VIII. Mystische Phänomene

1. Die ekstatischen Zustände im Überblick

Ein kurzer Überblick soll ein wenig die wichtigsten ekstatischen Zustände verständlich machen, die man bei Therese Neumann beobachten konnte beziehungsweise wie sie Pfarrer Naber zu erkennen glaubte.

Zum Normalfall der mystischen Zustände gehörte das visionäre Schauen. Darauf folgte der Zustand der "kindlichen Eingenommenheit" und schließlich die ,gehobene Ruhe". Es wurden noch andere mystische Zustände unterschieden, die aber nicht so wesentlich sind, daß man auf sie eingehen müßte, zumal die Unterscheidungen alles andere als klar und einsichtig sind.

Bei den Visionen erklärte, den Angaben gemäß, Therese Neumann vergangene Ereignisse aus dem Leben Jesu oder der Heiligen so, wie sie sich seinerzeit abgespielt haben sollen. Unmittelbar darauf besprach und beurteilte sie im Zustand der kindlichen Eingenommenheit das Geschaute. Zuweilen richtete sie Fragen an die Anwesenden, wie zum Beispiel, wem sie ihre Leiden und Schmerzen zuwenden solle. Bei der Beantwortung an sie gerichteter Fragen verfügte sie lediglich über die "Ausdrucksfähigkeit eines etwa fünfjährigen Kindes, aber über die Denkfähigkeit eines Erwachsenen". Hier hatte sie angeblich die Gabe des Hellsehens, wie sie sich beispielsweise in dem Erkennen von Reliquien kundtat.

Während Therese im Zustand der "kindlichen Eingenommenheit" in ihrer Mundart redete, war bei der "gehobenen Ruhe" die Sprache das Hochdeutsch. Der Zustand der gehobenen Ruhe folgte regelmäßig nach jeder ekstatischen Schauung. In diesem Zustand durchschaute sie die mit ihr Sprechenden, zeigte Kenntnis von Ereignissen aus dem Leben dieser Leute und erteilte Anweisungen verschiedener Art.

Die kindliche Eingenommenheit war von höchster Erschöpfung begleitet; Therese hatte oftmals schwerste Beschwerden bis zur »Todesgefahr" und litt an beängstigenden Erstickungsanfällen. Im Zustand der gehobenen Ruhe empfand sie keinerlei Schmerzen, ja, sie war vollkommen schmerzunempfindlich; sie soll auch taub und blind gewesen sein.

Bemerkenswert ist, daß Therese, zum normalen Bewußtsein zurückgekehrt, keinerlei Erinnerung an das hatte, was gesprochen worden war. Aus diesem Grunde gab jeweils eine aus ihr kommende Stimme, die dem Heiland unmittelbar zugeschrieben wurde, die Anweisung, man solle der Schauenden von dem Gesprochenen berichten, weil sie ja sonst, mangels Erinnerungsvermögens, nicht gewußt hätte, was ihr zu tun aufgetragen worden war. Als sie im Jahre 1953 in Eichstätt vernommen wurde, versicherte sie: "An das, was ich im erhobenen Ruhezustand sage, kann ich mich nicht erinnern. An das, was ich im Zustand der kindlichen Eingenommenheit gesagt habe, kann ich mich nicht erinnern."

Bei den Auskünften über das in der Ekstase Geschaute muß beachtet werden, daß sie nur auf Befragen erfolgten, und zwar fast ausschließlich durch den anwesenden Pfarrer. Prof. Gemelli schreibt hierüber als Augen- und Ohrenzeuge: "In diesem Zustand spricht Therese Neumann nur, wenn sie befragt wird. Ihre Antworten sind dann kurz, ja einsilbig, höchstens aus zwei oder drei Worten bestehend; der Ton der Stimme ist vom normalen ganz verschieden; die Worte werden wie schleppend, aussetzend, unregelmäßig, in einem Klageton ausgestoßen; oft wird das Wort nur leise geflüstert." Die Antworten entsprächen der Form nach der Sprechweise eines Kindes; ihr Inhalt sei "sehr kindisch". "Während des ekstatischen Zustandes wurde Therese Neumann wiederholt von den Anwesenden befragt. Sie antwortete aber fast ausschließlich dem Herrn Pfarrer und tat es einsilbig und aussetzend. Meistens sind es Gespräche, in denen der Herr Pfarrer ihr eine Wahl stellte. . . Die Antworten waren beschreibender Art und bezogen sich meistens auf Personen oder Stellen der Passion Christi. Manchmal aber waren die Antworten sonderbar, merkwürdig; einige waren sogar komisch, andere kindisch. . . Es ist aber nie vorgekommen, daß Therese Neumann während dieses Zustandes aus freien Stücken ein Gespräch geführt hätte, so kurz dieses auch sein mochte 88."

a) Frage nach der Quelle der "übernatürlichen" Einsichten und Auskünfte

Der Stigmatisierten von Konnersreuth wird nachgesagt, sie habe bei der Unmenge ihrer Visionen Ereignisse geschaut und Informationen erhalten, die sonst den Sterblichen verborgen bleiben. Man steht allerdings immer wieder vor der Frage: Auf welche Weise hat sie die einzelnen Angaben empfangen, Bezeichnungen und Vorgänge, die sie gar nicht "schauen" konnte?

Da versichert sie, der Stern von Bethlehem sei ein Komet gewesen. Wer hat ihr das während der Vision gesagt? Am Epiphaniefest schildert sie, bis zu den nebensächlichsten Dingen, den Besuch der Magier. Was sie dabei über die Kleidung der Beteiligten erzählt, hat sie sicherlich ihr bekannten Bildern oder Krippendarstellungen entnommen. Aber wie kam sie zur Kenntnis bestimmter Ereignisse, die sie wiederholt, noch dazu oftmals anders schilderte? So erzählt sie dem Prager Kardinal Kaspar, die Huldigung der Magier habe an der Grenze Judäas auf ägyptischem Boden stattgefunden; im Jahr 1932 gibt sie an, der Ort des Empfangs der Magier sei eine "gemauerte Hütte außerhalb der Fluren Bethlehems" gewesen; an Epiphanie 1936 lautete ihre Auskunft wieder anders, nämlich, die Huldigung habe sich unmittelbar in Bethlehem abgespielt, und zwar nach dem Kindermord; wieder ein anderes Mal nennt sie den Gazastreifen89. Als Heimat der Magier gibt sie Arabien, Medien, Numidien, aber auch Nikomedien und Persien an. Ihrer Angabe gemäß wurde der wunderbare Stern in Numidien bereits drei Wochen vor der Geburt Jesu beobachtet; die dortigen Magier seien dann zu ihrem König gegangen und hätten ihm erzählt, sie hätten am Himmel einen sonderbaren Stern gesehen. Von Medien weiß sie zusätzlich zu berichten, daß die dort lebenden Menschen sehr alt geworden seien, bis zu 200 Jahre.

Die Seherin berichtet über die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Da erwähnt sie einen Terebinthenbaum, an dem 'die Heilige Familie vorbeigekommen sei. In der Gegend von Heliopolis und Materia, so sagt sie, befand sich eine Oase, auf der eine Räuberfamilie hauste. Das dritte ihrer vier Kinder, das vom Aussatz befallen war, wurde von ihrer Mutter im Badewasser nachgebadet, in dem Maria zuvor das Jesuskind gebadet hatte, worauf das kranke Räuberkind sofort gesund wurde. Dieses Kind, so versichert Therese, sei später als Räuber Dismas bekannt geworden, der als rechter Schächer neben Jesus am Kreuz gestorben ist. Ähnlich weiß sie ein andermal zu sagen, die blutflüssige Frau, von der das Evangelium berichtet, sei Veronika gewesen.

Wie Therese versicherte, war die Mutter Anna dreimal verheiratet, zuletzt mit Joachim. Aus ihrer Ehe mit einem gewissen Heli soll eine Tochter gestammt haben, die einen Mann namens Kleophas heiratete. Aus der Ehe sollen zwei Kinder hervorgegangen sein, die später Spielgenossen des Jesusknaben geworden seien. Therese behauptete, die Mutter Jesu sei im Jahre 49 im Alter von 63 Jahren gestorben. Da unsere Zeitrechnung um etwa sieben Jahre zu spät angesetzt ist, müßte demnach Maria im Alter von sieben Jahren Mutter geworden sein. Über das Paradies wußte Therese zu sagen: Es war noch einmal so groß wie das Land Bayern.

Geht man den verschiedenen visionären Angaben der Therese Neumann nach, dann stößt man fortwährend auf Ungereimtheiten über Ungereimtheiten und auf Widersprüche über Widersprüche. Aber nicht darum geht es uns jetzt, sondern um die Frage: Woher hatte denn Therese Neumann ihr Wissen über Dinge, die sie nicht sehen konnte? Wie wußte sie die Namen der Gegenden und Orte? Wie kam sie zu den verschiedenen Zeitangaben? Ganz einfach: Sie bezog ihr Wissen aus ein paar Büchern, die sie eifrig studierte, namentlich aus Schriften über Anna Katharina Emmerick. Die Selbstfabrikation der Ekstasen wird durch nichts besser bewiesen als durch die Tatsache, daß diese nirgends über all das hinausgehen, was schon im Neuen Testament und allerlei Legenden enthalten ist. Sie vermag nur das zu produzieren, was sie sich angelesen hat, allenfalls angereichert mit mehr oder weniger phantastischen eigenen Ausschmückungen. Was sie nach ihren jeweiligen Visionen ihrem Pfarrer erzählt hat, wurde dann von diesem in eine Form gegossen, die den Eindruck erweckt, als habe er selber die Schauungen gehabt. So hatte Therese am 6. August 1926 eine Vision. Nachher stellte sich heraus, daß sie nicht wußte, was sie eigentlich gesehen hatte. Ihrer Schilderung konnte man nur entnehmen, daß sie ''so etwas wie die Verklärung Christi" geschaut hatte. "Sie sah Moses und Elias nicht, sah und hörte nichts von einer Unterredung der beiden mit dem Herrn, hörte auch nicht die Stimme vom Himmel." Was aber dann veröffentlicht wurde, entsprach genau dem entsprechenden Bericht des Evangeliums.

