VII. Die Resl hilft

1. Durch Beratung

Im Vertrauen auf die außergewöhnlichen Gaben, die man Therese Neumann zugeschrieben hat, wurde sie in allen möglichen Anliegen angegangen. Sie erteilte Auskunft im ekstatischen Zustand, aber auch sonst vertraute man ihrem Wort, ob es sich um Berufsanliegen handelte oder um rein finanzielle und wirtschaftliche Unternehmungen. Wie wertvoll man ihren Rat eingeschätzt hat, darüber kann man in der Konnersreuth-Literatur so manchen ,,Beweis" erfahren. Wie oft falsch beraten worden ist, davon liest man nie etwas. In zwei Fällen allerdings hat sich Therese Neumann ohne Zweifel ein Verdienst erworben, und zwar als Geldvermittlerin, im Falle Fockenfeld und im Fall Theresianum. Man kann sie freilich nicht als Gründerin bezeichnen. Die Anregung zum Bau eines Anbetungsklosters erhielt Bischof Graber am 8. Februar 1962 durch eine Klosterfrau in Angers, Frankreich; diese erklärte sich auch bereit, vier Schwestern zur Verfügung zu stellen. Darüber informierte Bischof Graber die Stigmatisierte von Konnersreuth, die verständlicherweise von dem Plan begeistert war, sollte doch das Kloster in ihrem Heimatort errichtet werden. Sie war es dann, die einen geldkräftigen Gönner fand, der die Finanzierung übernahm, obwohl das inzwischen gesammelte Geld für den Bau aus gereicht hätte.

Bei Fockenfeld lagen die Dinge ähnlich. Als dieses Gut zu Verkauf stand, gewann Therese Neumann als Geldgeber den Fürsten von Waldburg-Zeil, der zum Konnersreuther Kreis gehörte und ihren ekstatischen Auskünften volles Vertrauen schenkte, auch wenn es sich um wirtschaftliche Fragen handelte. In der Zeit, als es um die Finanzierung der "Allunit Werke" in Zwiesel ging, hat er im Vertrauen auf das Konnersreuther Orakel sich bereiterklärt, "sowohl Geld für die Allunit-Werke als dann auch für das Kloster Fockenfeld zu geben". Für beide Vorhaben wurde der damalige Direktor der Jena in Frankfurt, Morris S. Verner, der mit Konnersreuth sympathisiert hat, gewonnen, allerdings, wie sich herausstellen sollte, indem er hinters Licht geführt wurde. Damit der Ankauf des Gutes Fockenfeld zustande kommen konnte, trug man sich mit dem Gedanken, Therese Neumann sollte zusammen mit ihrem Bruder Ferdinand nach Frankfurt fahren. Man überlegte noch, welche Wege am besten zum Ziele führen könnten, da überraschte Pfarrer Naber die noch Unschlüssigen mit der Nachricht, er habe inzwischen mit der ekstatischen Resl gesprochen; die Auskunft habe gelautet, wenn Therese bereit sei, die Strapazen der Fahrt nach Frankfurt auf sich zu nehmen, werde der Heiland das Leiden am Reisetag, einem Freitag, ausfallen lassen. Natürlich erklärte sich Therese bereit, zumal sie ja auch sonst gerne die Strapazen einer Reise in Kauf genommen hat. Das Unternehmen war von Erfolg gekrönt.

