Der Schwindel von Konnersreuth – Ein Skandal ohne Ende?

I. Einige Bemerkungen zur Konnersreuth-Literatur

Über die Stigmatisierte von Konnersreuth ist eine Menge von Büchern und Abhandlungen erschienen. Der größte Teil bringt nichts Neues und geht zudem auf den Kern der Problematik wenig oder überhaupt nicht ein. Eine besondere Bedeutung kommt den Schriften jener Autoren zu, die sich unmittelbar auf das stützen, was sie in Konnersreuth gesehen oder gehört haben.

Einer der ersten, der über die Stigmatisierte von Konnersreuth geschrieben hat, ist Pfarrer Leopold Witt von Münchenreuth. Er bezeichnet sich als „Protokollführer“ und versichert, er habe kein Wort ohne Zustimmung der Therese Neumann oder ihrer Eltern niedergeschrieben. Der Redemptorist P. Hummel urteilt über ihn: „Auf Witt kann man nichts geben; er schreibt ein Buch für die Therese Neumann und uns (Geistlichen) sagt er: ,Die Resl ist eine Betschwester hin und her. Der Mann ist nicht ganz normal2.“

Unter den Büchern über Therese Neumann spielen eine wichtige Rolle die zwei Bände, die Dr. phil. Fritz Gerlich zum Verfasser haben. Auf ihn berufen sich die „Konnersreuther“ immer wieder. Vor allem wird hervorgehoben, daß er von den Nazis ermordet worden ist. Dies trifft zu, und niemand verweigert ihm den gebührenden Respekt; aber sein Tod steht in keinem Zusammenhang mit Konnersreuth. Als weiteres positives Argument wird angeführt: Dr. Gerlich ist nach Konnersreuth als Skeptiker gegangen, aber aus einem Saulus ist ein Paulus geworden. Wäre es umgekehrt gewesen, wäre Gerlich als Gläubiger gekommen und als Ungläubiger weggegangen, dann würde kein „ Konnersreuther“ seinen Namen in den Mund nehmen. Gerlich war weder Theologe noch Mediziner. Seine medizinischen Auslassungen hat seinerzeit der Waldsassener Chefarzt, Sanitätsrat Dr. Seidl, als einen „medizinischen Roman“ bezeichnet. Gerlich war oft und längere Zeit in Konnersreuth. Dort wäre für ihn der nächstliegende Weg gewesen, daß er mit Dr. Seidl Kontakt aufgenommen hätte; dieser war ja der Hausarzt der Neumann-Familie, der die Zusammenhänge der Ereignisse von Anfang an gekannt hat. Das tat er aber nicht. Für sein Verhalten gibt es zwei Gründe. Die Neumann-Familie war in dieser Zeit auf Dr. Seidl nicht mehr gut zu sprechen; diese ablehnende Haltung übernahm Dr. Gerlich. Der zweite Grund hängt mit der Überzeugung Gerlichs zusammen, die er in Konnersreuth gewonnen hat: aus Therese Neumann habe Christus gesprochen. Dies macht verständlich, warum er keinem kritischen Einwand eines Andersdenkenden zugänglich war. Prof. Dr. Wunderle hat über ihn geurteilt: „Gerlich zum Blutzeugen zu machen, ist allerdings sehr wenig zutreffend. Ich habe ihn ja persönlich (nicht bloß in seinen Feder-Invektiven) ,genossen und niemals anders als einen krankhaften Fanatiker. Das war er auf allen Gebieten3.“

In die Affäre Konnersreuth haben mehrere Bischöfe durch Veröffentlichungen eingegriffen, alle in positivem Sinne, nämlich Erzbischof Waitz von Salzburg (vorher Feldkirch), Erzbischof Teodorowicz von Lemberg und Kardinal Kaspar von Prag. Die umfangreichste Veröffentlichung stammt von Teodorowicz. Der Lippstadter Chefarzt Dr. Deutsch hat das Buch des Erzbischofs von Lemberg besprochen und ihm am 18. Juni 1936 geschrieben:

„Ich habe Ihr Buch gelesen mitsamt seinen abfälligen Bemerkungen über mein wissenschaftliches Verfahren. Ich kann zu dem Buche nur sagen, daß es mit seiner durchaus oberflächlichen Beweisführung, die nicht einmal eine Nachprüfung des ärztlichen Teiles für notwendig hielt, nur mein Kopfschütteln erregt hat. Da Sie eine solche Nachprüfung für überflüssig hielten, haben Sie einmal die Phantastereien des Laien Gerlich völlig kritiklos übernommen und haben weiter einige Beiträge geliefert, die von jeder Sachkenntnis völlig frei sind. Es ist nicht angenehm, über einen Verstorbenen etwas Hartes zu sagen. Im Interesse der Wahrheit muß aber doch festgestellt werden, daß Gerlich eine durchaus neuropathische Persönlichkeit war, die, besessen von einem Idol, absolut die Grenzen seines Könnens verkannte und mit einem gehässigen Eifer gegen jeden Gegner aneiferte. Mit christlicher Liebe hatte dieser Haß doch wirklich nichts mehr zu tun4.“ Das Urteil des Dr. Deutsch ist in erster Linie medizinisch begründet. Bischof Buchberger meinte über die Schrift des Lemberger Erzbischofs, sie werde „nach der theologischen Seite als eine sehr gründliche Arbeit betrachtet“. Anders lautete das Urteil der beiden Jesuiten P. Richstätter und P. Siwek. Dieser, Professor für Psychologie an der Gregoriana in Rom, bezeichnet das Buch als „pessimae notae“ und sagt, „daß der Verfasser von Psychologie nichts verstehe und ebenso wenig von Theologie5. Eine ähnliche Ablehnung erfuhren die Theologen Bischof Waitz und Kaplan Fahsel. Wie die Schrift des Bischofs von Salzburg eingeschätzt wurde, macht die Tatsache deutlich, daß Kardinal Faulhaber ihre Verbreitung in seiner Diözese verboten hat. Über die beiden Theologen hat der Professor für Dogmatik in Bonn, Dr. Johannes Junglas, geurteilt, er sei beim Lesen der Schrift des Bischofs Waitz rot geworden und der Vortrag des Kaplans habe ihn angewidert. Junglas schrieb wörtlich: „Was müssen diese Leute eine Vorstellung von Gott haben6!“

