte." (43) - So kann es nicht gewesen sein, auch wenn Therese sich Gerlich gegenüber darüber verbürgt hat. Daß die Schwestern in einem Zeitraum von 7 Wochen nicht ein einziges Mal den Schwindel gemerkt haben sollen, ist einfach undenkbar. Zudem, wenn ein Patient sein Leiden verheimlicht, wie soll dann der Arzt heilen können? Unglaubwürdig ist auch, daß die Schwestern für die ganze Zeit eine Menstruationsunterlage gegeben hatten; Schwestern sind doch keine kleinen Kinder. Zudem war bei Therese seit dem Sturz von der Kellerstiege die Menstruation ausgeblieben; sie hatte während ihres Aufenthaltes in Waldsassen keine Menstruation (44). Also hat sie auch keine Unterlage gebraucht. Das wußten sowohl Arzt wie Schwestern.

Nach Boniface (45) war Therese früher mit einem gesunden, starken Appetit gesegnet. Weil sie nicht satt wurde, hat sie ihren ersten Aufenthalt im Krankenhaus im März und April 1918 unter dem Vorwand abgebrochen, die ihr von Dr. Göbl auferlegte Diät sei unerträglich, "trotz der vielen Zugaben, die Schwestern und Freunde ihr ins Krankenhaus brachten. Sie behauptete glatt, man wolle sie verhungern lassen". - Trotz der vielen Zugaben von Verhungernlassen sprechen, ist wider die Wahrheit.

Kann man glauben, was Therese Neumann über ihre Erstkommunion berichtet hat? Das eine Mal bekennt sie, auch beim Gottesdienst sehr schwatzhaft gewesen zu sein, später hat sie das vergessen und erklärt, eine Vision bei der Erstkommunionfeier gehabt zu haben, derentwegen sie sogar gestraft worden sei (46). Kann der Wahrheit entsprechen, was sie am 21. November 1937 an den Bischof von Regensburg geschrieben hat? Sie wirft zwei Regensburger Domherren Anstiftung zum Lügen vor. "Die beiden Domherren ... sagten mir, ich solle den Meinigen sagen, daß ich bloß eine Reise mache in die Schweiz oder irgendwohin." (47) Nie und nimmer haben diese solch einen plump-dummen Rat gegeben.

Teodorowicz sprach mit Therese auch über die geforderte klinische Untersuchung (48). Auf ihre Ausrede, der Vater gestatte diese nicht, meinte der Bischof, sie sei doch volljährig und könne selber entscheiden. Darauf erwiderte sie: "Das ist wohl richtig, ich bin großjährig; ich bin aber auf andere angewiesen und ich bin eigentlich mehr minderjährig als ein zehnjähriges Kind. Nicht einmal mein Zimmer kann ich allein aufräumen." - Wie kann man das wieder in Einklang bringen mit der Wirklichkeit? Sie vermochte Reisen zu unternehmen, nicht bloß nach Eichstätt, München, Frankfurt und Speyer und an andere Orte; sie war so reisefreudig, daß sie auch Fahrten ins Ausland mitgemacht hat.

Teodorowicz nimmt Therese auch hier in Schutz, namentlich gegen den Vorwurf, daß sie zu höchsten Würdenträgern im Kraftfahrzeug zu Besuch fuhr. Sie habe sich doch nicht selbst eingeladen; sie habe sich nicht aufgedrängt. "Sie muß also von einem der Bischöfe ausdrücklich eingeladen worden sein, und ein solcher Wunsch ist ihr Befehl." (49) - Schön, aber die Aufforderung des zuständigen Bischofs, der Bischöfe Bayerns, der römischen Kurie zu einer klinischen Beobachtung, diese Aufforderung, nicht bloß ein Wunsch, war ihr nicht Befehl; er bedeutete ihr gar nichts.

Boniface weiß, wie gerne und hart Therese gearbeitet hat (50): "Sie kennt und liebt die Feld- und Gartenarbeit, und trotz ihres Alters und trotz der schmerzhaften Stigmata gehört sie zu ihrer fast täglichen Beschäftigung. In diesem ärmlichen Ort, wo jeder durch harte Arbeit sein Brot verdient, erzählt man, daß die nunmehr 60 jährige ... es mit jedem Bauernknecht aufnimmt, der dort mehr wie anderswo durch viel Schweiß und Mühe verdienen muß. Sie fürchtet sich vor keiner Arbeit und beim Reinigen des elterlichen Kuhstalls greift sie fest zu."

