XI. Therese Neumann und die Eucharistie

1. Meßbesuch

Beim Thema "Kirchliche Bußpraxis" schreibt der Regensburger Bischof Manfred Müller im Amtsblatt vom 24. Februar 1987: "An Sonn- und Feiertagen ohne schwerwiegenden Grund die Eucharistiefeier zu versäumen, ist eine ernsthafte Verfehlung vor Gott und der Kirche." Dieses Kirchengebot galt offenbar für die Stigmatisierte von Konnersreuth nicht; denn sie hat der Meßfeier nur dann beigewohnt, wenn sie gerade Lust dazu verspürte. Als Dispensgründe gab sie an: Kränklichkeit, Kälte, Sühneleiden, Unpäßlichkeit, Müdigkeit. Der Dispensgrund Müdigkeit war für sie schon dann gegeben, wenn sie in der vorausgegangenen Nacht Briefe geschrieben hatte.

Was in besonderem Maße überrascht, ist die Tatsache, daß die Stigmatisierte in keinem einzigen Jahr während der Fastenzeit den Gottesdienst in der Pfarrkirche besucht hat. Im Jahre 1928 hat sie am 12. Februar während einer Ekstase verkündet, sie werde von jetzt an bis zum Karsamstag einschließlich nicht mehr die Kirche besuchen. So hielt sie es dann auch in allen folgenden Jahren. Nur ein einziges Mal wohnte sie in Konnersreuth einer Messe bei, und zwar jeweils am Palmsonntag; an diesem Tag durfte nämlich mit bischöflicher Erlaubnis in ihrem Zimmer, das zugleich Schlafzimmer war, zelebriert werden. Zwar hieß es in den Genehmigungsschreiben regelmäßig, die Eucharistiefeier dürfe nicht im Schlafzimmer stattfinden, aber darüber hat sich Pfarrer, Naber ebenso regelmäßig hinweggesetzt. Im Jahre 1950 erteilte der Regensburger Generalvikar die Genehmigung mit dem Zusatz: "Wenn Fräulein Therese Neumann schwer leidend ist, so daß sie nicht zur nahen Kirche gehen kann, ist sie vom Anhören der heiligen Messe dispensiert; wenn aber dazu fähig, soll sie anderen Gläubigen gegenüber kein Sonderrecht beanspruchen." Aber, so muß man fragen: Wer hat denn das Sonderrecht gewährt, obwohl man wußte, daß im Widerspruch zu den kirchlichen Bestimmungen im Schlafzimmer der Therese Neumann zelebriert wurde? Daß die Erlaubnis Jahr für Jahr gewährt wurde, beweist allein schon der Text der jährlichen Bittgesuche. So wird im Jahre 1953 die Zelebrationserlaubnis erbeten »wie immer schon"; im Jahre 1957 sagt Therese: »wie alle Jahre . . . in meinem Zimmer auf dem schönen Hausaltar". Wiederholt gibt sie an, nicht gesund zu sein; aber sie vermochte doch zum Kommunionempfang in die Kirche zu gehen, ja sie hat auch während der Fastenzeit Reisen unternommen

In einem Aufsatz vom 13. Januar 1929 war im "Altöttinger Liebfrauenboten" zu lesen: »In den beiden letzten Jahresmonaten konnte Theresia Neumann an den Werktagen nur äußerst selten zur heiligen Messe in die Kirche kommen. Schuld daran waren die schweren Sühneleiden, die sie für andere zu bestehen und freiwillig auf sich genommen hatte 147." Zu Anfang Februar 1943 kehrte Therese aus Eichstätt nach Konnersreuth zurück. In der Zeit zwischen dem 15. und 27. Februar schrieb Benefiziat Muth auf, wann sie die Messe besuchte; nur dreimal geschah dies; nicht einmal am 21. Februar, einem Sonntag, nahm sie an der Eucharistiefeier teil. Während dieses Zeitraumes, in dem sie vollkommen gesund war, ging sie regelmäßig gegen Mittag in die Pfarrkirche, wo ihr der Pfarrer die Kommunion reichte 148.

Vom Jahre 1971 an hat der Jesuit Dr. Carl Sträter im Auftrag des Regensburger Bischofs Rudolf Graber die Konnersreuth-Akten ausgewertet. Das Ergebnis seiner Forschungsarbeit war: Er hat Therese Neumann ein heroisches Tugendleben bescheinigt, so am Palmsonntag 1980. Danach habe ich dem Pater zwei Fragen gestellt; die eine bezog sich auf unwahre, unter Eid abgegebene Aussagen der Stigmatisierten; die andere hat gelautet: "Wie kann man die Tatsache, daß Therese Neumann oft und oft die heilige Messe, auch an Sonntagen, versäumt hat, entschuldigen?" Am 19. September 1980 hat der Pater geantwortet: "Ihre beiden Beschuldigungen der Therese Neumann halte ich für unbewiesen."

2. Kommunionempfang

Wesentlich wichtiger als der Meßbesuch war für Therese Neumann der Kommunionempfang. Bis zum Jahr 1926 kommunizierte sie wöchentlich einmal; seit dem Frühjahr dieses Jahres tat sie es täglich. Der Pfarrer richtete sich ganz nach ihren Launen. Eben noch verrichtete sie zusammen mit ihm Gartenarbeiten oder sie war in der Küche beschäftigt oder sie unterhielt sich mit Einheimischen oder Besuchern, da verlangte sie ganz unvermittelt, kommunizieren zu dürfen. Sofort war der Pfarrer bereit, ging mit der Resl in die Sakristei, sie setzte sich in ihren Stuhl, der Pfarrer brachte ihr die Hostie, und ohne weitere Pause kehrten beide wieder zurück 149. So war der gewöhnliche Ablauf. Nur bei besonderen Anlässen blieb Therese längere Zeit in ihrem Stuhl sitzen. Dies geschah immer dann, wenn jemand da war, der das "Christusorakel" in Anspruch nehmen durfte.

