XII. Nahrungslosigkeit

Das bedeutendste aller "wunderbaren Konnersreuther Phänomene" ist ohne Zweifel die Nahrungslosigkeit; Therese Neumann soll mehr als drei Jahrzehnte hindurch weder gegessen noch getrunken haben! Menschen, die wie sie behauptet haben, sie lebten absolut nahrungslos, hat es schon eine ganze Reihe gegeben; aber in keinem einzigen Falle wurde ein Nachweis erbracht. "Es ist noch niemals beobachtet worden", so schrieb Dr. Deutsch am 7. Februar 1938 an Prof. Mayer in Paderborn, "daß ein hochentwickeltes Lebewesen, sei es Pflanze, Tier oder Mensch, dauernd ohne Nahrung oder Ausscheidung existieren kann. Dagegen sind hysterische Schwindler in der Geschichte, in der Kriminalistik und besonders auch auf dem Gebiete der Pseudomystik doch verhältnismäßig zahlreich 168." Dr. Deutsch verlangte eine "rücksichtslose Klarstellung und genaue Prüfung der angeblichen Nahrungslosigkeit". Falls diese leichte Prüfung verweigert werde, so betonte er, sei klar, daß "hier nicht Heiligkeit sondern Betrug vorliegt" 169 Wer also behauptet, er lebe nahrungslos, muß den Nachweis liefern, und zwar einen unwiderleglichen Nachweis. In allen Fällen, da die "Nahrungslosen" einer strengen Überwachung unterworfen wurden, war ausnahmslos das Urteil dasselbe, nämlich: Schwindel. Wie steht es im Falle Therese Neumann von Konnersreuth?

1. Beginn der Nahrungs- und Ausscheidungslosigkeit

Vom Dezember beziehungsweise von Weihnachten 1922 an soll Therese Neumann nur noch flüssige Nahrung zu sich genommen haben. Seit August 1926, so heißt es, wurde Nahrungsaufnahme auch in flüssiger Form verweigert. Trotzdem hatte sie noch ein paar Jahre hindurch Ausscheidungen. Diese hörten, wie behauptet wird, vom ausgehenden Jahr 1929 an auf. Warum das geschah? Nach dem Ende der Überwachung im Elternhaus im Jahre 1927 hat der Regensburger Bischof von Therese Neumann verlangt, sie müsse dem Waldsassener Chefarzt Dr. Seidl regelmäßig Urinproben und andere Ausscheidungen zur Untersuchung zur Verfügung stellen. "Allein die Familie Neumann hat nicht ein einziges Mal wieder Urin herausgegeben, trotz dringender Vorstellungen." Die andauernden Mahnungen wurden schließlich der Stigmatisierten zu lästig, weswegen sie einfach die Versicherung abgab, die Ausscheidungen von Stuhl und Urin hätten ganz aufgehört 170.

2. Die Überwachung 1927 im Elternhaus

Es wird immer wieder vorgebracht, Therese Neumann sei im Jahre 1927 14 Tage hindurch beobachtet worden, und man habe nie bemerkt, daß sie gegessen oder getrunken habe, somit sei die Nahrungslosigkeit bewiesen. Aber das ist keineswegs der Fall. Es ist zu bedenken, daß die Überwachung nur im Elternhaus gestattet wurde, nicht in einer Klinik. Sie wurde nur äußerst widerwillig zugestanden, dazu unter einer Reihe von Bedingungen.

Die bei der Beobachtung hinzugezogenen Ordensschwestern waren natürlich bestrebt, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Daß sie in Konnersreuth nicht gerne gesehen wurden, bekamen sie immer wieder zu spüren, durch Therese Neumann selbst, durch deren Eltern, durch Pfarrer Naber und durch Prof. Wutz. Niemand hat den Schwestern den guten Willen abgesprochen; aber vor allem von ärztlicher Seite wurde bemängelt, daß sie für ihre Aufgabe nicht die notwendige berufliche Vorbildung mitbrachten. Die eine war Operationsschwester, die andere Röntgenschwester, die dritte arbeitete in der Zahnklinik, die vierte war Schreibstubenschwester. Ihnen allen fehlte die Erfahrung mit Schwerhysterischen.

Die Schwestern haben sich in Konnersreuth alles andere als wohlgefühlt, und ihre Erlebnisse haben bei ihnen einen außerordentlich schlechten Eindruck hinterlassen. Im Jahre 1939 weilte Pfarrer Josef Schäfer von Bellheim/Pfalz in Mallersdorf. Eines Tages fragte er Schwester Britonia: "Was halten Sie von der Nahrungslosigkeit der Therese Neumann?" Die Gefragte gab zur Antwort: "Sie haben Glück; ich bin eine der Schwestern, die bei der Überwachung dabei waren. Von der Nahrungslosigkeit halte ich gar nichts. Die Resl ißt 171." Am 17. November 1965 bin ich nach Mallersdorf gefahren, um mit Schwester Richlinda zu sprechen, die seinerzeit in Konnersreuth mitabgeordnet war. Sie erklärte mir, sie stehe immer noch unter Eid und dürfe nicht aussagen. Ein paar Fragen hat sie aber doch beantwortet. So hat sie ihre Verwunderung zum Ausdruck gebracht, daß Therese Neumann außerordentlich korpulent war, und meinte, zu einer sichtbaren körperlichen Aufschwemmung könne es doch nur kommen, wenn Flüssigkeit aufgenommen werde. Therese durfte während der 14 Tage nach Belieben das Elternhaus verlassen; sie ging auf die Straße, in den Pfarrhof, in den Garten, in die Kirche. Über den Pfarrer von Konnersreuth sagte Richlinda, er sei andauernd sehr besorgt um Therese gewesen; den Schwestern sei der "völlig unkritische Mann" immer "sehr ungnädig" und sehr "unfreundlich" begegnet; seiner Meinung nach hätte die Überwachung nicht stattfinden dürfen. Von Prof. Wutz meinte Richlinda, er sei der Therese Neumann "völlig ergeben" gewesen; sie nannte ihn einen "Enthusiasten" und bemerkte: "Wenn er ankam, dann war Therese glücklich." Auf die Frage der Nahrungslosigkeit angesprochen, meinte die Schwester, man habe Therese nicht bei einer Nahrungsaufnahme ertappt; aber daß sie verstohlen doch etwas zu sich genommen habe, davon war sie überzeugt. "Man weiß ja", meinte sie, "was hysterische Menschen alles fertig bringen."

Obwohl Therese Neumann nicht beim Essen oder Trinken erwischt wurde, konnte trotzdem der Nachweis geführt werden, daß sie nicht nahrungslos gelebt hat, und zwar durch die vorgenommene Harnanalyse. Die angeblich nahrungslos Lebende hatte ja Ausscheidungen. Nun ist es aber möglich, durch die chemische Harnanalyse festzustellen, ob eine Versuchsperson auch wirklich fastet. Über dieses Thema schrieb am 10. Oktober 1929 Dr. Heermann an den Bischof von Regensburg: "Steigt plötzlich bei einer Versuchsperson der Chloridgehalt des Harns und verschwindet gleichzeitig das Aceton und die

Säurereaktion, so schickt man die Versuchsperson fort, da mit absoluter Sicherheit bewiesen ist, daß sie schwindelt. Bei Therese Neumann waren die Symptome genau die gleichen: Während der Beobachtung ausgesprochener Hungerurin, nach der Beobachtung völlig normaler Urin. Warum soll man nun hier nicht mit derselben Sicherheit dasselbe vermuten?" Auf die im Jahre 1927 vorgenommene Harnanalyse kommt Dr. Heermann nochmals in seinem Brief vom 30. Januar 1933 an den Bischof von Regensburg zu sprechen: "Der Kochsalzgehalt der beiden Urinproben von Therese Neumann war schon für einen Hungernden recht hoch... Daraus könnte man schließen, daß das Hungern vor der Urinentleerung ein bis zwei Tage gedauert hätte. Dafür spricht auch der hohe Stickstoffgehalt, . . . der nur beim Beginn des Hungerns beobachtet wird. . . Dagegen ist der Gehalt der vierten Urinprobe an Kochsalz. . . bei der stärkeren Verdünnung des Urins so hoch, daß er mit gänzlicher Enthaltung von Speise und Trank ganz unvereinbar ist. Überdies ist die absolute Gewißheit, daß bei Therese Neumann wirklich die gesamte Urinmenge gemessen wurde, doch nur für die Zeit vorhanden, wo sie sich in ihrem Zimmer und in ihrem Bett aufhielt, also am Freitag, woher auch alle Proben stammen 172?