Sowohl vor wie nach den einzelnen Visionen hat sie sich in Büchern informiert. Dies verrät eine Szene während der Überwachungszeit im Jahre 1927. Es war am 22. Juli, einem Freitag. Nach Beendigung der Freitagsvisionen hatte Therese eine etwa fünf Minuten dauernde neue Schauung. Sie sah jetzt "den lieben Heiland bei Maria und Martha in Bethanien". Daß sie sich vorher in einschlägiger Literatur informiert hatte, ergibt sich aus dem Bericht der beobachtenden Schwestern. Am Tag nach der Schauung ging Therese mittags um 13.20 Uhr in den angrenzenden Schuppen und suchte dort ein Buch, "in dem die Begebenheit bei den Geschwistern in Bethanien ausführlich berichtet wird" Warum Therese das betreffende Buch ausgerechnet im Schuppen aufbewahrt hat, bleibt ihr Geheimnis. Hat vielleicht die "nahrungslos" Lebende dort noch etwas anderes gesucht und gefunden?

b) Wirklich mystische Phänomene?

Kenner der Mystik, wie Pater Richstätter und Pater Siwek, haben auf eine Reihe von " Konnersreuther Phänomenen" hingewiesen, die in der Mystik vollkommen unbekannt, ja mit ihr unvereinbar sind. So soll bei Therese Neumann auf den Zustand des visionären Schauens der Zustand der "kindlichen Eingenommenheit" gefolgt sein. Während dieses Zustandes verfügte sie lediglich über die "Ausdrucksfähigkeit eines etwa fünfjährigen Kindes, aber über die Denkfähigkeit eines Erwachsenen". So etwas kennt die Mystik nicht.

Merkwürdigerweise hat Therese aufgrund ihrer Schauungen den Apostel Judas gelobt und versichert, er habe den Heiland geliebt; den Apostel Petrus aber hat sie nicht gemocht, weil er sich bei der Gefangennahme Jesu gewehrt hat; sie bezeichnete ihn bloß verächtlich als " Ohrwaschelabschneider". Als sie einmal gerade wieder Petrus Vorwürfe machte, meinte der anwesende Prof. Wutz: " Aber Resl, mir scheint, du bist heute etwas dumm." Schlagfertig erwiderte Resl: "Und mir scheint, du bist noch dümmer." Waren nun diese Worte eine Folge der Ausdrucksfähigkeit eines etwa fünfjährigen Kindes und der Denkfähigkeit eines Erwachsenen? Stammte vielleicht diese während einer Ekstase gegebene Auskunft gar vom Heiland?

Während des Zustandes der " Eingenommenheit" hat Therese auf Fragen bereitwillig Antwort gegeben. Benefiziat Liborius Härtl kennzeichnet den genannten Zustand so: "In diesem Zustand ist jedes natürliche Wissen völlig ausgeschaltet; sie weiß nicht einmal, daß sie die Therese Neumann von Konnersreuth ist." Im Zustand der Eingenommenheit vermochte sie weder Zahlen noch Namen zu benennen. Sie zählte dann nur auf: "Eins und eins und eins . . ." Nicht einmal die geläufigsten Bezeichnungen kannte sie mehr, zum Beispiel die Begriffe Bethlehem oder Jordan. Statt Bethlehem sagte sie: "Der Platz, wo's neulich die Mutter net hineinlassen haben"; für den Fluß Jordan gebrauchte sie die Worte: "Das laufende Wasser, wo die drei mit ihre Leut (=Zug der Heiligen Drei Könige) drüber sind91." Wie ist es zu erklären, daß sie Umschreibungen für Bethlehem oder Jordan zu geben verstand, aber die einfachsten Wörter nicht kannte? Der Zweck einer Vision müßte Erleuchtung sein; bei der Stigmatisierten von Konnersreuth war die Folge eher eine Verdummung. Das erwähnte Phänomen ist aus der Psychopathologie bekannt und wird dort als "Puerilismus" bezeichnet; es wird unter anderem beschrieben, wenn von "Hysterischen" die Rede ist.

Überdenken wir noch ein paar Merkwürdigkeiten. Da ist einmal die Art, wie Therese aus ihrem ekstatischen Zustand wieder zu erwachen pflegte. Pfarrer Naber sagt hierüber: Sie " gähnt und dehnt sich wie jemand, der recht gesund geschlafen hat" 92. Eines Tages schildert sie, wie gerade der Diakon Stephanus gesteinigt wird. " Plötzlich gähnte sie laut. Auf Lachen eines Zuschauers sagte sie sofort: ,Das gehört auch dazu` 93." Eine bemerkenswerte Szene! Zum einen wird daraus deutlich, daß Therese während ihrer Ekstasen nicht taub und blind war, wie behauptet wird; zum anderen findet man durchaus keinen Zusammenhang zwischen der Steinigung des Stephanus und dem Gähnen der Seherin.

Die "Ekstasen" der Therese Neumann, ganz gleich, ob sie als "Eingenommenheit" oder als "gehobene Ruhe" bezeichnet werden, sind in der Mystik völlig unbekannt. "Einen halbekstatischen Zustand der gehobenen Ruhe", so urteilt der Jesuit Richstätter, " in dem ein Engel oder Maria oder der Heiland aus dem Ekstatischen redet, dabei verborgene oder weit entfernte Dinge mitteilt, und nicht bloß im Gehorsam, sondern jedem Beliebigen auf ganz unnütze Fragen nach Verborgenem antwortet, in fremden Sprachen redet, wobei zudem nachher jede Erinnerung an das in jenem Zustand Gesprochene fehlt, wo das Verhalten und Reden auf das eines Kindes herabgedrückt erscheint, sucht man beim Kirchenlehrer der Mystik vergeblich. Auch ist dieser Zustand in der ganzen mystischen Theologie unbekannt. Erinnerungslosigkeit gilt vielmehr als Zeichen unechter Ekstasen 94."

Weil sich Therese Neumann - aus ihren Ekstasen wieder in den Wachzustand zurückgekehrt - nicht an das zu erinnern vermochte, was sie, beziehungsweise der "Heiland" gesprochen hatte, forderte sie während ihrer Schauungen auf: "Sag der Resl, sie möge dem und dem schreiben, oder das und das tun!" Die ganze Sache ist widersinnig. Man bedenke, was Christus zugemutet wird! Er fordert den Pfarrer auf, der Seherin zu sagen, wem sie einen Brief schreiben soll! Dazu braucht sie eine himmlische Anweisung, noch dazu von der höchsten Instanz, aber nicht unmittelbar, sondern über andere Menschen, ohne deren Gegenwart der jeweilige Auftrag ins Leere gesprochen ist! Wer sich mit solch einem Unsinn abfindet, muß folgern: Ohne Publikum vermochte der "Heiland" seinem Medium überhaupt keine Anweisungen zu geben. Schließlich sieht man sich vor der Frage: Hatte Therese überhaupt Visionen, wenn sie ganz allein war? Es gibt keinen einzigen Fall in der Geschichte der Mystik, daß Gott einem Menschen Anweisungen gegeben hat, von denen dieser Mensch nichts gewußt hat. Nach Dr. Seidl hat Thereses Erinnerungslosigkeit nach Beendigung der "ekstatischen Zustände", die sogenannte Amnesie, »ihr Analogon in dem posthypnotischen Zustand, der nach der Hypnose vorhanden zu sein pflegt" 95.

c) Blind und taub?

Nun wenden wir uns einem Zug zu, der vor allem als besonders bezeichnend für die Leidensvisionen der Stigmatisierten geschildert wird: Therese Neumann soll nämlich in diesem Zustand blind und taub gewesen sein. Bei der Sendung des Bayerischen Rundfunks am 30. März 1980 wirkte neben anderen der Bruder der Stigmatisierten, Ferdinand Neumann, mit. Da versicherte er: "In den Visionen hat sie den geschichtlichen Vorgang der jeweiligen Sache gesehen und in diesem Zustand war sie nicht ansprechbar. Man konnte in diesem Zustand mit ihr machen, was man wollte." Die Behauptung trifft nicht zu; dies haben Besucher wiederholt erfahren. Im Jahre 1962 berichtete der bekannte und angesehene Weidener Arzt Dr. Alois Stangl einem Pfarrer ein Erlebnis, das er im Jahre 1932 hatte. Im Sommer dieses Jahres begab sich der Arzt zur Kur nach Karlsbad in das international bekannte Kurhotel Pupp. Dort weilte zu dieser Zeit der damalige Prager Kardinal Kaspar. Einmal, mitten in der Nacht, bekam dieser eine Nierenkolik. Da man Dr. Stangl im Kurhotel wußte, rief ihn die Hotelleitung zum kranken Kardinal. In der folgenden Zeit trafen sich die beiden dann zu wiederholten Malen. Einmal fragte der Kardinal Dr. Stangl, ob ihm Konnersreuth bekannt sei und ob er gar einmal dorthin kommen werde; er habe nämlich vor, eine Schrift über Therese Neumann zu veröffentlichen; dafür hätte er gerne ein Bild von ihr, das sie während ihrer Leidensekstasen zeige. Dr. Stangl konnte dem Kardinal mitteilen, er sei schon wiederholt an Freitagen in Konnersreuth gewesen, er habe dann im Visionszimmer als Arzt Dienst getan; bei solcher Gelegenheit, so meinte Dr. Stangl, sei es für ihn ohne weiteres möglich, eine schöne Aufnahme zu machen.