Die Zeit des Kommunionempfangs war sehr unregelmäßig. Im Jahre 1932 weilte der auswärtige Priester August Ackermann in Konnersreuth. Auf die Frage an Pfarrer Naber, ob er Therese die Kommunion reichen dürfe, erhielt er zur Antwort, " das käme sehr selten vor, daß dies ein fremder Priester tue, zudem da man meist nicht wisse, zu welcher Zeit die Resl kommuniziere

Nicht jeder Priester wurde für würdig erachtet, der Stigmatisierten die Hostie zu reichen. Der Redemptorist Hummel, der wiederholt in Konnersreuth auftauchte, bat einmal Naber um die Erlaubnis, Therese die Kommunion zu bringen. Der Pfarrer erwiderte: "Ich werde die Therese fragen; nicht jeder darf ihr die heilige Kommunion geben." Bei höhergestellten Geistlichen bestanden solche Bedenken nie; falls gar ein Bischof zugegen war, dann war es eine Selbstverständlichkeit, daß dieser ihr die Hostie reichte.

Der Neurologe Dr. Eduard Margerie bezeichnet als psychisches Symptom der Hysterie Egoismus und grenzenlose Selbstliebe. Dieses Symptom offenbart sich bei Therese Neumann in besonderer Weise in ihrer Einstellung zur Eucharistie. Da war es ihr ein Anliegen,

daß ihr gebührend Aufmerksamkeit geschenkt wurde, falls dies lohnend erschien. Im Jahr 1939 hielt sie sich eine Zeitlang in Westfalen auf. Eines Tages ließ sie an einem Pfarrort, an dem sie sich gerade aufhielt, dem Ortspfarrer melden, sie wolle um 11.00 Uhr kommunizieren; er möge zu diesem Zwecke die Kirche schmücken. So geschah es denn auch; Therese kommunizierte "unter großem Zulauf des Volkes".

Im Jahr 1928 reichte ihr Höfner, der Dekan von Waldsassen und spätere Dompfarrer, um 8.30 Uhr die Kommunion. Hernach fragte ihn Therese: "Hast du es gemerkt, daß ich auf dich gewartet habe?" Sie fügte dem noch hinzu: "Das ist fein eine Gnade; hast du es gesehen, wie der Heiland in mich eingegangen ist 150? Waren diese Worte Ausdruck einer heroischen Demut? Es sei noch betont, daß die erwähnten Worte gefallen sind, als sich Therese im "ekstatischen Zustand" befand. Später hat sie versichert, sie wisse überhaupt nicht, wer ihr die Kommunion gebracht habe. Hat sie das wirklich nicht gewußt, obwohl sie vorher den Kommuniontermin deswegen verschoben hat, damit Höfner »gewürdigt" werden konnte?

3. Außergewöhnliche Phänomene

a) Das Verlangen nach der Hostie

Zuweilen geschah es, daß Therese in ganz theatralischer Weise ihre große Sehnsucht nach der Hostie zum Ausdruck brachte. Dies geschah dann, wenn Prominente anwesend waren. Den beiden Bischöfen Waitz und Teodorowicz erklärte Pfarrer Naber, Therese bekunde ihr heftiges Verlangen nach der Kommunion dadurch, daß sie den jeweiligen Priester an der Stola und am Chorrock zerre. So geschah es denn auch. Als ihr Teodorowicz an einem Freitag die Kommunion brachte, griff sie nach seiner Stola und zerrte daran, "um ihn zu zwingen, ihr doch schneller die Hostie zu reichen".

Eine ähnliche Erfahrung machte Bischof Waitz, als er im Jahre 1928 der Stigmatisierten die Kommunion in deren Zimmer brachte. Als der Bischof auftauchte, begann sie zu rufen: "Heiland, Heiland!" Der Bischof trat vor sie hin; sie lehnte sich etwas zurück, faßte dann den Bischof am Chorrock, als wollte sie ihn zu sich heranziehen, und rief wiederum: "Heiland, Heiland 151!" Einmal stellte ein Priester Therese zur Rede und brachte seine Verwunderung über solch ein Verhalten zum Ausdruck. Sie gab zur Antwort, das hänge nicht von ihr ab, das sei vielmehr das Einwirken der Gnade.

Wie erwähnt, solche Sehnsuchtsszenen waren nur dann zu beobachten, wenn irgendein besonders Auserwählter zugegen war; sonst geschah nichts Auffallendes, nicht einmal dann, wenn Pfarrer Naber damit gerechnet hat. Da zelebrierte einmal der Sekretär des Bonifatiusvereins Friedrich Thiessen in Konnersreuth; Therese nahm in ihrem Stuhl hinter dem Hochaltar sitzend teil. Vor dem Gottesdienst machte ihn Pfarrer Naber darauf aufmerksam, er werde, wenn er Therese die Hostie reiche, staunen. Aber er bekam keinen Grund zum Staunen, weil sich nichts Besonderes ereignete. Nach der Messe fragte Naber den Zelebranten, was er nun sage. Zu seiner Verwunderung mußte er vernehmen, daß nichts zu sagen war. Während des Mittagessens, an dem neben Thiessen noch ein Arzt, offenbar Dr. Mittendorfer, teilnahm, sagte Naber zur anwesenden Therese: »Die Sache läßt mir keine Ruhe. Resl, warum war heute nichts?" Die Gefragte erwiderte: »Ich wollte nicht; der junge Herr wäre sonst zu sehr erschrocken 152 «

b) Kommunion ohne Schluckbewcgung

Vom Jahre 1923 an, so ist in der Konnersreuth-Literatur zu lesen, empfing Therese Neumann die Hostie ohne jede Schluckbewegung. Aretin behauptet, von da an sei diese Art des Kommunionempfangs alltäglich geworden. Aber die Berichterstatter widersprechen sich, wie so oft. Was Aretin als alltägliches Ereignis bezeichnet, nennt Dr. Radlo im Jahre 1938 eine große Seltenheit; er sagt: "Es läßt sich nicht vorausbestimmen, wann eine derartige Kommunion stattfindet. Es ist ein reiner Zufall, wenn es jemandem gelingt, Zeuge dafür zu sein.

Wie Dr. Seidl angibt, durften nur jeweils Personen aus dem Konnersreuther Kreis oder solche, die unter dessen Patronat standen, Zeugen bei den mystischen Erscheinungen sein. Zu diesen Personen gehörten sonderbarerweise, mit Ausnahme von Liborius Härtl, nicht einmal die jeweiligen Konnersreuther Benefiziaten.

