XIII. Konnersreuth und die zuständigen kirchlichen Oberen

Die geforderte Überwachung der Therese Neumann in einer Klinik hätte den Beweis für das Hauptwunder, die Nahrungslosigkeit, erbringen sollen. Zum Fall Konnersreuth gehören noch zwei andere Fragen: 1. Wie steht es bezüglich der Echtheit der anderen "Konnersreuther Phänomene"? 2. Kann das Leben der Stigmatisierten als vorbildlich bezeichnet werden? Uns beschäftigt nun die Frage: Wie haben die zuständigen kirchlichen Oberen geurteilt?

1. Der Regensburger Bischof Michael Buchberger

Der erste Bischof, der sich mit Konnersreuth befassen mußte, war Bischof Antonius von Henle. Eine Äußerung, wie er persönlich über die Vorgänge gedacht hat, ist nicht bekannt. Er ist bald nach der Überwachung der Stigmatisierten gestorben. Diese war nicht gut auf ihn zu sprechen, weil er ja die Beobachtung in ihrem Elternhaus "erzwungen" hatte. Dafür hat sie ihn büßen lassen, indem sie ihn zu einer jahrelangen Fegfeuerstrafe verurteilte.

Der Nachfolger des Bischofs von Henle war Dr. Michael Buchberger. Ihm wird für gewöhnlich nachgesagt, er habe der Angelegenheit sehr kritisch gegenübergestanden. Dr. Sträter behauptet gar, ich hätte in meinem Buch "immer wieder" den Eindruck zu erwecken gesucht, Buchberger sei gegen die Konnersreuther Phänomene gewesen. Wie kommt Sträter zu dieser Behauptung? Entweder hat er mein Buch nicht gelesen, oder er begreift einen unmißverständlichen Text nicht. Wie ich Buchbergers Einstellung gesehen habe und sehe, zeigen beispielsweise die Seiten 442 und 443; nur ein paar Sätze seien zitiert: "Zwar hat er wiederholt Bedenken vorgebracht, aber ebenso fest geglaubt, zum Beispiel an die Nahrungslosigkeit, an die Echtheit der Stigmen und an die Frömmigkeit der Therese Neumann. Er hat geglaubt trotz der vielen warnenden Stimmen auf theologischem und medizinischem Gebiet. Das läßt sich immer wieder aus den Briefen des Bischofs nachweisen.

Daß Bischof Buchberger den Konnersreuther Ereignissen keineswegs kritisch gegenüberstand, zeigt sein Verhalten. Schon die Tatsache, daß er trotz des Widerspruchs seines Generalvikars Dr. Höcht viele Jahre hindurch Besuchserlaubnisscheine ausgeben ließ, gibt zu erkennen, daß er an die Echtheit der "Konnersreuther Phänomene" geglaubt hat. Noch deutlicher kommt seine Einstellung zum Ausdruck, wenn man bedenkt, daß er von Jahr zu

Jahr erlaubt hat, daß im Zimmer der Stigmatisierten zelebriert werden durfte. So etwas gestattet doch kein Bischof, der auch nur mit der Möglichkeit einer Betrügerei rechnet. Am 21. Januar 1931 hat der Bischof an den Münchener Nuntiaturrat Brunelli geschrieben; in dem Brief befindet sich folgender Satz: "Dazu ist an dem Leben der Therese Neumann 218." nichts auszusetzen; immerhin gute Gründe, an eine wunderbare Begnadung zu denken