Die gleiche Person soll zugleich hilflos gewesen sein wie ein zehnjähriges Kind? Sie soll nicht einmal fähig gewesen sein, ihr Zimmer aufzuräumen? Eine ausgesprochene Kraftnatur, wie sie Teodorowicz schildert (51), kann doch nicht zugleich auch ein hilfloses Kind sein? "Der Wille", so schreibt der Erzbischof, "hat bei Therese Neumann die Oberhand über ihre Gefühle und Launen. Therese Neumann ist in jeder Beziehung ein starker Typ; sie ist versessen auf alles, was der Ausdruck strotziger Kraft ist daher hatte sie auch nie weibliche Handarbeit gerne. Doch fühlt sie sich an der rechten Stelle, wenn es gilt, die Ochsen und Pferde anzuspannen und zu lenken. Ich hörte sie einmal mit freudigem Aufleuchten ihrer Augen erzählen, wie sie während eines tobenden Gewitters in der Kirche war, als der Sturm die Mauern erbeben machte und Regenschauer an die hohen Kirchenfenster rüttelte. Das Toben der entfesselten Naturkräfte war für ihr Ohr die schönste Musik." Kraftnatur und hilfloses Kind - in einer Person?

Teodorowicz rühmt auch die Wahrheitsliebe der Eltern der Therese Neumann: "Diese Leute sind so wahrheitsliebend", sagte mir der Pfarrer, "daß, wenn Therese in irgendeiner Weise die Wahrheit verletzt hatte, sie von ihren Eltern öffentlich würde angeklagt werden." (52) - Sie haben offenbar nie auch nur den Hauch einer Lüge bemerkt, weil sie ihre Tochter niemals angeklagt haben.

Kann man bei all den offensichtlichen Ungereimtheiten, dem Verdrehen der Wahrheit bis zur glatten Lüge, das Urteil von Professor Mayr verstehen: "Das ist ein Mensch, der gar nicht lügen kann. Sie war durch und durch wahrhaftig und konnte nichts weniger verstehen als Verstellung oder Verdrehung einer Wahrheit?" (53)

Bei einer hysterischen Person kreist alles um das eigene Ich. Ja, gerade ihre demütigen Beteuerungen in verschiedenen Varianten sind Ausdruck von Eigenlob und Geltungsdrang. Die veröffentlichten Berichte über Therese Neumann, namentlich ihre Briefe, sprechen eine zu deutliche Sprache. Es muß bei aufmerksamer Lektüre auffallen, wie Therese darauf aus war, daß man von ihr gehörige Notiz nahm. Gegenteilige Beteuerungen, wie sie oftmals auftauchen, sind nicht mehr als bloße Beteuerungen.

Sie macht im voraus aufmerksam, daß sich etwas Besonderes zu einer bestimmten Zeit ereignen wird; es sei nur an die Szenen mit der "unaufgelösten Hostie" erinnert. Sie ruft die Leute zu sich, um ihnen sofort zu erzählen, daß eben der Schutzengel sie entkleidet und ins Bett gebracht habe. Sie erzählt von ihren Sühneleiden oder laßt den "Heiland" selber darüber berichten. Sie berichtet von ihren Visionen "mit einer unverhohlenen Freude, nicht ohne einen Zug von Selbstgefälligkeit", wie Prof. Ewald schreibt (54). So handelt kein heroisch demütiger Mensch.

Auf ihrem Krankenlager, so berichtet Steiner (55), sprach wiederholt eine Stimme zu ihr, die ihr unter anderem Heilung versprach. Es steckt ein gutes Stück Lob für Therese drin in dem, was die "Stimme" zu verkünden wußte. Unter anderem erklärt diese: "Kein Arzt kann dir helfen. Nur durch Leiden kannst du deine Opfergesinnung und deinen Opferberuf am besten auswirken und dadurch die Priester unterstützen. Durch Leiden werden weit mehr Seelen gerettet, als durch die glänzendsten Predigten. Ich habe so früher schon geschrieben." - Wer war dieses "ich", das schon früher geschrieben hat? Pfarrer Naber und sein Benefiziat Härtl suchten und fanden: "Die letzten Worte fanden sich in der von der hl. Theresia verfaßten ,Geschichte einer Seele', 6. Brief an die Missionare." - War die Sprechende die hl. Theresia oder waren die Worte die Wiedergabe dessen, was Therese Neumann aus der Lektüre wußte?