Die Reise nach Frankfurt hatte noch einen zweiten, bereits angedeuteten Zweck. Auch in diesem Fall wurde Therese eingeschaltet, und zwar zu wiederholten Malen. Bei diesem Unternehmen ging die Sache allerdings schließlich vollkommen schief. Von der ganzen Affäre erfuhr die Öffentlichkeit im Jahre 1957 durch den ,,Traunsteiner Weinschieberprozeß"` der sich über Monate hingezogen hat. Zu den verschiedener Vergehen wegen Verurteilten gehörte Ferdinand Neumann, der Bruder der Stigmatisierten. Im wesentlichen ging es bei dem Prozeß um die illegale Einfuhr von 8550 Hektolitern ausländischen Weines, die zur Tarnung als "Schenkungen an kirchliche und karitative Organisationen" deklariert worden waren. Ein beachtlicher Teil der erzielten Gewinne floß in die Allunit -Werke in Zwiesel` deren Besitzer Josef Plonner und Ferdinand Neumann waren. Nebenbei wurde auch über die illegale Investition von 100000 Mark zum Ausbau des Alpengasthofes Kreuz bei Serfan in der Nähe von Landeck in Tirol gesprochen. Wie Plonner versicherte, waren sowohl die Allunit-Werke als auch der Gasthof von Therese Neumann "in der Ekstase empfohlen worden". Die Schuld für die Vorgänge bei den Weinimporten, durch die unter anderem die Allunit-Werke in Zwiesel finanziert werden sollten, gab einer der Rechtsanwälte, Dr. Oehl, der "Wundergläubigkeit" der angeklagten Ferdinand Neumann, Josef Plonner und August Eutermoser. Er sagte: "Vielmehr müsse man dem sogenannten Konnersreuther Kreis, der weitgehend mit den Allunit-Werken in Zwiesel identisch sei, als den eigentlichen Initiator bezeichnen. Und hier sei es wieder in erster Linie die stigmatisierte Therese, die Schwester des angeklagten Ferdinand Neumann, gewesen, die den Beteiligten entsprechende Weisungen erteilt habe. Die Stigmatisierte, führt Dr. Oehl weiter aus, habe auch dann noch zum Weitermachen aufgefordert, als die Angeklagten selbst Zweifel hatten, ob die Sache ein gutes Ende nehmen könnte." Plonner hat nach Ansicht des Sachverständigen zweifellos unter dem Einfluß der Therese Neumann gestanden und nach ihren Ratschlägen gehandelt, da er sie für die "Stimme Gottes" hielt. Der Angeklagte selber hatte nicht unrecht, wenn er die Frage stellte: "Wer ist schuldiger, derjenige, der nach einigem Ringen an die absolute Echtheit der Ekstase glaubte, oder die, die als besser Gebildete, seriöse Personen oder gar als Priester mich in diesem Glauben bestärkten, nein, erst zu diesem Glauben brachten?" Er hatte auch nicht ganz unrecht, wenn er seinen Irrtum mit dem Hinweis auf Veröffentlichungen von Theologen entschuldigte, in denen zu lesen war, aus Therese Neumann spreche Christus. Es war keine leere Ausrede, wenn er sich darauf berief, er habe "durch bessere und längere Kenner des Phänomens, durch den Bruder der Therese, den Ortspfarrer etc." überhaupt erst erfahren, "daß sich Therese in diesem Zustand unter Umständen auch zu scheinbar profanen und wirtschaftlichen Fragen äußert, wenn die Dinge Gott gefällig sind". Von Thereses Bruder, so versicherte Plonner, sei er nach Konnersreuth gewiesen worden und dorthin sei er immer wieder, um Rat bittend, gekommen, wenn er nicht mehr weitergewußt habe. Es geht nicht darum, ob oder inwieweit Therese Neumann Bescheid gewußt hat, daß die Geschäftspraktiken der beteiligten Personen ungesetzlich waren. Es steht fest, daß sie sowohl im Wachzustand als auch während ihrer Ekstasen darüber gesprochen hat. Von den Weinimporten wußte man bereits Jahre vor dem Prozeß; es war bekannt, daß aus Italien billiger Wein eingeführt wurde; es war auch bekannt, daß mit dem Mehrerlös beim Verkauf in Deutschland die Fabrik in Zwiesel gebaut und finanziert werden sollte. Davon hat auch Therese Neumann gewußt; wie hätte sie sonst bereits einige Jahre vor Beginn des Prozesses über die Weinimporte sprechen können? Sie wußte ja auch beispielsweise Bescheid über die Ankunft der ersten Weinsendung. Als jedoch die Sache schiefgelaufen war, da hat sie fest und steif behauptet, von all diesen Vorgängen keine Ahnung gehabt zu haben. Sie hat sich sogar angeboten, ihre Aussage eidlich zu bekräftigen. Der Traunsteiner Prozeß hat bewiesen, was von den ekstatischen Auskünften der ,,Seherin" zu halten ist; er hat weiterhin gezeigt, wie wenig wahrheitsliebend sie war.

Von der geschilderten Affäre wäre nichts in die Öffentlichkeit gedrungen, wäre es nicht zu einem Prozeß gekommen. Über sonstige Unternehmen, die schiefgelaufen sind, schweigen sich die Konnersreuth-Autoren aus oder sie übertragen die Schuld am Versagen der Therese Neumann auf andere Menschen. So hat einmal die Oberin einer karitativen Anstalt im Vertrauen auf den Rat der Therese Neumann eine hohe Bürgschaft übernommen, wozu sie nicht berechtigt war. Sie hatte zwar Bedenken, aber Therese beschwichtigte ihr Gewissen mit der Versicherung, es bestehe keine Gefahr, überdies sei es der Wille des ,,Heilandes". Die Bürgschaft wurde fällig, weil das Unternehmen Bankrott machte. Sofort hatte man eine Entschuldigung bereit: Man machte die beteiligten Personen verantwortlich; diese hätten nichts riskieren dürfen, im übrigen habe man die von der Ratgeberin erteilte Weisung subjektiv ausgedeutet.

Eines Tages wandte sich jemand an das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg und verlangte Schadenersatz. Der Grund hierfür war folgender: Therese war von einer jugendlichen Person befragt worden, ob sie für das Ordensleben berufen sei. Sie bejahte die Frage und ermunterte zum Eintritt in ein Kloster. Nach zwei Jahren verließ der Kandidat die Ordensgemeinschaft wieder.

Eine Ordensoberin hat regelmäßig in Konnersreuth Auskunft eingeholt, wenn sich eine junge Kandidatin gemeldet hatte; die Aufnahme wurde verweigert, wenn Therese die Berufung zum Ordensleben verneint hatte. Einmal hat man in einem Frauenkloster eine Schwester vor der Ablegung der "ewigen Gelübde" entlassen. Daraufhin befragte Pfarrer Naber Therese während ihres ekstatischen Zustandes. Diese erklärte, die "zeitlichen Gelübde" jener Schwester seien gültig gewesen, sie müsse zu den ewigen zugelassen werden, da kein Berufszweifel vorläge; falls die Oberen dagegen handelten, würden sie schwere Verantwortung auf sich laden.

Einmal stellte der Freisinger Regens Westermayr Therese eine Fangfrage; sie fiel glatt darauf herein. Westermayr fragte, ob er in einem bestimmten Fall seine Kenntnis aus dem Beichtstuhl gegen das ausdrückliche Verbot der beichtenden Person gebrauchen dürfe. Die Gefragte erklärte, das dürfe er tun; er solle aber verschweigen, daß er sein Wissen aus dem Beichtstuhl habe. Was jedem Katholiken bekannt ist, daß das Beichtsiegel unter keinen Umständen verletzt werden darf, wußte Therese Neumann nicht; da versagte ihr Schutzengel, der doch, wie Steiner meint, ihr seine "Weisungen für sie oder andere sowohl während des gewöhnlichen Zustandes als auch während des Zustandes der Eingenommenheit" gab, und zwar "immer von der rechten Seite her 75" Hat vielleicht der Schutzengel in jenen Fällen, da der erteilte Rat sich als falsch erwiesen hat, von der linken Seite her gesprochen?