Nach Beendigung der Karlsbader Kur kehrte Dr. Stangl nach Weiden zurück. Am nächstfolgenden Freitag begab er sich nach Konnersreuth zu seinem gewohnten ärztlichen Bereitschaftsdienst im Zimmer der Stigmatisierten. Zur Mittagszeit versiegte der Besucherstrom; dies war die günstigste Gelegenheit für den Arzt, ein gutes Bild zu bekommen. Therese weilte visionär in Jerusalem; sie rang nach Luft, röchelte und stöhnte. Dr. Stangl nahm seinen Fotoapparat zur Hand und wollte knipsen. Da auf einmal, zu seinem großen Erstaunen, trat etwas ein, was er bislang nicht erlebt hatte. Eben hatte die Ekstatische noch schwer nach Atem gerungen, hatte den Eindruck einer bitter Leidenden gemacht, die, ohne ihre Umgebung wahrzunehmen, den Leidensweg Christi verfolgte; jetzt auf einmal war sie hellwach, blickte den Arzt mit finsterem Blick an und sprach vorwurfsvoll: "Des will der liebe Heiland niad ham." Der Arzt legte seinen Fotoapparat weg, ohne geknipst zu haben; und schon befand sich die Seherin wieder in ihrer Ekstase, wie gewohnt, ohne Bewußtsein, taub und blind für ihre Umgebung; sie röchelte und atmete schwer wie zuvor. Dr. Stangl machte keinen zweiten Versuch. So kam es, daß der Prager Kardinal auf die Lieferung eines schönen Bildes verzichten mußte. Nach der Schilderung seines Erlebnisses sagte Dr. Stangl zu seinem Gesprächspartner: "So ein hysterisches Frauenzimmer!" Von da an hatte er nichts mehr übrig für die " Konnersreuther Resl". Bei der Schilderung seines Erlebnisses meinte er noch: "Ich habe ja gar nicht für mich ein Bild machen wollen, sondern aus Gefälligkeit für den Prager Kardinal, der doch der Stigmatisierten kein Unbekannter war. Hätte die Resl eine echte Vision gehabt, dann wäre sie aus ihrer angeblich tiefen Trance nicht wach geworden und nach dem erteilten Tadel sofort wieder in ihren angeblichen Trancezustand zurückgefallen. Hätte sie eine echte Vision gehabt, dann hätte sie schließlich wissen müssen, daß das geplante Bild nur für das Buch eines kirchlichen Würdenträgers bestimmt gewesen wäre. Ein Kardinal ist doch keine kirchliche Null96."

Ein anderes Beispiel: Bald nach dem Zweiten Weltkrieg - es war in der Zeit, als Ferdinand Neumann Landrat in Kemnath war - fuhr eine Frau in Begleitung zweier Ordensschwestern und eines Herrn an einem Donnerstag nach Konnersreuth. Als sie in das Zimmer der Stigmatisierten kamen, erlebte diese gerade das Ölbergleiden Christi. Plötzlich wandte sich die Seherin zum Pfarrer und sprach zu ihm einige Worte. Der Pfarrer drehte sich um, zu einem Amerikaner, der eben dabei war, die Seherin zu fotografieren. Dies brachte den Pfarrer in solche Erregung, daß er den verdutzten Amerikaner mit groben Worten aus dem Zimmer wies. Die "blinde und taube" Visionärin hatte während ihrer Ekstase ihre Umgebung genau beobachtet 97.

Wäre Therese Neumann während ihrer Visionen tatsächlich blind und taub gewesen, dann hätte sie diese völlig unbedeutende "Störung" nicht wahrnehmen können. Sie fühlte sich doch auch nicht gestört durch die vielen gaffenden Menschen. Außerdem, es wurden doch auch sonst gelegentlich an Freitagen in gleichen Situationen nicht bloß Foto-, sondern auch Filmaufnahmen gemacht. Warum hat da nicht auch der "Heiland" Protest eingelegt? Als Prof. Wutz die Stigmatisierte fotografierte und Filmaufnahmen machte, da war die Sache in Ordnung. Weder Therese Neumann noch Pfarrer Naber hatten dagegen etwas einzuwenden, als Ferdinand Neumann zu wiederholten Malen Passionsszenen mit seinem Foto- und Filmapparat verfolgte. Bereits am Karfreitag 1927 wurden auf Veranlassung des Konnersreuther Pfarrers im Zimmer der Therese Filmaufnahmen gemacht. An diesem Tag wurde kein Besucher zugelassen, auch nicht der Münchener Arzt Dr. Miller, und zwar unter dem Vorwand, "daß Therese schwer leidend und außerordentlich schwach sei". Aber später erfuhr der Arzt, "daß nicht die schwere Erkrankung der Therese die eigentliche Ursache des Besuchsverbotes war, sondern Filmaufnahmen, welche von drei Personen während des ganzen Vormittags vorgenommen wurden". Die betreffenden Herren waren Prof. Wutz von Eichstätt, Prof. Pabstmann von Bamberg und Privatdozent Dr. Schneller von Erlangen. Therese, beziehungsweise der Heiland hatte auch nichts dagegen, wenn Ferdinand Neumann zu wiederholten Malen die während ihrer Ekstasen gemachten Aufnahmen einem ausgewählten Kreis vorführte. Zu dem Ereignis lud Therese selber ein und nahm daran teil.

Einmal wurden von einem Besucher, Dr. Weidl mit Namen, der Stigmatisierten einige Bilder gezeigt, die an Interessenten vertrieben wurden. Darüber regte sie sich keineswegs auf; ja sie freute sich darüber; sie sagte: »Der Heiland hat es gewollt, daß die Aufnahmen gemacht wurden; sonst wären sie nicht so schön geworden 98."

Wie hat doch Ferdinand Neumann versichert? Er hat behauptet, seine Schwester sei »in den Visionen" nicht ansprechbar gewesen, man hätte mit ihr machen können, was man wollte. Da stehen wir wiederum vor der Frage: Hat sie denn dann Schmerzen empfunden? Hat sie, deren Beruf "das Leiden" war, gelitten? Was Ferdinand Neumann behauptet, sagt beispielsweise auch der Eichstätter Domkapitular Karl Kiefer: »Während der` Passionsekstase allerdings weiß sie nichts von dem, was um sie her vorgeht, aber es war noch genug des Schweren, was sie zu tragen hatte an den Donnerstagen, Samstagen und Sonntagen. Wenn sie gesagt hat: ,Das Angeschautwerden ist mir viel schwerer als das Leiden`, so konnte ich am 30. September 1927 das bestätigt sehen, als man nachmittags sie zweimal ohnmächtig vom unteren Zimmer des Pfarrhauses nach oben trug." Dazu ist zu bemerken: Das Angeschautwerden war für Therese Neumann keineswegs mit Schmerzen verbunden; es hat sie auch nicht seelisch geschmerzt. Ihre angeblichen Ohnmachtsanfälle waren eindeutig hysterischer Natur. Wenn schließlich das Angeschautwerden viel schwerer zu ertragen war als die Freitagspassion, worin bestand dann diese eigentlich?

