Der stigmatisierte Pater Pio von Pietrelcina

VII. Beziehungen zur Geisterwelt

1. Erscheinung von Verstorbenen

Bei all dem, was P. Pio an außerordentlichen Gaben und Gnaden zugeschrieben wird, braucht man sich nicht zu wundern, daß ihm auch ein enger Kontakt mit der Geisterwelt nachgesagt wird. Zuweilen, so wird behauptet, offenbarten sich ihm sterbende Menschen oder bereits Verstorbene. In der Regel geschah dies, weil sie sein Fürbittgebet begehrten. Am 29. Dezember 1936 erschien ihm P. Giuseppantonio da San Marco in Lamis zu der Stunde, als er verstarb. Plötzlich stand der Verstorbene wie lebend in der Zelle Pios. Dieser redete den Besucher an: "Wie, man hat mir kaum erst gesagt, daß du sehr krank seiest und du befindest dich hier?" In diesem Augenblick machte P. Giuseppantonio "seine typische Geste" und antwortete: "Eh! Nun sind alle Krankheiten vorbei." Kaum hatte er dies gesagt, war er wieder verschwunden. Diesen Vorfall hat Pio selber erzählt. Er sprach auch sonst "mehr als einmal" über verschiedene Seelen, die ihm erschienen waren, "entweder um sein Fürbittgebet zu erbitten oder um ihm zu sagen, daß sie von den Peinen ihres Fegfeuers befreit seien" (345)

Eines Abends befindet sich P. Pio allein auf seinem Zimmer; er betet den Rosenkranz. "Plötzlich steht vor ein ein alter Mann, eingehüllt in einen kleinen Mantel". Pio fragt ihn nach seinem Begehren. Der Gefragte nennt seinen Namen und erklärt: "Ich habe in diesem Konvent den Verbrennungstod erlitten und befinde mich hier, um mein Fegfeuer für meine Schuld abzubüßen." P. Pio las am darauffolgenden Tag für den Verstorbenen eine hl. Messe, worauf dieser nicht mehr erschien. Nachforschungen haben ergeben, daß tatsächlich die genannte Person vor Jahren im Zimmer Nummer vier durch Verbrennen ums Leben gekommen war (346). Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß P. Pio von dem Fall schon früher Kenntnis hatte, bevor das Gespenst erschien.

Einen bestimmten Toten erblickte nicht bloß P. Pio, und dies zu wiederholten Malen, sondern auch andere hatten des öfteren Gelegenheit, den "Geist" zu sehen. Dies geschah in der Zeit, da sich Pio in Pietrelcina aufhielt. Damals erschien mehrmals jeweils am Morgen der verstorbene Erzpriester Capraso; er kniete jedesmal auf dem Betstuhl hinter dem Hochaltar. Hier bemerkte ihn unter anderen auch sein Nachfolger Don Salvatore. Die Frau des Mesners sah den Priester am Hochaltar die hl. Messe feiern; dies geschah, als sie bei Tagesbeginn die Morgenglocke läuten wollte. Aus Furcht tat sie dies künftig nicht mehr, sondern schickte ihren Gatten. Auch P. Pio sah den Verstorbenen, aber "in seiner Einfalt maß er der Sache keine Bedeutung zu, da er glaubte, es handle sich bloß um einen betenden Priester". Als einmal der Erzpriester Don Salvatore nach der hl. Messe seine Danksagung auf dem Betstuhl machen wollte, sah er diesen bereits mit einem Gespenst besetzt. Darum begab er sich in eine Bank an der Seite des Altares. Ungefähr einen Monat später kam der Erzpriester wieder einmal nach Beendigung der Messe am Betstuhl vorbei; diesmal redete ihn das Gespenst an: "Nun kannst du beruhigt sein, weil ich nicht mehr kommen werde." Der Verstorbene sagte auch, er habe bislang büßen müssen, weil er die Danksagung nach der Meßfeier ausgelassen habe. P. Pio bestätigte, daß Capraso sich oftmals, kaum daß er die Messe beendet hatte, in die neben der Kirche befindliche Apotheke begeben habe, ohne eine Danksagung zu machen (347) . Die Erzählung, eines der üblichen Allerseelengeschichtchen, enthält eine Reihe von Ungereimtheiten. Abgesehen davon liegt offenkundig ein Märchen vor. Dies zeigt allein schon die Überlegung, daß Sakramente nur von Lebenden gespendet werden können, nicht aber von Verstorbenen. Kein verstorbener Priester kann die Eucharistie feiern. P. Pio litt an einer Psychose. Es ist schwer zu entscheiden, ob die Legende über den Erzpriester Capraso aus optischen Trugwahrnehmungen oder aus einer Pseudologia phantastica entsprang. Als Wahrnehmung realer Gegebenheiten kann man sie auf keinen Fall bezeichnen.