2. Als ,,Leidensbraut"

P. Odo Staudinger hat in den Jahren 1928 und 1930 zwei Schriften über Therese Neumann veröffentlicht; der einen gab er den Titel "Die Leidensblume von Konnersreuth", die andere nannte er "Die Leidensbraut von Konnersreuth". Diese Ausdrücke geben wieder, wie sich Therese Neumann selbst gefühlt hat; dies bringen auch die Worte zum Ausdruck, die sie einmal in Gegenwart des Pfarrers Naber und des Pfarrers Christian Kunz gebraucht hat, ,,daß sie später, nach 100 Jahren, wird heißen: Theresia vom Leiden Jesu"76. Johannes Steiner meint von ihr: ,,Zu leiden hatte Therese Neumann fast in unmenschlichem Maße"77. Da waren einmal die Freitagsleiden; dazu kam eine Unmenge freiwillig ertragener Leiden, in Stellvertretung oder als Sühne für andere.

a) Stellvertretende Leiden

Was unter dem Begriff "stellvertretende Leiden" zu verstehen ist, erklärt Freiherr von Aretin. Er spricht von der Übernahme ,,körperlicher Leiden irgendeiner Person" und fährt fort: ,,Da leidet sie die Lungenentzündung eines anderen, die Brandmale eines dritten mit allen Erscheinungen der Krankheit und der Schmerzen, während der rechtmäßige Träger der Schmerzen augenblicklich geheilt ist. Diese Fälle sind ungeheuer häufig".

Von dem ersten stellvertretenden Leiden war bereits die Rede. Werfen wir noch einen Blick auf ein paar andere Beispiele. Eines Tages übernimmt Therese von ihrem jüngeren Bruder, der an einer schweren Kopfgrippe erkrankt war, die ihn zu jeder weiteren wissenschaftlichen Arbeit unfähig machte, die Krankheit. "Er wird gesund, sie wird jedoch von der Grippe befallen, die sie dermaßen angreift, daß sie eine zeitweilige Lähmung der rechten Körperhälfte verursachte. «

Am 9. Mai 1931 übernimmt Therese rheumatische Schmerzen vom Pfarrer Naber. Zu nächtlicher Stunde geht sie in die Kirche und bietet sich dem Heiland zur Übernahme des Leidens an. Am Morgen vermochte sie dann nicht mehr das Bett zu verlassen. Sie hatte rheumatische Beschwerden gerade dort und mit den Behinderungen, wie sie Pfarrer Naber hatte, nur doppelt so schmerzhaft. Der Pfarrer hingegen war, wie behauptet wird, plötzlich gesund.

Um die Wende 1922/23 litt ihr Vater an schwerem Rheumatismus, vor allem in den Armen, so daß er das Schneiderhandwerk nicht mehr ausüben konnte. Da fragte Therese die heilige Theresia, ob sie das Leiden ihres Vaters auch noch auf sich nehmen dürfe. Und siehe da, am nächsten Tag zog es ihr die linke Hand und den rechten Arm so stark nach der Brust herauf und die Hand blieb ein Vierteljahr dermaßen gegen die linke Brustseite gepreßt, daß allmählich ein Druckgeschwür entstand. Der Vater aber wurde nach wenigen Tagen gesund.

An einem stellvertretenden Leiden war Prof. Wutz schuld. Während einer Autofahrt wandte er sich an Therese: "Du könntest auch wirklich die Leiden deines Vaters, die ihm so zusetzen, auf dich nehmen." "Ist gut", antwortete Therese, ,,und ich mußte fast lachen", sagte der Professor, "als sich fast im selben Augenblick darauf ein Knurren in Thereses Därmen hören ließ. Dies war eben eines der Krankheitssymptome bei Vater Neumann." 78 Ähnliche Dinge finden wir häufig auch bei den "Gaßnerischen Heilkuren". Beim sogenannten Probeexorzismus, wie Pfarrer Gaßner sein Verfahren bezeichnete, ließ er zum nicht geringen Staunen, aber auch zur kurzweiligen Unterhaltung der Anwesenden beim jeweiligen Patienten verschiedene Krankheitssymptome in Erscheinung treten, bevor er dann durch ein Machtwort dem "Satan" zu weichen gebot, was die Heilung bedeutete. Befehlsgemäß bemerkte man neben anderen Erscheinungen ,,Blähungen, die nicht ohne Geräusche abgingen". Nach Gaßners Auffassung war es der Teufel, der die Symptome

b) Sühneleiden für Lebende 80

Eine andere Art der von Therese Neumann freiwillig übernommenen Leiden sind die "Sühneleiden". Dabei wurde unterschieden zwischen Sühneleiden für Lebende und solche für Verstorbene. Wir beschäftigen uns zunächst mit den Sühneleiden für lebende Menschen. Es kam mitunter vor, daß Therese Neumann sich solche an Freitagen zusätzlich aufgeladen hat. Dies geschah zum Beispiel am 22. Juli 1927, also während der Überwachungszeit im Elternhaus. Das "Leiden" ist in mehrfacher Hinsicht von seltsamer Art. Vor allem fällt auf, daß Therese in diesem Fall nicht für den "Sünder" gelitten hat, sondern für die von diesem in ungehöriger Weise behandelten Ordensschwestern.