2. Geburts- und Todestag

Geburts- und Todestag sind für einen Menschen Daten, denen weiter nichts Wunderbares anhaftet. Bei Therese Neumann von Konnersreuth liegen die Dinge anders. Sie ist geboren am 9. April 1898, an einem Karsamstag. Im Konnersreuther Standesamt lautet der Eintrag entsprechend den Angaben, die der Vater Ferdinand Neumann gemacht hat: 9. April 1898, 1.00 Uhr. Nach dem Tod der Stigmatisierten wurden die notwendigen Angaben auf dem Standesamt von dem Theologiestudenten Franz Pflaum gemacht; er bezeichnet als Geburtsdatum den 9. April 1898. Pfarrer Naber schreibt in seinem Bericht vom 4. Mai 1926 an den Bischof von Regensburg: »Selbe ist geboren am 9. April 1898.« Im pfarramtlichen Taufbuch lautete der ursprüngliche Eintrag: 9. April, 0.15 Uhr. Wie kommt es aber, daß in der Konnersreuth-Literatur regelmäßig der 8. April 1898 als Geburtstag genannt wird? Dies ist ein Ergebnis des »Christusorakels«. Auf den Gedanken, ob nicht Therese Neumann bereits am Karfreitag geboren sein könnte, ist Pfarrer Naber erst gekommen, als sie Wundmale bekommen hatte. Der Wunsch, es möchte so sein, wurde schließlich zum Beweis. Jetzt auf einmal kam der Mutter der Stigmatisierten die Erinnerung, daß ihre Tochter tatsächlich bereits am Karfreitag kurz vor Mitternacht das Licht der Welt erblickt hatte. Der Pfarrer zweifelte zwar an der erhaltenen Auskunft nicht, aber er wandte sich an seine noch viel zuverlässigere Auskunftsstelle, nämlich den »Heiland«. Er befragte ihn, als sich Therese im Trancezustand befand, und er erhielt die Bestätigung: "Geboren am Kaifreitag, dem 8. April 1898, vor Mitternacht." Damit war alles klar; der Pfarrer nahm das Taufbuch zur Hand und korrigierte das Geburtsdatum. Auch über den Todestag der Stigmatisierten hat Pfarrer Naber Auskunft eingeholt. Eines Tages fragte er sein Orakel, wann Therese einmal sterben werde. Er erhielt den gewünschten Bescheid und schrieb ihn nieder. Leider wissen wir nur, daß der Pfarrer das Datum aufgeschrieben hat, den Termin kennen wir nicht. Von der Angelegenheit haben auch nur ein paar Männer etwas erfahren, weil Pfarrer Naber einmal darüber gesprochen und ein Zeuge in seinem Notizbuch einen Eintrag gemacht hat. Dies geschah am 8. August 1929, als der Theologiestudent Georg Liesch zum erstenmal Konnersreuth aufsuchte. Damals erzählte der Pfarrer während eines Gesprächs, das er mit ihm und einigen anwesenden Priestern geführt hat: "Ich habe die Resl in Ekstase gefragt nach ihrem Todestag. Ich habe das genaue Datum aufgezeichnet, versiegelt und den Akten beigefügt, und von diesem Augenblick an war alles aus meinem Gedächtnis verschwunden100." Leider ist dies alles, was wir wissen. Ob das Christusorakel richtig vorausgesagt hat? Pfarrer Naber hätte es sicherlich sagen können; er hat es leider nicht getan. Es ist anzunehmen, daß der erwähnte, versiegelte Umschlag mit seinem Inhalt nicht mehr existiert. Ohne Zweifel hat der Pfarrer nach dem Tod der Stigmatisierten den Brief geöffnet und das von ihm bislang vergessene Datum mit dem Sterbetag verglichen. Hätte der Eintrag gestimmt, dann hätte er mit Sicherheit der Öffentlichkeit wieder, wie so oft, laut verkündet, daß "diese Stimmen sich nicht irren". Aber er hat geschwiegen; niemand hat auch je etwas von dem versiegelten Brief verlauten lassen. Der Beweis für ein Konnersreuther Phänomen ist spurlos verschwunden.

Das von Pfarrer Naber notierte Todestagsdatum wird im Dunkeln bleiben; aber wir kennen zwei Aussagen der Therese Neumann über die Zeit ihres Todes, die sich auf ihre Richtigkeit nachprüfen lassen. Einmal hat sie erklärt, wenn zu ihren Wundmalen "auch die auf der Stirn dazukommen, sei ihre Auflösung nahe". Aber Wundmale auf der Stirn trug sie nie. Das andere Mal lautete ihre Auskunft, " daß ihr die Mutter in die Ewigkeit vorausgehen und der Vater sie überleben werde". Ihr Vater ist jedoch ebenfalls vor ihr gestorben101.

3. Schweben und Bilokation

Gelegentlich hat man in Konnersreuth auch die "mystischen Phänomene" Schweben und Bilokation entdeckt. Der eine Fall des Schwebens soll sich in der Klosterkirche Sankt Walburg in Eichstätt ereignet haben. Während eines feierlichen Pontifikalamtes durfte Therese Neumann den Ehrenplatz neben der Äbtissin einnehmen. Plötzlich, während der Wandlungsworte, bemerkte diese, daß Therese, "die tiefer als sie neben ihr gesessen hatte, sich ungefähr in gleicher Höhe befand. Die Nachprüfung ergab einen Abstand um etwa eine Stufe vom Boden". Nun, worin bestand die Nachprüfung durch die Äbtissin? "Um ganz sicher zu sein, daß sie nicht einer Täuschung zum Opfer fiel, streckte sie wiederholt ihre Hand unter Thereses Füßen vorbei, deren Kleider herunterhingen, ohne den Boden zu berühren." Wie hat wohl die Äbtissin es fertiggebracht, von ihrem erhöhten Sitz aus mit ihrer Hand unter die Füße der Schwebenden zu gelangen? Sie müßte schon während der Wandlung von ihrem Sitz herabgestiegen sein und sich vor ihre Nachbarin hingekniet haben.

Ein zweiter Fall des Schwebens soll sich am 15. August 1938 im Steyler Kloster in Tirschenreuth zugetragen haben. Dort hatte Therese eine Schauung über die Aufnahme Mariens in den Himmel; dabei wurde sie »ein Stück mit emporgerissen" und schwebte "einige Zeit in der Luft", etwa 15 bis 20 Zentimeter vom Boden entfernt. Gibt es dafür einen Beweis? Auf meine Anfrage beim Steyler Kloster über den Wahrheitsgehalt der Erzählung erhielt ich den Bescheid: Die Patres, die beim damaligen Besuch der Stigmatisierten von Konnersreuth zugegen waren, seien inzwischen verstorben; »die Aussagen der Patres damals scheinen nicht ganz eindeutig gewesen zu sein, so daß hier niemand fest behaupten möchte, daß die Elevation wirklich Tatsache war, oder es so schien, als ob sie schwebte".

Schließlich habe ich im Jahre 1951 Therese Neumann fragen lassen, wieweit die betreffenden Berichte der Wahrheit entsprächen. Sie erklärte, das Schweben sei bei Visionen öfters vorgekommen, wenn sie die Aufnahme Mariens in den Himmel visionär erlebt habe; einige Patres von Tirschenreuth seien Zeugen gewesen; sie nennt jedoch keinen Namen. Sehen so "Beweise" aus 102?

Dieselbe Frage muß gestellt werden hinsichtlich der Berichte über die Gabe der Bilokation 103 . Steiner sagt darüber: "Therese ist, obwohl sie in Konnersreuth oder anderswo zugegen war, gleichzeitig an anderen Orten dritten Personen erschienen. Laut Angabe im erhobenen Ruhezustand war es ihr Schutzengel, der in diesen Fällen ihre Gestalt angenommen hat." Unter Bilokation versteht man sonst die gleichzeitige Gegenwart eines Menschen an zwei verschiedenen Orten. Therese Neumann hat also eine Sonderform erfunden. Zwei Berichte seien angeführt, die klarmachen, wie es zu dem Märchenglauben gekommen ist. Am Donnerstag, dem 7. Mai 1931, erhielt Pfarrer Naber den Besuch eines ihm unbekannten Mannes. Dieser erzählte ihm, er habe sich am 2. Mai das Leben nehmen wollen. "Da plötzlich sei Therese Neumann vor ihm gewesen und habe ihn gewarnt und dadurch vor dem Selbstmord bewahrt." Von dem »Ereignis" erfuhr Therese erstmals durch den Bericht ihres Pfarrers. Jetzt auf einmal erinnerte sie sich, »sie habe samstags viel zu leiden gehabt, es sei ihr so verzweiflungsvoll zumute gewesen". Den Grund hierfür erfuhr sie erst später; sie gab ihn "im erhobenen Ruhezustand" bekannt, nämlich, »ihr Schutzengel habe ihre Gestalt angenommen und jenen Mann warnen dürfen, weil er etliche Male für das, was der Heiland hier an ihr wirkt, entschieden eingetreten war«. Wäre nicht jener Mann beim Pfarrer aufgetaucht, dann hätte Therese nie von ihm etwas erfahren, weder über seine Schwierigkeiten, noch über seine Verdienste für die Konnersreuther Sache, noch über das Wunder der Bilokation, noch über die Aufschlüsse durch das Christusorakel.

Der zweite Fall ist ein "Erlebnis", das der Kapuziner Ingbert Naab nach Ostern 1929 hatte, als er in der Pfalz Exerzitien abhielt; damals, so hat der Pater versichert, sei die Stigmatisierte von Konnersreuth während eines Exerzitienvortrages unter seinen Zuhörern gesessen. Durch den Bericht des Paters erfuhr Therese von dem ihr bisher unbekannten Ereignis. Auch in diesem Fall gab sie, erst zwei Jahre später, an, der Pater habe ihren Schutzengel gesehen, der ihre Gestalt angenommen habe. Warum sich wohl der Engel den Exerzitienvortrag angehört hat?

4. Visionen

Die Anregungen für die Schauungen an den Freitagen bezog Therese Neumann in der Regel aus Schriften über Anna Katharina Emmerick. Auch bei den anderen Visionen hat sie sich auf einschlägige Veröffentlichungen gestützt. Der Nachweis wurde bereits in dem Buche "Konnersreuth als Testfall" geführt104. Hier soll nur auf einige Eigenheiten eingegangen werden, durch die sich Therese Neumann grundlegend von anderen Visionären unterschied.

Besonders auffallend war bei ihr die Zeit, wann sich ihre Visionen einzustellen pflegten. Luise Rinser sagt darüber: "Sie kommen ungerufen. Es kommt vor, daß Therese bei der Gartenarbeit davon betroffen wird; dann entfällt ihr Rechen oder Gießkanne. Oder sie spielt mit den Kindern und hält eines auf ihrem Schoß; plötzlich breitet sie die Arme aus und das Kind entgleitet ihr. Oder sie hustet; mitten im Husten fällt sie in Ekstase, und sie hustet erst zu Ende, wenn sie zurückkommt."