Eine andere Geschichte spielte sich im Kloster San Giovanni Rotondo ab. Eines Abends befand sich P. Pio im Chor der Kirche; da hörte er ein "Scharren", das sich durch die Kirche und die Seitenkapelle hinzog. Anschließend vernahm er einen Lärm, wie wenn von der erhöhten Muttergottesstatue Kerzen herunterfielen. Der Lärm zog sich bis zum Tabernakel hin. P. Pio, der glaubte, seine Mitbrüder verursachten die Störung, beugte sich über die Chorbrüstung, um ihnen zu bedeuten, sie möchten sich ruhiger verhalten. Da bemerkte er einen Bruder mit Flammenaugen zu den Füßen des Altares auf der rechten Seite. Er fragte ihn, was er da treibe. Der Frater nannte seinen Namen und erklärte, er müsse hier sein Fegfeuer abbüßen wegen der zu geringen Sorgfalt in seiner Pflichterfüllung und wegen seines Mangels an Ehrfurcht in der Kirche, als er Novize war. P. Pio versprach dem Geist sein Fürbittgebet, worauf das Gespenst versicherte, es werde nicht mehr erscheinen. Zehn Minuten nachdem der Geist verschwunden war, rief Pio seinen Mitbruder Emanuele Brunetto und bat ihn, er möge ihm mit einer Kerze folgen. Vor dem Hauptaltar der Kirche forderte Pio den Pater auf, er solle auf den Hochaltar hinaufsteigen und nachsehen, was hinter dem Tabernakel zu den Füßen des Erzengels Michael zu sehen sei. P. Emanuele fand dort zerbrochene Kerzen. Später einmal kam Pio auf dieses Erlebnis zu sprechen und fügte dann hinzu. "Hier wurde das Noviziat im Jahre 1866 aufgehoben; seitdem ist ein halbes Jahrhundert vergangen; wenn also der Novize bloß wegen Nachlässigkeit in den Besorgungen in der Kirche noch im Fegfeuer verbringen mußte, was wird erst sein bei den anderen Fehlern, die andauernd begangen werden?" (348) Mit dieser Schlußfolgerung hat P. Pio recht. Die Frage ist nur, ob wir uns Gottes Gericht so grausam vorstellen dürfen. Jener Novize hatte doch offensichtlich nicht einmal eine Sünde begangen. Sein "Vergehen" bezog sich auf Arbeiten, die er in der Kirche zu verrichten hatte, wie die Besorgung von Kerzen. Welche Gottesauffassung muß man haben, wenn man Gott für ein derart unbedeutendes "Vergehen" eine Strafe von mehr als einem halben Jahrhundert Fegfeuer verhängen läßt? Noch etwas anderes ist zu bedenken: Der ehemalige Novize tritt als Gespenst in der Kirche auf, offenbar bloß ein einziges Mal, und dies ungefähr fünfzig Jahre nach seinem Tod, und was macht er? Er tut nichts anderes, als daß er Lärm in der Kirche schlägt, daß er Kerzen herunterwirft und die Trümmer davon auf den Hochaltar über dem Tabernakel versteckt. Das nennt sich Buße im Fegfeuer! Für sein Verhalten nach dem Tod müßte der Novize ja erst recht bestraft werden; er tut ja jetzt Schlimmeres als zu seinen Lebzeiten, indem er mutwillig fremdes, für den Gottesdienst bestimmtes Eigentum zerstört. Eine weitere Frage: Warum holt Pio noch in der Nacht seinen Mitbruder Emanuele und heißt ihn auf den Hochaltar steigen? Da hätte Pio allein auch nachschauen können; er wußte ja bereits durch die Worte des "Gespenstes", was los war. Was hat sich also wirklich ereignet? Handelte es sich um eine Halluzination oder hatte Pio geträumt?