Nach dem Tode der Therese Neumann hat der Eichstätter Theologe Prof. Mayr, dessen Lehrfach Chemie, Biologie und Geologie war, die Erklärung abgegeben, "mit absoluter Sicherheit" habe sich nach dem Tod der Therese Neumann gezeigt, daß bei ihr die Gesetze des natürlichen Stoffwechsels aufgehoben waren; denn vier Tage nach ihrem Tod hätten sich "nicht die geringsten Spuren der Verwesung gezeigt, keine Leichenflecken, kein Leichengeruch, keine Totenstarre" 113. Wer dies nachgewiesen hat, sagt er nicht. Selbst wenn die Angaben der Wahrheit entsprächen, so bedeuten sie nichts. Die Lösung der Totenstarre nach einigen Tagen ist normal. Leichenflecken sieht man vor allem auf dem Rücken des Körpers; hat denn Prof. Mayr eine Untersuchung vorgenommen? Wenn sonst gelegentlich bei einem Todesfall nach vier Tagen noch kein Leichengeruch wahrgenommen wird, dann folgert doch auch kein vernünftiger Mensch, bei dem Verstorbenen seien zu dessen Lebzeiten die Gesetze des natürlichen Stoffwechsels aufgehoben gewesen. Hätte Therese Neumann keinen Stoffwechsel gehabt, dann hätte sie auch mit ihrem Atem weder Kohlensäure abgegeben noch Sauerstoff aufgenommen. Die Abgabe von Kohlensäure ist durch Schulrat Dr. Miller und Fräulein Isenkrahe nachgewiesen worden; durch ausgeatmete Luft wurde Kalkwasser trübe 174. Den Kohlenstoff, der in der Kohlensäure den Körper verläßt und der im Lauf eines Jahres das Eigengewicht des Körpers übersteigt, bezog Therese Neumann doch nicht aus der Hostie, und den Sauerstoff bezog sie, wie andere Menschen auch, aus der eingeatmeten Luft. Therese verlor täglich Flüssigkeit durch austretenden Schweiß; die Schleimdrüsen des Rachens, der Mundhöhle und der Atemwege sondern andauernd Schleim ab, wie Ewald Witry und andere Ärzte auch bei Therese Neumann nachgewiesen haben. Die dazu nötigen Stoffe bezog Therese bestimmt nicht aus der Eucharistie.

3. Die Forderung einer Überwachung in einer Klinik

a) Durch den Regensburger Bischof und die bayerischen Bischöfe

Die im Elternhaus der Therese Neumann vorgenommene Überwachung fand nicht die vom Konnersreuther Kreis gewünschte Anerkennung. Auch die beiden Ärzte Dr. Seidl

und Prof. Ewald hatten Bedenken und Zweifel. Vor allem das Ergebnis der Urinuntersuchungen veranlaßte Ewald zu der Äußerung, er "komme nicht über den Eindruck hinweg, daß hier etwas nicht stimmt" 7~. Dr. Seidl erklärte in einem Brief an Dr. Deutsch, er sei sich der Unzulänglichkeit einer Beobachtung im Elternhaus wohl bewußt gewesen; darum habe er immer wieder auf eine klinische Beobachtung gedrängt; da es ihm nicht gelungen sei, den Karren weiterzuschieben, sei er im Laufe der Zeit an Konnersreuth ziemlich desinteressiert geworden 176.

Von verschiedenen Seiten gedrängt, entschloß sich der Regensburger Bischof Michael Buchberger, eine Überwachung in einer Klinik zu verlangen. Bevor eine entsprechende Aufforderung in Konnersreuth einlief, wußte man dort von dem Plan. Therese Neumann zeigte sich darüber sehr enttäuscht, ja empört. Davon zeugt der Brief, den sie am 25. Oktober 1927 an Prof. Wutz in Eichstätt schrieb. Darin bezeichnet sie als ihre Gegner die "Wissenschaft", von der sie sagt, sie "arbeite dagegen" und wolle " gescheiter sein als der liebe Heiland". Dem Professor erklärt sie: "Sie wissen ja, daß ich von so Übergescheiten, die alles nach dem Verstande erklären wollen und nicht bedenken, daß der liebe Heiland über ihnen steht, nicht viel wissen mag. Die kommen mir genauso vor, wie die elenden, stolzen Pharisäer, die ich immer am Freitag sehe und vor denen ich so großen Abscheu und Ekel habe." Dann kommt sie auf das eigentliche Thema zu sprechen. Sie erinnert Prof. Wutz an die Überwachung im Elternhaus, zu der sie das Bischöfliche Ordinariat "genötigt" habe. Zwar erklärt sie, falls sie sich in eine Klinik begeben müsse, so sei es ihr recht; aber sie gibt zugleich zwei Instanzen an, die dazu nicht ihre Zustimmung geben würden. Sie beruft sich auf ihren Vater, der betont habe, "er lasse sie nicht fort", und zum anderen auf den " Heiland" 177

Am 26. Oktober 1927 ersuchte der Regensburger Bischof den Sanitätsrat Dr. Seidl und den Konnersreuther Pfarrer Josef Naber, sie möchten Therese Neumann und deren Eltern so weit bringen, daß sie einer Überwachung im Krankenhaus Waldsassen zustimmten. Der Pfarrer gab den Inhalt des Schreibens der Stigmatisierten bekannt. Wie hat sie darauf reagiert? Es ist merkwürdig, nicht sie hat reagiert, sondern der "Teufel". Dieser hielt sofort, in Gegenwart des Pfarrers, aber ohne daß dieser ein Wort vernehmen konnte, eine längere Ansprache an Therese. Diese hat so gelautet: "Was du gelitten hast, war umsonst... . Wart`, deine Tätigkeit wird dir bald eingestellt werden, dann erfährst du so viel nimmer; da kriegst du jetzt Plage; der neben dir sitzt, weiß auch nicht, was er tun soll; das gefällt mir, das freut mich. Du hast mir diese Zeit schon viel zu viel entgegengewirkt, das war so zu lange, aber jetzt wird dir dies eingestellt. Hintertrieben wird es, so weit es geht, zuletzt kriege ich dich doch noch. Du mußt doch denen folgen, die dir etwas anzuschaffen haben, die wollen dies auch nicht, du machtest ja die halbe Welt narrisch. Aber da bin ich auch schon noch da, das wird hintertrieben... . Ihr kennt euch nicht aus; da laß dir jetzt raten von dem, auf den du alleweil so hältst; dem wirk ich schon entgegen, soweit ich kann... . Gelt, jetzt seid ihr in Verlegenheit. Dem sag's nur, der neben dir sitzt; dein Leiden ist ja doch umsonst, das kennst du schon noch ein. Wenn du nicht willst, kann der (nämlich: der Heiland) nichts machen." Hier brach der Teufel mit seiner Ansprache ab, Therese setzte das Sühneleiden, das einige Zeit vor des Teufels Rede begonnen hatte, fort. Dann fiel sie in den ekstatischen Zustand und sprach: "Du hast heute etwas bekommen von deinen Obern, das gefällt dem Bösen; schon im voraus hat er triumphiert, aber umsonst. Der Heiland erreicht, was er will. Wenn sie erfahren, was der Böse da gesagt hat, dann werden sie meinen, Therese sei einer Täuschung erlegen. Folgen müssen wir; wir tun alles, was wir tun können, um dem nachzukommen, was die Oberen wollen, wir widersprechen in gar nichts, aber wir übernehmen auch keine Verantwortung. Wir haben die größten Opfer gebracht, wir haben persönlich nichts davon gehabt, wir haben sie des Heilands wegen gebracht, und er hat seinen Segen dazu gegeben. Viele und viele sind schon weggegangen, mit guten Vorsätzen im Herzen und haben ein besseres Leben angefangen, besonders Männerleute weither, und viele sind schon ganz umgekehrt worden, wovon einen großen Teil du selber kennst. Wenn wir diesem Wunsche streng nachkommen, wird das Volk irre an der Obrigkeit, weil so viele schon dagewesen sind und so viele überzeugt sind. Weißt du, was das Volk sagt: Das könnte die Obrigkeit nie anordnen, wenn sie Einblick in das hätte, was der Heiland wirkt; weder die Bischöfe hatten noch hat man im Bischöflichen Ordinariat Regensburg Einblick. Da haben ganz Fremde, die ein wenig beobachten, mehr Einblick und gehen auch mit Gnaden fort. Wie oft habe ich dir schon sagen dürfen: Der Heiland wirkt das nicht meinetwegen, daß ich etwas zu leiden habe und meine Umgebung Arbeit und Plage hat, der Heiland will, daß ihm dadurch Seelen näher kommen, was schon häufig geschehen ist. Die Welt will das, was sie nicht sieht, nicht glauben. Wie genau wollen sie sogar da noch forschen, wo sie etwas offen vor den Augen haben 178." Nehmen wir aus dem Geschwätz nur einen Gedanken heraus, die Frage: Einverständnis mit einer klinischen Uberwachung. Da sagt Therese: "Folgen müssen wir, . . . wir widersprechen in gar nichts." Aber sie fährt dann fort: "Wenn wir diesem Wunsche streng nachkommen, wird das Volk irre an der Obrigkeit... Weißt du, was das Volk sagt: Das könnte die Obrigkeit nie anordnen." Die Worte sprechen für sich selbst.