Einer der Auserwählten war Dr. Fritz Gerlich. Eines Tages verkündete Therese "in der Ekstase", daß sich am folgenden Tag das seltsame Ereignis wieder einmal einstellen werde. So geschah es denn auch; Gerlich schildert die Szene: "Der Pfarrer gab mir Anweisung, direkt vor ihr niederzuknien, daß ich genau in den Mund sehen konnte. Das geschah... . Der Pfarrer legte vorn auf die Zunge eine ganze Hostie und trat sofort zurück. Sie nahm die Zunge, auf der die Hostie sichtbar lag, ein wenig zurück, aber nur so weit, daß die Spitze noch die Unterlippe berührte... . Die Hostie war in der Mundhöhle und am Gaumen, die ständig offen vor mir lagen, nicht zu sehen. Nach einiger Zeit innerster Konzentration begann sie ekstatisch zu sprechen 153."

c) Vision beim Kommunionempfang

Wie Therese Neumann versicherte, sah sie beim Empfang der Hostie den Heiland selbst, und zwar in jeweils verschiedener Gestalt, je nach der Zeit des Kirchenjahres. Auch Pfarrer Naber hat sich über dieses Phänomen geäußert; seine Angaben sind freilich widersprüchlich. So erklärte er einmal, Therese schaue den Heiland nur dann, wenn sie in der Nacht zuvor ein Sühneleiden durchgemacht habe. Dem Erzbischof von Lemberg gegenüber machte er eine Einschränkung: "nach außerordentlich schweren Sühneleiden". Als im Sommer 1929 der Freisinger Regens Dr. Johann Westermayr in Konnersreuth weilte, hatte Therese sowohl am 5. als auch am 6. Januar ihre gewohnten Visionen, obwohl sie zuvor kein Sühneleiden zu erdulden hatte. Pfarrer Naber versicherte dem Regens: "Wenn die Resl, in ihrem Stuhl einer Messe beiwohnend, von der Wandlung an den ekstatischen Zustand habe, sehe sie unmittelbar vor der Wandlung zunächst die Engel, dann von der Wandlung an Jesus selber, in der Weihnachtszeit als immer größer werdendes Kind (von Ostern an als Mann in verklärtem Zustand)."

Im Zusammenhang mit "mystischen" Kommunionen deutete der Heiland zuweilen, wie Therese versicherte, auffallende künftige Ereignisse an. Als ihr einmal Prof. Wutz die Hostie reichte, geschah es, "daß bei einer solchen Vision der Heiland sich umdrehte und Herrn Professor . . . gut anschaute". Später hat dann Therese dieses "Gutanschauen" so gedeutet: Jesus habe den nahen Tod des Professors, der für alle völlig überraschend eintrat, andeuten wollen154. Wir erinnern uns, auch Therese wurde gelegentlich vom Heiland " gut angeschaut"; er hat ihr sogar zugelächelt und sie hat trotzdem nicht zu sterben brauchen. Auch Therese ist plötzlich gestorben, aber ohne jede Ankündigung oder Anmeldung.

d) Kommunion ohne Priester155

Ein besonderes Augenmerk verdienen jene Berichte, die sagen, Therese Neumann habe gelegentlich kommuniziert, ohne daß ihr ein Priester die Hostie reichte. Der eine Fall soll sich am 30. April 1929 in Eichstätt abgespielt haben. Darüber sind vier Berichte vorhanden; sie widersprechen sich in wesentlichen Punkten; nur auf die wichtigsten Unterschiede soll hingewiesen werden. Nehmen wir den Fall, wie ihn Steiner zeichnet, und zwar gestützt auf die zwei Berichterstatter Prof. Wutz und Ferdinand Neumann. »Man hatte in der Hauskapelle ihres Gesundheitszustandes wegen eine konsekrierte Hostie aufbewahrt. Plötzlich kommt Therese in Ekstase und macht die Gesten wie bei einem Kommunionempfang. Dann tritt der erhobene Ruhezustand ein. Es kommen nach einiger Zeit die Worte: ,Die Resl hat den Heiland empfangen`. Als daraufhin Prof. Wutz den Tabernakel öffnete, war keine Hostie mehr vorhanden.

In dem Bericht erregt bereits der angegebene Umstand erhebliche Zweifel, des Gesundheitszustandes der Therese wegen sei eine Hostie aufbewahrt worden. Warum hätte sie denn einer Wegzehrung bedurft, da doch, wie immer wieder beteuert wird, die Hostie von einem Kommunionempfang bis zum anderen in ihrem Magen unaufgelöst geblieben ist? Im übrigen hat der Autor Boniface in Konnersreuth eine andere Version bekommen; ihm hat Therese Neumann gesagt, die einzige Hostie sei für die kranke Mutter des Prof. Wutz vorgesehen gewesen. Es kommt hinzu, daß Wutz keine Erlaubnis hatte, in seinem Privathaus konsekrierte Hostien aufzubewahren. Deswegen wurde er ja auch zur Rechenschaft gezogen; er hat sich so verteidigt: Der Heiland habe sich an seinem Vorgehen nicht gestoßen; "denn er beschloß seine Gegenwart mit einem Wunder".

Der Schilderung Fahsels gemäß hat Therese Neumann unmittelbar nach dem ekstatischen Kommunionempfang ausgerufen: "Sie hat den Heiland empfangen; gehet und seht nach! Er ist aus dem Tabernakel verschwunden." Nun, das konnte der Heiland nicht gesagt haben; denn in der Hauskapelle des Professors gab es keinen Tabernakel; Wutz hatte die eine Hostie bloß in einem Korporale aufbewahrt.