Am Vorabend um 18.30 Uhr war der Eichstätter Professor Dr. Wutz angekommen; mit ihm war ja Therese sehr befreundet. Wutz war von Anfang an gegen eine Überwachung. Seine dementsprechende Stimmung bekamen auch die unschuldigen Schwestern zu spuren. Schon bei seiner Ankunft begegnete er den beiden anwesenden Schwestern Epimachia und Richlinda in ungehöriger Weise. Nicht besser wurden von ihm am folgenden Tage die beiden anderen Schwestern Godulina und Britonia behandelt. Beim Nachtdienstwechsel äußerten sich die vier Schwestern unwillig über das Benehmen des Professors, aber auch des Pfarrers. Die abgelösten Schwestern entfernten sich. Kaum waren die zwei beobachtenden Schwestern allein, da fing Therese zu jammern an " über Schmerzen in Händen, Füßen, am Kopf und an der Zunge". Alle Beschwichtigungsversuche halfen nichts, ja die Schmerzen steigerten sich immer mehr. Durch ihre geheimnisvolle " Stimme" erfuhr Therese und durch sie ihre Umgebung den Grund für das zusätzliche Leiden. Sie horchte plötzlich nach der rechten Seite hin und sprach, die "Stimme" habe ihr mitgeteilt: "Du mußt für die vier, die um dich sind, leiden; sie sollen den Heiland trösten und urteilen lieblos gegen den Herrn Pfarrer und dich, die sind dem Heiland geweiht und erkennen die Gnade nicht; die tun dir schön, aber es ist ihnen nicht ernst." Man holte den Pfarrer; er konnte aber nicht helfen. Da ging Schwester Britonia zu den abgelösten Schwestern Epimachia und Richlinda, die gerade beim Abendessen waren, und erklärte ihnen: "Kommt doch mit, ich gehe nicht mehr zu ihr hinein!" Es war ihr nämlich unheimlich zumute. Als die vier Schwestern im Zimmer versammelt waren, "tat Therese ganz jämmerlich und redete immer von dem, was die Stimme gesagt habe". Sie gebärdete sich derart erregt, daß der Pfarrer ihre Hände festhalten mußte, während der Vater Ferdinand Neumann ihre Füße hielt; Therese wollte sich nämlich "immer in die Hand beißen". Dazwischen beklagte sie sich fortwährend über die vier Schwestern. Unter anderem sagte sie, sie müsse für die vier Personen, die nahe bei ihr seien, leiden; eine Stimme habe ihr gesagt: "Die urteilen lieblos gegen Herrn Pfarrer und gegen dich. Diese sind innerlich anders gesinnt als nach außen; sie tun dir schön und es ist immer aber anders." Immerzu wiederholte sie: "Diese vier, welche dem Heiland geweiht sind und ihn trösten sollen, die wollen keine Opfer bringen, auch die Gnaden kennen sie nicht, die ihnen zuteil werden." Auch gegen Dr. Seidl grollte und wetterte sie. Für ihn, so sagte sie, der ebenfalls das Walten Gottes nicht erkenne, der an keine höhere Macht glaube und voll Menschenfurcht sei, müsse sie leiden, wie ihr die " Stimme" versichere. Um dem unwürdigen Spiel ein Ende zu bereiten, erklärten die Schwestern, falls sie den Heiland beleidigt hätten, möge Therese ihn bitten, daß er ihnen verzeihe. Nun blickte Therese wie horchend seitwärts und sagte dann, die Stimme habe gesagt, der Herr verzeihe ihnen, weil sie bereut hätten. Die Schmerzen hörten schlagartig auf.

Wer war denn nun an dem zusätzlichen Freitagsleiden schuld? Auf keinen Fall hatten sich die vier Schwestern etwas zuschulden kommen lassen. Therese Neumann hat das hysterische Theater aufgeführt, weil sie ihre gegen die Schwestern von Anfang an vorhandene feindselige Gesinnung zum Ausdruck bringen wollte. Am 18. Juli hatte sie einen fünfseitigen Brief an Prof. Wutz geschrieben und ihn um Hilfe angerufen. Bisher hatte sie sich den Schwestern gegenüber in keiner Weise beklagt; aber ihr Brief an Wutz war ein »eindringlicher Klagebrief". Sie beschwerte sich über die »fast rohe Art" der Schwestern und die »rücksichtslose, vom Mißtrauen diktierte Behandlung" durch diese. Wutz eilte unverzüglich nach Konnersreuth, wo seine Empörung durch »konkrete Klagen" der Therese und des Pfarrers noch gesteigert wurde. Die Szene am Freitag war ein absichtlich in Anwesenheit des Professors aufgezogenes hysterisches Possenspiel. Dabei hat sie nicht für den Schuldigen »gesühnt", sondern für die Unschuldigen. Diese Szene macht unter anderem unübersehbar deutlich, daß Therese Neumann, die »Leidensbraut" und »Leidensblume", überhaupt nicht gelitten hat, weder an den Freitagen noch bei ihren Sühneleiden, noch bei den stellvertretenden Leiden.

Wie sonst auch, dreht sich bei Therese Neumann bei ihren »Sühneleiden" in Wirklichkeit alles um die eigene Person. Einmal hatte man ihr zugetragen, jemand habe sich über die Vorgänge in Konnersreuth etwas abfällig geäußert. Die Folge war, daß ihr deswegen »recht hart" wurde; in dieser Form büßte sie jene abfällige Äußerung »gegen das äußere Wirken des Heilandes hier".