Wie berichtet wird, suchten P. Pio im Fegfeuer befindliche Seelen in der Regel während der Nacht heim und "ließen ihm keine Ruhe". Auch die Angriffe des Teufels fanden zumeist nachts statt (349). Wir müssen dies auch im Zusammenhang damit sehen, daß P. Pio sehr häufig, vor allem in den letzten Lebensjahren, unter depressiven Phasen seines Grundleidens, einer Art Katatonie, litt. Dabei ist es durchaus wahrscheinlich, daß er unter dem Zwang von Bezugsideen stand und entsprechend handelte.

2. Schutzengel

P. Pio hatte zeitlebens unter den Nachstellungen des "Teufels" zu leiden. Dafür genoß er aber um so mehr den Beistand seines Schutzengels. Man höre und staune, welche Aufgaben dieser Schutzgeist übernommen hat! Er war bereits Pios sichtbarer Gefährte von frühester Jugend an. "In der Gestalt eines kleinen Knaben" näherte er sich ihm, "um ihn zum Beten anzuleiten" (350 ). Der junge Francesco benötigte keine "Weckuhr". "Er kann ruhig schlafen und abwarten, bis daß der kleine Gefährte seiner Kindheit kommt, ihn weckt und mit ihm das Morgengebet betet" (351). Aber nicht nur das, der Engel gesellte sich auch zu Francesco als "Spielgefährte beim Spiel". Dies war der Grund, warum Francesco aus dem Kreis seiner Altersgenossen floh und ihre Bubenstreiche mied; er hatte ja einen besseren Gefährten. "Dieser war vom Himmel gekommen, um seine Kindheit mit Freude und Glanz von oben zu erfüllen und ihm die Sehnsucht nach Gott und dem Paradies ins Herz zu legen." Daß aus dem Francesco Forgione später ein so frommer Mann wurde, verdankt er also im wesentlichen seinem Schutzengel. Dieser verfolgte ihn auch in seinem weiteren Leben mit seinem Beistand. "Er hilft ihm während des Probejahres im Noviziat, er hilft ihm beim Studium, er ermuntert ihn in seinem Heiligkeitsstreben, er geleitet ihn auf den außergewöhnlichen Wegen, die Gott ihn führt, er verteidigt ihn gegen die Angriffe des höllischen Neiders" (352)

Die Hilfe des Schutzengels nahm manchmal ganz außergewöhnliche Formen an. "Als der Pater Augustin Pio aus irgendeinem Grunde in Französisch und Griechisch schrieb, ist es der Schutzengel, der ihm Übersetzerdienste leistet" (353). In diesem Falle melden sich freilich gelinde Zweifel: Welche Absicht verfolgte denn P. Augustin damit, daß er an P. Pio in einer Fremdsprache schrieb? - P. Ritzel berichtet: "Als der Böse ihm einen Brief durch einen großen Tintenklecks unleserlich macht, gibt ihm sein Engel ein, er möge den Brief des Seelenführers mit Weihwasser besprengen, bevor er ihn öffne. Er tut es und kann den Brief dann auch lesen" (354). Die Sache gibt freilich keinen rechten Sinn. Warum öffnet nicht P. Pio zuerst den Brief, bevor er mit Weihwasser anrückt? Was der Pater erzählt hat, ist ein Märchen. Wunder von solcher Art vermag jedes Kind zu wirken.

Der Teufel, so wird verkündet, hat dem Pater noch weit schlimmere Streiche gespielt. Einmal kam er gar in der Gestalt eines Mitbruders an, "um ihm im Namen des Provinzials sagen zu lassen, er dürfe nicht mehr an seinen Beichtvater schreiben." Wiederum war es sein guter Engel, der die Täuschung des Bösen aufdeckte. Was Pio befürchtete bzw. was er einem Gespenst in Kapuzinergestalt verkündigen ließ, wurde Wirklichkeit, als die kirchliche Obrigkeit ihm jeglichen Briefverkehr untersagte. Es geschah auch zuweilen, daß Pio von Dämonen schwer mißhandelt wurde; aber es dauerte nicht lange, bis der Schutzengel erschien und ihn "aufheiterte" (355). Während der Mißhandlung selber allerdings hat er nicht helfend eingegriffen!