Ein Beispiel aus Nabers Tagebuch vom Pfingstsonntag, dem 24. Mai 1931 (56): "In der vergangenen Nacht um ungefähr 1 Uhr hat sich Therese in die Kirche geschlichen und sich dort auf einen Vespersessel gesetzt. Dort erschien ihr der Heiland und kam sie dann ins Gebet der Ruhe. Erst als jemand zum Engel-des-Herrn-Läuten kam, schlich sie sich davon." - Welchen Grund sollte Therese gehabt haben, sich in die Kirche zu schleichen, da doch jedermann wußte, daß sie einen Sakristeischlüssel besaß, damit sie jederzeit, auch des Nachts, die Kirche besuchen konnte? Wer hat das Hinein- und Hinausschleichen beobachtet? Wer hat sie auf dem Vesperstuhl gesehen oder gar von ihrer Vision eine Ahnung gehabt?

Therese Neumann weiß zu schildern, wie fromm sie bereits in ihrer Kindheit war (57): "Als ich noch klein war, den Heiland noch gar nicht empfangen hatte, da bin ich schon von weitem auf den früheren Herrn Pfarrer zugelaufen und hab ihm die Hand leicht und zart gegeben aus Freude an seinen Händen, in dem Gedanken: Diese Hände haben heute früh den lieben Jesus gehalten und die darf ich jetzt berühren. Dies hat mich gefreut und froh bin ich dann wieder gegangen voll Freude am lieben Jesus. Oft habe ich gedacht. Wenn ich ein Bub wäre, würde ich auch ein Herr Pfarrer, dann dürfte ich auch den lieben Jesus halten. Wenn ich ein Herr Pfarrer geworden wäre, ginge es dem Heiland schlecht, so fest drückte ich ihn zusammen mit den Händen, allweil tat ich ihn streicheln, da würde ich nicht fertig, da würden die Leute sagen: Der wird gar nicht fertig, der Langsamerer. ,Für den Heiland' ihr könnt sagen, was ihr möchtet. Wenn ich einmal in den Himmel komme, dann wird nicht mehr weggegangen vom Heiland, da komme ich nimmer zu kurz, dann laß ich den Heiland nimmer aus, dann habe ich ihn immer gern." - Kommentar überflüssig !

Am 16. Juni 1925 schreibt Therese einer Freundin und schildert ihre Erlebnisse mit der hl. Theresia vom 17. Mai 1925. Diese habe ihr vieles gesagt, was ihr Inneres betreffe. "Dies", sagt sie, "offenbare ich ja nicht, bloß meinem Beichtvater sage ich alles aus Gehorsam." Im gleichen Brief erwähnt sie, der Pfarrer habe sie aufgefordert, das Zwiegesprach zu schildern. Sie antwortete: "Ihnen einmal allein." Daraufhin wies der Pfarrer alle Anwesenden aus dem Zimmer und hörte sich den Bericht an, mit dem Bemerken zum Schluß: "Das war ein Wunder."

Doch Therese hat ihre Vision nicht bloß ihrem Pfarrer anvertraut. In eben dem erwähnten Brief schildert sie ja der Freundin ihre Erlebnisse und Gespräche. Sie erwähnt auch Worte des Lobes, wie sie ihr Theresia gespendet habe: "Weil du so ergeben bist, dies freut den lb. Heiland ..." Und Pfarrer Naber erzählte das ganze Ereignis einige Wochen später weiter (58): "Die Stimme sprach noch mehreres, was recht ehrenvoll für Neumann ist, was sie aber nur mir als ihrem Seelsorger und Beichtvater auf meinen Wunsch hin sagte, mit der Bitte, es nicht weiterzusagen. Es ist ihr kaum etwas peinlicher, als gelobt zu werden, und sie fürchtet ängstlich, bei der ganzen Sache könnte ein Lob für sie abfallen und dadurch dem Heiland und der hl. Theresia Ehre entzogen werden." - Man sieht, diese Bitte, zu schweigen, wurde umgehend erfüllt. Therese Neumann war ja so demütig; keinem Menschen hat sie die Worte der hl. Theresia verraten; sie spricht nur davon ausführlich vier Wochen später ihrer Freundin gegenüber und sie schildert auch das große Ereignis etwas später schriftlich einem Karmelitenpater, wobei sie den Inhalt der "lieben Stimme" angibt: "Deine gänzliche Hingabe und Leidensfreudigkeit freut mich. Damit die Weit erkenne, daß es ein höheres Eingreifen gibt, brauchst du nicht geschnitten zu werden, aber gleich - gleich den Herrn loben und ihm danken . . . Bleib immer so kindlich und einfach" (59).