Die Visionen stellten sich mit Vorliebe dann ein, wenn Beobachter zu gegen waren, denen etwas "bewiesen" werden sollte. So geschah es zum Beispiel, als Therese bei Prof. Wutz in Eichstätt zu Besuch weilte. Da begab sie sich spät in der Nacht zu ihrer Freundin Anni Spiegl und erzählte ihr über die Tagesereignisse. Plötzlich hatte sie eine Vision über den Bericht des Evangeliums von der Heilung des Blindgeborenen. Eines Abends besuchte sie mit ihrer Freundin zwei Schwestern des Eichstätter Krankenhauses. Während des Gesprächs gegen 23.00 Uhr wurde sie von einer Vision überfallen; sie schaute die wunderbare Brotvermehrung. Nach einem Besuch des Eichstätter Dompfarrers Kraus schaute sie plötzlich den Engelsturz, als sie sich gerade an der Haustüre verabschiedete.

Wie Thereses Visionen zu bewerten sind, offenbart der Vergleich verbürgter Ereignisse mit den Schilderungen der Seherin. Vieles von dem, was sie visionär erlebt haben will, steht nicht im Einklang mit den Berichten der Heiligen Schrift oder mit sonst verbürgten Berichten. Zum Teil sind ihre Schilderungen bloß Wiederholungen frommer Legenden, die von den Hagiographen als reine Erdichtungen abgelehnt werden.

Wieviel die Angaben der Seherin von Konnersreuth wert sind, zeigt die "Ölbergszene". Im Jahre 1928 wurde sie gefragt, wie am Gründonnerstag der Mond ausgesehen habe. Sie gab an, er habe die Gestalt einer aufrecht stehenden Sichel gehabt. Die Beschreibung entsprach der Monddarstellung auf dem Olbergbild, das im Stiegenhaus der Familie Neumann hing. Als der anwesende Prof. Killermann bemerkte, "im Orient hat der Neumond im Frühjahr die Form eines Kahnes oder Schiffchens", fuhr ihn Pfarrer Naber erregt an: "Die Resl, der Heiland wird das besser wissen." Aber alle vier haben sich geirrt, die Resl, der "Heiland", der Pfarrer und Killermann; denn Ostern wird immer zur Zeit des Frühlingsvollmondes gefeiert. Eineinhalb Jahre später hat Pfarrer Naber Therese in ihrem " Zustand der Eingenommenheit" nochmals über die Gestalt des Mondes in der Zeit des Osterfestes gefragt; den Anstoß dazu hatte ein Regensburger Domvikar gegeben. Die Frage Nabers lautete: "Resl, sag uns, wie hat der Mond ausgesehen auf dem Ölberg? Das war doch nur der halbe oder ein Viertel vom Mond? Weißt, so eine Sichel!" Nunmehr lautete die Auskunft: "O nein, das war der volle Mond." Der Pfarrer fragte weiter: "Resl, aber ein Stückl davon hat doch gefehlt!" Therese widersprach: "Kein Stückl hat g'fehlt. Aber oben rechts war ein gelber Rand." Erst jetzt hat es die Resl, beziehungsweise der "Heiland" besser gewußt.

Ein weiteres Beispiel, wie jeweils der "Heiland" seine Ansicht zu ändern gezwungen war: Bei einer Vision über den Tod des heiligen Franz von Sales beschrieb Therese als Sterbezimmer einen prächtig ausgestatteten Raum eines bischöflichen Palastes. Der Heilige ist jedoch nicht an seinem Bischofsitz in Genf gestorben, sondern in der ganz ärmlich eingerichteten Gärtnerwohnung eines Klosters bei Lyon. Zu der Schau Thereses sagt Dr. Deutsch: "Diese Vision zeigt ganz eindeutig, daß es sich hierbei und bei ähnlichen Visionen lediglich um sogenannte ,Wach- und Wahrträume` einer krankhaften Person handelt, die sich in nichts unterscheiden von ,imaginären Visionen` und ,religiösen Ekstasen psychopathischer Persönlichkeiten`, die wir nicht so selten in der psychiatrischen Klinik zu sehen bekommen 105." Auf die Kritik des Arztes hin hat sich Pfarrer Naber an sein Orakel gewandt. Nunmehr lautete die "besser verbürgte Auskunft": Das stimmt nicht. In der Gärtnerwohnung hat sich Franz von Sales aufgehalten, bis er krank wurde; dann hat man ihn "in ein großes Haus" getragen, wo er starb. Wiederum hat sich Therese, beziehungsweise der "Heiland" geirrt. Franz von Sales ist tatsächlich in dem Gärtnerhäuschen gestorben; eine dort angebrachte Marmortafel erinnert an den Sterbeort.

5. Fremde Sprachen

Den Berichten zufolge geschah es oftmals, daß Therese im ekstatischen Zustand eine Reihe von fremden Sprachen vernommen hat, neben Aramäisch noch Französisch, Griechisch und Portugiesisch. Eine Sprachengabe im eigentlichen Sinn, ein Sprechen in fremden Sprachen hat man ihr nicht zugeschrieben; sie soll lediglich ihr ungewohnte Sprachen gehört haben, deren Inhalt sie nicht verstanden hat.

In Wirklichkeit hat sie während ihrer Visionen nie fremde Sprachen vernommen; sie hat nur wiedergegeben, was sie vorher gehört oder gelesen hatte. Dafür ein Beispiel: Nach der Vision, während der sie den Apostel Johannes aus einer Tonne siedenden Öles steigen sieht, erinnert sie sich der Worte des Gebetes: "Jesos Christos Theou Hyios, ego bios " Diese griechischen Wörter bedeuten: Jesus Christus, Gottes Sohn, ich bin das Leben. Sie stammen bestimmt nicht vom Apostel Johannes, sondern waren das Produkt des Pfarrers Naber. Der Ausdruck "bios" kommt im ganzen Neuen Testament nur fünfmal vor; er wird nie im metaphorischen Sinne gebraucht, sondern stets für »Leben" im wörtlichen, biologischen Sinn. Wann immer das Leben der Seele oder Christus als das Leben gemeint ist, wird regelmäßig das Wort "zoe" verwendet. Im Johannes-Evangelium kommt "zoe" nicht weniger als 430 mal vor, »bios" überhaupt nicht. Der Gebrauch des Wortes »bios" durch Therese Neumann geht auf Nabers unzureichende Kenntnis des neutestamentlichen Griechisch zurück. Der Pfarrer war, wie sein ehemaliger Mitstudent Prof. Waldmann zu sagen pflegte, "ein guter Hebräer, aber ein schlechter Grieche" 106

Das Aramäische

Viel Aufsehens wurde in Konnersreuth ob der aramäischen Sprache gemacht, die Therese Neumann gehört haben will und von der sie im Laufe der Zeit ein paar Brocken vorgebracht hat. Wie ist man auf dieses »Phänomen" gekommen? Es ging auf folgende

Überlegung zurück: Wenn Therese bei ihren Visionen, die sie in längst vergangene Zeiten zurückgeführt haben, alles so erlebt hat, wie es einstens abgelaufen ist, dann muß sie auch die damals verwendete Sprache vernommen haben. Dieser Gedanke ließ einen Mann nicht los, der seine Sprachkenntnisse zu vervollkommnen suchte. Dieser Mann war der Eichstätter Professor Wutz. Er war Fachtheologe für Alttestamentliche Exegese, beherrschte also das Hebräische. Ihn interessierte aber auch das Aramäische, die Umgangssprache zur Zeit Jesu, von der nicht mehr viel übriggeblieben ist. So begann denn Prof. Wutz am 25. März 1927 sein aramäisches Sprachstudium in Konnersreuth. Es kam dabei nicht viel, oder besser gesagt, gar nichts heraus.

Die ersten hebräischen, beziehungsweise aramäischen Ausdrücke, die Therese zum besten gab, waren lediglich die Wiedergabe der wenigen Wörter, die in der Passionsgeschichte enthalten sind. Damit gab sich Prof. Wutz nicht zufrieden. So fragte er also die Visionärin, was Jesus bei bestimmten Szenen der Passion gesagt habe. Wutz mußte immer und immer wieder die Antwort hören, "daß sie nicht verstehen könne, was gesagt wurde". Aber der Professor hatte Geduld. Wiederholt lautete seine Frage: Hat der Heiland nicht so oder so gesagt? Dabei stellte er von ihm vermutete aramäische Wörter zur Auswahl. Er brachte es schließlich so weit, daß Therese für einen bestimmten Ausdruck ihre Zustimmung gab. "Es kostete", so versicherte einmal der Eichstätter Prof. Dr. Mayr, sehr viel Geduld und Mühe, bis er einige Silben und Wörter herausgebracht hat."

Wie schleppend die Arbeit vonstatten ging, hat Wutz einmal dem Erzbischof von Lemberg auseinandergesetzt. "Ja, denken Sie", so hat er zu ihm gesagt, "ich brauchte ein volles Vierteljahr dazu, um schließlich ein Wort aus ihr herauszubekommen, das sie mir obendrein nur silbenweise wiedergab." Aber die Arbeit hat sich, nach langer Zeit, gelohnt. " Nach einigen Jahren konnte sie die Worte am Kreuze und andere Worte und Sätze selbständig wiederholen."