Hören wir noch, wie Therese Neumann ihr Erlebnis am 28. Juni 1942 dem damaligen Benefiziaten Heinrich Muth geschildert hat, übrigens, aus freien Stücken, ohne gefragt worden zu sein: "In Eichstätt. Früh war ich schon wach, um 5.00 Uhr. In zwei Stunden wäre erst die Messe gewesen. Ich wollte aber jetzt schon kommunizieren, nicht erst wie sonst. Professor Wutz war bei mir. Ich sagte, ich möchte den Heiland jetzt haben. Wutz sagte, du kannst schon warten auf die Messe. Dann ist es passiert. Die Hostie kam auf einmal in mein Zimmer geschwebt. Ich habe den Mund aufgemacht und habe den Heiland empfangen." So erzählte sie und bekräftigte ihre Aussage mit den Worten: »Das ist alles wahr, ich lüge nicht. Ich bin mir überhaupt keiner Lüge bewußt im Leben 156". Diese Erzählung ist so wahr wie ihre Beteuerung, nie gelogen zu haben.

Ein weiterer Fall, den Kaplan Fahsel am 26. Juni 1931 erlebt hat: Um 10.30 Uhr erschien Therese im Pfarrhof und bat, kommunizieren zu dürfen. Der Pfarrer begab sich sofort in die Kirche, Therese setzte sich in ihren Stuhl, Fahsel holte aus dem Tabernakel eine Hostie. Es kam aber nicht zur Kommunionspendung. »Als ich", so sagt er, »ungefähr einen Meter vor ihr stand und die heilige Hostie erhob, gewahrte ich zu meinem Staunen, daß sie sich mir nicht zuwandte." Sie hatte bereits kommuniziert. Der Redakteur Ernst Doeberle, der unter dem Pseudonym Franz Huber im Jahre 1950 ein Buch über Therese Neumann veröffentlicht hat, ergänzt den Bericht Fahsels, indem er Thereses Worte unmittelbar nach dem Kommunionempfang anführt: »Komm her, es soll dir erklärt werden, was es war, damit du dich nicht ängstigst: Die Resl war sehr schwach und hat sehr nach dem Heiland verlangt." Wieder anders wurde Poray-Madeyski informiert; seinem Bericht zufolge hat die Auskunft des "Heilandes" gelautet: "Draußen waren zwei Spötter, die den Heiland verspotteten. Resl wußte das und nun wurde ihr Verlangen noch heftiger. Und aus diesem Grunde ist er früher zu ihr gekommen." Ein Kommentar erübrigt sich.

Auf weitere Märchen ähnlicher Art soll verzichtet werden; aber auf ein herausragendes muß doch noch eingegangen werden, handelt es sich doch um einen ausgesprochenen Fall von Fernkommunion. Drei Personen schildern den Fall, Ferdinand Neumann, Ernst Doeberle und Anni Spiegl, jedesmal anders. Wir folgen Steiners Bericht, der sich auf Ferdinand Neumann beruft: Prof. Wutz war bei der Meßfeier, bei der Ferdinand Neumann, der auch die Dienste des Sakristans versah, ministrierte. Er hatte zu der großen Hostie noch drei kleine auf die Patene gelegt. Als Wutz die Kommunion aus teilen wollte, waren nur noch zwei Hostien vorhanden. "Nach einiger Zeit rief Resl aus Konnersreuth an, es seien heute der Herr Pfarrer und der Herr Benefiziat am Morgen nicht dagewesen; sie habe aber große Sehnsucht nach dem Heiland gehabt und habe deshalb der heiligen Messe in Eichstätt beiwohnen dürfen. Dabei sei auch in sie unmittelbar nach dem ,Domine, non sum dignus` eine heilige Hostie eingegangen."

Anni Spiegl ergänzt den Bericht und sagt, beim Anruf habe Therese einen Beweis dafür geliefert, daß sie wirklich an der Meßfeier in Eichstätt teilgenommen hatte; sie schilderte nämlich, welche Blumen sich in der Kapelle des Professors Wutz befanden, und mahnte ihre Schwester, die Haushälterin des Professors, sie solle Wasser nachgießen, "weil die Blumen welk seien157". Zu diesem "Wunder" nur eine Bemerkung: Ferdinand Neumann behauptet, in Konnersreuth sei weder der Pfarrer noch der Benefiziat "am Morgen dagewesen". Anni Spiegl hingegen sagt, beide seien anwesend gewesen. Demnach haben auch beide die Messe gefeiert. Warum dann die "Fernkommunion"?

c) Wissen vom Vorhandensein einer konsekrierten Hostie

Im Buch "Konnersreuth als Testfall" wird über drei sonderbare Fälle berichtet: wie der Pfarrer von Konnersreuth Briefe erhalten hat, in denen sich Hostien befanden. Therese Neumann bezeichnete diese jedesmal als konsekriert 158. Ein weiterer Fall spielte sich am 12. Oktober 1934 ab. Der Pfarrer betritt gerade zusammen mit der Stigmatisierten die Küche des Pfarrhofs. Beide gehen zum Tisch, auf dem sich die eingelaufene Post befindet. Therese greift nach einem Brief und reicht ihn dem Pfarrer. Dieser öffnet und findet einige Hostien. Therese versichert, diese seien konsekriert. Der Pfarrer gibt die Hostien in ein Glas mit Wasser. Wie es zu der Postsendung gekommen ist, erfuhr er in einem beigelegten Schreiben des Studienprofessors Friedrich Hässler, der an einer Münchener Berufsschule Religionsunterricht erteilte. Mit Berufung auf ein Mädchen Maria schilderte er den Grund seines Handelns: Maria hatte von einer Dame Ella, einem, wie behauptet wurde, Mitglied einer Freimaurerloge, eine größere Anzahl angeblich konsekrierter Hostien erhalten, die sich Ella für eine Freimaurerische Gesellschaft besorgt hatte, und zwar "durch sakrilegischen Kommunionempfang zu unlauteren Zwecken". Hässler bat nun den Pfarrer, er solle die Hostien der Stigmatisierten während ihrer Ekstase vorlegen. Dazu ist es aber nicht gekommen, weil sie ohne Ekstase erkannte, daß die Hostien konsekriert waren. Ob die Angaben zutreffend waren oder nicht, konnte niemand sagen. Wer war Ella? Mitglied einer Freimaurerloge konnte sie nicht sein, weil nur Männer zugelassen werden. Hässler schreibt über sie: "Es stellte sich heraus, daß Ella hochgradig hysterisch ist, lügt und besonders einen Priester verleumdet." "Der Person", so schreibt er weiter, »kann man nicht so oder so Glauben schenken. Ferner scheint nach glaubwürdigen Schilderungen der Maria diese Ella unter diabolischem Einfluß zu stehen 159." Wes Geistes Kind muß ein Priester sein, der Hostien zur Begutachtung in einem Brief verschickt?