Jahrelang bemühte sich der Regensburger Bischof Buchberger, die Zustimmung zu der geforderten Überwachung zu erhalten. Mehrere Kliniken machten ein Angebot. Im Herbst 1927 erklärte sich Dr. von Ehrenwall, Leiter des Kurhauses Ahrweiler im Rheinland, bereit, Therese Neumann auf eigene Kosten aufzunehmen. Um dieselbe Zeit machte Prof. Dr. Hermann Wintz, Direktor der Universitäts-Frauenklinik in Erlangen, sein Angebot, Therese Neumann "völlig unentgeltlich vier Wochen lang in seine Klinik aufzunehmen, jegliche Untersuchung ihr zu ersparen, nur katholische Ordensschwestern beizuziehen, im übrigen allen Wünschen des Ortspfarrers Rechnung zu tragen". Dieses wie alle anderen Angebote wurden regelmäßig barsch abgelehnt 179 Im Jahre 1951 unterhielt sich der amerikanische Benediktiner Bernard Weigl längere Zeit mit Therese Neumann und stellte die Frage: "Hat Sie je jemand aufgefordert, nach Regensburg oder an einen anderen Ort zu gehen zur Überprüfung Ihrer Nahrungslosigkeit?« Sie antwortete: "Ich bin nie aufgefordert worden." Fünfmal gebrauchte sie die Ausdrücke "verleumdet" und "Verleumdung", als der Pater sie fragte, ob eine entsprechende Aufforderung an sie ergangen sei180. So wahrheitsliebend war die Stigmatisierte von Konnersreuth!

Im Jahr 1932 verlangten schließlich die bayerischen Bischöfe mit allem Nachdruck eine erneute Überwachung, und zwar in einer Klinik. Eine Zustimmung in Konnersreuth war nicht zu erreichen. Nun schaltete sich der Münchener Kardinal Faulhaber ein; er wandte sich am 9. Dezember 1932 an den Vater der Therese und bat ihn, er möge doch seine Zustimmung zu einer vierwöchigen Beobachtung in einer Klinik geben. Er empfahl die Klinik in München, die unter der Leitung des bekannten Arztes Dr. Lebsche stand. Auch der Kardinal hatte keinen Erfolg 181.

b) Durch Rom

I) Die treibende Kraft

Am 22. Dezember 1932 schrieb der Jesuit P. Richstätter an den Lippstadter Chefarzt Dr. Deutsch: "Ihnen gebührt das Verdienst, den Beschluß der bayerischen Bischöfe herbeigeführt zu haben 182. " Diese Bemerkung kennzeichnet die Rolle, die Dr. Deutsch in der Auseinandersetzung um Konnersreuth gespielt hat. Er war die treibende Kraft. Warum er immer wieder seine Stimme erhoben hat, bringen seine Veröffentlichungen zum Ausdruck, ebenso seine umfangreiche Korrespondenz mit namhaften Ärzten und Theologen, auch mit Bischöfen. Am 18. Juni 1936 schrieb er an Erzbischof Teodorowicz von Lemberg: "Ich stehe am Beginn des Greisenalters, bin seit Jahren kränklich, und muß damit rechnen, daß ich über kurz oder lang vor meinem ewigen Richter stehen werde. Ich kann Ew. Exzellenz in dieser Situation versichern, daß ich es für mich als Verschulden anrechnen würde, wenn ich nicht an der Schwelle des Grabes meine Stimme erhöbe und laut und deutlich gegen den gotteslästerlichen Betrug (vom Verfasser hervorgehoben) in Konnersreuth protestierte. Solange Therese Neumann und ihre Umgebung die geforderte Beobachtung unter völlig nichtigen Vorwänden verweigern, steht dieser Betrug bei der großen Zahl der denkenden Menschen wohl fest 183."

Wiederholt wandte sich Dr. Deutsch an den Regensburger Weihbischof Dr. Höcht, der seine Einstellung uneingeschränkt teilte, und bat ihn um die Unterstützung seiner Bemühungen. So schrieb er ihm am 4. April 1937: "Ich möchte Ew. Exzellenz nun bitten mich zu unterstützen, damit die Sache endlich zu dem Ziele gelangt, das ich vom ersten Augenblicke ab mir gestellt habe und das auch heute noch für die katholische Kirche unbedingt notwendig ist, nämlich eine medizinische wissenschaftliche Beobachtung der Therese Neumann. Ich kann und werde nicht schweigen bis zum letzten Atemzuge; das gebietet mir mein Gewissen... . Wird aber diese leichte Prüfung, wie das geschieht, fortwährend verweigert, dann kann uns kritisch eingestellten Katholiken nichts hindern an der Überzeugung, daß hier nicht Heiligkeit sondern Betrug vorliegt, und wenn wir an die heilige Eucharistie denken, ein sakrilegischer Betrug." Am Schluß des Briefes weist Dr. Deutsch auf seine schlechte Gesundheit hin und fährt dann fort: "Ich möchte aber so lange für die katholische Kirche kämpfen, bis mir der Tod die Feder aus der Hand nimmt. Und da ich nicht weiß, ob dieser Augenblick nicht schon bald da ist, werde ich drängend 184"." Welches Ziel Dr. Deutsch mit seinen Veröffentlichungen verfolgte, sagt er in seinem Brief, den er am 10. August 1938 an seinen Freund, den Generalvikar Gierse von Paderborn, geschrieben hat. Da betont er, er habe erreichen wollen, "daß Konnersreuth aus dem Gebiet des Religiösen herausgenommen und in das Medizinische verlegt wird". "Dadurch", so fährt er fort, "kann man nach Möglichkeit verhindern, daß die kath. Kirche als solche für Konnersreuth verantwortlich gemacht wird 185." Zwei Wochen nach diesem Brief ist Dr. Deutsch gestorben.

2) Der "Erfolg"

Welchen Erfolg hatten die ungefähr sieben Jahre dauernden Bemühungen des Lippstadter Chefarztes? Am 17. November 1936 schrieb das "Heilige Offizium" in Rom an den Bischof von Regensburg. In dem Dekret wurde von Therese Neumann die Zustimmung zu einer Überwachung in einer Klinik verlangt; im Weigerungsfalle, so wurde angedroht, gelte sie als "ungehorsam". Um eine Abwendung oder wenigstens eine Milderung der römischen Anordnung zu erreichen, suchte Therese Neumann, eifrig unterstützt von ihren Verteidigern, Hilfe bei geneigten geistlichen Würdenträgern. Ihr Vater machte eine "Wallfahrt" nach Salzburg, deren Zweck ohne Zweifel ein Besuch bei Erzbischof Waitz war. Auch der Kardinal von Prag wurde eingeschaltet. Dieser lud Therese Neumann und ihren Vater zu einer Besprechung in Karlsbad ein.

Am 30. Januar 1937 schrieb der Regensburger Bischof an das "Heilige Offizium" in Rom. Im Hinblick auf einen zu erwartenden Skandal bat er, man möchte die Ausflüchte des Vaters Ferdinand Neumann nicht beachten, sondern auf einer sofortigen Überwachung bestehen. Zugleich regte er an, es sollten jene Priester als "inoboedientes" erklärt werden, die die Familie Neumann in ihrer Weigerung bestärkten. Weiterhin schlug er vor: "Dem Pfarrer soll verboten werden, daß er die Therese Neumann außerhalb der Kirche Beichte hört und ihr hinter dem Altar die Kommunion spendet. Therese kann gehen und reisen, daher braucht sie keine Ausnahme in der seelsorglichen Betreuung 186." Was Bischof Buchberger vorschlägt, ist alles recht und schön; aber warum hat er denn nicht als zuständiger Bischof von sich aus die Beichte außerhalb der Kirche und die Kommunionspendung hinter dem Altar verboten?

Dr. Deutsch hatte sich dem Regensburger Bischof gegenüber verpflichtet, einstweilen zu schweigen, falls auch die "Konnersreuther" schweigen würden. Da dies aber nicht der Fall war, teilte er dem Bischof am 13. März 1937 mit, er könne ein weiteres Schweigen mit seiner Gewissenspflicht nicht vereinbaren und fühle sich an seine Zusage unter den gegebenen Umständen nicht mehr gebunden. "Sobald es mein Gesundheitszustand erlaubt", so schrieb er, "werde ich eine zweite Auflage meiner letzten Schrift in erheblich erweitertem Umfang erscheinen lassen, und zwar diesmal im Buchhandel 187." Der Bischof antwortete bereits am 15. März 1937; er bat Dr. Deutsch, er möge nicht durch die Veröffentlichung einer Schrift "in dieses schwebende Verfahren" eingreifen. In dem Brief stehen folgende Sätze: "Ich habe Ihnen wiederholt geschrieben, daß ich nie Grund gehabt habe, einen so raffinierten und Jahre lang andauernden Betrug anzunehmen... Ich bitte auch zu erwägen, daß Ihre Schrift gerade jetzt gegen die Kirche in unabsehbarer Weise ausgebeutet werden wird. Nachdem jetzt gewisse Blätter, nicht bloß die deutschgläubigen, sondern auch Parteiblätter die Kirche wie eine Verbrecherin behandeln, können Sie selbst voraussehen, wie Ihre Schrift von Kirchenfeinden als Quelle ihres häßlichen Kampfes benutzt werden wird. Ich würde die Veröffentlichung Ihrer Schrift zur Zeit auch deswegen bedauern, weil die katholischen Männer von Konnersreuth - wie Sie aus der Beilage ersehen, - so tapfer für das Kreuz Christi sich eingesetzt haben. Auch daraus wird offenbar, daß die Konnersreuther selbst im guten Glauben an die Echtheit und der Verläßlichkeit der Vorgänge im Hause Neumann leben 188."