Was schließlich Therese produziert hat, hat sie niemals bei einer Vision wirklich gehört, sondern es war der Erfolg der Bemühungen des Professors. Dieser hat ihr sein eigenes Aramäisch, so wie er es vermutete, suggeriert; das Ergebnis, seine eigene Suggestion, hat ihn dann ungeheuer überrascht. In der Zeit, als Therese Neumann im Jahre 1927 zwei Wochen hindurch in ihrem Elternhaus überwacht wurde, wollte Prof. Wutz dem Erlanger Prof. Ewald 107 Thereses Aramäisch vorführen. Als sie sich im ekstatischen Zustand befand, fragte er sie, was soeben der Heiland gesagt habe. Die Angeredete brachte etwas hervor wie "Jeruschalem" und fügte noch "etwas Unverständliches" hinzu. Offenbar war Prof. Wutz mit dem Ergebnis nicht recht zufrieden; er sprach nur lächelnd: "Eine tolle Aussprache!" Auf weitere Versuche verzichtete er. Was Prof. Ewald zu hören bekommen hatte, war das Ergebnis viermonatigen Sprachstudiums des Prof. Wutz!

Andere angeblich aramäische Begriffe waren in Wirklichkeit nichts anderes als uroberpfälzische Bezeichnungen, die Wutz nicht gekannt und phantasievoll umgedeutet hat. Erstmals hat er die Öffentlichkeit im August 1927 auf das vermeintliche Aramäisch hingewiesen. Die Sache interessierte den bekannten Orientalisten der Leipziger Universität, Prof. Kittel. Er stellte Wutz zur Rede; dieser versprach, ihm seine Beobachtungen zu einer wissenschaftlichen Nachprüfung zugänglich zu machen. Das Versprechen wurde, trotz der wiederholten Aufforderungen durch Kittel, nie eingelöst.

Daß die angeblich aramäischen Wörter nur oberpfälzische Ausdrücke waren, hat einmal Pfarrer Naber selbst eingestehen müssen. Er hat dies allerdings nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur in seinem Tagebuch bekundet, und zwar am 29. November 1930. Da kommt er auf den Besuch zu sprechen, den Bischof Buchberger im März 1928 gemacht hat. Der Bischof wohnte den Leidensekstasen bei und machte sich ein paar Notizen. So schrieb er zwei "aramäische" Wörter auf, nämlich " Grotto Manna". Ob der Pfarrer dem Bischof dieses Aramäisch erläutert hat, ist unbekannt; aber im Tagebuch hat er die Erklärung gegeben; da schreibt er: "In Wirklichkeit aber waren dies Dialektworte der Therese und lauteten: ,Grode Manner - gerade Männer`. So bezeichnete sie im kindlichen Zustand der Eingenommenheit die strammen römischen Soldaten 1O8~"

In der genau gleichen Weise erklären sich andere "aramäische" Ausdrücke, die Prof. Wutz entdeckt hat, zum Beispiel:

- "kuma" (auch als "kumu, kume und komu" wiedergegeben) = komm!

- "magera" = der Magere

- "baisebna" (auch: "biasebua, Böisebua) = böser Bub

- "gannaha" = geh runter!

Die aramäischen Sprachforschungen hörten vollständig auf, nachdem Wutz gestorben war. Das Ergebnis kann man nur als kläglich bezeichnen. Später hat Therese Neumann nichts mehr hinzugelernt, was ja verständlich ist: der Lehrer hat gefehlt 109.

6. Hierognosie 110

Zu den mystischen Gaben, die Therese Neumann zugeschrieben wurden, gehört die Fähigkeit der Hierognosie; sie soll geweihte und ungeweihte Gegenstände, echte und unechte Reliquien jedesmal, ohne einen Irrtum, richtig bezeichnet haben, und zwar sowohl während ihrer Ekstasen als auch im gewöhnlichen Wachzustand. Einmal hat sie allerdings selbst versichert, nur im ekstatischen Zustand verfüge sie über die Gabe, geheime Dinge offenbaren zu können. Da hatte ihr jemand eine zweifelhafte Reliquie zur Begutachtung vorgelegt; sie gab die Auskunft: »Ja, das weiß ich jetzt nicht, das weiß ich nur in der Ekstase." Diese Antwort stimmt insofern nicht, als sie sich selbst hellseherische Fähigkeiten auch im normalen Wachzustand zugeschrieben hat; erinnern wir uns bloß an das, was bei dem Kapitel über ihre Beziehungen zu ihrem Schutzengel gesagt worden ist.

Einmal haben zwei Konnersreuth-Besucher, Cäcilie Isenkrahe und Dr. Miller, dem Pfarrer von Konnersreuth in Gegenwart der Therese Neumann den Vorschlag gemacht, man möge der Seherin aus geweihten und ungeweihten Gegenständen die geweihten aussuchen lassen. Naber lehnte sofort ab: "Das haben wir bisher nicht gemacht; einen Mißerfolg würde man uns übel auslegen." Die Antwort Nabers entspricht nicht den Tatsachen; wiederholt wurden derartige Versuche gemacht. Dies geschah freilich in der Zeit, als der Pfarrer noch selber davon überzeugt war, Therese würde nicht versagen. Aufgrund von Enttäuschungen ist er dann vorsichtiger geworden.

Auch Therese wich entsprechenden Versuchen aus, wenn sie Gefahr witterte; sogar während ihrer ekstatischen Zustände geschah dies. Am 19. Dezember 1930 erschien Monsignore Dr. Brunelli in Konnersreuth. Er hatte einige Reliquien mitgebracht, die er der Seherin vorlegte; aber diese verweigerte jegliche Auskunft; sie erklärte nur: »Das ist schon angeschrieben, was es für Reliquien sind." Bruneffi antwortete, es sei nichts angeschrieben. Er wiederholte seine Frage, ob seine Reliquien echt seien. Nun gab Therese zur Anwort, »daß sie nichts wisse; wenn sie etwas wisse, sei es nur, weil Jesus ihr alles eingebe". Jetzt kam der Pfarrer der Seherin zu Hilfe; er meinte: "Heute ist sie nicht in wirklicher Ekstase, sondern in einem halbekstatischen Zustand."

Am Freitag, dem 25. Juli 1932, legte Pfarrer Naber auf Wunsch des Jesuiten Alois Gatterer der Stigmatisierten eine Reliquie der heiligen Theresia von Lisieux in die Hand. " Sie reagierte in keiner Weise darauf." Nach dem Mißlingen dieses Versuchs vermochte der Pater den Pfarrer zu keiner weiteren Probe zu bewegen.

Einige Male gelang es aber doch, Therese auf die Probe zu stellen; sie hat die Prüfung nicht bestanden. So hat sie von einer Reliquie des italienischen Redemptoristen Blasucci irrtümlich behauptet, sie stamme von Johannes dem Täufer. Eine Reliquie des heiligen Bruders Gerhard, die dem Prager Kardinal Kaspar geschenkt worden war, hat sie als unecht bezeichnet, während sie das Brustkreuz des Regensburger Bischofs Buchberger als echtes Reliquienkreuz anerkannt hat; sie hat sogar genaueste Angaben über die Herkunft der im Kreuz eingeschlossenen " Kreuzpartikel" gemacht.

In Wirklichkeit war die Reliquie des Prager Kardinals echt, während das Brustkreuz des Regensburger Bischofs überhaupt keine Reliquie enthielt. Dies wußte Bischof Buchberger zuvor selber nicht; erst als er das Kreuz öffnete, bemerkte er, daß "überhaupt nichts drinnen" war.

Der Jesuit Fonck machte einen anderen Versuch; er legte der Ekstatischen ein und dieselbe Reliquie ein paarmal vor; das eine Mal bezeichnete sie diese als unecht, das andere Mal als echt. Im Jahre 1928 stellte der geistliche Studienrat Dr. Günther von Hagen-Böle der Seherin die Frage: "Die Schwestern in Böle haben eine Reliquie vom Kreuze Christi; ist diese echt?" Therese antwortete: "Ja!" In Wirklichkeit besaßen die genannten Schwestern überhaupt keine Reliquie.

Sicherlich hat Therese zuweilen eine richtige Auskunft gegeben. Dies war schon nach dem Zufallsgesetz zu erwarten. Aber man muß bedenken, wie eine solche Auskunft zustandegekommen ist. Fast ausnahmslos wurden die Reliquien der Stigmatisierten durch Pfarrer Naber oder Prof. Wutz vorgelegt. Nur ganz selten durfte ein anderer Priester unmittelbar Fragen stellen. Prof. Gemelli urteilt über diese Priester: "Auch über diese Geistlichen muß ich wiederholen, was ich über Pfarrer Naber gesagt habe, ein objektiver und unvoreingenommener Beobachter erhält keinen guten Eindruck davon, weil in seinem Inneren unwillkürlich die Frage auftaucht, ob die Anwesenheit dieser Menschen und deren Fragen auf die Dauer nicht suggestiv wirken; und was die Antworten betrifft, so kann man das nicht bezweifeln."