f) Visionäre Teilnahme an einer Meßfeier

Für Therese Neumann war der Meßbesuch nicht die Regel. Stattdessen wohnte sie gelegentlich visionär, auf dem Sofa in ihrem Zimmer liegend, der Messe in der Konnersreuther Kirche bei. Wenn sie in Eichstätt weilte, nahm sie "regelmäßig visionär am Sonntagsgottesdienst in der heimischen Pfarrkirche" teil 160 Auch wenn Pfarrer Naber auswärts zelebrierte, war Therese dabei. Im Dezember 1930 reiste der Pfarrer nach Berlin, wohin ihn eine "dringende Angelegenheit" gerufen hatte. Zuvor prophezeite ihm Therese im ekstatischen Zustand, er werde befriedigt zurückkehren. Um welch eine dringende Angelegenheit hat es sich gehandelt? Es war in Konnersreuth zu einem Krach gekommen zwischen Therese und dem Pfarrer auf der einen und dem Kaplan Fahsel auf der anderen Seite. Kaum hatte Fahsel Konnersreuth verlassen, da kamen die beiden, Therese und der Pfarrer, zu der Einsicht, daß der Zwist umgehend beendet werden müsse. So ist der Pfarrer " gleich am nächsten Tage dem Kaplan nach Berlin nachgefahren". Bei der Messe, die Naber in Berlin gefeiert hat, nahm Therese visionär teil. Der Bruch wurde gekittet 161.

Einmal brachte es Therese sogar fertig, gleichzeitig zwei Gottesdienste mitzuerleben, die an verschiedenen Orten gefeiert wurden. Es war im Jahr 1932, als sie bei Prof. Wutz in Eichstätt wohnte. Eines Tages saß sie im Arbeitszimmer des Professors an einem kleinen Tisch beim Fenster. "Plötzlich ließ sie ein leichtes Heft, das sie in der Hand hatte, fallen, streckte etwas die Arme nach vorne und zeigte genau die Stellung, die sie bei einer Vision einzunehmen pflegte. Prof. Wutz hatte gerade die Absicht, die heilige Messe in seiner Privatkapelle zu lesen. Man kam auf den Gedanken, Therese trotzdem teilnehmen zu lassen. Man schob sie auf ihrem Stuhl zur offenen Tür der Privatkapelle. Sie wurde jedoch keineswegs durch die Darbringung des heiligen Meßopfers von ihrer Vision abgelenkt. Nur in dem Augenblick, als Prof. Wutz sich umwandte, um ihr die heilige Kommunion zu reichen, kam eine Veränderung in ihre Haltung und Mimik. Der Kopf erhob sich zum Altar vor ihr, und sie nahm nun den Ausdruck der Haltung wie immer an, wenn sie in der Ekstase kommunizierte. Nach Empfang der heiligen Hostie kam sie in den Zustand der erhobenen Ruhe, aus ihrem Munde kamen die Worte: ,Sie wohnte der heiligen Messe in Konnersreuth bei und wird das auch fortsetzen. Und in der Tat kam sie nach einiger Zeit wieder in Haltung und Mimik der vorhergehenden Vision 162.« Wer nicht »Mystiker" ist, bekommt Zweifel und Bedenken:

I. Als Prof. Wutz seine Meßfeier begann, verfolgte Therese bereits einige Zeit den eucharistischen Gottesdienst in Konnersreuth. Dieser dauerte dort trotz seines früheren Beginns noch an, während er in Eichstätt zu Ende war.

2. Ihre Gegenwart in Eichstätt war keine Mitfeier; ihr »visionäres« Schauen war ebenfalls keine Mitfeier, eher ein visionäres Schlafen.

3. Man sucht vergebens nach einem einigermaßen vernünftigen Grund für das »Erlebnis".

4. Während Therese sonst auf die Eucharistiefeier gerne verzichtete, wohnte sie diesmal gleich zwei Messen bei, der einen bloß körperlich, der anderen visionär.

5. Daß alles seine Richtigkeit hatte, dafür bürgte das bekannte »Christusorakel«.

g) Die unaufgelöste Hostie

Die Stigmatisierte von Konnersreuth soll, wie ihre Verehrer glauben, jahrzehntelang ohne jede Nahrungsaufnahme gelebt haben; daß sie trotzdem am Leben blieb, verdankte sie dem täglichen Kommunionempfang, näherhin: dem Umstand, daß sich die Hostie in ihrem Magen von einer Kommunion zur anderen nicht auflöste. Wann dieses Wunder erfunden wurde, läßt sich nicht genau nachweisen; vielleicht darf man das ausgehende Jahr 1929 annehmen. Auch über dieses Konnersreuther Phänomen gehen, wie nicht anders zu erwarten, die Berichte auseinander. Die einen behaupten, etwa von 1929 an habe sich die Hostie erst kurz vor dem nächsten Kommunionempfang aufgelöst, sie kennen keine Ausnahme; die anderen geben an, die sakramentale Gegenwart habe zuweilen nur ein paar Stunden gedauert. In einem Bericht an den Bischof schreibt Naber einmal, normalerweise bleibe die Hostie unaufgelöst bis zur nächsten Kommunion, aber er kennt auch eine Ausnahme: "Manchmal hört die sakramentale Gegenwart früher auf, was dann für Therese Gelegenheit zu einem schweren Sühneleiden sein soll." Der Prager Kardinal Kaspar kannte eine weitere Ausnahme; er sagt: "Nur in der Advents- und in der Fastenzeit ist die Dauer verkürzt." Erzbischof Teodorowicz hingegen weiß von gar keiner Ausnahme; er behauptet: "Eine kleine Verzögerung der heiligen Kommunion genügt, und der Körper verfällt sogleich dem harten Gesetz völliger Erschöpfung."

Helmut Fahsel, der sein Buch über Therese Neumann im Jahre 1931 veröffentlicht hat, bringt zwei bemerkenswerte Angaben, einmal über die Dauer der sakramentalen Gegenwart, zum anderen über den Grund der vorzeitigen Auflösung der Hostie: "Die Gegenwart der eucharistischen Gestalten in ihr ist verschieden lang. Die Dauer variiert von drei Stunden bis zu 24 Stunden. Hört sie vor 24 Stunden auf, so ist die Ursache stets ein mystisches Leiden für einen anderen."