Es kam auch vor, daß bestimmte Menschen ihren eigenen Schutzengel mit einem besonderen Auftrag zu P. Pio schickten; der Auftrag wurde prompt ausgeführt. Da hatte sich ein gewisser Ventrella eines Morgens etwas verspätet, so daß er fürchten mußte, nicht rechtzeitig anwesend zu sein, wenn Pio die Messe begann. In seiner Not sprach er: "Mein Schutzengel, geh zum Pater und sag ihm, er möge den Meßbeginn ein wenig hinauszögern; zum Zeichen dafür, daß du meinen Auftrag erfüllen wirst, versteck ihm sein Käppchen!" Und, o Wunder, der Schutzengel ließ sich auf den Lausbubenstreich ein! Als der Berichterstatter die Kirche betrat, war P. Pio gerade erst an den Stufen des Altares angekommen. Nach dem Ende der Meßfeier folgte Ventrella dem Pater in die Sakristei. Hier war er dann Zeuge, wie Pio in Schränkchen und Schubkästen nach etwas suchte. Es stellte sich heraus, daß er sein geheimnisvoll verschwundenes Käppchen suchte. Schließlich fand es sich in der Kapuze des Paters. Auch sonst kam es zu wiederholten Malen vor, daß Leute ihren Schutzengel zu Pio schickten; dieser bestätigte dann dessen befehlsgemäßes Erscheinen (356). Man stelle sich die Folgen vor, wenn jener Ventrella viele Nachahmer fände! Da gäbe es keinen pünktlichen Meßbeginn mehr; denn die Schutzengel sind offenbar gerne zu Streichen aufgelegt.

Eines Tages wollte Rachelina Russo mit P. Pio sprechen. Dieser jedoch verweigerte den Empfang. Die Frau ging betrübt nach Hause; aber sie sprach zu ihrem Schutzengel: "Geh zum Pater und sag ihm, daß ich traurig bin, zornig über diese Behandlung. Ich arbeite angelegentlich für die Brüder, er aber behandelt mich erbarmungslos. Mein Schutzengel, geh zum Pater und teile ihm die ganze Bitterkeit meines Herzens mit; sag ihm, daß ich morgen nicht die Messe anhören und daß ich nicht kommunizieren werde!" Klar, daß der Schutzengel solch eine Drohung ernst nehmen mußte. Am Tag darauf bestätigte P. Pio, daß der Engel den erhaltenen Befehl genau ausgeführt hatte (357).

Wir haben gehört, daß P. Pio von frühester Jugend an einen ganz vertrauten Umgang mit seinem Schutzengel genoß. Es scheint sogar so, daß dieser Engel so etwas wie einen untergebenen Diener abgeben mußte, kam es doch auch vor, daß Pio seinen himmlischen Begleiter tadeln durfte (358). Dies geschah einmal, als dem Pater eines Nachts die Teufel besonders Übel mitgespielt hatten. In seiner Not rief er, der Engel solle ihm helfen. Aber der Gerufene kam nicht. Maria Winowska meint dazu: "Na ja! Sogar die Engel können abgelenkt sein." "Man hat einen Schutzengel wahrhaftig nicht für nichts und wieder nichts!" Als schließlich der dienstbare Geist gegen Morgen doch eintraf, da "kehrte ihm Fra Pio verärgert den Rücken" (359) Es läßt sich ausmalen, wie schwer der saumselige Engel an dieser Strafe getragen hat.

Es müßte eigentlich einleuchten, daß solche Schutzengelgeschichtchen nichts anderes sind als peinlich-naive Schwätzereien. Sie werfen bereits ein Licht voraus auf die Teufelsmären, an denen Pios Leben überreich war. Es ist bei derlei kindlichen Fabeleien nicht recht klar, wem man das größere Maß an Naivität zuerkennen soll, P. Pio oder seinen Berichterstattern.

3. Dämonen und Teufel

Im Leben des Paters Pio spielen Verfolgungen durch böse Geister eine ausnehmend große Rolle; dabei wird zwischen Dämonen und Teufeln nicht unterschieden. Man sagt dem Pater nach, er habe sich sogar an Ereignisse erinnern können, die sich abspielten, als er noch in Windeln eingewickelt in der Wiege lag. Schon in frühester Kindheit soll er auch Visionen gehabt haben, und zwar "himmlische und teuflische" (360). Bereits im Alter von fünf Jahren mußte er, was keiner in seiner Umgebung auch nur ahnte, "mit den Teufeln kämpfen"; allerdings hatte er auch gleichsam zum Ausgleich das Glück, "die Madonna zu schauen" (361) Von "teuflischen Erscheinungen" wurde er vom fünften Lebensjahr an geplagt. Ungefähr zwanzig Jahre hindurch hatte er in dieser Form zu leiden; diese teuflischen Versuchungen geschahen "immer in den schlüpfrigsten Formen", und zwar "in menschlichen und tierischen" (362)