Wenn man so viele Tugenden an einer Person preist, dann darf nicht vergessen werden die Liebe zu Armut und der Verzicht auf Geld und Gut. Wieder singt das Loblied Teodorowicz (60). Man hat ihm vorgemacht, "es wären Millionen bezahlt worden, wenn Therese in dem Leidenszustand hätte gefilmt und in Kinopalästen Europas vorgeführt werden dürfen. Doch der biedere Neumann schlug das Angebot aus. Auch sonst laßt sich die Familie nicht dazu verleiten, auf ihren Vorteil bedacht zu sein und irgendwelchen Gewinn aus der Stigmatisation ihrer Tochter zu ziehen." Da wäre doch die Neumannfamilie von allen guten Geistern verlassen gewesen, hätte sie ein Filmangebot angenommen. Auf diese Geldquelle war man keineswegs angewiesen. Der Dollarstrom floß reichlich genug, so daß sogar vorübergehend ein Postbeamter daraus Nutzen schöpfen konnte. Man muß das feststellen, gerade weil Teodorowicz hervorhebt, daß "weder Belohnung noch die geringste Geldspende entgegengenommen wurde" (61).

Zur Heiligkeit einer Person gehört nicht zuletzt die Tugend des Gehorsams. Dagegen hat sich Therese Neumann in grober Weise verfehlt. Sie hätte der Aufforderung des Hl. Offiziums auch dann Widerstand geleistet, wenn sie als "ungehorsam" erklärt worden wäre.

War Therese Neumann eine Heilige? Prof. Mayr bejaht die Frage. So schreibt der Reporter Wolfgang Bauer (62): "Prof. Mayr, der jahrzehntelang zu den guten Freunden des Hauses Neumann zählte, ist fest davon überzeugt, daß die Resl die Tugenden durchaus in einem heroischen Maße geübt habe. Eine Voraussetzung für jeden möglichen Selig- oder Heiligsprechungsprozeß." - Mehr als staunen kann man da nicht mehr.

Schlußbemerkung

Ein alter, weiser Grundsatz lautet: Ober die Toten nichts, es sei denn Gutes! Am besten wäre es, könnte man auch im Falle Therese Neumann von Konnersreuth demgemäß handeln, d. h. schweigen. Aber die Hoffnung, daß sich in der Länge der Zeit der Aufruhr von selbst legen würde, ist, wie man feststellen muß, eine Täuschung. Wallfahrten werden organisiert aus nah und fern; Bücher und "erbauliche Schriften" verbreiten Märchen und Thesen, die zum Widerspruch herausfordern müssen, außer es liegt einem nichts an der Wahrheit. Dabei erscheinen solche Schriften mit kirchlicher Druckerlaubnis. Wer sie liest, kommt erfahrungsgemäß nur zu leicht zur Ansicht, das kirchliche Lehramt selber bürge für die Wahrheit der behaupteten Dinge. Die "erbauliche" Konnersreuther Literatur ist für die Kirche äußerst abträglich.

Darum gebietet der Dienst der Wahrheit zu reden, wenn offensichtlich die Gefahr besteht, daß durch Leichtgläubigkeit und Wundersucht die Religion in Verruf gerät. Es ist notwendig, daß Katholiken und Nichtkatholiken von theologischer Seite her der kirchliche Standpunkt zu Konnersreuth klargemacht wird. Wir dürfen uns nicht dem peinlichen Vorwurf aussetzen, wir seien kritiklos und wundersüchtig. Wir müssen uns auch wehren gegen jede Art frömmelnder Gefühlsduselei. Der Theologe muß es klar und deutlich aussprechen: Die Konnersreuther Phänomene sind samt und sonders Erscheinungen, die dem Fachmann auf dem Gebiet der Medizin keine Rätsel aufgeben. Für Konnersreuthanhänger existiert offenbar die klare Sprache dieser Fachleute nicht. Der kritisch eingestellte Theologe darf sich nicht mit Behauptungen zufrieden geben; er muß unwiderlegliche Beweise suchen. Es gibt keinen Beweis für die Obernatürlichkeit der Konnersreuther Phänomene. Wenn man den Dingen auf den Grund geht, sieht man, wie armselig die in Büchern veröffentlichten "Beweise" sind. Während man in unserer Zeit die Hl. Schrift, wie man es nennt, "entmythologisieren" will, so daß schließlich jede Oberlieferung angezweifelt wird, finden wir anderswo, wie besonders hier in den Fragen um Konnersreuth, eine Mythologisierung, die aus dem puren Nichts glatte Wunder hervorzaubert. Wollen wir weiterhin schweigen, dann machen wir uns schuldig.