Betrachten wir noch zwei fast zur gleichen Zeit abgefaßte Berichte! Benefiziat Härtl sagt am 25. Juli 1930: "Weil sie den Heiland so liebt, ist es ihr auch ein bitteres Leid, wenn seine sakramentale Gegenwart in ihr aufhört, was besonders im Advent oft sehr frühzeitig vorkommt." Nur einen Monat später spricht Pfarrer Naber in einem Brief an den Regensburger Bischof von " andauernder sakramentaler Gegenwart des Heilandes in Therese". Man sieht hier, wie in anderen Fällen auch, den Fortschritt in der Konnersreuther Legendenbildung.

Therese Neumann kommunizierte täglich, aber jeweils zu verschiedenen Zeiten, eben dann, wenn sie, wie behauptet wird, merkte, daß der Heiland nicht mehr in ihr gegenwärtig war. In solch einem Fall fühlte sie sich derart verlassen und vereinsamt, daß sie sich nicht mehr zu beherrschen vermochte und zu jammern begann: "Warum hast du mich, Herr, verlassen? Komm doch zu mir!"

Aber, wie gesagt, die Berichte widersprechen sich. Folgen wir der Darstellung des Prager Erzbischofs. An einem Freitag während der Fastenzeit begann Therese inniglich zu bitten: "Nur noch eine kleine Weile bleib`, nur noch eine kleine Weile! Oh, er kommt bald wieder! - Wie es jetzt leer ist! - Der Heiland ist gut! - Wie du willst! Wärst du bei mir geblieben, ich hätte dich so lieb gehabt. Aber du weißt es besser! Mußt aber bald wieder kommen, sonst halte ich es nicht aus." Dann begann sie zu weinen und zu jammern: "Ohne dich kann ich nicht sein; jetzt bin ich tot." Nun ruft sie den Pfarrer herbei und spricht zu ihm: "Mir ist etwas sehr Arges passiert . . . Der Heiland ist weggegangen, ich habe es gefühlt. Bring mir den Heiland wieder! Ich bin ganz brav, ich will nicht mehr gach sein." Der Pfarrer mahnt: "Mußt noch etwas warten!" Therese protestiert: "Warten? Auf den Heiland? Ja, was fällt dir denn ein!" Der Pfarrer: "Zweimal täglich kommt er nicht." Resl: "Der Heiland ist doch so gut." Der Pfarrer: "Zweimal täglich will es der Heiland nicht." Therese: "Heiland, du verlangst viel von mir!" Nach einer Pause jammert Therese wieder: "Heiland, komm zu mir! Ich hab` dich so gerne! Ich halte es nicht aus! Du gibst denen, die es brauchen. Aber komm auch zu mir! Ich kann ohne dich nicht sein. Weißt du, Heiland, du hast mich verwöhnt! Ich bring das Opfer, aber es ist hart. Ich gebe dir einfach keine Ruhe. - O guter Heiland, komm! Mir ist die Zeit so lange." - Der anwesende Kardinal Kaspar sprach voll Ergriffenheit: "Welch herrliche geistige Kommunion 163!"

Der Termin des Kommunionempfangs war sehr verschieden; er war abhängig von Thereses Laune oder dem Zeitpunkt, da ein erwarteter Besucher in Konnersreuth ankam. Am 1. Juli 1942 teilte sie dem Benefiziaten Heinrich Muth mit, sie habe an Liborius Härtl, einem seiner Vorgänger, geschrieben, er möge kommen und ihr die Kommunion reichen. Muth zelebrierte am folgenden Tag, dem 2. Juli, um 7.00 Uhr. Therese war anwesend, aber sie kommunizierte nicht, sondern ging nach der Eucharistiefeier "frisch und lebendig" durch die Sakristei in ihre Wohnung. Erst gegen Mittag erschien Pfarrer Härtl in Begleitung eines jüngeren Priesters. Therese wurde abgeholt; die drei gingen in die Kirche, wo Therese kommunizierte, um sofort wieder das Gotteshaus zu verlassen

Bisher haben wir bloß von Behauptungen gehört, daß sich die Hostie im Magen der Therese Neumann etwa einen Tag lang nicht aufgelöst hat. Wir fragen nach einem Beweis. Die Begnadete von Konnersreuth hat ihn "erbracht", und zwar zu wiederholten Malen. Der wichtigste "Beweis" ist ihre eigene Versicherung. Am 15. Januar 1953 hat sie unter Eid eine diesbezügliche Erklärung abgegeben: "Nach meiner Überzeugung und meines Wissens lebe ich vom sakramentalen Heiland, der in mir nach Aussagen von Augenzeugen (Dr. Fr. X. Mayr, Pfarrer Naber, Domkapitular Kraus, Bruder August und Ferdinand, Pfarrer Härtl, meiner Mutter ~) und meiner Auffassung bis kurz vor der nächsten Kommunion verbleibt. Nach Auflösung der sakramentalen Gestalten befällt mich ein Schwächegefühl und stärkeres leib-seelisches Verlangen nach der heiligen Kommunion."