Nun befassen wir uns mit einer interessanten Sonderart von Sühneleiden, die insbesondere ob ihrer Folgen beachtenswert erscheinen, den Fastnachtsleiden. An den Fastnachtstagen des Jahres 1931 ertrug Therese, hauptsächlich bei Nacht, zur Sühne der Fastnachtssünden schwere Leiden, vor allem "Kopf-, Augen-, Füßeweh und Durst und Teufelsplagereien". Eines Morgens erklärte sie ihrem Pfarrer im »ekstatischen Zustand der Ruhe": "Heute nachmittag wirst du zur Resl gerufen werden." So geschah es denn auch. Am Nachmittag erschien ihr Vater im Pfarrhof und holte den Pfarrer, indem er ihm erklärte: »Die Resl liegt daheim auf dem Sofa und stöhnt und hat so großen Durst. Und merkwürdig, aus ihrem Mund riecht's wie nach Alkohol. Ja, das ganze Stüberl riecht danach. Was das ist?" Der Pfarrer ging mit; es roch tatsächlich überall im Neumann-Hause nach Alkohol. Später erklärte Therese die Zusammenhänge: Durch ihren Rausch hat sie eine bestimmte Person in einer Stadt vom Laster der Trunksucht befreit und bei ihr »eine auffallende Stärkung im Glauben und in der Liebe Christi" bewirkt. Diese geschilderte Alkoholszene war durchaus nicht ein Einzelfall. So hat der Autor Boniface erfahren: »Sehr oft vergegenwärtigt Therese in ihren Sühneleiden die typischen Merkmale des Gewohnheitslasters, dem die Person frönte, für die sie leidet`. Oft wurde berichtet, daß, wenn sie für einen Säufer sühnt, sie den Anschein einer Betrunkenen erweckt und sogar eine Flüssigkeit erbricht, die einen bitteren Dunst von Fusel von sich gibt. Ihr Zimmer erfüllt sich dann mit den üblen muffigen Gerüchen von Trinkgelagen; ihre Hausgenossen werden dadurch belästigt und müssen die Fenster öffnen."

Ist es möglich, daß man durch einen Schnapsrausch einen Mitmenschen von seiner Trunksucht befreien kann? Niemand erbricht alkoholischen Fusel, wenn er ihn nicht zuvor getrunken hat. Bei Therese Neumann war es nicht anders. Wie kam sie zu Alkohol?

Die Erklärung gibt die Mitteilung eines Pfarrers an das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg: "Die Resl hat Schnaps gebrannt, angeblich für den Pfarrer von Konnersreuth." Kann man Dr. Deutsch widersprechen, wenn er im Hinblick auf die geschilderten "Sühneleiden" schreibt: "Da muß man sich doch darüber klar sein, daß es sich bei dieser, man verzeihe mir das Wort, ,Schnapsmystik` nicht um ein Wunder Gottes zu seiner Verherrlichung handelt, sondern um die Ausgeburt eines hysterischen Weibsbildes."

Bedenken wir noch, daß nicht einmal das Gotteshaus von Konnersreuth von dieser "Schnapsmystik" verschont geblieben ist. Am Fastnachtsdienstag 1927 mußte sich Therese, die doch angeblich keinerlei Speise zu sich genommen hat, in der Kirche heftig erbrechen. Das Erbrochene verbreitete im Gotteshaus einen widerlichen Geruch nach Bier und Branntwein, der mehrere Tage hindurch noch festgestellt werden konnte. Die "Mystikerin" gab hierzu die Erklärung ab: Falls die Leute merkten, daß sie der Trunksucht anderer wegen leiden müsse, würden sie das unmäßige Trinken aufgeben. Fürwahr ein überzeugendes Argument zur Rechtfertigung der Schnapsmystik!

Wenn Therese Neumann Schnaps gebrannt und alkoholischen Fusel erbrochen hat, dann drängt sich der Gedanke auf, daß sie auch Schnaps getrunken hat. Da hat im Herbst 1961 ein Pfarrer eine Frau, die aus seiner Pfarrei stammte und nach Konnersreuth eingeheiratet hatte, wodurch sie Nachbarin der Neumann-Familie geworden war, gefragt, ob sie daran glaube, daß Therese Neumann tatsächlich nahrungslos lebe. Die Gefragte lachte hellauf und sagte: "Ich habe sie nebenan im Gartenhäusl mit einer Flasche gesehen beim Tanken81." Damit war die Frage mehr als beantwortet. Therese hatte also getrunken, und zwar Schnaps; denn mit "Flasche" war eine Schnapsflasche gemeint. Das Wort "Tanken" ist ein oberpfälzischer Ausdruck für "Schnapseln", Schnaps trinken.

Zum Thema "Schnaps- und Kotzmystik" schrieb Deutsch am 23. Juni 1938 an den Studienrat Bers in Siegburg: "Was in beiden uns an Primitivität geboten wird, ist so ungeheuerlich, daß mir das Würgen aufkommt, wenn ich diese Sache durchlese. Alle andersgläubigen Leser der beiden Anekdoten müssen uns Katholiken ja im Range der Primitivität zu den Schamanen und Australnegern rechnen82."

3. Beziehung zu Verstorbenen

a) Teilnahme beim Sterben von Mitmenschen und Auskunft über ihr jenseitiges Schicksal 83

Ähnlich wie Anna Katharina Emmerick schrieb sich Therese Neumann enge Beziehungen zu den Verstorbenen zu. Ihr war es gestattet, mitzuerleben, wie ein Mitmensch in der Nähe oder Ferne mit dem Tode rang; sie schaute, wie seine Seele vor Gottes Gericht stand, besonders dann, wenn es sich um Prominente, wie um Bischöfe und Päpste, handelte. Sie gab die entsprechende Auskunft, wenn eine solche erbeten worden war; sie gab sie aber auch, ohne gefragt zu sein; dies geschah während ihrer Ekstasen, aber auch im Wachzustand.