Aus den Visionen wurden allmählich dann schlimme Teufelsplagen. "In schwerem inneren Kampf mit dem Widersacher mußte sich Francesco Forgione seinen Priester- und Ordensberuf erringen." In einem Brief an die Lehrerin Nina Campanile deutet er diesen Kampf an: "Mein Gott, wer vermag das innerliche Martyrium wiederzugeben, das sich in mir abspielte! Schon die bloße Erinnerung an diesen inneren Kampf, der sich in mir vollzog, läßt mir das Blut in den Venen stocken. Ich hörte die Stimme, die mich zum Gehorsam gegen dich, wahren und guten Gott, verpflichtete. Aber meine und deine Feinde terrorisierten mich, verrenkten mir die Knochen, verhöhnten mich und verdrehten mir die Eingeweide" (363)

Wir erfahren noch wesentlich mehr über Pios teuflische Plagen. Die bösen Geister hatten es vor allem darauf abgesehen, ihn zu Sünden gegen das sechste Gebot zu verführen. Darum erschienen sie ihm oftmals "in der Gestalt von verführerischen jungen Mädchen". Als sich ihm zum erstenmal solche "unreine Gespenster" zeigten, vertrieb er sie, indem er den Namen Jesus aussprach (364). In besonderem Maße setzte der Teufel Francesco Forgione zu in der Zeit, bevor er seinen Entschluß, ins Kloster zu gehen, verwirklichte. Als der Tag seines Abschieds vom Elternhaus nahte, steigerte sich die "teuflische Qual" immer mehr (365). Kaum hatte Francesco im Kloster Aufnahme gefunden, da setzten ihm die Dämonen fürchterlich zu. "Zimmernachbar von Fra Pio zu sein, war wahrlich kein Vergnügen"; denn in seiner Zelle rumorte es nicht selten so gewaltig, daß Pios Mitbrüder des Lärmes wegen während der ganzen Nacht nicht zum Einschlafen kamen. Zunächst nahm man an, Pio selber sei es, der diesen "Höllenlärm" verursache; aber man kam sehr bald darauf, daß sich teuflische Mächte in seiner Zelle austobten. Einmal konnte gar Pio den Teufel, der in der Gestalt eines schwarzen Hundes erschien, beobachten. Es war in der Anfangszeit seines Noviziates. Eines Nachts vermochte Fra Pio nach dem Beten der Matutin nicht wieder einschlafen. Da hörte er in der von Fra Anastasio bewohnten Nachbarzelle einen eigenartigen Lärm. Er beugte sich zum Fenster hinaus, um zu sehen, was los sei. Plötzlich sah er auf dem Sims des Nachbarfensters einen riesigen schwarzen Hund mit einem ungeheuer großen Kopf. Das Tier funkelte ihn mit "so wilden Augen" an, daß er völlig entsetzt aufschrie, ja sogar ohnmächtig zu werden drohte. Das Monstrum machte schließlich einen Riesensatz, sprang auf das gegenüberliegende Dach und verschwand im Dunkeln. Am Tag darauf erst erfuhr Fra Pio, daß seine Nachbarzelle seit einem Monat gar nicht mehr besetzt war. Der vom Teufel Geplagte dachte allerdings in diesem Fall nicht an den bösen Feind. Seine Mitbrüder erfuhren von der Sache, weil er sich "in seiner Naivität in der ganzen Gegend nach diesem schrecklichen Hund" erkundigte (366). Dieses "Erlebnis" erregt freilich ein wenig Erstaunen; man vermag ja nicht einzusehen, was der Teufel in der Gestalt eines Hundes in der verlassenen Zelle suchte. Auch sonst trägt die geschilderte Szene deutlich die Kennzeichen eines bloßen Märchens. Unglaubwürdig ist, daß P. Pio vier Wochen hindurch nicht erfahren haben will, daß seine Nachbarzelle leer stand. Zudem erzählt auch Gherardo Leone in seiner Schrift über P. Pio jene Begebenheit; er betont aber, Pios Mitbruder Anastasio sei anwesend gewesen, Pio habe ihm am Tag darauf das Erlebnis geschildert, Anastasio habe versichert, er habe ebenfalls "jenen Lärm" gehört (367). Verdacht erregt außerdem, daß sich Pio "in der ganzen Gegend" nach dem Riesenhund erkundigt hat.