Beleuchten wir nun Thereses "Erfahrung" und die »Aussagen von Augenzeugen". In welcher Form wurde jeweils ein Beweis geliefert? Es geschah dadurch, daß Therese Neumann ein paarmal eine unversehrte Hostie erbrochen hat! Der eine Bericht stammt vom Kaplan Fahsel. Am Freitag, dem 25. Juli 1930, sprach die "geheimnisvolle Stimme" aus der Stigmatisierten zum Benefiziaten Härtl: "Morgen wird's einen kleinen Schrecken geben; es braucht aber nichts verbrannt zu werden." Am Samstag abend kam Pfarrer Naber "eilig und aufgeregt" zum Benefiziaten und nahm ihn mit zur Resl, die den "Heiland" habe erbrechen müssen und nunmehr nicht wisse, was man da tun müsse. Aber der Benefiziat vermochte den aufgeregten Pfarrer zu beruhigen, erinnerte er sich doch der am Vortag vernommenen Worte, es brauche nichts verbrannt zu werden. Was war denn geschehen? Therese hat am Nachmittag zuerst »Blut und Schleim" erbrechen müssen. Sie begab sich zu Bett. Da mußte sie sich nochmals erbrechen; diesmal aber fühlte sie zu ihrem großen Schrecken, wie mit dem Erbrochenen auch die Hostie zum Vorschein kam. Sie fing diese in einem Taschentuch auf, das sie vorher »vorsichtshalber" bereitgelegt hatte. Nun schickte sie zum Pfarrer; dieser kam sofort. Therese drängte ihn, er solle auch den Benefiziaten herbeiholen. Nachdem dieser erschienen war, begann sie zu jammern: »Ach, Herr Benefiziat, mir ist etwas passiert. O Heilanderl, da liegst jetzt, warum bist du von mir fortgegangen? Wenn i nur wüßt, was i dir getan hätt. I kann nix dafür. Ach, was sollen wir denn jetzt tun? Sagt doch etwas!" Der Benefiziat gehorchte und sagte: »So viel wissen wir, es braucht nichts verbrannt zu werden." Pfarrer und Benefiziat warteten also auf die Lösung des schwierigen Falles. "Therese betete wieder. Nach längerer Zeit wurde sie plötzlich emporgerissen wie beim Beginn einer Vision. Sie schaute vor sich hinauf und hinunter wie in der Ekstase vor dem Kommunionempfang. Nach einer kleinen Weile öffnete sie den Mund, wie wenn sie kommunizieren wollte. Kurz darauf wiederholte sich das gleiche. Jetzt hob der Pfarrer das Taschentuch empor gegen den Mund. Plötzlich war die heilige Hostie verschwunden, und man merkte, wie stets bei der Kommunionekstase, keinerlei Schluckbewegungen. Sie sank in ihr Kissen zurück, und es trat der Zustand der erhobenen Ruhe ein. Es wurde sofort gesagt: ,Der Heiland ist jetzt wieder in der Resl."` Der "Heiland" gab auch den Grund für das Erbrechen an: "Es war ein Sühneleiden für ein krankes Mädchen. Dieses hatte öfters nach dem Zurückgehen von der heiligen Kommunion die heilige Hostie aus dem Munde genommen, in ihr Taschentuch gelegt und sie nachher den Offizieren gezeigt und mit ihnen darüber gespottet." Man höre und staune! Das Sühneleiden bestand im Erbrechen der Hostie; dadurch wurde der Frevel jenes Mädchens gesühnt!

Pfarrer Naber hatte ein ähnliches "Erlebnis" am 2. Juni 1932. Am Tag zuvor hatte ihn die "Stimme" aufgefordert, er solle am nächsten Tag "abends ja zu Hause sein, die Therese werde ganz bestürzt kommen mit bitterer Klage". Es geschah, wie angekündigt. Am Abend, während der Maiandacht, erbrach Therese, die in ihrem Stuhl hinter dem Hochaltar saß, eine Hostie. Sofort begann sie zu jammern: "Ach Heiland, ach Heiland, was fange ich denn an mit dir?" Sogleich begibt sie sich in die Sakristei, zeigt dem Pfarrer die Hostie zwischen ihren Fingern und jammert weiter: "Ach, was hab` ich denn dem Heiland angetan, daß er aus mir fort ist! Ich bin verloren. Wenn der Bischof erfährt, wie ich da den Heiland herumtrage, schließt er mich aus der Kirche aus." Es dauert eine Weile, dann ruft sie: "Herr Pfarrer, der Heiland ist fort, er ist wieder in mir." Und der "Heiland" sprach sofort aus ihr und brachte die Aufklärung: "Diese ehrfurchtsvolle Angst um den sakramentalen Heiland hatte Therese für einen Priester zu leiden zur Sühne der schlampigen Behandlung des Allerheiligsten durch denselben." Wiederum: eine einzigartige und für den schlampigen Priester billige Sühne!

Auch der Eichstätter Prof. Mayr hatte zusammen mit anderen Zeugen ein aufregendes Erlebnis, und zwar am Abend des Karsamstags, am 4. April 1942: "Es war um 8.00 Uhr abends. Therese lag im Bett; sie hatte Brechreiz. Plötzlich, ohne den Mund zu schließen, lallte sie: ,Der Heiland, der Heiland.` Dann streckte sie die Zunge etwas vor, um uns zu zeigen, was geschehen war. Auf der Zunge lag ein rein weißer Körper von der Form und Größe einer kleinen Hostie, doch gequollen und biegsam."

Was soll man zu derart ekelerregenden, von einer schwer hysterischen Person aufgezogenen Szenen noch sagen? Es gibt für ihr Verhalten nur eine Erklärung: Sie hat ihrer Umgebung den Beweis liefern wollen, daß sich in ihrem Magen die Hostie lange Zeit nicht aufgelöst hat; damit glaubte sie auch den Beweis für ihre Nahrungslosigkeit erbringen zu können.

Bei den geschilderten Szenen wird als Ursache des Erbrechens ein Sühneleiden angegeben. Es gibt noch eine andere, noch seltsamere Begründung. Eines Abends führte Therese in Eichstätt in der Wohnung des Prof. Wutz ein Gespräch mit der Äbtissin Benedikta. Beide kamen verschiedener Ansicht wegen in Streit; keine wollte nachgeben. Schließlich verlangte die Äbtissin von der Gesprächspartnerin einen Beweis für ihre Behauptung. Diese erbrachte ihn auf der Stelle. "Da erbrach Resl die Hostie, so unversehrt, wie sie dieselbe am Morgen empfangen hatte. Sie war recht erschrocken hierüber. Die Hostie lag vor ihr auf ihrem weißen Taschentuch. Resl betete und beugte sich darüber. Da ging die Hostie in sie ein ohne jede Schluckbewegung." Damit hat Resl einen zweifachen Beweis geliefert, oder, besser gesagt, der "Heiland" hat für sie Zeugnis abgelegt. Sie hat gezeigt, daß die Ansicht der Äbtissin falsch war, und sie hat bewiesen, daß die Hostie in ihr unaufgelöst geblieben ist 156.