Ihre Beziehung zu den Seelen im Fegfeuer bestand zuweilen in einem vertrauten Gespräch. Sie unterhielt sich mit ihnen wie mit Menschen des Diesseits. Die abgeschiedenen Seelen gaben ihr bereitwillig Auskunft über ihr eigenes Schicksal, sie informierten sie aber auch über das Los, das andere Verstorbene im Jenseits erfahren hatten.

Über die Frage, wo sich das Fegfeuer befinde, wußte sie verschiedene Antworten. So sah sie einmal den Läuterungsort "um die Erde«, die Hölle "weiter außerhalb". Sie sprach von einem gemeinsamen Fegfeuer, aber auch von einem Läuterungsort für einzelne Seelen. Die einen ließ sie an einem Ort außerhalb unserer Erde büßen, die anderen sah sie irgendwo auf der Erde leiden. »Viele Arme Seelen", so sagte sie, "sind allein in Gefängnissen, wieder andere in Scharen beisammen." Für eine große Zahl der Leidenden befand sich ihren Worten gemäß das Fegfeuer an dem Ort, an dem sie gesündigt hatten. Daß sie ihren großen Verehrer Wutz nicht lange im Fegfeuer leiden ließ, ist verständlich: Für ihn hat sie auch einen angenehmen Läuterungsort ausgesucht; sie ließ ihn in seiner Hauskapelle die letzte Läuterung durchmachen. Demnach müßte er auch dort gesündigt haben.

In einigen Fällen bestimmte Therese die Länge der Bußzeit entsprechend dem Verhalten der Verstorbenen, das sie zu ihren Lebzeiten ihr gegenüber gezeigt hatten. So durfte sie beim Tod des Papstes Pius XII. in Ekstase zugegen sein. "Sie sah dabei, wie sich im Augenblick des Todes die Seele vom Leib trennte, wie diese dem Heiland gegenüberstand und wie sie mit ihm, begleitet vom Schutzengel nach oben entschwebte."

Nicht so gut ließ sie den Regensburger Bischof Antonius von Henle wegkommen. Auch bei dessen Tod will sie geschaut haben, wie seine Seele den Leib verließ. Dann erschien diese zunächst vor Gott im Himmel zum Gericht. Sie durfte eine Zeitlang dort weilen, mußte aber nach kurzer Zeit ins Fegfeuer. Therese war eben mit dem Bischof nicht zufrieden, weil er auf eine Überwachung in einem Krankenhaus gedrängt hatte. Zur Strafe für dieses Vergehen half ihm Therese nicht. Das erfahren wir in dem Brief, den Pfarrer Naber am 2. Dezember 1930 an den damaligen Pfarrer in Gossendorf geschrieben hat: »Bischof Antonius hat Therese Neumann schon etliche Male an Allerseelen, wenn sie das Fegfeuer besuchen darf, dort gesehen, und er hat sie um Hilfe gebeten, das erstemal mit dem Bemerken, er habe uns ja Unrecht getan, aber er sei nicht allein daran schuld gewesen."

Im Falle des Bischofs Antonius erfahren wir also den Grund, warum er bestraft worden ist; er hatte nur eine einzige Sünde zu büßen, das »Unrecht« gegen die Resl von Konnersreuth. Auch bei anderen gab es zuweilen kein anderes Vergehen. Einmal erschien ihr der frühere Pfarrer von Konnersreuth Ebel; er bat sie: »Bete doch für mich, ich habe dich doch getauft und dir die erste heilige Kommunion gereicht. Ich habe dich hernach bestraft, ohne dich zu fragen, weil ich dich für zerfahren hielt; ich wußte ja nicht, daß dein Verhalten auf eine außerordentliche Erscheinung zurückging.« Also, der Arme mußte so lange büßen, weil er Therese nicht gefragt hatte! Wann hatte er nicht gefragt? Die näheren Umstände nannte Therese bei dem eidlichen Verhör in Eichstätt: Während der Erstkommunionfeier sei der Heiland selbst auf sie zugekommen. Sie habe sich, ihrer selbst nicht mächtig, nicht, wie vorgeschrieben, verhalten. Der Geistliche habe dies als Zerstreuung gedeutet und Therese anderntags vor allen Kindern gestraft. Dieses eine »Vergehen« hatte für den Pfarrer eine lange Strafzeit zur Folge. Für den Vater der Stigmatisierten, Ferdinand Neumann, war die Bußzeit hingegen nur ganz kurz; er hatte sich eben kaum versündigt, wenigstens nicht gegen seine Tochter.

In anderen Fällen war die Bußzeit im Jenseits oftmals von langer Dauer. Einmal "offenbarte" die Seherin einem amerikanischen Priester, sein vor 48 Jahren verstorbener Vater befinde sich immer noch im Fegfeuer; aber sie legte auch gleich für ihn bei Gott Fürbitte ein; der Erfolg war der Nachlaß der restlichen zwei Bußjahre.

Bei einer allgemein gehaltenen Auskunft über die Verstorbenen offenbarte Therese Neumann: "Manche Seelen müssen sehr lange büßen, hundert und mehr Jahre, einige sogar bis zum Jüngsten Gericht." Unter denen, die sie sehr lange leiden ließ, waren sogar zwei Päpste. Im Jahre 1931 versicherte sie, Papst Leo XIII. müsse "ein paar tausend Jahre" Buße leisten, weil er Kirchengüter schlecht verwaltet habe. Den Papst Benedikt XV. versetzte sie ebenfalls für "viele tausend Jahre" ins Fegfeuer; ihm lastete sie an, er habe als junger Prälat ein Kind gezeugt. Einem amerikanischen Priester, der in Konnersreuth weilte, offenbarte sie, sein vor Jahren verstorbener Vater sei trotz der vielen heiligen Messen, die sein Sohn inzwischen aufgeopfert hatte, immer noch nicht erlöst. Als Grund gab sie an, er habe die Messe zu wenig geschätzt; obwohl er nahe bei der Kirche wohnte, ging er an Werktagen nicht regelmäßig zum Gottesdienst, sondern besuchte für gewöhnlich nur die Sonntagsmesse. Daß der Stigmatisierten damals nicht der Gedanke an ihre eigene Zukunft aufgestiegen ist! Sie wohnte ja bekanntlich in unmittelbarer Nähe der Pfarrkirche; trotzdem ging sie meistens nicht zur Messe, nicht einmal an den Sonntagen.