Persönliche Erfahrungen zwangen den lange Zeit konnersreuthgläubigen Redemptoristen Hummel zum Geständnis: "Mit ihren Angaben über Reliquien hat Therese Neumann entschieden Pech. Wir haben wiederholt Versuche gemacht, die mißlungen sind." Solche Mißerfolge machen verständlich, daß Pfarrer Naber allmählich vorsichtiger geworden ist. Im Verein mit bedingungslos Glaubenden nahm er wohl auch späterhin Proben vor; in anderen Fällen wehrte er ohne Entgegenkommen ab: "Probiert wird nichts!"

7. Kardiognosie

Welch tiefe Einsicht der Stigmatisierten zugesprochen wurde, bringt Franz Huber zum Ausdruck: "Sie spürt - das wurde seit 1929 beobachtet und ist seitdem so -, wenn Anwesende im Stande der Todsünde sind. So wie sie bei einzelnen Personen deren Seelenzustand erkennt, so spürt sie, ob ihre weltliche oder fromme Gesinnung überwiegt und zu Hause ist; ob in dem Orte viele Trunksüchtige sind; ob in dem Ort geschlechtliche Sünden begangen werden; genau so, wie sie mittels dieses Sinnes unterscheiden kann, ob ein Besucher gläubig oder ungläubig, katholisch, protestantisch oder indifferent ist 111.«

Erst recht, so sagt Kaplan Fahsel, hat Therese ihre Sehergabe unter Beweis gestellt, wenn sie im Zustand der "gehobenen Ruhe« war: "Mehr als einmal hat sie falsche oder schlechte Priester, und sogar falsche Bischöfe, die als Ungläubige, aus reiner Neugierde oder auch zum Vergnügen sie besuchten, demaskiert. So sagte sie zu dem einen: ,Du bist gar kein Bischof, du bist ein falscher Prälat, trotz deiner prächtigen Kleidung! Aber du bist immer noch Priester; du bleibst es in alle Ewigkeit. Sieh dich vor, daß dir unterwegs nichts zustößt!`112"

Was Fahsel berichtet, hat sich niemals ereignet; er gibt bloß wieder, was ihm Therese Neumann erzählt hat. Nur ein einziges Mal geschah es tatsächlich, daß sich in Konnersreuth ein Mann als Bischof ausgegeben hat, ohne es zu sein. Diesen hat jedoch Therese nicht entlarvt; im Gegenteil, sie ist auf den Schwindler hereingefallen. Es war am 11 .Januar 1929, einem Freitag, da tauchte in Konnersreuth ein abgefallener tschechischer Priester auf, ein Betrüger und Hochstapler. Er gab sich als Weihbischof von Prag aus. Obgleich er

keinen Besuchserlaubnisschein vorweisen konnte, hat man ihn vorgelassen, weil seine Angabe nicht bezweifelt wurde. Nach seinem Besuch bei Therese erzählte er dem Gastwirt, bei dem er übernachtete, die Stigmatisierte habe ihm prophezeit, er werde einmal zum Kardinal ernannt werden. Im Dezember 1929 wurde der Schwindler verhaftet - eine sehr peinliche Angelegenheit für Therese Neumann und ihren Pfarrer! Beide halfen sich in gewohnter Weise mit Leugnen und Beschönigen. Pfarrer Naber gab an, der Schwindler habe zwar mit Therese während ihres ekstatischen Zustandes gesprochen, jedoch nicht lange; "im erhobenen Zustand der Ruhe" habe er sich mit der Resl "überhaupt nicht" unterhalten. Die Seherin verteidigte sich mit der Behauptung, sie habe nach dem Fortgang des Hochstaplers zu ihren Eltern gesagt, der Mann sei ihr eigenartig vorgekommen, gar nicht wie ein Bischofs 113.

8. Hellsehen

Bei dem Kapitel "Visionen" behandelt Steiner das Thema »räumliches Hellsehen«. Als einen Beweis führt er an, Therese Neumann habe gelegentlich an weit entfernten Orten wichtige kirchliche Feiern miterlebt, wie wenn sie persönlich zugegen gewesen wäre. »So durfte sie ... die Eröffnung des Heiligen Jahres in Rom, die Dogmenverkündigung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, Feiern in Lourdes, Lisieux und Fatima, Katholikentage und sonstige kirchliche Kongresse" visionär schauen. ,jedes Jahr am Ostersonntag befand sie sich visionär unter den Anwesenden auf dem Petersplatz in Rom. ... In dieser Schauung erlebte sie drei Päpste: Pius XI., Pius XII. und Johannes XXIII.114. «

Um die Zeit, als Konnersreuth berühmt wurde, hatte auch die Diözese Trier einen Fall von Stigmatisation sowie von Nahrungs- und Ausscheidungslosigkeit; es handelt sich um Anna Maria Göbel von Bickendorf. Eines Tages wurde Therese vom Bamberger Dompfarrer, im Beisein des Konnersreuther Pfarrers, gefragt, ob die Bickendorfer Phänomene als echte, übernatürliche Dinge bezeichnet werden müßten. Aufgrund der erhaltenen Auskunft schrieb Geiger an den Pfarrer von Bickendorf: "Zu Ihrem Troste schreibe ich Ihnen folgendes: Ich habe die Resl in der Ekstase gefragt, ob die Bickendorfer Sache übernatürlicher und göttlicher Art sei. Darauf antwortete sie: ,Ja, die Sache kommt vom Heiland.` Der Widerstand, den sie findet, ist zurückzuführen auf Verleumdung einer gewissen Familie. es ist furchtbar! Man hält Volksmissionen ab, ohne Erfolg. Wenn der Herrgott selbst eine einleitet, wird sie unterdrückt."

Das hier geäußerte Wissen geht nicht auf eine innere Erleuchtung zurück, sondern auf ein Buch, das man Therese zugesandt hatte. Die Auskunft, die sie gegeben hat, war falsch. Anna Maria Göbel war zu dieser Zeit bereits als Schwindlerin entlarvt worden. Ihre Wundmale wurden von Ärzten behandelt und verheilten wie gewöhnliche Wunden. Man konnte auch beweisen, daß die "nahrungslos Lebende" ihren Urin auf die Fensterbank geschüttet hat; ebenso wurde sie dabei ertappt, wie sie heimlich Nahrung zu sich nahm. Der Bickendorfer Medizinalrat Dr. Appelmann hat die Versicherung abgegeben: "Hier genügt nicht das Wort Hysterie, sondern hier liegt glatter Betrug vor." Nach einer vierwöchigen Beobachtung in einem Krankenhaus im April und Mai 1926 und ein weiteres Mal einige Zeit später erklärten die vom zuständigen Bischof mit der Überwachung betrauten Ärzte und Theologen einstimmig, es handle sich um ganz natürliche Vorkommnisse.

Die Angelegenheit hatte ein Nachspiel von der Art, wie wir es bereits wiederholt gefunden haben: Später, als der wahre Sachverhalt auch in Konnersreuth zur Kenntnis genommen werden mußte, hat die Seherin einfachhin geleugnet. Als sie im Jahre 1933 anläßlich der Ausstellung des "Heiligen Rockes" in Trier weilte, hat mit ihr, in Gegenwart des Konnersreuther Pfarrers Naber, Prälat Kammer über diese Angelegenheit gesprochen. Jetzt behauptete Therese glatt: "Nix hab` i g'sagt, gar nix hab` i g'sagt." Pfarrer Naber bestätigte, daß sie nichts gesagt habe. Dabei ist es doch Tatsache, daß Naber Augen- und Ohrenzeuge war, als der Dompfarrer von Bamberg sein Gespräch mit Therese Neumann geführt hat.

Die Sache hatte noch ein weiteres Nachspiel. Im Jahre 1936 weilte Fräulein Böhnisch aus Neheim i. W. in Konnersreuth; sie hatte den Auftrag erhalten, den Vater der Stigmatisierten zu fragen, "ob Bickendorf echt sei und was Resl dazu sage". Die Frage lautete: "Halten Sie Bickendorf für echt, und auch die Resl?" Ferdinand Neumann antwortete: "Na freilich." Daß wundersüchtige Menschen unbelehrbar sind, beweist das Verhalten des Bamberger Dompfarrers; er wußte zu den Untersuchungsergebnissen im Falle Bickendorf nur zu sagen: "Die Trierische Untersuchung bei Göbel-Bickendorf war eine Farce; auf deren Resultat kann man nichts geben115.«

Als man in Wien eine Großstadtmission plante, fuhr der Jesuit Tepper nach Konnersreuth, um Therese Neumann um ihr Gebet für das Gelingen der Mission in 108 Kirchen zu bitten. Therese widersprach bei der genannten Zahl 108; sie behauptete hartnäckig, es seien 112 Kirchen. Wie war sie zu ihrem "Wissen" gekommen? Das hat P. Tepper bald nach seiner Rückkehr nach Wien erfahren. Da erzählte ihm der Generalleiter der Wiener Mission, er sei bereits vor ihm in Konnersreuth gewesen und habe der Stigmatisierten verraten, daß die Mission in 112 Kirchen abgehalten werde. Damals wußte er aber noch nicht, daß kurze Zeit darauf einige Kirchenvorstände von der Abhaltung einer Mission zurücktreten würden.