Neun Monate später war sich der Bischof offenbar nicht mehr so sicher; am 19. Oktober 1931 äußerte er sich in seinem Brief an Bischof Schrembs von Cleveland so: "Konnersreuth ist noch immer das gleiche große Rätsel. So manches kann ich nicht recht zusammenharmonieren mit dem Bild einer ,Leidensbraut' 219." Theologen und Ärzte haben oftmals dem Bischof ihre großen Bedenken vorgebracht; Dank haben sie dafür nicht geerntet. Einer, der dies zu spüren bekam, war der Würzburger Theologieprofessor Wunderle. Dieser hat sich auf den Wunsch des Regensburger Bischofs hin mehrmals nach Konnersreuth begeben. Als man aber dort zur Kenntnis nehmen mußte, daß er sich nicht täuschen ließ, war er Persona ingrata, aber nicht nur für die Familie Neumann und den Konnersreuther Pfarrer, sondern auch für den Regensburger Bischof. Wunderle beschreibt, wie man kirchlicherseits gegen ihn und andere Zweifler vorgegangen ist, in seinem Brief vom 20. Dezember 1937 an Dr. Deutsch: "Immer hat man uns getreten und den Konnersreuther Kreis geschont, wenn nicht gar beschützte 220." Schon ein paar Jahre vorher hat er seine tiefe Enttäuschung zum Ausdruck gebracht. Er spricht von einer "schamlosen Hetze", die gegen ihn im "Konnersreuther Kalender" betrieben werde, und am 4. April 1934 sagt er: "Ich bin ja nun vom H. Bischof ganz ausgeschaltet 221. "

In der Zeit, da Besuchserlaubnisscheine ausgestellt wurden, haben viele einen Schein erhalten, die bloß Schaulust nach Konnersreuth getrieben hat; Persönlichkeiten, die kritisch zu denken fähig waren, wurde er verweigert. "Ich habe", so schreibt Dr. med. Straether an Dr. Deutsch, "in der Folgezeit manchmal unter meiner Auffassung, auch in eigenen Kreisen, schwer tragen müssen. Ich habe mich weiter vertiefen wollen, aber eine zweimalige Bitte in Regensburg, mich in Konnersreuth zuzulassen, blieb unbeantwortet; ebenfalls eine zweimalige Bitte meines Pastors 222."

Ein bekanntes und beliebtes Argument, mit dem Leichtgläubige und Wundersüchtige beweisen wollen, daß ein übernatürliches Eingreifen vorliege, ist der Hinweis auf die "Früchte". Genauso verhält es sich im Falle Konnersreuth. "Aber da wird doch so viel gebetet", so hat Bischof Buchberger einmal einem Zweifler geantwortet. Es fällt auf, daß Buchberger nach seinem letzten Besuch im Jahre 1928 zweieinhalb Jahrzehnte nicht mehr nach Konnersreuth gegangen ist, obwohl er wiederholt im Norden seiner Diözese weilte. Der Grund war die Verärgerung darüber, daß alle Bemühungen um eine Überwachung in einer Klinik fehlgeschlagen waren. Aber in seiner Auffassung, Therese Neumann sei eine ausnehmend Begnadete, ist er deswegen nicht wankend geworden. Dies beweisen die Worte, die er bei seinem Besuch in Konnersreuth am 14. Juni 1953 gesprochen hat: "25 Jahre sind es, seit ich nicht mehr hier war. 25 Jahre sind auch ein Jubiläum. In diesen 25 Jahren ist viel Elend und Not über uns gekommen. Auch nach hier wurde viel Leid getragen. Manche sind erhört worden, andere sind getröstet davongegangen. Manche haben den Glauben gefunden. Viele sind im Glauben gestärkt worden. Auf Konnersreuth schaut die ganze Welt 223." Mit Dr. Deutsch kann man da nur sagen: "Mit solchen Argumenten glaubt man die Nahrungs- und Ausscheidungslosigkeit ,beweisen' zu können!!!"

Bezeichnend ist der Artikel, der 1934 im "Buchberger-Kirchenlexikon" unter dem Stichwort "Konnersreuth" erschienen ist. Der Aufsatz enthielt zwar einige Sätze, die Fragen offen ließen, im ganzen sprach er sich aber durchaus positiv zu den Ereignissen in Konnersreuth aus. Wer war der Verfasser?

Am 10. Februar 1935 schreibt Bischof Buchberger an P. Brühl: "Die jetzige Fassung und Haltung des Artikels ist allerdings, wie Sie vermuten, mein Werk; aber ich hatte dafür als Grundlage die Arbeit eines Professors, die in der Kritik zu weit ging und auch viel zu umfangreich war. Zu meiner großen Überraschung war der Verfasser dieses Artikels mit meinen Änderungen ganz einverstandene 224. "

