Der stigmatisierte Pater Pio von Pietrelcina

Einleitung

Die berühmteste Stigmatisierte des 20. Jahrhunderts war die im Jahre 1962 verstorbene Therese Neumann von Konnersreuth. Sechs Jahre nach ihr verschied der nach dem hl. Franziskus von Assisi am bekanntesten gewordene stigmatisierte Mann, nämlich Pater Pio von Pietrelcina.

Der Beginn seines Ruhmes hängt unmittelbar mit dem Auftreten seiner Wundmale zusammen. Im Lauf der Zeit wurde die Öffentlichkeit auch mehr und mehr auf andere "paranormale" Fähigkeiten des Paters aufmerksam gemacht, wie sie fast allen Stigmatisierten nachgesagt werden, wie etwa wunderbare Sprachengabe, Fähigkeit der Bilokation und eine außergewöhnliche Herzenskenntnis. Einen breiten Raum in den Schilderungen der Biographen nehmen die Berichte ein, die den Kampf schildern, den P. Pio mit dem leibhaftigen Teufel auszufechten hatte.

Mit dem Stigmatisationsproblem hat sich bereits eine Reihe von anerkannten Fachleuten eingehend beschäftigt, wie Jean Lhermitte, René- Biot und Franz Schleyer. Es ist leider eine bekannte Tatsache, daß sich unsere sogenannte mystische Literatur darum so gut wie überhaupt nicht kümmert. Man könnte über dieses Verhalten noch hinwegsehen, aber wirklich bedenklich ist es, daß auch die verantwortlichen kirchlichen Stellen weithin glauben, auf das Urteil von Fachleuten auf naturwissenschaftlichem Gebiet großzügig verzichten zu können. In diesem Zusammenhang sei bloß auf die zwei deutschen stigmatisierten Frauenspersonen, nämlich Anna Katharina Emmerick und Therese Neumann von Konnersreuth hingewiesen.

Wie bei der "mystischen Literatur" üblich, so stößt man auch bei den Schriften über Pater Pio immer wieder auf ein Unmaß an Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit. Dies gilt vor allem hinsichtlich der "wunderbaren" Phänomene, die mit seinem Leben verknüpft werden. Daß die Verehrer des Paters seinen Seligsprechungsprozeß anstreben, ist verständlich. Es trifft zu, daß P. Pio ein sehr frommer Mann war. Trotzdem müssen wir uns die Frage stellen: Ist die Gestalt des Paters Pio von einer Art, daß sie dem gläubigen Volk als Vorbild hingestellt werden soll; ist die Einleitung eines Seligsprechungsprozeßes gerechtfertigt oder nicht? Besonderen Dank schuldet der Verfasser dieser Schrift Herrn Prof. Dr. Franz Schleyer, Bonn, und Herrn Dr. Ferdinand Stadlbauer, Bamberg, für ihre fachkundigen Hinweise und Ratschläge.


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Letzte Änderung: 19. August 1997