Es sind merkwürdige Argumente, mit denen Bischof Buchberger arbeitet. Insbesondere muß man sich wundern, daß er offenbar der Auffassung ist, Dr. Deutsch schade der Kirche durch seinen Kampf für die Wahrheit. Der Arzt beurteilte die Lage anders, der Wirklichkeit entsprechend. "Es ist besser", so hat er sich ausgedrückt, "jetzt entsteht ein Skandal und wird damit endlich ein Riegel vorgeschoben gegen den Mirakulismus in katholischen Kreisen. Wir machen uns ja in den Augen aller wissenschaftlich Gebildeten sonst nur lächerlich. Sind denn die Mätzchen von den vielen ,Wunderchen' wirklich eine Stütze für unseren katholischen Glauben? Dann muß es doch recht schlecht um ihn stehen 189" Diese Sätze stehen im Brief, den Dr. Deutsch am 23. Mai 1938 an Prof. Stefan Matzinger, den Schriftleiter des "Korrespondenzblattes für den katholischen Klerus in Wien" geschrieben hat. Dieser hatte Dr. Deutsch im Sommer 1937 gebeten, er möge einen Aufsatz über Konnersreuth liefern. Im Oktober erschien dieser. Darüber hat sich vor allem der Salzburger Erzbischof Waitz aufgeregt; seiner Verstimmung gab er in einer Stellungnahme Ausdruck, die am 3. Februar 1938 in der Salzburger Katholischen Kirchenzeitung erschien. Daraufhin schrieb Dr. Deutsch an Prof. Matzinger unter anderem: "Diese Anrempelung gibt mir Veranlassung, mich an die breite Öffentlichkeit zu wenden. Ich habe in den letzten Jahren meine Broschüren als Manuskripte drucken lassen, habe sie restlos verschenkt, nichts durch den Buchhandel gehen lassen, um Gewähr zu haben, daß sie nur in katholischen Kreisen verbreitet würden.... Wenn nun aber der Erzbischof auch dieses mir verbieten will, so wird er gerade das Gegenteil erreichen. Jetzt wende ich mich an die breite Öffentlichkeit aller Kreise. Ich habe stets nur für die Wahrheit gekämpft gegen Lüge und Hysterie. Ich lasse mich in diesem Kampfe, der mir sehr viel Arbeit und sehr viel Geld gekostet hat, nicht den Mund verbieten. Wenn der Erzbischof so verblendet ist, daß er nicht einsieht und nicht einsehen will, was hier gespielt wird, so ist es ein horrender Mißbrauch der kirchlichen Autorität, wenn er mir und anderen den Mund verbieten will, damit der Konnersreuther Schwindel sich Bahn brechen kann 190"

Als Prof. Matzinger von Dr. Deutsch einen Aufsatz erbat, war gerade erst ein zweites Römisches Dekret erschienen, und zwar am 4. August 1937, fast neun Monate nach dem ersten. Darin hieß es, Therese Neumann sei abermals zu einer Überwachung einzuladen. In dem neuen Schreiben war die Drohung, im Weigerungsfalle sei sie als ungehorsam zu erklären, nicht mehr enthalten; es wurde lediglich zum Ausdruck gebracht, widrigenfalls solle der Bischof von Regensburg Ferdinand Neumann und seine Tochter darauf aufmerksam machen, "daß sich die höhere kirchliche Autorität gezwungen sehe, öffentlich zu erklären, daß sie für die Ereignisse in Konnersreuth keine Verantwortung übernehmen könne." Damit hat Rom zum Ausdruck gebracht, daß es sich mit dem Fall nicht mehr befassen wolle, sondern daß die Angelegenheit dem Bischof von Regensburg anheimgegeben sei. Dieser deutete in seinem Brief vom 6. November 1937 an Kardinal Faulhaber an, daß er nunmehr energischer vorzugehen gedenke. Er schrieb: "In Konnersreuth blieb all mein Ersuchen und Mahnen bisher ohne Erfolg. Ich werde nun leider nicht mehr länger zusehen können, zumal Dr. Deutsch im Wiener Korrespondenzblatt einen Aufsatz brachte, der - freilich in ganz unbewiesener Weise - offen von ,Betrug' spricht. Wenn die Familie Neumann nichts zu fürchten hat, dann ist es unverantwortlich, daß sie durch ihre Weigerung die Kirche so schweren Vorwürfen aussetzt." Der Bischof hat angekündigt, er werde nicht länger zusehen. Nun, was hat er jetzt unternommen? Sein "Einschreiten" bestand einzig und allein in einer Verlautbarung, die am 10. Dezember 1937 im Bischöflichen Amtsblatt zu lesen war:

"Therese Neumann hat sich zur Überwachung bereit erklärt, aber ihr Vater hat sie bisher abgelehnt beziehungsweise an unerfüllbare Bedingungen geknüpft. Bei dieser Sachlage kann die kirchliche Behörde keine Verantwortung übernehmen für die Wirklichkeit der behaupteten Nahrungslosigkeit und für den Charakter sonstiger außergewöhnlicher Phänomene in Konnersreuth." Das war auch schon alles. In dieser Verlautbarung ist nicht eine Spur eines beabsichtigten energischen Vorgehens zu entdecken. Im Gegenteil, Therese Neumann wird sogar noch verteidigt. Die Behauptung, sie habe ihre Bereitschaft erklärt, ist schlichtweg falsch; ihre Bereitschaft war eine typische "Wenn-Bereitschaft". Da hat sie sich einmal darauf berufen, daß ihr Vater keine Zustimmung gebe, sie müsse aber aufgrund des vierten Gebotes dem Vater gehorchen. So etwas sagt eine ungefähr vierzigjährige Frau! Daß ihre Berufung auf den Vater nur ein billiger Vorwand für ihre eigene Weigerung gewesen ist, hat sie selber eingestanden. Ihre Nichte Theres Härtl hat einmal im Jahre 1943 dem Benefiziaten Heinrich Muth erzählt, wie ihre Tante reagiert habe, als wieder ein entsprechendes Angebot einer Klinik eingelaufen war. Damals sagte sie: "Wenn ich sage, ich gehe nicht, dann sagen sie in Regensburg gleich, daß etwas nicht stimmt. Darum ist es besser, wenn der Vater sagt, ich darf nicht 191."

Der Gedanke, daß Therese Neumann als Schwindlerin entlarvt werden könnte, erfüllte verständlicherweise den Konnersreuther Pfarrer mit großer Angst. Er bringt sie in seinem Brief vom 22. November 1937 an den Regensburger Bischof zum Ausdruck: "Wenn ich an das Vorkommnis bei Gemma Galgani mit dem Arzt und Bischof denke, kommt mir die Frage: Wird der Heiland in Klinik und Krankenhaus den von der Wissenschaft verlangten Wunderbeweis geben? Wenn nicht, ist dann Therese Neumann eine Betrügerin?" Warum sich Naber auf Gemma Galgani, die wie Therese Neumann stigmatisiert war, berufen hat, findet seine Erklärung in dem, was er über sie gelesen hatte. Der zuständige Bischof Volpi hatte zu Gemma Galgani einen Arzt geschickt; dieser sollte den Gerüchten über Wundmale und andere außerordentliche Phänomene auf den Grund gehen. Das gelang aber nicht; denn als der Arzt auftauchte, "waren sofort alle Phänomene verschwunden". Naber dachte auch an die "stigmatisierte und nahrungslos lebende" Anna Maria Göbel von Bickendorf, von der er wußte, daß sie als Schwindlerin entlarvt worden war. Als dieser im Auftrag des zuständigen Bischofs Hände und Füße mit einem Gipsverband versehen wurden, sagte sie zur anwesenden Schwester: "Dem Bischof und all denen, die sie nicht in guter Absicht, sondern aus Gehässigkeit hierher geholt haben, wird das zum Zeichen sein: Die Wunden könnten heilen." Das Zeichen ist eingetreten; die Wunden sind verheilt. Auch das andere "Zeichen" hat sich eingestellt: Göbel begann wieder zu essen; sie tat nunmehr vor Zeugen das, was sie lange Zeit insgeheim getan hatte 192. Das gleiche Ergebnis wäre die Folge einer Überwachung der Therese Neumann gewesen; Pfarrer Naber hatte, recht mit seiner Furcht.