Zuweilen stellten sich die Teufel sogar gruppenweise ein, um P. Pio zu erschrecken oder zu quälen. Insbesondere hatten sie es auf seine Nachtruhe abgesehen. "Schreckliche Ungeheuer tauchten von allen Seiten auf, so wie er, der heiligen Regel gehorchend, etwas zu ruhen versuchte" (368). Gelegentlich waren die Teufel sogar zu reinem Schabernack aufgelegt. In der Zeit als P. Agostino Pios Seelenführer und geistlicher Berater war, pflegte der Pater regelmäßig bei Don Salvatore, dem Erzpriester von Pietrelcina, zu beichten. "Zur eigenen Richtschnur" und zum Wohle des Beichtkindes verlangte der Erzpriester, Pio müsse ihm die Briefe seines "geistlichen Führers" alsbald, und zwar ungeöffnet, vorlegen, sobald sie angekommen waren. Gefügig wie ein Kind gehorchte der Pater. Eines Tages Öffnete Don Salvatore wieder einmal einen Brief; aber siehe da, der Umschlag enthielt lediglich ein Blatt weißen Papiers. Der Erzpriester forderte Pio auf, P. Agostino zu veranlassen, den vermutlich irrtümlicherweise zurückbehaltenen Brief nachzusenden. Pio jedoch gab zur Antwort: "Nein, er hat .sich nicht geirrt; diese häßlichen Herren haben mir einen Streich gespielt." Es zeigte sich auch, daß P. Pio ohnedies wußte, "was in diesem Brief stand". Punkt um Punkt faßte er alles zusammen, was sein geistlicher Führer ihm geschrieben hatte. Nachforschungen ergaben die Richtigkeit der Angaben (369).

Dieses Ereignis soll also ein Zweifaches bezeugen: Pios hellseherische Fähigkeit und die Bosheit der Teufel. Das Ganze entpuppt sich freilich viel eher als ein Streich des Paters und seines Seelenführers, den beide dem allzu neugierigen Beichtvater Don Salvatore gespielt haben. Die Komödie der "häßlichen Herren" ist doch zu kindisch geraten.

Nicht anders verhält es sich mit einem anderen Gaunerstückchen der "Teufel". Als Don Salvatore wieder einmal einen Brief öffnete, fand er an Stelle des Textes einen riesigen Tintenklecks "in Trichterform". Was tat nun der fromme Erzpriester? Er ergriff den Weihwedel und besprengte das befleckte Papier gründlichst mit geweihtem Wasser. "Der Fleck verschwand sofort, zum größten Erstaunen seiner Nichte, die Zeugin des Vorfalles war"; diese teilte natürlich das Ereignis sofort den Klatschbasen von Pietrelcina mit (370). Nur ein ganz naiver Geist vermag zu glauben, daß Teufel durch einen Tintenklecks einen Brief unleserlich machen und daß Gott durch ein Wunder die Schrift wieder leserlich erscheinen läßt.

Wir haben gehört daß P. Pio einmal der Teufel in der Gestalt eines schrecklichen Hundes erschienen ist. Dies war freilich kein Einzelfall. Bereits im Jahre 1912 schreibt Pio: "Der Teufel hört nicht auf, mir unter seinen gruseligen Gestalten zu erscheinen" (371). So berichtet P. Ritzel. Er erklärt diese Teufelserscheinungen so: "Wie die Engel, so sind auch die teuflischen Geister an und für sich unsichtbar. Sie können sich aber mit den Kräften der Schaubegabten und Beschenkten irgendwie anschaulich machen. Das bedeutet nicht, daß sie diese Gestalt besitzen, wenn sie sich in der Gestalt abscheulicher Tiere, von Kröten, Schlangen, Wildkatzen Löwen, Tigern, von Krebsen, als Jäger ohne Kopf usw. zeigen" (372). Man glaubt bei diesem Text eine Schrift aus der Zeit des unseligen Hexenwahnes in Händen zu haben; aber P. Ritzel hat sein Buch erst im Jahr 1974 herausgegeben. Warum der Pater die angegebenen Lebewesen als "abscheuliche Tiere" bezeichnet, bleibt sein Geheimnis; aber das ist schließlich nur eine Nebensache. Unverständlich bleibt, daß solch massiver Unsinn noch in unserer Gegenwart geglaubt wird und daß ein Buch solchen Inhalts zudem mit ausdrücklicher kirchlicher Druckerlaubnis versehen wird.