Mit dem Hinweis auf den Professor ist Dr. Michael Waldmann gemeint. Dieser kam einmal während einer Vorlesungsstunde im Jahre 1935 auf den Aufsatz zu sprechen. Er erzählte, daß der Bischof ihm den korrigierten Artikel zur Stellungnahme vorgelegt habe. Waldmann erklärte dem Bischof, der Text sei nunmehr nicht mehr der seinige, er könne also nicht seinen Namen dafür hergeben, der Bischof möge seinen eigenen Namen daruntersetzen. Das wollte der Bischof nicht; er beschwor den Professor, er möge sich doch als Verfasser angeben lassen. Waldmann weigerte sich lange beharrlich; schließlich erklärte er sich damit einverstanden, daß der Artikel nur mit "M. S." als Abkürzung für "Michael Silvanus" (= Michael Waldmann) signiert wurde. Das ist doch wohl etwas ganz anderes als die Behauptung, "zu meiner großen Überraschung war der Verfasser des Artikels mit meinen Änderungen ganz einverstanden".

Über den Aufsatz im Kirchenlexikon zeigte sich Prof. Wunderle schwer enttäuscht. In seinem Brief vom 4. April 1935 an Dr. Deutsch urteilte er im Hinblick auf den Artikel, darin komme lediglich ein "armseliges ,non liquet' heraus", etwas, was anderen von Anfang an klar war. "Und nun kommt man nicht nur über medizinische Probleme, sondern auch über mystisch-theologische spielend hinweg! Das ,Christusorakel' und alle anderen Naberiana und Gerlichiana sind kaum mehr als Schönheitsfehler, geschweige denn wichtige Einwände."

Bischof Buchberger hat zwar immer wieder gedrängt, um eine Zustimmung zu einer Überwachung in einer Klinik zu erhalten, aber er hat es auch fertiggebracht, die Ablehnung zu verteidigen. Das zeigen die Worte, die er am 23. Januar 1938 an Dr. Fritz Kern in Bonn geschrieben hat. Jetzt nimmt er sogar den Vater der Stigmatisierten in Schutz: "Sie haben nicht gefragt, was ein Vater in hoher Stellung tun würde, wenn ein solcher Wunsch in seine Familienverhältnisse eingreifen würde; man muß auch einem kleinen Mann gegenüber gerecht sein 226." Aus diesen Worten könnte man den Schluß ziehen, daß Bischof Buchberger selber die geforderte Überwachung als ein ungerechtfertigtes Ansinnen angesehen hat.

2. Der Münchener Kardinal Michael von Faulhaber

Am Palmsonntag 1980 hat Bischof Rudolf Graber als gewichtigen Zeugen für Konnersreuth den Münchener Kardinal Michael von Faulhaber angeführt. Hätte er sich informiert, dann wäre wohl sein Urteil anders ausgefallen. Es trifft zu, daß Kardinal Faulhaber anfangs mit der Echtheit der behaupteten wunderbaren Phänomene gerechnet hat; er hat sich zweimal nach Konnersreuth begeben, um die Freitagspassion zu verfolgen; er hat sogar im Zimmer der Stigmatisierten zelebriert. Die Besuche haben ihn skeptisch gemacht. Das hat er einmal seinem Regens Dr. Westermayr erzählt. Bei einem seiner Besuche, so sagte er, sei ihm "sehr unangenehm aufgefallen, daß Therese Neumann im Zustand eines ekstatischen Erlebnisses zu ihm hinübergeblickt hat, wodurch er den Eindruck bekam, als hätte sie ein Interesse daran gehabt, daß er sie in ihrem ekstatischen Zustand beobachte 227."

Daß Kardinal Faulhaber den Ereignissen in Konnersreuth mißtraute, beweist ein Bericht seines Regens Dr. Westermeyr: "Nach meinen Konnersreuth-Besuchen hielt ich 1928 vor Priestern in München und in Gegenwart Sr. Eminenz ein Referat über Konnersreuth vom mystischtheologischen Standpunkt aus. In Freising, von Laien ersucht, auch über Konnersreuth zu sprechen, erhielt ich von Sr. Eminenz bereitwilligst die Erlaubnis hierzu, im Sinne meiner Ausführungen in München auch hier zu sprechen 228." Wie der Kardinal bereits im Jahre 1928 geurteilt hat, offenbart sich auch darin, daß er die Verbreitung der von Bischof Waitz veröffentlichten Schrift in seinem Bistum verboten hat.