Die Krankheiten und "wunderbaren" Heilungen bei Therese Neumann erweisen sich nach ärztlichem Urteil einwandfrei als Dinge, die in den Bereich der Neuropathologie gehören. Von der Stigmatisation sagt Biot (1): "Wir glauben nicht, daß man in diesen Wunden ein unzweifelhaftes Kennzeichen übernatürlicher Kräfte sehen muß, selbst wenn die Person, bei der sie auftreten, ... einen hohen Grad der Vereinigung mit Gott erreicht.... Wir glauben in der Tat nicht, daß der Beweis erbracht ist, daß diese Stigmen außermenschlichen Ursprungs sind und so den Wert eines göttlichen Zeichens haben."

In den Berichten der ekstatischen Zustande bei Therese Neumann finden sich so viele Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten, daß auf göttliche Einwirkung nicht erkannt werden kann. Aber gar oft erweist sich bei näherem Zusehen: Menschen-Machwerk, nicht Gottes-Werk! Man fragt sich. Wo sind die Wurzeln zu finden für die einzelnen Erscheinungen in der "Ekstase"? Meiner Ansicht nach kann man Dr. Deutsch nicht widerlegen, wenn er sich auf das Urteil eines Kollegen beruft, das er zu seinem eigenen macht: "Wer mit Psychoasthenischen und Hysterischen lange verkehrt, kann sich nicht dem Eindruck entziehen, als spreche Therese Neumann unter dem Einfluß des Pfarrers Naber, ja, sie sei nur dessen leises Echo" (2).

Prof. Martini und Prof. Killermann zeigen in ihren Erfahrungsberichten, daß Pfarrer Naber der Manager für eine Reihe der zu Unrecht über Gebühr bestaunten Phänomene gewesen ist. Dr. Deutsch erwähnt ein Gutachten in den römischen Akten, wo es heißt: "Der Pfarrer übte zweifellos einen bedeutenden Einfluß auf Therese Neumann aus." Er selbst fügt dem hinzu: "Mein Eindruck ist, daß er die Heiligkeit der Therese Neumann - pflegt" (3).

In der Einleitung zum Buch über die Stigmatisierte von Konnersreuth führt Johannes Steiner an, Pfarrer Naber sei anfänglich den Erscheinungen sehr mißtrauisch gegenübergestanden (4). Er versicherte: "Mein Standpunkt war von Anfang an: Bei diesen außerordentlichen Ereignissen genau darauf obachtgeben, ob nicht irgend etwas gegen die kirchliche Lehre oder Sitte Verstoßendes sich zeige. Wenn ja, dann sofort unerbittlich einschreiten, wenn nicht, dann den Dingen einfach ihren Lauf lassen, damit man nicht mit seiner vermeintlichen Klugheit schließlich störend in die Pläne Gottes eingreift."

Der Pfarrer hat nichts Anstößiges gefunden. Ich muß anders urteilen. Ich finde viel Anstößiges, ja manches, von dem ich nicht anders sagen kann, als daß es mit der Lehre Christi nicht vereinbar ist. Ich halte es unvereinbar mit meiner Auffassung als Theologe, daß der Heiland aus Therese Neumann gesprochen hat. Ich erachte es als unvereinbar mit meiner Auffassung von Gott, daß er einem Menschen wie Therese Neumann in ihrem Wach- sowie im Trancezustand am laufenden Band Auskunft erteilt hat über das Schicksal der Verstorbenen bis in Kleinigkeiten. Ich kann nicht glauben, daß der Herrgott Therese Neumann als Zeugin hat teilnehmen lassen beim persönlichen Gericht über die Seele eines Verstorbenen. Ich finde keine Möglichkeit, gläubig hinzunehmen, daß Therese Neumann Fragestellern ihr ewiges Schicksal voraussagen konnte, wie es nicht selten geschehen ist. Der Herrgott hat noch keinen Berater gebraucht; ebensowenig einen Zeugen für seine Gerechtigkeit.