Noch eine, die Menschen interessierende Frage hat Therese Neumann zu beantworten gewußt, nämlich, worin die Leiden der Armen Seelen bestehen. "Wie man gesündigt hat", so versicherte sie, "so wird man bestraft". Die Strafe schaut dann beispielsweise so aus: "Wer.. . während des Gottesdienstes vor der Kirche stehen bleibt, leidet unter dem Drang, hineinzugehen und kann nicht hinein." "Schlaf in der Kirche werde durch beständiges Ankämpfen gegen Schlaf und durch einen beständigen Schläfrigkeitszustand der Seelen gesühnt." Unmäßigkeit im Essen und Trinken muß im Läuterungsort durch Hunger und Durst gesühnt werden.

Ein besonderes Augenmerk verdient Thereses Urteil über solche Verstorbene, die in ihrem Erdenleben ähnlich wie sie selber durch irgendwelche angeblich außerordentliche Gaben bekannt geworden sind. Zu diesen zählt die belgische Stigmatisierte Louise Lateau, von der behauptet wurde, sie habe im Alter von 21 Jahren aufgehört, Speisen zu sich zu nehmen. Aber Louise wurde als Schwindlerin entlarvt. Eines Tages wurde sie von ihrem Beichtvater ertappt, wie sie in betrügerischer Weise Stigmen und eine Ekstase hervorrief. " Ferner entdeckte Dr. Warlomont nach Louises Verschwinden Früchte, Wasser und Weißbrot in ihrem Schrank, womit die Ausdauer bei dem verlängerten Fasten eine natürliche Erklärung findet." Der Vater des belgischen Arztes Dr. Masoin hat mit seinem Spazierstock angekaute Brotkrusten und andere Speisen unter dem Tisch der Louise hervorgeholt; er wurde daraufhin von ihrem Vater an die Luft gesetzt. - Wie lautete das Urteil der Seherin von Konnersreuth über Louise Lateau? Eines Tages gab sie ekstatisch die Versicherung ab: "Alle Geschehnisse dort waren echt." Außerdem versicherte sie: "Louise Lateau kam gleich nach ihrem Tode in den Himmel, ohne durchs Fegfeuer hindurchzugehen."

Ähnlich lautete die Auskunft Thereses über den Abbé Vachére, der von Papst Pius X. exkommuniziert worden und unbußfertig gestorben war. Der Priester hatte trotz eines ausgesprochenen Verbotes den Leuten " blutschwitzende" Hostien und Herz-Jesu-Statuen vorgelegt und ihnen sogar konsekrierte Hostien ausgehändigt. In Thereses Augen bedeutete dies gar nichts. Eines Tages wurde sie in Gegenwart des Pfarrers Naber gefragt: "Sag uns, Resl, wo ist jetzt Vachére?" Die Antwort lautete: "Im Himmel, beim lieben Heiland." Der anwesende Dompfarrer Geiger in Bamberg äußerte Bedenken; doch Therese blieb fest: "Er ist im Himmel; er war unschuldig; er war ein frommer Priester; man hat sich an ihm geirrt; die Herren haben falsch getan; der Heiland war mit seinem Vorgehen zufrieden." Dompfarrer Geiger wandte ein: ,ja, aber er hat doch so viel über den Klerus geschimpft!" Darauf wußte Therese eine einfache Entschuldigung: "Das hat der liebe Heiland auch getan." Mit dieser Auskunft gab sich Geiger, ein "freimütiger Verteidiger des verstorbenen Abbé", zufrieden; er meinte: »Man muß sagen, daß mit der Exkommunikation die Sache nicht so einfach abgetan ist 84.«

Noch eine weitere exkommunizierte Person wurde von Therese Neumann sofort nach ihrem Tode in den Himmel versetzt; diese war früher Mitglied der Canisiusschwestern in Freiburg in der Schweiz und führte den Namen »Canisia". Nach der Entlassung aus der klösterlichen Gemeinschaft gründete sie zusammen mit zwei Priestern in Freiburg im Breisgau einen pseudomystischen Zirkel. Die Priester sandten ihr mit der Post konsekrierte Hostien zu. In ihrer Wohnung versammelte sich täglich eine große Zahl von Freunden zu eucharistischen Prozessionen; im Anschluß daran teilte Canisia die Kommunion aus. Sie und ihre Mitläufer legten die konsekrierten Hostien auf die entblößte Brust, um ekstatische Zustände zu erzeugen. Auch "noch anderen greulichen Unfug" verübten. sie. Im Jahre 1919 wurden die beiden Priester und Canisia exkommuniziert. Canisia lehnte eine Aussöhnung mit der Kirche ab. Im Jahre 1923 verstarb sie plötzlich; noch eine halbe Stunde zuvor hat sie "bis zur Raserei" gegen die Geistlichen "gewütet". Sechs Jahre später, am 4. April 1929, kam eine leibliche Schwester der Canisia nach Konnersreuth und fragte, wie es um das jenseitige Los der Canisia bestellt sei. Therese versicherte im ekstatischen Zustand: "Sie ist vom Mund auf in den Himmel gekommen." Daraufhin fragte der Regensburger Bischöfliche Ordinariat beim Pfarrer Naber an, ob die Auskunft tatsächlich so gelautet habe. Naber fragte Therese, als sie sich im ekstatischen Zustand befand. Die Gefragte erteilte die Auskunft: Canisia habe kurz vor ihrem Tod eine vollkommene Reue erweckt; außerdem habe sie ein "moralisch untadeliges Leben" geführt. Therese hat auch sonst noch allerhand über das Leben der Canisia zu erzählen gewußt; aber das verdankte sie nicht einer außerordentlichen Erleuchtung, sondern dem einfachen Umstand, daß die Schwester der Verstorbenen zuvor über das Leben der Canisia bis ins einzelnste berichtet hatte 85.