Der Lippstadter Chefarzt Dr. Deutsch hat in seinem Kampf gegen den "gotteslästerlichen Betrug in Konnersreuth", wie er sich in seinem Brief vom 18. Juni 1936 an Erzbischof Teodorowicz ausdrückte, so gut wie nichts erreicht. Im Frühjahr 1938 erschien sein letztes Buch "Ärztliche Kritik an Konnersreuth! Wunder oder Hysterie?". Wie er dem Abt Laurentius Zeller in Trier erklärte, hat ihn die Sorge, der Tod möchte ihm die Feder aus der Hand nehmen, zur Eile angetrieben und die letzte Feile an seine Schrift anzulegen unmöglich gemacht 193. Am 20. August 1938 hat er noch eine schwere Operation vorgenommen. Danach ist er auf sein Zimmer gegangen und zusammengebrochen. Bis zu seinem Tod am 24. August hat er nicht mehr sprechen können. Das habe ich bereits im Buch "Konnersreuth als Testfall" erwähnt; aber die Pseudomystiker kennen keine Wahrheitsliebe; sie behaupten nach wie vor, Dr. Deutsch habe widerrufen. Bald nach seinem Tode haben "Konnersreuther" die Fabel verbreitet, er habe "kurz vor seinem Tode alles mit Bedauern zurückgenommen, was er damals gegen Konnersreuth geschrieben habe". Das behauptete Pfarrer Naber am 10. Juni 1948; so war zu lesen in der neuen bildpost 1964/65194; so berichtet Steiner in seinem 1968 veröffentlichten Buch über Therese Neumann. Obwohl ich nachgewiesen habe, daß es sich um eine freierfundene Fabel handelt 195 bringt Steiner in seinem letzten, 1987 veröffentlichten Buch die Lüge wieder. Er veröffentlicht Pfarrer Nabers Niederschrift vom 20. Mai 1950: "Herr Fritz von Lippspringe bei Paderborn erklärt: Ich traf, als ich aus dem Konzentrationslager zurückkam, eine Vinzentinerin, die im Dreifaltigkeitskrankenhaus in Lippstadt mit Dr. Deutsch zusammengearbeitet hat. Sie sagt mir: Kurz vor seinem Tode hat Dr. Deutsch erklärt: ,Das einzige, wovon ich fürchte, vor Gott verantworten zu müssen, das ist mein Kampf gegen Konnersreuth. Wenn ich es noch einmal zu tun hätte, würde ich nicht gegen Konnersreuth schreiben.'" Weiter erklärt Müller: "Eine ehrenwerte Frau in Paderborn, Frau Architekt Mundelein, sagte mir, daß Dr. Deutsch vor seinem Tode bestimmt habe, daß alles, was er gegen Konnersreuth geschrieben habe, ihm ins Grab mitgegeben werden solle 196." Auf meine Anfrage hin hat mir die Gattin des Dr. Deutsch am 29. Juni 1966 geschrieben: "Ich kann... versichern, daß die Äußerung... nie über die Lippen meines Mannes gekommen ist. Das Gegenteil ist der Fall. Er war bis zuletzt der festen Überzeugung, mit seinem Kampf gegen Konnersreuth der guten Sache gedient zu haben; er nahm immer wieder viele Anfechtungen entgegen, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen 197."

Frau Mundelein behauptet, Dr. Deutsch habe bestimmt, "daß alles, was er gegen Konnersreuth geschrieben habe, ihm ins Grab mitgegeben werden solle". Es trifft zu, daß Frau Deutsch in das Grab ihres Gatten von diesem verfaßte Bücher gegeben hat, aber nicht, weil er widerrufen hat, sondern weil man so zum Ausdruck bringen wollte, wie sehr er sich in seinem Kampf gegen Konnersreuth für seine Kirche eingesetzt hat.

Noch eine andere Lüge verbreiteten "Konnersreuther" über Dr. Deutsch. Im Brief vom 27. Januar 1937 an den Bischof von Regensburg bezeichnet der Vater der Therese Neumann den Arzt als einen "jüdischen Konvertiten". Ich habe in meinem Buch den Ausspruch des Dr. Deutsch angeführt, er sei in den katholischen Glauben "hineingeboren und hineingewachsen" 198 Trotzdem hat die Eichstätter Freundin der Therese Neumann, Anni Spiegl, die Lüge zwei Jahre später wieder aufgewärmt. Am 1. April 1974 schrieb sie an die "Tübinger Theologische Quartalschrift" unter anderem: "Es wäre wert zu untersuchen, warum der vielbeschäftigte Chefarzt von Lippstadt sich so eingehend mit der unbekannten Therese von Konnersreuth beschäftigte, sie so heftig attackierte und bis 1938 gegen sie Schriften verfaßte. Wollte der Jude Deutsch mit den Angriffen gegen Konnersreuth sich die Gunst der Nazis erwerben? Erwiesen ist, daß Dr. Deutsch bis zu seinem Tod Ende 1938 ungeschoren blieb und Chefarzt von Lippstadt bleiben konnte.... Wohl war er katholisch, doch das nützte auch einer Edith Stein nichts. Es müssen also andere Gründe vorhanden gewesen sein, die ihn vor Verfolgung schützten.... Mit seinen Schriften gegen Konnersreuth erwies er den Nazis einen großen Dienst, sie selbst wollten wegen des Auslands Therese nicht angreifen."

Auf meine Anfrage hin hat mir die Gattin des Dr. Deutsch am 23. März 1975 geantwortet: "Sein Stammbaum, der bis ins 18. Jahrhundert hinabreicht, weist auch nicht einen auf, der jüdischen Stammes war." Im Schreiben des Dr. Deutsch vom 5. März 1938 an die Reichsschrifttumkammer in Berlin heißt es: "Ich betone dabei, daß ich rein arischer Abstammung bin. Väterlicherseits stamme ich aus einer Bauernfamilie, die Jahrhunderte lang in der Trierer Gegend ansässig war und noch ist. Mütterlicherseits stamme ich ebenfalls aus einer Bauernfamilie, und zwar aus einer westfälischen, die Jahrhunderte lang auf einem Bauernhofe des Paderborner Landes saß. Auch meine Frau ist rein arisch 199"

Bedenken wir, in welcher Zeit das Gerücht in Konnersreuth verbreitet worden ist. Wäre es zutreffend gewesen, dann hätten die Nazis auch einen Arzt Dr. Deutsch nicht geschont; er wäre verschleppt und ermordet worden.

c) Die Ablehnung einer Überwachung und einige Begründungen

Daß die geforderte Überwachung abgelehnt wurde, daran ist der ganze, engere "Konnersreuther Kreis" schuld, allen voran Pfarrer Naber. Welche Rolle er gespielt hat, zeigen seine Worte, die er im Frühjahr 1938 zu einer Besucherin gesprochen hat, als sie ihn aufforderte, er möge doch Therese Neumann nahelegen, dem Wunsch der kirchlichen Oberen zu gehorchen: ,,Das ist alles lang und breit und klar überlegt worden, ehe der Bischof die abschlägige Antwort bekam 200." Wie verblendet Pfarrer Naber war, beweisen die Worte, die er einmal einem Augustiner gegenüber gebraucht hat: ,,Sehen Sie, Therese Neumann befindet sich gegenüber der bischöflichen Behörde in einer ähnlichen Situation wie Jesus gegenüber dem Hohen Rat 201!« Dazu braucht es keinen Kommentar; diese Worte offenbaren die Grundhaltung des Betreuers der Therese Neumann.

Zu den Beratern des Pfarrers gehörte der Eichstätter Prof. Wutz; dieser hat sich einmal so geäußert, "er würde sich, wenn er Pfarrer von Konnersreuth wäre, um bischöfliche Anordnungen überhaupt nicht kümmern 202 ." Sogar von bischöflicher Seite wurde Therese Neumann der Rücken gestärkt. So hat der Eichstätter Bischof Rackl den Vater der Stigmatisierten aufgefordert, "keinesfalls in eine nochmalige Untersuchung einzuwilligen". In ähnlicher Weise bestärkte der Bischof von Berlin, Kardinal von Preysing, den Vater in seiner Haltung. Kann man es bei solch einem Verhalten einem Dr. Deutsch verargen, wenn er sagt: "Und das ganz Merkwürdige für uns Laien ist, daß ein sehr großer Teil der Klerisei die Weigerung nicht so anstößig findet, daß sie sich von Therese Neumann zurückzieht, daß sie sogar diese Weigerung verteidigt. Dieses Verhalten und die Behauptung, eine Beobachtung könne der Therese Neumann und der Familie nicht zugemutet werden, wird von denselben Leuten gebilligt, die von Laien doch recht schwere Dinge verlangen. Die zerrissene Ehe darf nicht geschieden werden, obwohl jeder Tag für den Ehepartner eine vorweggenommene Höllenstrafe ist, und was sonst noch von den Eheleuten Tag für Tag verlangt wird... . Man vergleiche doch diese Bürden mit denen, die von der Therese Neumann verlangt werden. Und hier hat man keine ,Heiligen', sondern mühselig sich den Weg in die Ewigkeit Bahnende; ihnen wird nur gesagt, daß sie ihre Pflicht tun müssen, während die Hysterica von Erzbischöfen schon vor ihrem Tode selig gesprochen wird. Ist denn Wundersucht und Sensation katholischer als die Wahrheit 205?"