Das von Ennemond Boniface veröffentlichte Buch wurde, wie es auf dem Umschlag heißt, von der Familie Neumann und von Pfarrer Naber anerkannt. Auch Boniface verdankt sein Wissen weithin unmittelbaren Schilderungen der Beteiligten, war er doch vor der Drucklegung seines Buches viermal in Konnersreuth, das letztemal im Jahr 1955. Bei diesen Besuchen wurde er bereitwillig bedient; als er aber später noch einmal in Konnersreuth erschien, wurde er zu seiner großen Überraschung und Enttäuschung von Therese Neumann nicht mehr empfangen; sie war mit ein paar Ausführungen in seinem Buche nicht zufrieden.

Bald nach dem Tod der Therese Neumann hat Johannes Steiner sein erstes Buch über die Stigmatisierte herausgegeben; es hat inzwischen die neunte Auflage erreicht. Steiner faßt seine Schrift als „eine Fortführung der exakten Biographie von Fritz Gerlich“ auf7. Im Jahre 1973 beziehungsweise 1977 veröffentlichte er zwei weitere Bücher; beide befassen sich mit den „Visionen der Therese Neumann“ Schließlich gab er noch im Jahre 1987 das Tagebuch des Konnersreuther Pfarrers Josef Naber heraus. Etwas Neues wird darin nicht geboten. Die meisten Notizen Nabers befinden sich in Duplikaten im Bischöflichen Zentralarchiv von Regensburg. Die genannten Autoren, die ihre Informationen unmittelbar in Konnersreuth bezogen haben, gehören alle zu den Anhängern der Therese Neumann. Es gibt einige Zweifler, die ihre in Konnersreuth gewonnenen Eindrücke in Aufsätzen zum Ausdruck gebracht haben; aber sie konnten sich nicht auf umfangreichere Informationen durch Therese Neumann oder Pfarrer Naber stützen; eine solche wurde bloß „Gläubigen“ zuteil.

Eine gewisse Ausnahme bildet der Würzburger Theologieprofessor Dr. Georg Wunderle. Er war dreimal in Konnersreuth; das erstemal am 11. Juli 1926, das zweitemal, nach Einladung durch Pfarrer Josef Naber, am 29. und 30. Juli 1926. Beide Male führte er längere Gespräche mit Therese Neumann und dem Pfarrer. Das drittemal fuhr er am 28. Juli 1927 nach Konnersreuth, wo er auch am folgenden Tag anwesend war. Wunderle veröffentlichte seine Eindrücke. Damit war Therese durchaus nicht einverstanden; sie warf ihm vor, er habe alles falsch dargestellt. Am 27. Juni 1930 hielt Wunderle einen Vortrag auf dem Internationalen Religionspsychologischen Kongreß in Erfurt über „Die Stigmatisierte von Konnersreuth“. Seine Einstellung wird in folgender Aussage ersichtlich: „Bei dieser Gelegenheit sei nicht versäumt zu sagen, daß ich die Stigmatisierte nicht bloß für ein durchaus unbescholtenes Mädchen, sondern für eine hochwertige, kindlich fromme Persönlichkeit halte. Dem ist nicht das mindeste abgebrochen, wenn ich auch an dieser Stelle meine Überzeugung wiederhole, daß eine neuerliche, mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln unternommene Nachprüfung ein Gebot der wissenschaftlichen Exaktheit sei. Solche Exaktheit aber scheint mir im Interesse der wichtigen Sache, um die es sich im ,Falle Konnersreuth` handelt, unbedingt notwendig zu sein.“ Mit solch einer Einstellung war nun Therese Neumann gar nicht einverstanden. Die Folge war eine wüste Hetze gegen Prof. Wunderle, die vor allem der zu Hilfe gerufene Fritz Gerlich betrieb. Dieser stützte sich in seiner Abwehr auf das, was ihm Therese in ihrem Wachzustand wie auch während ihrer Ekstasen gesagt hatte; dem Professor wurde vorgeworfen, so ziemlich alles, was er gesagt oder geschrieben habe, sei falsch. Nunmehr erinnerte sich Therese auch, daß sie von Anfang an kein rechtes Vertrauen zu ihm gehabt habe; „Prof. Wunderle war mir nicht sympathisch“, hat sie erklärt9. Bei dieser Einstellung ist es verständlich, daß dem Professor kein weiterer Besuch gestattet wurde.

Kritisch denkenden Menschen stand in Konnersreuth die „erste Quelle“ nicht zur Verfügung. Im Jahr 1953 hat Hilda Graef ein Buch über den „Fall Therese Neumann veröffentlicht. Der Autorin wurde unter anderem der Vorwurf gemacht, sie sei nie in Konnersreuth gewesen. Dies trifft jedoch nicht zu; Hilda Graef war dort. Sie hat auch zweimal, wenn auch nur für kurze Zeit, mit Therese Neumann gesprochen und anschließend eine halbe Stunde mit Pfarrer Naber. Eine weitere Unterredung mit der Stigmatisierten lehnte Pfarrer Naber schroff ab, obwohl die Besucherin einen bischöflichen Erlaubnisschein vorweisen konnte10.


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Letzte Änderung: 29. September 2005