Auch Dr. Johann Westermayr wird als Zeuge für Konnersreuth angeführt. So hat Dr. Steiner in der 5. Auflage seines Buches über Therese Neumann den Brief abgedruckt, den Westermayr am 18. Oktober 1928 an Bischof Buchberger geschrieben hat. In dem Brief kommen folgende Sätze vor: "Ich bin zu der festen, subjektiv sicheren Uberzeugung gekommen und fühle mich im Gehorsam verpflichtet, sie auszusprechen: Die Resl ist eine echte christozentrische Mystikerin und ist mit Gott in mystischer Begnadigung und Liebe verbunden." So hat Westermayr Ende 1928 geurteilt; aber schon 14 Monate später hat er über Therese Neumann ein geradezu vernichtendes Urteil gefällt: "Gerade vom Standpunkt der christlichen Mystik begegnet die Annahme der göttlichen, mystischen Gnadenwirkung bei den Konnersreuther Phänomenen sehr ernsten, fast unüberwindlichen Bedenken. ... Das Gewicht der Bedenken gegen die Konnersreuther Mystik wird noch belastet, wenn, was festzustehen scheint, Fehlurteile und Fehlvoraussagungen der Therese Neumann vorkommen 229"

Mit Interesse verfolgte Dr. Westermayr den Kampf des Lippstadter Chefarztes Dr. Deutsch gegen Konnersreuth. Am 13. Oktober 1936 schrieb er ihm: "Sie kommen vom Standpunkt der wissenschaftlichen Medizin aus zu einem negativen Ergebnis, während ich vom Standpunkt der mystischen Kriterienlehre aus veranlaßt bin, mein Urteil über die Persönlichkeit der Therese Neumann zu suspendieren und den übernatürlichen Charakter der Konnersreuther Phänomene als unbewiesen, ja mit großer Wahrscheinlichkeit als unannehmbar zu bezeichnen. Therese Neumann hat im natürlichen Bewußtseinszustand auf mich einen sympathischen Eindruck gemacht, während die Beobachtung ihrer übernormalen Zustände mich allmählich nachdenklich stimmte und wegen gewisser Begleiterscheinungen stutzig machte. Es will mir auch nicht gefallen und beeinträchtigt das günstige Urteil über ihren moralischen Charakter, wenn sie in allen jenen, die nicht an ihre göttliche Sendung und Begnadigungen glauben, verblendete oder stolze Menschen sieht, die der Heiland nicht liebt 230." Noch negativer fiel das Urteil aus, nachdem er einen Aufsatz des Lippstadter Chefarztes "nicht bloß mit brennendem Interesse, sondern auch mit ungeteiltem Beifall gelesen" hatte. Er bekannte: "Es wird mit immer klarer, daß der Fall' Konnersreuth sowohl in medizinwissenschaftlicher wie in mystikwissenschaftlicher Beleuchtung negativ zu beurteilen ist 231."

Die "Konnersreuther" berufen sich zu Unrecht sowohl auf Kardinal Faulhaber als auch auf seinen Regens Dr. Westermayr. Therese Neumann kannte die Bedeutung und den Einfluß des Münchener Kardinals; darum hat sie ihn wiederholt aufgesucht so im Juni und im Juli 1940. Später hat sie sich damit gebrüstet, damals sei er auf ihr Gebet hin wieder gesund geworden. Das behauptet sie in ihrem Brief vom 13. März 1944 an den Bischof von Regensburg. Sie erinnerte ihn an ihr Zusammentreffen mit ihm in Mallersdorf und teilte ihm mit, daß sie für ihn, der damals ''so krank war", gebetet habe; ihrem Gebet habe er es zu verdanken gehabt, daß er seine Firmungsreisen so gut überstand. Genauso, so versicherte sie, habe sie seinerzeit für den Münchener Kardinal gebetet und gelitten, "der es spürte". Auch anderen Leuten gegenüber rühmte sie sich ob der guten Beziehungen zu dem Kardinal. So behauptete sie, bei ihren Besuchen sei er "sehr lieb" zu ihr gewesen; bei ihrem letzten Besuch im Juli 1940 habe er sogar gesagt: "Ich bin der lebendige Beweis für die Wirksamkeit Ihrer Gebete; denn seit Ihrem Besuch ist es von Tag zu Tag besser geworden." Auch ihre Behauptung wurde verbreitet, der Kardinal sei "so ziemlich aufgegeben" gewesen, nunmehr aber "fungiert er wieder 232" Durch Regens Westermayr erfuhr der Kardinal von der erhaltenen "wunderbaren Hilfe". Daraufhin antwortete Faulhaber: "Unwahr ist auch die Behauptung, es sei zwischen dem vorletzten Besuch Therese Neumanns und dem letzten im Juli 1940 von Tag zu Tag besser gegangen. Gerade in diese Zeit fällt die Verschlimmerung. Unwahr ist auch die Behauptung, ich hätte obige Äußerung getan. ... Ich verbitte mir, daß immer wieder mein Name öffentlich mit Konnersreuth in Verbindung gebracht wird."