Bei der Weigerung, sich überwachen zu lassen, hat sich Therese Neumann hauptsächlich darauf hinausgeredet, ihr Vater gebe keine Zustimmung. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich verschiedene Kliniken bereiterklärt, eine Überwachung zu übernehmen. Auf ein entsprechendes Angebot, das Prof. Dr. Schaefer, Direktor des Physiologischen Institutes der Universität Heidelberg, gemacht hat, antwortete der Konnersreuther Pfarrer unter anderem: "Therese Neumann kann und will gegen den charakterfesten Willen des Vaters sich nicht auflehnen. Sie ist für sich hilflos und auf ihren Vater und die demselben gleichgestellten Geschwister angewiesen 204." Früher hat sich Therese nur auf ihren Vater berufen. Dazu hat einmal Dr. Deutsch gesagt "Ist es nicht, wie soll ich sagen, ein trauriges, ein frivoles oder ein lächerliches Schauspiel, wenn eine zirka vierzigjährige Person sich vor den Forderungen der höchsten kirchlichen Behörden hinter die Rockschöße ihres Vaters zurückzieht 205 ?"

Die "Bereitschaft" der Therese Neumann erscheint in einem ganz besonderen Licht, wenn man bedenkt, daß sie sich sogar auf Christus berufen hat: "Der Heiland will es nicht, und daher wird es auch nicht geschehen 206." Einen ähnlichen Wortlaut hat zu Anfang des Jahres

1939 der Regensburger Prof. Dr. Engert in einem Aufsatz über Konnersreuth gebraucht, und zwar mit ausdrücklicher Erlaubnis des Regensburger Bischofs. Darüber ärgerte sich die Stigmatisierte derart, daß sie an den Bischof am 14. März 1939 einen Brief absandte, in dem sie einen Widerruf verlangte; andernfalls, so drohte sie, "sind wir gezwungen, das Gericht zu Hilfe zu rufen." Als Grund für die Drohung gab sie an: "Hier dreht es sich nicht um meine, sondern um des lieben Heilands Ehre, der dies gesagt haben soll. 207" Es ist aber Tatsache, daß sich Therese Neumann nicht bloß einmal auf den Heiland berufen hat. Auch Bischof Buchberger hat mit seinen eigenen Ohren solche Worte vernommen, als er am 23. März 1928 in ihrem Zimmer weilte; damals hat der Bischof die Worte Thereses notiert: "Einen Aufenthalt in einer Klinik wünsche der Heiland nicht; denn die Ärzte sind größtenteils ungläubig und befangen".

Bei der Rundfunksendung am 30. März 1980 behauptete der Bruder der Therese Neumann, Ferdinand, bei der vierzehntägigen Beobachtung seien medizinische Eingriffe vorgenommen worden, "die zum Teil lebensgefährlich waren". Welch ein vernünftiger Mensch hält denn eine derartig unsinnige Behauptung für wahr? Da müßten ja die vom Regensburger Bischof beigezogenen Ärzte gewissenlose Verbrecher gewesen sein. Von den "lebensgefährlichen Eingriffen" weiß Ferdinand Neumann nur einen einzigen zu benennen, einen "Blendversuch". Er behauptet, Prof. Ewald habe "während der Vision Lampen, die man nur mit Schutzbrillen benutzen durfte", in die "offenen Augen" seiner Schwester gerichtet. Ja, er behauptet sogar, Prof. Ewald habe erklärt: "Wenn der Zustand der Schauungen, der Vision, natürlich und normal gewesen wäre, dann hätte sie nachher geblendet sein müssen, hätte sie blind sein müssen." Er behauptet weiterhin: "Solche Versuche sind durchgeführt worden." Am 2. März 1986 hat Christian Feldmann im "Regensburger Bistumsblatt" einen Aufsatz über die Stigmatisierte von Konnersreuth veröffentlicht. Dort schreibt er: "Während ihrer Visionen überstand Therese Neumann Blendversuche mit 5000 Watt starken Karbonlampen ohne jede Regung - ein lebensgefährlicher, unverantwortlicher Eingriff übrigens." Was von Ferdinand Neumann und Christian Feldmann einem angesehenen und gewissenhaften Arzt vorgeworfen wird, ist ungeheuerlich, aber auch derart töricht, daß man darüber stillschweigend hinweggehen könnte; man muß aber darauf hinweisen, weil man in diesem Falle, wie so oft, wieder sieht, mit welchen Mitteln gearbeitet wird.

Die Verdächtigungen sind erst erfunden worden, als bekannt geworden war, daß Prof. Ewald nichts von einem Wundergeschehen in Konnersreuth entdeckt hatte. Vorher war Therese voll des Lobes über ihn, und auch ihre Eltern waren mit ihm sehr zufrieden. Als Pfarrer Witt im Jahre 1927 die Unterlagen für sein Buch über die Stigmatisierte einholte, hat sich niemand, weder Therese noch ihre Eltern, über Prof. Ewald beklagt. Im Gegenteil, "die Eltern rühmten sehr sein durchaus taktvolles und respektvolles Benehmen, weswegen sie ihm auch wie dem Herrn Sanitätsrat ihr volles Vertrauen schenkten." Therese selber äußerte sich über Ewald, "der Herr Professor sei ein recht liebenswürdiger, freundlicher Herr, sie habe ihn durchschaut, er habe eine edle Seele 209"

Prof. Ewald hat im Jahre 1927 einen Artikel "Untersuchungsbericht und gutachterliche Stellungnahme" veröffentlicht. Dort versichert er: "Unwahr ist natürlich die Behauptung, daß in irgendeiner Weise von mir mit der Kranken ,experimentiert' worden sei. "Über die Reaktion der Augen der Therese Neumann sagt er: "Die Pupillen sind mittelweit, gleich, rund und reagieren prompt auf Lichteinfall und Nahsehen. Eine Augenspiegelungsuntersuchung habe ich unterlassen, weil ich mich nicht kompetent fühlte 210"

Bei der Veranstaltung am 19. September 1987 in Fockenfeld aus Anlaß des 25. Todestages der Therese Neumann ergriff unter anderen der anwesende Vizepostulator für den Seligsprechungsprozeß, Pater Ulrich Veh, das Wort. Im Hinblick auf die Überwachung im Elternhaus im Jahre 1927 und spätere Aufforderungen zu einer Überwachung in einer Klinik behauptete der Pater, "weitere Experimente seien von der Familie mit Blick auf das Geschehen im Dritten Reich abgelehnt worden211." Welch eine Begründung! Von 1927 bis zum Beginn des Jahres 1933 gab es noch kein "Drittes Reich"; im Mai 1945 gab es kein solches mehr. Weiß das Pater Veh denn nicht? Außerdem hat keine der zuständigen kirchlichen Behörden je beabsichtigt, irgendwelche Experimente vorzunehmen. Ist auch das dem Pater unbekannt? Zudem, auch von 1933 an hatte Therese Neumann von staatlicher Seite her nichts zu befürchten. Es gab damals einen Mann, der eine staatlich angeordnete Überwachung erreichen wollte; es war der Freiburger Arzt Dr. Aigner, der der Auffassung war, daß Therese Neumann tatsächlich ohne Nahrungsaufnahme am Leben bleibe; er war des Glaubens, es gebe solche Ausnahmefälle, die aber durchaus natürlich zu erklären seien. Aigner, der selber Therese Neumann in Konnersreuth besucht hat, hat alles, was ihm möglich war, getan, um ein Eingreifen staatlicher Stellen zu erreichen - ohne Erfolg. Am 2. Juni 1938 schrieb er an Dr. Deutsch: "Ich war so ziemlich bei allen Behörden, die zuständig sind. Nirgends will man eingreifen. Vor Jahresfrist hat schon ein Reichsamtsleiter mich zum Stillschweigen parteiamtlich verurteilen wollen. Ich konnte das abbiegen. Nun wurde mir aber neuerdings die Veröffentlichung meiner Broschüre, die längst fertig und schon überfällig ist, untersagt. " Am 14. Juni 1938 teilte das Präsidium des Reichsgesundheitsamtes Berlin dem Arzt mit: "Auf Ihr gefl. Schreiben vom 28. April 1938 erwidere ich Ihnen, daß ich es zur Zeit aus politischen Gründen nicht für angebracht halte, in der Angelegenheit der Therese Neumann in Konnersreuth... auf amtlichem Wege oder gar mit polizeilichen Druckmitteln etwas zu unternehmen 212."