Daß wir eigene Fehler sühnen müssen, daß wir in der Gemeinschaft der Heiligen Mitmenschen, seien sie noch im Pilgerzustand oder bereits Glieder der leidenden Kirche, durch Bußwerke beistehen sollen, ist Lehre der Kirche. Was jedoch über die Sühneleiden und stellvertretenden Leiden der Therese Neumann berichtet wird, kann ich zum mindesten in nicht wenigen Fällen nur als aufgelegten Unsinn bezeichnen. Kein anderes Urteil ist mir möglich im Hinblick auf die in die Weit gesetzten Märchen über die Erlebnisse der Stigmatisierten mit ihrem Schutzengel. Es war noch nie da, daß der Schutzengel einem Menschen die Kleider ausgezogen und ihn ins Bett gebracht hat, auch wenn dieser Mensch hilfloser war wie ein zehnjähriges Kind und zugleich zu arbeiten vermochte wie die kräftigste Bauernmagd.

Wenn ich gar das Verhältnis der Therese Neumann zu Christus in der hl. Eucharistie bedenke, dann komme ich zu keinem anderen Ergebnis als dem: Unvereinbar mit der Lehre über das Altarsakrament.

Wer die vierzehntägige Beobachtung im Elternhaus als einwandfreien Nachweis der Nahrungslosigkeit bezeichnen will, mag das tun. Wenn er sich in anderen Fragen auch mit solchen "Beweisen" zufrieden gibt, dann möchte ich wissen, wie man Schwärmertum und Sektiererei wirksam begegnen könne.

Man verweist auf den religiösen Nutzen, der von Konnersreuth ausgegangen sei und noch ausgehe. Es ist wahr: Auch eine Täuschung kann Anstoß zu einer Änderung des Lebens abgeben. Wie viele Nebensächlichkeiten spielen zuweilen eine unerwartete Rolle! Ein Irrtum wird nicht zur Wahrheit, auch wenn der Irrtum heilsam war.

Biot schreibt: "Nun muß ich meinerseits die Eiferer fragen: Seid ihr der Ansicht, daß der Echtheit der Wundmale dieser oder jener Stigmatisierten und ihrer außerirdischen Natur eine wirkliche Bedeutung für das Wachstum des Glaubens in der Weit und die Vertiefung der wirksamen Gnade Gottes für unsere Seele zukommt? Haben wir nicht ständig das wahrhaft ,Übernatürliche' zu unserer Verfügung?" (5).

Trotz der gegenteiligen Versicherung bin ich überzeugt, daß in nicht geringem Umfang Therese Neumann durch ihren Pfarrer mehr und mehr in die Rolle einer Mystikerin hineingeschaukelt worden ist. Die Voraussetzungen bei Therese Neumann waren gegeben; was daraus geworden ist, geschah nicht ohne kräftige Mithilfe von außen.

Man bedenke, wie sich das Mädchen vom Lande gefühlt haben muß, als Männer von Rang und Namen ihr uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkten. Wie sicher fühlte sie sich, da Theologen und Professoren für sie Zeugnis ablegten! Sie konnte es wagen, einer Aufforderung von seiten des Diözesanbischofs und von seiten Roms zu widerstehen, da sie Bischöfe und Kardinäle auf ihrer Seite wußte. Wenn Bischöfe und Kardinäle ihr die Ehre ihres Besuches schenkten, wenn sie sogar in ihrem Zimmer die hl. Messe feierten, mußte das nicht als Bestätigung und Zustimmung verstanden werden? Das Volk achtet nun einmal das Urteil einer prominenten Persönlichkeit, ob sie auf dem fraglichen Gebiet zuständig ist oder nicht, weit höher als die begründete Ansicht eines Fachmannes.

Ein Prüfstein für die Heiligkeit einer Person ist die Nächstenliebe. Es läßt sich unwiderleglich nachweisen, daß Therese Neumann schwer dagegen gefehlt hat. Menschen verleumden oder durch einen Rufmord erledigen, ist schlimmer als ein gelegentliches Versagen infolge menschlicher Schwachheit.