Kann man einer Person, die derart die Wahrheit verdreht, eine "heroische Wahrheitsliebe" bescheinigen? Ohne Zweifel hat Therese Neumann von der Verstimmung des Kardinals ihretwegen erfahren; aber das hat sie nicht weiter gestört, obwohl sie zu spüren bekam> daß sie mit der Gunst des Kardinals nicht rechnen konnte. Als sie Ende August 1949 den Kardinal wieder einmal besuchte, erlebte sie eine schwere Enttäuschung. Zuvor war sie im Hinblick auf den bevorstehenden Empfang voll "überaus lebhafter Begeisterung"; "nach der sehr kurzen Audienz" sagte sie "in mißvergnügtem Tone", sie habe "ja gar nicht zu ihm gewollt" 233. Warum ist sie dann zu ihm gegangen? Vermutlich hat Kardinal Faulhaber mit der Besucherin über eine Überwachung in einer Klinik gesprochen. Das Ergebnis der kurzen Unterredung läßt sich aus der raschen Verabschiedung schließen.

3. Die Römische Kurie

Wiederholt hat sich Therese Neumann damit gebrüstet, daß ihr die beiden Päpste Pius XI. und Pius XII. gewogen gewesen seien. Wieweit dies stimmt, ist ungewiß. Offenbar haben ihr kirchliche Würdenträger immer wieder mit dem Hinweis, der Hl. Vater stehe auf ihrer Seite, Mut gemacht. Wie sie solche Äußerungen ausgelegt hat, zeigen ihre entsprechenden Bemerkungen. Sie hat es sogar gewagt, ihrem Diözesanbischof mit dem Hinweis auf den Papst zu drohen. So schrieb sie am 19. Mai 1928 dem Bischof, sie wisse "ganz bestimmt", daß der Papst ihren Besuch wünsche 234. Als sich Bischof Buchberger mit dem Gedanken trug, Pfarrer Naber auf eine andere Pfarrei zu versetzen, schrieb sie ihm am 2. Februar 1931 einen Brief und beschwerte sich. In dem Brief kommen die Sätze vor: "Wenn Sie es unbedingt wollen, so denke ich, schreibe ich an den guten Hl. Vater, der uns ja versteht und auch gut gesinnt ist, daß er mir rät, was ich tun soll, um im Gewissen ruhig zu sein. Ich kann es wirklich nicht ohne weiteres verantworten, daß ein Seelsorger wegen meiner von seinen Kindern weggerissen wird 235. "

Auch in der Zeit, als von Rom aus die Überwachung in einer Klinik gefordert wurde, sprach sie von ihrem Entschluß, zum Papst zu fahren. Sie gab an, er habe sie über eine Bologneser Dame zu einem Besuch eingeladen 236 Im Brief vom 21. November 1937 an den Regensburger Bischof beruft sie sich ebenfalls auf eine Einladung durch den Papst. Zunächst bittet sie den Bischof, er möge ihr in ihrer "furchtbaren Seelennot" helfen, es müsse ja "doch zu einer Entscheidung in der neuen Untersuchungssache kommen". Die Entscheidung, die sie erwartet, besteht in dem Ansinnen, der Bischof möge auf die Überwachung verzichten. Das meint sie nämlich in Wirklichkeit, wenn sie ihn auffordert: "Geben Sie mir gleich Antwort und Rat!" Denn nach diesen Worten fährt sie fort: "Sonst muß ich an den guten Hl. Vater schreiben und um Rat bitten. Wollte ihn heuer gerne besuchen, da wir vom vorigen Jahr eine Karte haben, wo er mir schreiben ließ, ich möge nur kommen, aber bald. Und bald darauf wurde der gute Herr so krank, wo ich dann viel für ihn betete und litt 237."