4. Die Aussagen einer Nichte der Therese Neumann

Am Freitag, dem 23. März 1928, um 2.00 Uhr nachmittags unterhielten sich im Zimmer der Stigmatisierten die Anwesenden, nämlich Pfarrer Naber und die beiden Professoren Martini und Killermann, über die Frage der "Tatsächlichkeit der sich an ihr vollziehenden wunderbaren Vorgänge". Da unterbrach die Stigmatisierte die Unterhaltung mit der Bemerkung: "Das bringt ihr nicht heraus. Nach meinem Tode wird es bald herauskommen 213." In welchem ihrer "Zustände" hat Therese diese Worte gebraucht? Die beiden Professoren empfanden den Zustand als Schlaf, im Gegensatz zu Pfarrer' Naber, der versicherte, "in diesem Zustand wisse sie alles". Was Therese gesagt hat, zwingt zum Nachdenken. Offensichtlich hat sie das Gespräch aufmerksam verfolgt, man mag den "Zustand" bezeichnen, wie man will. Sie kann mit ihren Worten gar nichts anderes gemeint haben, als daß der Schwindel bald nach ihrem Tode herauskommen werde. Dies hätte bereits unmittelbar nach ihrem Tode geschehen können, wenn der Magen- und Darminhalt mittels einer Sektion untersucht worden wäre.

Es war um das Jahr 1940; in dieser Zeit war Alois Ederer Kaplan in Waldsassen. Damals hat Theres Härtl, die Nichte der Stigmatisierten, einmal vor mehreren Priestern, unvermittelt und unaufgefordert, gesagt: "Wenn einmal unsere Tante tot sein wird, dann müssen eben wir auspacken." Diese Worte beweisen, was bestimmte Personen gewußt, aber nicht auszusprechen gewagt haben. Warum Theres Härtl nach dem Tod ihrer Tante nicht ausgepackt hat, wird verständlich, wenn man weiß, wie sie ein paar Jahre nach dem erwähnten Ausspruch behandelt worden ist. Aber es existieren wenigstens ihre Aussagen, die sie im Jahre 1942 und 1943 dem damaligen Benefiziaten Heinrich Muth, einem Kurskollegen des erwähnten Waldsassener Kaplans Alois Ederer, gegenüber gemacht hat. Diese befinden sich in den Akten, die der Benefiziat angelegt hat. Das wichtigste Thema, das behandelt wird, ist die Frage der Nahrungslosigkeit. Der Benefiziat hat die Aussagen der Theres Härtl in einem Protokoll zusammengefaßt, das von der Nichte der Stigmatisierten, vom Vater der Nichte, von einem Vetter namens Baptist Hofmann und vom Benefiziaten Heinrich Muth unterzeichnet wurde. Kopien von diesen Schriftstücken wurden vom Benefiziaten im Jahre 1943 an den Bischof von Regensburg gesandt. Die Akten wurden erst am 11. März 1971 vom Weihbischof Josef Hiltl an das Bischöfliche Archiv abgeliefert. Nach dem Weggang von Konnersreuth hat Heinrich Muth seine Konnersreuth-Akten überarbeitet und ergänzt. Ich habe den Text vor ungefähr 20 Jahren gelesen, aber mit Rücksicht auf den Verfasser nicht verwertet. Eine Kopie der Akten befindet sich seit Anfang 1987 im Bischöflichen Ordinariat oder beim Offizialatsrat Emmeram Ritter. Bei meinen Ausführungen stütze ich mich auf den von Heinrich Muth im Jahre 1943 an das Bischöfliche Archiv in Regensburg eingesandten Text 214.

Die Aussagen der Theres Härtl erstrecken sich auf ihre Beobachtungen, die sie im Zimmer ihrer Tante und in der Küche des Pfarrhofes sowie des Neumann-Hauses machen konnte. Es kam oft vor, daß in der Küche des Neumann-Hauses bei den Mahlzeiten Eßwaren übrig blieben. Wenn nach einiger Zeit das Fehlen derselben bemerkt wurde, schob man in der Regel die Schuld auf Therese Härtl, zu Unrecht.

Therese Neumann verrichtete oftmals Arbeiten in der Küche, wenn ihre Angehörigen auf dem Felde arbeiteten. Wiederholt wurde sie von ihrer Nichte, wenn diese unerwartet in der Küche auftauchte, überrascht, wie sie geschwind etwas in ihrer Schürze versteckte und verschwand. Als der Tante das Mißtrauen ihrer Nichte auffiel, wurde sie "recht böse und grob".

Am 17. Februar 1943 betrat die Nichte wieder einmal unverhofft die Küche; da bemerkte sie, wie ihre Tante eilends etwas in der dort befindlichen Stellage einschloß. Als das Mädchen neugierig zuschaute, wurde es von seiner Tante mit dem Bemerken weggeschoben: "Geh weg! Was willst du denn da?"

Therese Neumann hatte in ihrem Zimmer einen eigenen Vorratsraum, das "Kammerl". Es befand sich hinter dem Zimmersofa, unterhalb des großen Käfigs für ungefähr 40 exotische Vögel. Nur Therese hatte einen Schlüssel für den sonst versperrten Raum. Sie erklärte einmal ihrer Nichte, sie sei gezwungen, das Kammerl zu versperren, weil sonst der Benefiziat hineinschauen könnte. Der Vorratsraum existiert nicht mehr; er wurde nach dem Tode der Therese Neumann beseitigt.

Theres Härtl gelang es einmal, den versteckten Schlüssel zu entdecken. Eines Tages, als ihre Tante für kurze Zeit ihr Zimmer verlassen hatte, öffnete sie den Raum und fand darin nicht bloß Eßgeschirr, wie Tassen, Messer und Löffel, sondern auch Eßwaren.

Es war am 16. Februar 1943, da begab sich Therese Härtl über die Stiege hinauf zu ihrer Tante. Rasch versperrte diese die Zimmertüre und rief von innen her: "Ich schwitze und muß die Kleider wechseln; komm später!" Härtl hörte im Zimmer etwas klirren, wie wenn ein Löffel auf einen Teller aufschlägt. Als sie wenig später das Zimmer betrat, fand sie in dem unter dem Waschbecken befindlichen Schränkchen einen Teller mit Pichelsteiner (Kartoffeln, Fleisch, gelbe Rüben); auf dem Teller lag ein Löffel; außerdem befanden sich im Schränkchen ein Stück Wurst, ein Topf mit kaltem Kaffee, dazu auch Kuchen.

Therese Neumann hatte auf ihrem Zimmer einen Kochtopf; wie sie angab, verwendete sie diesen beim "Gallebrechen". Auch ein Nachttopf war vorhanden, obwohl doch Therese angeblich keine Ausscheidungen hatte. Dieser diente ihr, wie sie vorgab, ebenfalls beim "Gallebrechen". Sie ging aber auch zu diesem Zweck gelegentlich auf den nahe ihrem Zimmer gelegenen Abort. Ein paarmal kam die Nichte überraschend in das Zimmer ihrer Tante und fand den Nachttopf noch nicht ausgeleert. Die Tante versicherte dann, der Inhalt stamme vom "Gallebrechen"; aber, wie die Nichte leicht feststellen konnte, handelte es sich einwandfrei um gewöhnliche Ausscheidungen. Einmal gebrauchte Therese die Ausrede, der "kleine Hansl" sei bei ihr gewesen, den habe sie auf das "Haferl" setzen müssen.

Das "Gallebrechen" war bei Therese kein seltenes Vorkommnis. Einmal spürte sie "Brechreiz", als sie an einem Sonntag in der Kirche in ihrem Stuhl saß. Sie stand auf und lief durch die Sakristei in ihre Wohnung; dabei hätte sie in der Sakristei zum "Gallebrechen" Gelegenheit gehabt. Der anwesende Benefiziat vermutete nicht zu Unrecht, daß der Grund der Flucht nicht "Gallebrechen" war.

In dem erwähnten "Kammerl" befand sich auch ein Kübel. Einmal überraschte Theres Härtl ihre Tante, wie sie gerade diesen benützte. Als das Mädchen deswegen ihre Verwunderung zum Ausdruck brachte, kam der Überraschten ihr Arzt Dr. Mittendorfer zu Hilfe, indem er erklärte: "Therese Neumann hat Nierenbeschwerden; da geht öfters Eiter ab; deswegen ist sie in das Kammerl gegangen."

