Gottes-Werk oder Menschen-Machwerk?

XI. Normal oder hysterisch?

Der Vater Ferdinand Neumann warf im Brief an den Bischof von Regensburg dem Arzt Dr. Deutsch hysterische Wichtigtuerei vor. Hier äußert sich wohl der Unwille gegen das ärztliche Gutachten über seine Tochter, auf das sich Deutsch berufen hat; in diesem Gutachten wird Therese Neumann als hysterisch bezeichnet. Die Anhänger von Konnersreuth haben begreiflicherweise immer mit allem Nachdruck und Eifer diese Bezeichnung abgelehnt. Sie haben sich dabei auf den Eindruck berufen, den sie im persönlichen Umgang gewonnen haben. So meint Martin Mayr (1). "Wer dieses Bauernmädchen voll gesundem Menschenverstand und gesundem Urteil, mit hellem Geist und offenem fröhlichen Lachen als hysterisch bezeichnet, kennt es entweder nicht, oder weiß nicht, was er sagt."

Man muß doch wohl erfahrenen Ärzten so viel zutrauen, daß sie wissen, was sie sagen. Das gilt sowohl von den Ärzten, die Therese Neumann persönlich gekannt haben, als auch von den anderen, die sich ihr Urteil bildeten auf Grund der reichhaltigen Literatur und der praktischen Erfahrung in der Ausübung ihres Berufes.

Wenn der Theologe sich dagegen wehrt, daß Leute, die von Religion herzlich wenig wissen und noch viel weniger von Theologie verstehen, kirchliche Stellen belehren wollen, so muß dem Mediziner das gleiche Recht zuerkannt werden, daß er auf seinem Gebiet in erster Linie als zuständig gilt. Die Frage, ob jemand Züge der Hysterie offenbart, ist in erster Linie eine medizinische, keine religiöse. Ebenso obliegt die Prüfung, ob eine Wunde künstlich erzeugt wurde oder nicht, ob Wundmale echt sind oder nicht, vorwiegend dem Arzt, nicht dem Theologen. Der Nachweis, ob jemand nahrungslos lebt oder ob er aus geheimen Quellen sich zu ernähren weiß, kann nicht durch theologische Betrachtungen gewonnen werden. Man muß Vertretern der Medizin die volle Möglichkeit gewähren, einwandfreie Untersuchungen durchzuführen. Wir finden ja auch sonst nichts dagegen einzuwenden; im Gegenteil, man verlangt mit Recht die gewissenhafteste Prüfung, bevor das Urteil gewagt wird, eine Heilung in Lourdes etwa müsse als Wunder bezeichnet werden, weil jede natürliche Erklärbarkeit ausscheidet.

"Über die genannten Fragen", schreibt Dr. Deutsch (2), "hat im Falle Konnersreuth kein Theologe, und sei er Erzbischof und Kardinal, eine Entscheidung zu treffen, sondern ganz allein der Fachmann, also der Arzt. Kann aber der Arzt nachweisen, daß die Angaben der Untersuchten auf Hysterie beruhen und lügnerisch und unwahr sind, so wird kaum ein vernünftig denkender Mensch sich bereit finden, nun noch die Frage aufzuwerfen, ob hier wirklich Gottes unmittelbares Walten im Menschen sichtbar wird."

Das Buch "Echte und falsche Mystiker" ist eine Frucht der Zusammenarbeit zwischen dem Verfasser, dem Neurologen und Psychiater Jean Lhermitte, und zwei gelehrten Karmelitermönchen. Dieser hervorragende Arzt und Wissenschaftler urteilt über Therese Neumann: Es kann ohne Übertreibung behauptet werden, daß es keinem mit den Gelegenheiten der Psychopathologie vertrauten Menschen schwer fallen dürfte, in den vielerlei Erscheinungen, an denen Therese Neumanns Leben so reich war, die Züge der hysterischen Neurose zu erkennen.'

Wir erinnern uns an die Vielzahl der Leiden und Gebrechen, welche sich bei Therese Neumann vom Jahre 1918 an einstellten. Von Anfang an lautete die ärztliche Diagnose "Hysteria maior", d. h.: schwere Hysterie traumatischen Ursprungs. Rene Biot spricht von Kranken, "die den eigenartigen Hang haben, in und mit ihrem Leib Anomalien der organischen Funktionen zu verwirklichen, deren Gedanke sich in ihnen eingenistet hat. Sie unterliegen so sehr seiner Gewalt,- daß sie ihn leben. Er beherrscht sie dermaßen, daß sie ihn verkörpern" (3).

Das Urteil über Thereses Krankheiten seit 1918 ist klar, wie Biot feststellt (4): "Wir müssen festhalten, daß bei Therese Neumann so klar wie nur irgendwie möglich die Diagnose der Hysterie gestellt worden ist, um damit medizinisch die Kette von Krankheitserscheinungen zu charakterisieren, die sie bereits vor dem Auftreten der Wunden zeigte."

Das gleiche gilt, was über die ersten Krankheiten und die Heilung derselben zu sagen ist, gilt für die späteren Gesundheitsstörungen, die sogenannten Sühneleiden, ja für sie erst recht; denn es handelt sich ja gar nicht um Krankheiten im normalen Sinn. Vor allem die Begleitumstände in den Krankheitssymptomen weisen klar auf Neurose hin.

Im Hinblick auf die Ekstasen verweist Lhermitte auf andere Pseudomystiker. Er spricht von ihren Visionen, vom Hören fremder Sprachen, von ihrem Sprechen in der Ekstase und fährt dann fort: "Offenbar handelt es sich bei alldem um eine auffällige Zusammenfassung der Phänomene, die wir als psychische Halluzinationen mittels einer Automatisierung der inneren Sprache (gewöhnliche psychomotorische Halluzinationen) gekennzeichnet haben und die sich, wenn sie allzu lebhaft werden, in verbale Impulse verwandeln, wobei das Gefühl einer fremden Gegenwart durch eine visuelle Verkörperlichung noch gesteigert wird" (5).

Die Diagnose Hysterie drangt sich ebenfalls auf, wenn man die Äußerungen aus dem Munde der Therese Neumann eingehend betrachtet. Sehr aufschlußreich sind ihre Gespräche während der Ekstasen, aber auch im Normalzustand mit dem Heiland oder dem "Jesulein". Ebenso klar sprechen ihre Briefe. Jeder andere, der so schreibt, würde als hysterisch bezeichnet. In diesem Zusammenhang sei auch verwiesen auf die veröffentlichten Tagebuchauszüge. Man fragt sich, was in dieser Quelle noch alles zu finden sein wird. Es ist ja kaum anzunehmen, daß gerade die unpassendsten Auszüge ausgewählt worden sind.

"Wir brauchen nicht alle Beweise für eine Hysterie Thereses anzuführen; sie sind überwältigend, und wie Dr. Poray Madeyski in lichtvollen Ausführungen dargetan hat, genügt die Neurose bei weitem, um alle Phänomene zu erklären, die Therese Neumann zu einer der beachtetsten Persönlichkeiten des Jahrhunderts gemacht haben" (6). - So das Urteil von Lhermitte; es ist eindeutig.

Die Erkennung auf Hysterie bedeutet an sich nicht eine Verurteilung des Menschen. "In Wirklichkeit bezeichnet dieses Wort in der Medizin nur einen krankhaften Zustand des Nervensystems" (7). Damit ist nicht gesagt, daß solch eine hysterische Person für ihre Handlungen nicht verantwortlich wäre, wenn auch eine Verminderung der Verantwortlichkeit zugestanden werden muß.

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Letzte Änderung: 1. September 1999