Ende Juni 1942 hat Benefiziat Heinrich Muth seinen neuen Seelsorgeposten in Konnersreuth angetreten. Am 28. Juni suchte Therese mit dem Neuen ins Gespräch zu kommen. Unaufgefordert berichtete sie ihm aus ihrem Leben, unter anderem: "Ich kommuniziere und sehe oft den Heiland vor mir stehen. Einmal habe ich kommuniziert, da war der Heiland in mir geblieben, stundenlang. Ich hab` ihn dann erbrochen. Der Herr Pfarrer hat die Hostie gesehen, auf einem Tüchlein wollte er sie mir wieder reichen; da war der Heiland von selbst vom Tüchlein weg mir in den Magen 166."

Nehmen wir einmal an, eine besonders begnadete Person hätte so etwas in der Tat erlebt, hätte sie dann davon anderen einen Bericht erstattet, immer wieder, ohne einen ersichtlichen Grund, außer dem, um zu beweisen, welche Großtaten Gott an ihr wirke?

Zu diesem Thema noch eine Frage: Hat es sich in den geschilderten Fällen um konsekrierte Hostien gehandelt? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Keine der angeblich erbrochenen Hostien war vorher im Magen der Therese. Diese konnte sich in der Wohnung des Prof. Wutz ohne Schwierigkeiten Hostien verschaffen; genauso war es in Konnersreuth, wo ihr zu jeder Zeit der Zutritt zur Sakristei möglich war. Daß eine schwer hysterische Person Szenen von der geschilderten Art aufführt, darüber könnte man hinwegsehen; aber daß Theologen bis in die höchsten Ränge hinauf einer solchen Person auch die dümmsten Gaukelspiele abnehmen, das ist weit mehr als bedenklich und unbegreiflich: das ist ein Skandal.

h) Mystische Kommunion bereits in der Kindheit 167

Wir kommen auf ein "eucharistisches Phänomen" zu sprechen, über das Therese Neumann erstmals im Jahre 1953 berichtet hat. Damals erzählte sie in Eichstätt unter Eid, bei ihrer Erstkommunionfeier sei der Heiland sichtbar auf sie zugekommen. Als Grund für das lange Schweigen gab sie an: "Ich sah dies aber damals nicht als etwas Außerordentliches an, sondern meinte, das sei bei allen Leuten so." Den sie vernehmenden Theologen sind keine Zweifel aufgestiegen! Therese hat auch erwähnt, daß sie am Tag nach der Erstkommunionfeier von ihrem Pfarrer bestraft wurde, weil er ihre »in sich versunkene Haltung« falsch gedeutet habe, nämlich als ungebührliches Benehmen. Im Jahre 1953 wußte Therese, daß sie bereits als Schulkind überaus fromm war und daß sie schon damals »mystische" Erlebnisse hatte. Im Jahr 1927 war ihr das noch unbekannt. Damals schrieb das »Konnersreuther Wochenblatt" über Thereses Jugendzeit: »Irgendwelche Besonderheit an dem Kind fiel nicht auf. Therese war ein Kind wie alle anderen auch. Und wenn Therese von ihrer Kindheit erzählt, daß sie zum Beispiel auf Holzscheiten knien mußten, wenn sie in der Kirche schwätzten, so überkommt sie eine fröhliche Stimmung der Erinnerung an ihre Jugendjahre." Ähnlich bekannte sie im Jahre 1935 dem Erzbischof Teodorowicz, sie habe als Kind in der Kirche viel herumgeschaut, und sie sei sehr schwatzhaft gewesen. Achtzehn Jahre später bezeichnet sie dieses Verhalten als »in sich versunken"!

Wie Therese weiterhin eidlich versicherte, hatte sie nach ihrem Erstkommuniontag noch ein paarmal ein wunderbares Erlebnis: sie sei wiederholt in die Kirche gegangen und habe sich an die Kommunionbank gekniet. Dabei, so sagt sie, kam es " zwei- bis dreimal, vielleicht sogar öfter, vor, daß die heilige Hostie aus dem Tabernakel" auf sie zuschwebte und von ihr empfangen wurde. Etwa fünf Jahre nach ihrer eidlichen Vernehmung erzählte sie dem Autor Boniface von demselben Ereignis; ihm gegenüber wußte sie zu sagen, sie habe "mindestens zwölfmal" in der angegebenen Art kommuniziert. Hätte man sie in der Folgezeit immer wieder befragt, sie hätte ohne Zweifel noch viel mehr bisher unbekannte außerordentliche "Erlebnisse" aufgetischt.

"Eucharistische Phänomene", so meint Boniface, "sind bei weitem die bedeutendsten und bezeichnendsten aller Tatsachen, die in Konnersreuth zu beobachten sind. Sie sind auch diejenigen, vor denen die rationalistische Wissenschaft vollständig verstummt und die keine Hypothese zu geben vermag, so phantasievoll und großsprecherisch sie sich auch benimmt." Von solcher Art ist die Argumentationsweise der Pseudomystiker. In Wirklichkeit bedarf es nur eines Normalmaßes an gesundem Menschenverstand, um zu erkennen, daß Gott hier nicht am Werke war, da einer solchen "Mystik" eine falsche, ja eine skurrile Gottesauffassung zugrunde liegt. Was Konnersreuth geboten hat, ist Pseudomystik von Psychopathen. Es ist eine Erfahrungstatsache, die Ärzten und Seelsorgern bekannt ist, daß hysterische Personen leicht dazu neigen, gerade das Geheimnis der Eucharistie zu einem unwürdigen Theater zu mißbrauchen, weil sie hier eine besonders günstige Gelegenheit vorfinden, aufzufallen und das Interesse der Mitmenschen auf sich zu ziehen. Hysteriker wollen ja nichts sehnlicher, als auffallen.


Zum vorhergehenden Kapitel.

Zum nächsten Kapitel.

Zum Inhaltsverzeichnis

Zur Bücherübersicht


Obiges liegt ausschließlich in der Verantwortung der unten genannten Person und stellt keine Meinungsäußerung der Universität Regensburg dar.

Gerald.Huber@geographie.uni-regensburg.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers wieder.

Letzte Änderung: 22. August 1997