Eines Tages, als sich Pfarrer Naber in der Kirche befand, ging der Benefiziat in den Pfarrhof, läutete aber absichtlich nicht, sondern klopfte nur kurz an die Küchentüre und öffnete sofort. Da sah er eine Gestalt rasch aus der Küche in das kleine Zimmer wischen, durch das man zum Speisezimmer kommt. In der Küche war Maria, die Schwester der Therese, anwesend. Der Benefiziat war sich nicht ganz sicher, ob die soeben Geflohene Therese war; darum wartete er eine Zeitlang. In der Zwischenzeit wandte er seine Aufmerksamkeit dem Tische zu. Darauf stand eine Tasse mit halb geleertem Kaffee; ein kleiner Löffel lag auf dem Unterteller, ,daneben befand sich Kuchen. Der Stuhl war etwas beiseitegeschoben. Nach kurzer Zeit kam Therese aus dem Zwischenzimmer und sagte: "Ja, wenn ich das gewußt hätte, daß Sie es sind, wäre ich nicht davongelaufen. Ich habe gemeint, es seien Fremde; darum bin ich schnell fort."

Die Aussagen der Theres Härtl hatten natürlich Folgen, vor allem für das Mädchen selbst, aber auch für den Benefiziaten. Von den Eltern und von den Geschwistern der Sigmatisierten, vom Pfarrer, von Dr. Mittendorfer und erst recht von Therese wurde sie beschimpft und unter Druck gesetzt. Der Pfarrer sagte zu ihr: "Theres, wenn du gegen deine Patin bist, dann ist das gegen den Heiland; das kannst du in Ewigkeit nicht mehr büßen." Mit beiden Fäusten ging er auf sie los und schlug sie mit der Hand auf ihre Stirne. Auch die Tante setzte ihrer Nichte schwer zu In Begleitung des Dt. Mittendorfer ging sie zur Familie Härtl. Dort verlangte sie von ihrer Nichte, sie solle alles widerrufen und erklären, ihre Aussagen seien nicht wahr. Sie bezeichnete das Mädchen sogar als vom Teufel besessen. Ihr Zorn entlud sich außerdem auf die Familie Härtl. "Von der Stüblbrut", so drückte sie sich aus, "wollen wir keines mehr sehen." Schließlich verlegte sie sich aufs Bitten: "Ich verzeih dir's schon, aber heraushelfen mußt du mir wieder. (Vom Verfasser hervorgehoben.)

Auch Dr. Mittendorfer schaltete sich wiederholt ein. Was er als Beweggrund für die ßereitschaft der Theres Härtl, dem Benefiziaten ihre Beobachtungen mitzuteilen, vermutete, verrät seine Frage, ob sie etwa den Benefiziaten "gern sehe". Ohne eine Antwort des Mädchens abzuwarten, antwortete Therese Neumann: "Freilich!"

Solange Theres Härtl noch in Konnersreuth weilte, hat man ihr schwer zugesetzt, sie wurde geradezu wie eine Gefangene gehalten. Dann wurde sie nach Eichstätt abgeschoben, wo eine ihrer Tanten den Haushalt bei Prof. Wutz führte. Auch in Eichstätt stand sie unter Druck. Man brachte sie sogar dazu, daß sie einen Brief an Heinrich Muth schrieb, in dem sie ihre früheren Aussagen abzuschwächen suchte. Wie es zu diesem Brief gekommen ist, hat Theres Härtl später dem Benefiziaten geschildert; sie hat bei dieser Gelegenheit auch bekräftigt, daß sie zu ihren Aussagen stehe.

Natürlich bekam auch der Benefiziat die Wut seiner Gegner zu spüren. Für Pfarrer Naber stand von da an fest: "Der Benefiziat muß weg, auch wenn ich gehen muß."

In ihrer großen Notlage bekam Therese Neumann keine Hilfe von oben; nicht einmal ihr Schutzengel trat in Erscheinung. Auch der "Heiland" schwieg. Wohl hatte Therese einmal dem Benefiziaten gedroht: "Der Heiland hat uns schon etwas über Sie wissen lassen", aber was das war, hat sie nicht verraten. Das Ausbleiben der "übernatürlichen Hilfe" ersetzten Therese Neumann und ihr Anhang durch das nur allzu bekannte Mittel der Verdächtigung. Sie und die Neumann-Familie beschritten nunmehr denselben Weg, den sie bereits bei dem Vorgänger Muths, Josef Plecher, angewandt hatten; sie verdächtigten den Benefiziaten. So stellten Therese und ihr Bruder Ferdinand der Nichte Theres Härtl die Frage, ob sie der Benefiziat etwa unsittlich berührt habe, ob er nichts Unsittliches gesagt habe, als er bei ihr allein auf dem Zimmer war.

Am 8. März 1943 tauchte Therese Neumann schließlich beim Benefiziaten auf und suchte sich zu verteidigen. Sie brachte alles Mögliche vor, womit sie beweisen wollte, daß sie tatsächlich nichts esse. Unter anderem erklärte sie: "Das wissen Sie wohl nicht, daß gerade in Eichstätt das Gegenteil bestätigt wird. Mittendorfer, Ferdl und Ottilie haben vor kurzem vor 'dem Kreuz und brennender Kerze einen Eid geleistet, daß ich nichts gegessen und nichts getrunken habe; ich war nicht eine Sekunde allein."

Der Benefiziat forderte Therese auf: "Resl, mach der ganzen Geschichte ein Ende! Laß dich, wie der Bischof will, in einer Klinik überwachen!" Therese antwortete: "Da bin ich sofort dabei, da haben Sie meine Hände!" Der Benefiziat schlug in ihre Hände ein und sagte: "Gut, dann fahre ich heute noch nach Regensburg zum Bischof." Damit war jedoch Therese nicht einverstanden. "Nein", entgegnete sie, "da muß erst der Herr Pfarrer die Erlaubnis geben; Sie sind nicht der Pfarrer." Unter anderem sagte Therese noch: "Der Herr Pfarrer und ich werden jetzt das öftere Angebot des Bischofs von Eichstätt annehmen und nach Eichstätt gehen. Dann können Sie den Pfarrer machen in Konnersreuth." Alles Mögliche brachte Therese noch vor, wobei sie zwischendurch immer wieder weinte und rief: "Heiland, hilf, daß nichts passiert!" Bald bat, bald drohte sie. So erklärte sie: "Ferdl ist zu einem Freund, der ist bei der Gestapo; den fragt er, was zu tun ist. Dann ist er sicher auch zum Rechtsanwalt." Immer wieder wurde der Benefiziat in dieser Zeit unter Druck gesetzt, vom Pfarrer, von Dr. Mittendorfer, von Ferdinand und Therese Neumann; aber der Benefiziat hielt dem Druck stand. Inzwischen wurden Anhänger der Stigmatisierten mobilisiert, vor allem aus dem Klerikerkreise, die sich gegen den Benefiziaten verschworen und sich beim Bischöflichen Ordinariat gegen ihn stellten. Es wäre die Aufgabe der bischöflichen Behörde gewesen, den Dingen genauestens nachzugehen. Vor allem die beiden, Heinrich Muth und Theres Härtl, hätten vernommen werden müssen. Aber nichts dergleichen geschah. Das Bischöfliche Ordinariat griff zwar ein, aber wie! Heinrich Muth erhielt den Befehl, Konnersreuth umgehend zu verlassen. Das letzte Wort, das er zu Therese Neumann gesprochen hat, lautete: "Schwindel!" Sie hat nicht widersprochen. Fünf Monate ließ ihn der Bischof ohne Anstellung. Weil der Benefiziat damit gerechnet hat, daß die "Konnersreuther" mit allen Mitteln gegen ihn vorgehen wurden, hat er, wie erwähnt, die Aussagen der Theres Härtl zusammen mit eigenen Anmerkungen an den Bischof gesandt. Eine Reaktion erfolgte nicht; der Benefiziat wurde nicht einmal zu einer Aussprache vorgeladen.

Im Jahre 1962, bald nach dem Tode der Therese Neumann, hat Theres Härtl, sicherlich nicht aus eigenem Antrieb, ihre im Jahre 1943 gemachten Aussagen "widerrufen". Dieser "Widerruf" ist bemerkenswert; er lautet: "Ich erkläre, daß ich meine Tante und Patin Therese Neumann niemals gesehen habe, daß sie irgendetwas gegessen oder getrunken hat, auch nicht in kleinsten Mengen. 215" Mit diesem "Widerruf" hat Theres Härtl etwas "widerrufen", was sie früher gar nicht behauptet hatte; sie hatte ja nicht ausgesagt, daß ihre Tante sie beim Essen oder Trinken hatte zuschauen lassen.

Gehen wir noch kurz auf ein Argument ein, mit dem die Nahrungslosigkeit der Therese Neumann "bewiesen" wird. Man sagt: Die Stigmatisierte von Konnersreuth war oftmals auf Reisen und in der Fremde; da hätte sie nicht Nahrung zu sich nehmen können, ohne einmal ertappt zu werden. Aber warum hätte dies geschehen müssen? Sie, die sich selbst als "minderjähriger als ein zehnjähriges Kind" bezeichnet hat 216" und von der Pfarrer Naber behauptete, sie sei "für sich hilf1os" 217, war auch in der Fremde nie ohne Begleitung nächster Angehöriger.


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Letzte Änderung: 22. August 1997