Wiederholt kam es vor, daß Therese um Auskunft über Menschen angegangen wurde, von denen man schon lange Zeit nichts mehr gehört hatte. Im Frühjahr 1941 kam der damalige Benefiziat von Konnersreuth, Josef Plecher, zum Regensburger Weihbischof Dr. Höcht und berichtete ihm "von der krankhaften Sucht der Dorfbewohner", die in allen möglichen Anliegen bei Therese anfragten oder anfragen ließen. Eine Familie hatte von ihrem im Krieg befindlichen Sohn schon längere Zeit keine Nachricht mehr erhalten und wollte nun wissen, ob er noch am Leben sei. Therese gab den Bescheid: "Er ist tot." Die Auskunft war falsch; drei Wochen später meldete sich der Totgesagte in einem Brief an seine Eltern 116.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wußte das Bamberger "Heinrichsblatt" zu berichten, daß ein Missionar aus der Konnersreuther Gegend in China aufgehängt worden sei. Therese Neumann, während einer Ekstase gefragt, versicherte, der Missionar sei tot; sie habe ihn gesehen, wie er leblos an einem Galgen hing. Man plante bereits, einen Trauergottesdienst für den Pater abzuhalten, da kehrte der "Tote" im Jahre 1948 in seine Heimat zurück. Wie verhielt sich nunmehr die Seherin Therese Neumann? Sie flüchtete sich in die Ausrede, sie habe während ihrer Ekstase den Missionar mit seinem am 20. März 1941 verstorbenen Vater, der über 40 Jahre lang in Konnersreuth den Mesnerdienst versehen hatte, verwechselt. Aber dieser war doch nie in China; er ist auch nicht durch Erhängen hingerichtet worden. Wie ist die Seherin zu der falschen Auskunft gekommen? Jener Missionar und seine Mitbrüder wurden von chinesischen Räubern überfallen und gefoltert, indem man sie mit gefesselten Händen an Pfählen hochzog. Keiner der Gefolterten wurde ermordet, alle wurden bald nach dem Überfall aus China abgeschoben. Therese Neumann und das Bamberger "Heinrichsblatt" hatten den Begriff "Aufhängen" mit "Erhängen" verwechselte 117.

9. Präkognition

Wie bei allen Angaben über Thereses außergewöhnliche Fähigkeiten entpuppen sich auch die Behauptungen, ihr sei die Gabe der Präkognition, die Fähigkeit, künftige Ereignisse vorauszusagen, eigen gewesen, als falsch. Zwar hat Pfarrer Naber gelegentlich bestritten, daß Therese kommende Ereignisse voraussage; aber es ist Tatsache, daß sie prophezeit hat, und zwar gar nicht selten. Hätte sie dies nicht getan, dann hätte Dr. Gerlich nicht ein eigenes Kapitel mit dem Titel »Voraussagungen der Therese Neumann" bringen können, und Teodorowicz hätte nie ein Kapitel "Prophetische Gabe" geschrieben. Beide haben die Unterlagen für ihre Angaben in Konnersreuth erhalten. Pfarrer Naber war es schließlich auch, der sich regelmäßig während Thereses Kommunionekstasen künftige Ereignisse verkünden ließ. Schließlich hat er ja selbst am 26. Februar 1929 an den Regensburger Bischof geschrieben: Im "erhobenen Ruhezustand benutzt der Heiland oftmals der Therese Leib, insbesondere ihre Zunge, um damit das zu äußern, was er äußern will . . . Darauf, daß das, was in diesem Zustand gesagt wird, wahr ist, und was vorausgesagt wird, auch eintrifft, kann man sich unbedingt verlassen" 118`. Therese Neumann hat prophezeit; die Prophezeiungen haben sich immer wieder als falsch erwiesen; in diesen Fällen flüchtete sie sich in gewohnter Manier in leere Ausreden. Eines der Argumente lautete dann so: Die Auskünfte wurden "subjektiv" ausgedeutet. Auch andere Entschuldigungen wußte sie vorzubringen. Da wollte um das Jahr 1930 der Vater der Stigmatisierten einen Apfelbaum in seinem Garten versetzen. Vorsichtshalber fragte man zuerst die ekstatische Therese. Diese versicherte, "der Heiland" habe erklärt, der Baum werde die Verpflanzung ohne Schaden überstehen. Es kam aber anders: der Baum starb ab. Was sagte die Prophetin dazu nunmehr? Sie erklärte, die Auskunft habe so gelautet, "damit sich ihr Vater, der an dem Baum sehr hing, hierüber nicht so stark aufrege; später würde er es dann vergessen"119. Man überlege sich: Entweder hat sich der "Heiland" getäuscht oder er hat gelogen. Zwei Vorkommnisse haben den Bischof von Regensburg am 12. Oktober 1928 veranlaßt, von Pfarrer Naber Auskunft zu verlangen. Therese hatte einer Frau versichert, sie sei ungültig getauft, weil bei ihrer Taufe kein Wasser verwendet worden sei. In der Ekstase gefragt, bestätigte Therese, daß bei der Taufspendung in der Tat kein Wasser verwendet worden sei. Das Rätsel, was der Taufende statt des Wassers verwendet hat, wurde von ihr nicht gelöst. Im zweiten Fall ging es um ein krankes Mädchen. Es befand sich im Krankenhaus von Waldsassen und sollte, weil es sich mit Selbstmordgedanken trug, in die Nervenheilstätte Kartaus in Regensburg gebracht werden. Der Pfarrer von Konnersreuth veranlaßte den Vater der Kranken, er solle diese aus dem Krankenhaus zurückholen, weil sie nichts anderes als Heimweh habe, "nach ihrer Heimschaffung werde sie gesund". Der Rat wurde gegen den ausdrücklichen Widerspruch des Sanitätsrates Dr. Seidl befolgt. Zwei Tage nach der Rückkehr mußte die Kranke mit schweren Brandwunden neuerdings ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo sie starb. Was hat nunmehr die Seherin, vom Pfarrer während ihres ekstatischen Zustandes gefragt, zu sagen gewußt? Sie gab an, die junge Person sei "menschenscheu und unbeholfen" gewesen, und zwar aufgrund ihrer Kränklichkeit; im Krankenhaus habe sie sich nicht wohlgefühlt und habe davon gesprochen, sie werde vom Fenster in die Tiefe springen; "es wäre besser, die Kranke, statt nach Kartaus, heimzubringen, da ihr wahrer Zustand vom Heimweh komme". Die tragische Folge des falschen Rates wußte das Orakel so zu beschönigen: "Der Heiland habe es zugelassen, weil die Person, wenn sie in die Irrenanstalt gekommen wäre, wirklich irrsinnig geworden wäre und verdienstlos hätte leiden müssen; so aber könne sie aus ihrem Leben Nutzen ziehen für die Ewigkeit. Und tatsächlich hat sie so gelitten und ist sie so gestorben, daß von Krankenschwesterseite geäußert worden ist, so möchte man auch sterben120." Man überlege sich nur: Welch ein dummes Geschwätz wird da dem "Heiland" zugeschrieben und wie groß muß ein Unsinn eigentlich noch sein, bis er von den "Mystikern" nicht mehr geglaubt wird?

Ein paarmal äußerte sich Therese Neumann über den späteren Beruf von jungen Leuten aus ihrer näheren Verwandtschaft. Bevor sich im März 1929 der Prager Erzbischof in Konnersreuth verabschiedete, hatte er noch eine Unterredung mit einer verheirateten Schwester der Stigmatisierten. Diese hatte ihr dreijähriges Söhnchen bei sich, "von dem Resl sagte, aus ihm werde ein Priester". In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 1927, also während der Beobachtungstage, betete Therese für einen ihrer Brüder und einen kleinen Neffen so laut, daß die anwesenden Klosterschwestern mithören konnten. "Die beiden", sagte sie, " werden Pfarrer". Diese auch noch bei anderen Gelegenheiten geäußerten Prophezeiungen haben sich insgesamt als falsch erwiesen; keiner der Genannten ist Priester geworden121.

Zuweilen geschah es in der Tat, daß Thereses "Prophezeiungen" eingetreten sind. An einem Freitagmorgen hörte man in den Straßen von Konnersreuth allenthalben erzählen: Heute noch wird ein hoher ausländischer Kirchenfürst erscheinen; die Resl hat es während

ihrer Ekstase vorausgesagt. Und in der Tat! Gegen Mittag traf ein Bischof ein. Aber was Therese am Freitagmorgen prophezeit hat, das hat sie bereits am Tag zuvor gewußt. Bereits am Donnerstag hat nämlich der Konnersreuth-Besucher Dr. Günther durch den Gastwirt, bei dem er ab gestiegen war, erfahren, er habe als Posthalter von einem ungarischen Grafen und Erzbischof ein Telegramm aufgenommen, in dem für den folgenden Tag der Besuch angekündigt wurde 122. So einfach erklären sich unerklärliche Prophezeiungen!

Es ist eine Unmenge "mystischer Phänomene", die Therese Neumann zugeschrieben wurden und die sie sich selbst zugelegt hat. Im Laufe der Jahre scheinen sie sich allerdings verringert zu haben. Wie Kosubek 1947 schreibt, hat Therese Neumann "in letzter Zeit sogar Fragen, die rein kirchen-wissenschaftlichen Zwecken dienen, nicht mehr beantwortet". Pfarrer Naber meinte dazu: "Man kann es nicht wissen, warum uns der Heiland in letzter Zeit im Unklaren in solchen Fragen läßt 123." Ganz ist freilich Thereses »Sehergabe" nicht verschwunden; wir brauchen bloß an den Traunsteiner Weinschieberprozeß zu denken.


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Letzte Änderung: 22. August 1997