Wie oft sich Therese Neumann gegen die Wahrheit verfehlt hat, kann nur ein Mensch übersehen, den eine vorgefaßte Meinung blind gemacht hat. Ware sie nicht nachweislich eine hysterische Person gewesen, dann müßte man ihre eidlichen Aussagen über eine "Vision" am Erstkommuniontag und die angebliche eucharistische Telekinese als glatten Meineid bezeichnen.

Konnersreuth ist zu Unrecht zu einer Wallfahrtsstätte geworden. In den ersten Jahren der Ereignisse erschienen, wie Boniface versichert (6), täglich 3000 bis 5000 Personen als Besucher. Auch wenn die Zahl zu hoch gegriffen ist, die Wallfahrt setzte ein und dauert bis zur Stunde an. Wer kann dem Rummel Einhalt gebieten?

Die Forderung nach Einleitung des Seligsprechungsprozesses ist seit dem Tod der Therese Neumann immer wieder erhoben worden. Nun, die Menschen sind damit rasch zur Hand. Auch eine Eva Peron wollte man heilig sprechen. Bei einem Pfarrer Johann Joseph Gaßner dachte man daran; heute noch spricht man von "Gebetserhörungen", die seiner Fürbitte zugeschrieben werden. Aber, wenn die Dinge so klar aufliegen, dann kommt nichts dabei heraus. Das gilt auch in unserem Fall, selbst wenn noch mehr "Wunder" geschehen. Über Wunder, wie eingangs geschildert, kann man sich nur wundern. Wunder sind nicht Alltagsware, wie Prof. Mayr anzunehmen scheint, wenn er sagt (7): "Daß die Resl noch vier Tage nach ihrem Tod ohne jedes Zeichen einer Verwesung war, das ist meines Erachtens ein Wunder."

Therese Neumann ist tot. Sie ist gestorben völlig überraschend und ohne außerordentliche Zeichen, wie man sie nach dem vorausgegangenen Leben hatte erwarten müssen. Ihre Umgebung und sie selber ahnten nicht die unerwartete Abberufung aus diesem Leben. "Noch wenige Tage vor ihrem Tode" hat sie die weite Reise zu einem Gönner am Bodensee unternommen (8). Am Morgen des 18. September 1962 hatte sie noch kommuniziert. "Es vergingen aber nicht ganz zwei Stunden, da klingelte sie ein letztes Mal in ihrem Leben; es war gegen halb 1 Uhr mittags. Als Marie in ihr Zimmer trat, war Therese von Schmerz erfüllt. Sie versuchte noch etwas zu sagen, es waren aber nur undeutliche Laute, die Marie nicht verstehen konnte. Therese muß sich hierbei in großer Angst befunden haben, denn sie hielt Marie so fest an den Händen, daß sie sich nicht mehr losmachen konnte. Darauf setzte sich Marie zu ihr und nahm sie in ihre Arme, denn Therese litt offenbar furchtbar. Da merkte auf einmal Marie, wie sich ihre Augen schlossen." Als der inzwischen herbeigerufene Pfarrer, der im Neumannhaus anwesend war, das Zimmer betrat, war Therese bereits verschieden (9).

Was mag in diesen letzten Augenblicken vorgegangen sein? Was hat Therese Neumann noch sagen wollen? Wir wissen es nicht. Kein außergewöhnlicher Tag, keine außergewöhnliche Stunde war es. Keine hl. Theresia, kein Schutzengel, keine Gabe des Hellsehens hatte Therese und ihre Umgebung auf das Unfaßbare vorbereitet. Der "Heiland" hat geschwiegen, hat nicht gesprochen nach der letzten Kommunion ! Kann man das fassen nach all dem, was geschehen sein soll?

Nochmals verweise ich auf die Stimmen, welche von Therese Neumann nicht anders sprechen als von einem einmaligen Wunder in Person. Da möchte ich zum Schluß an einen Mann erinnern, der auf Grund seiner Stellung ausreichend Einblick besaß, den Regensburger Weihbischof Dr. Höcht. Im Jahre 1947 war es, da an einem Firmtag das Gespräch auf Konnersreuth kam. Sein Urteil war eine einzige Ablehnung. Er faßte es zusammen ungefähr in die Worte: "Und wenn ich ewig verdammt würde deswegen, ich kann nicht anders sagen, als daß ich nicht daran glaube."

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Letzte Änderung: 1. September 1999