Würde Gott nach der Art der Seherin von Konnersreuth handeln, es wäre entsetzlich. Der Schwester Canisia verleiht sie sofort nach ihrem Tode den Himmel; den Papst Benedikt XV. versetzt sie "für viele tausend Jahre" ins Fegfeuer, weil sie von dem Gerücht gehört hat, er habe als junger Priester ein Kind gezeugt. Jene Schwester Canisia war wirklich, nicht bloß gerüchtweise, Mutter eines Kindes; auch Resls Vater hatte uneheliche Kinder«. Ihnen beiden hat die Fegfeuerkundige überhaupt keine Bußzeit verordnet!

b) Sühneleiden

Wenn wir schon erfahren durften, daß Therese Neumann von abgeschiedenen Seelen um Hilfe angefleht worden ist, dann interessiert uns natürlich auch die Frage, in welcher Weise sie geholfen hat. Es geschah durch »Sühneleiden«. Diese bestanden zum Teil im sogenannten »Sehnsuchtsleiden", dem Verlangen, aus dem Fegfeuer befreit zu werden. Manchmal dauerte dieses Sehnsuchtsleiden ein paar Stunden; aber es war von Erfolg gekrönt; »Nach vielen Stunden solcher Qualen scheint sie plötzlich nach oben zu schweben, ihr schmerzdurchwühltes Antlitz nimmt freudige Züge an, die Seele, für die sie gesühnt, sieht sie in den Himmel einziehen und sie selber kann dann auch ruhen." "Wie man gesündigt hat, so wird man bestraft"; so lautet die Auskunft der Stigmatisierten. Zuweilen hat sie stellvertretend gelitten. Das ging dann beispielsweise so vor sich: Einmal leistete sie Sühne für einen Fresser und Säufer. Da schrie sie laut auf: "Ich habe Hunger, ich habe Durst; gebt mir zu essen, gebt mir zu trinken!" Man brachte ihr das Gewünschte; aber sie rührte nichts davon an. Nach dem Erwachen gab Therese die Erklärung für den Vorgang ab: Sie habe für eine Arme Seele leiden müssen, die von Durst und Hunger gepeinigt worden sei; sie versicherte aber auch: "Jetzt ist sie erlöst."

Am 2. Juli 1929 erlöste Therese eine Seele, die ihrer Ungeduld wegen zu büßen hatte. Sie übernahm hier wie in ähnlichen Fällen "das Leiden der Seele" bis zu deren Erlösung. In diesem Fall hat allerdings das Sühneleiden nicht lange gedauert; das "Leiden" offenbarte sich lediglich in Äußerungen der Ungeduld. "Nichts war ihr recht, sie sträubte sich; und immer wieder betete sie laut, schrie sogar", bis das Leiden in Sehnsucht nach dem Heiland überging. Man muß bedenken, wer es war, der ein so geartetes Sühneleiden übernommen hat. Die Sühneseele war Therese Neumann, die, wie sie selber und ihre Umgebung bestätigt haben, zeitlebens nicht fertig geworden ist mit ihrem Hang zu Ungeduld, zu Eigenwilligkeit, zu Zornausbrüchen und zu "ungeheuerem Jähzorn

Nicht allen Armen Seelen hat Therese Neumann geholfen. In einem Fall hat sie ausdrücklich ein Sühneleiden abgelehnt. Am 8. Januar 1928 ist der bekannte Redemptorist Josef Schleinkofer verstorben. Im Sommer desselben Jahres schaute Therese dessen Seele in den Flammen des Fegfeuers, worauf Pfarrer Naber sie bat, für den Verstorbenen etwas zu unternehmen. Sie lehnte jedoch ab, indem sie zur Antwort gab, " Gott wünsche nicht, daß sie für diese Seele bete und leide". Erst nachdem Pfarrer Naber und andere Priester drei Wochen hindurch für Schleinkofers Seelenruhe gebetet hatten, erlaubte Gott der Stigmatisierten, sie dürfe für den Pater in einem äußerst schweren Leiden Sühne leisten. Erst jetzt wurde Pater Schleinkofer erlöst; er bedankte sich herzlich bei der Helferin; bei den anderen hat er sich nicht bedankt; diese hatten ja trotz ihrer Gebete nicht helfen können. Warum hat wohl Therese die erbetene Hilfe verweigert? Es kann nur einen Grund geben: Pater Schleinkofer hat nicht "an sie geglaubt"87

Bei dem eben behandelten Thema "Sühneleiden", wie überhaupt bei jedem der "Konnersreuther Phänomene", steht man immer wieder vor derselben Frage: Wie kann nur solch ein Unmaß an naivem, primitivem und dummem Geschwätz Glauben finden? Wenn etwas den Glauben an ein Fegfeuer lächerlich machen kann, dann ist es das törichte Gerede der Seherin von Konnersreuth.


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Letzte Änderung: 22. August 1997