Wie sich Therese Neumann einredete, war auch Papst Pius XII. ihr sehr gewogen. So behauptete sie im Jahre 1953, der Papst habe ihr 250 Rosenkränze zum Verteilen gesandt; er soll auch gesagt haben: "Da werde die Resl eine Freude haben, sie zu verteilen; sie solle brav sein." Therese hat tatsächlich Rosenkränze zugesandt erhalten; sie kamen aber nicht vom Papst. Der Lieferant war der amerikanische Priester Rudolf Hodik, der Therese Neumann wiederholt besucht hat. Von 1932 an hat er viele Jahre hindurch Amerika bereist wo er gegen klingenden Lohn Vorträge über Konnersreuth und P. Pio gehalten. Bei diesen Vorträgen verwandte er Fotografien, die er sich in Konnersreuth beschafft hatte. Wie er behauptete, hat er das durch seine Verträge erhaltene Geld an P. Pio und Therese Neumann geschickt 238".

Die im Vatikan zuständige Behörde war zur damaligen Zeit das Hl. Offizium. Dort war auch der Name des Lippstadter Chefarztes Dr. Deutsch bekannt. Man hat sich sogar für ihn interessiert. In welcher Art das geschah, teilte er am 11. Juli 1937 dem Studienrat Dr. Schröder in Xanten mit: "Vor kurzem ist ein Vertreter des St. Offizium beim Generalvikar in Paderborn gewesen. Er war auf der Rückreise vom Nuntius in Berlin und kam extra meinetwegen nach Paderborn. Er sollte sich erkundigen, wes Geistes Kind ich wäre. Der Generalvikar hat mir erzählt, daß er ihm ein langes pfarramtliches Zeugnis mitgegeben habe, dem er zwei Seiten lang eine Ergänzung beigefügt habe. Ferner hat er ihm meine beiden letzten Schriften mitgegeben und das Protokoll von Martini 239." Der Vertreter des Hl. Offiziums brachte das Ergebnis seiner Erkundigung nach Rom. Ein paar Wochen darauf wurde, von dort das zweite Dekret an den Bischof von Regensburg gesandt, in dem Therese Neumann zu einer Überwachung "eingeladen" wurde. Dies war die Wirkung der Zeugnisse, des Martini-Protokolls und der Schriften des Dr. Deutsch!

Am 26. März 1937 schrieb der Jesuit Richstätter an Dr. Deutsch: Es ist ,.ein trauriges Armutszeugnis für unsere Theologen, daß Ärzte kommen müssen und zeigen, wie eine Hysterika zehn Jahre lang hunderte Bischöfe, ein Dutzend Kardinäle und hunderttausende Gläubige hat narren lassen. Aber man ließ sich ja durch die mystische Theologie nicht warnen 240" Doch es war nicht bloß so, daß Warnungen in den Wind geschlagen wurden, sogar die Äußerung von Zweifeln oder Bedenken wurde untersagt. Davon spricht Richstätter in seinem Brief vom 6. Dezember 1936 an Dr. Deutsch: "Was nun die Behandlung der Sache vom theologischen Standpunkt aus angeht, so ist uns jede öffentliche Behandlung der Sache verboten. Sie werden die Gründe sofort verstehen. Es sind eben zu viele hohe Prälaten bis zu Eminenzen hinauf in die Sache hineingezogen' und man würde sich persönlich angegriffen fühlen....... Sie werden verstehen 241."


Zum vorhergehenden Kapitel.

Zum nächsten Kapitel.

Zum Inhaltsverzeichnis

Zur Bücherübersicht


Obiges liegt ausschließlich in der Verantwortung der unten genannten Person und stellt keine Meinungsäußerung der Universität Regensburg dar.

Gerald.Huber@geographie.uni-regensburg.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers wieder.

Letzte Änderung: 22. August 1997