Ähnliche Gedanken finden sich übrigens auch in den "Offenbarungen", welche die Seherin Lucia von Fatima erhalten haben will. Im Juli 1917 wurde ihr ein aus drei Teilen bestehendes "Geheimnis" mitgeteilt. Erst im Sommer 1941 hat sie die ersten zwei Teile ausgeplaudert. "Der erste war die Vision von der Hölle." Sie schildert die Gestalt der bösen Geister so: "Die Teufel waren gezeichnet durch die schreckliche und grauenvolle

Gestalt von scheußlichen, unbekannten Tieren", welche "durchsichtig und schwarz" waren (373). Schwester Lucia hat im Jahr 1941 auch erzählt, einmal sei Francisco, eines der Seherkinder, buchstäblich dem Teufel begegnet. Der Knabe hatte sich seiner Gewohnheit gemäß in eine Felsenhöhle zurückgezogen; die beiden Begleiterinnen Lucia und Jacinta blieben bei den Schafen. Lucia erzählt: "Nach einiger Zeit hörten wir ihn aufschreien und uns und die Gottesmutter rufen." Den rasch zu Hilfe geeilten Begleiterinnen erzählte der Junge "mit vor Schrecken halb erstickter Stimme": "Es war eines von jenen riesigen Tieren aus der Hölle, das gegen mich Feuer spie" (374).

Schwester Lucia schaut den Teufel in der Gestalt von "schrecklichen, scheußlichen, unbekannten Tieren". Anders bei P. Ritzel; er kennt die Tiere. Was er über das Erscheinen des Teufels in "abscheulichen Tiergestalten" schreibt, kann man genauso in abergläubischen Büchern finden; beispielsweise ist in dem Buch "Geheimnisse der Nigromatiae und Beschwörung derer bösen Geister" zu lesen: "Der Teufel und die bösen Geister lassen sich gemeinlich in scheußlicher Gestalt sehen, in Raben, Drachen, Fröschen, als schwarze, feurige Hunde, in Katzen, welche dem Christen viel Mühe machen" (375)

Teufelsspuk ist ein beliebtes Thema im Leben von Mystikern. Der Inhalt der Erzählungen ist aber von einer Art, daß er sich ohne weiteres als Märchen ausweist. So verhält es sich auch bei den Teufelsgeschichten der stigmatisierten Anna Katharina Emmerick und Therese Neumann von Konnersreuth. Nicht anders ist der Teufelsspuk zu beurteilen, den Margareta Maria Alacoque erlebt haben will. "Verfluchte", rief der Teufel ihr eines Tages zu, "ich werde dich schon fangen; und wenn ich dich einmal in meiner Gewalt habe, sollst du bitter fühlen, was ich vermag. Ich werde dir schaden, wo ich kann!" Und worin bestand dann der Schaden? "Er plagte sie so, daß sie bei jeder Gelegenheit sich äußerst ungeschickt zeigte: Gegenstände, die sie in den Händen hielt, entfielen ihr und zerbrachen. Oftmals war er aber noch boshafter. Eines Tages stieß er sie, als sie ein irdenes Gefäß mit glühenden Kohlen trug, eine Treppe hinab, ohne daß das Gefäß zerbrach. Die Beschämung war auf Seiten des Feindes und nicht auf der ihrigen; denn sie langte unten an der Stiege an, ohne etwas verschüttet oder sich im geringsten verletzt zu haben. Wenn es mit natürlichen Dingen zugegangen wäre, hätte sie die Beine brechen müssen; aber ihr heiliger Engel wachte über sie." "Zu verschiedenen Malen, als die Schwestern am Kaminfeuer saßen, sahen mehrere Klosterfrauen, wie auf einmal der Schemel, auf dem die Dienerin Gottes saß, unter ihr fortgezogen wurde, ohne daß man wahrnahm, wer mit ihr sein Spiel trieb. Die demütige Schwester fiel dann auf den Boden und nahm nachher ruhig ihren Sitz wieder ein. Als sich das aber eines Tages dreimal unmittelbar hintereinander wiederholte, war es nicht gut möglich, den Urheber dieser Plackerei zu verkennen" (376).

Wenden wir uns wieder dem vom Teufel geplagten P. Pio zu! Die Dämonen begnügten sich bei ihm nicht mit dem Erscheinen in gruseligen Gestalten und mit kecken Streichen, sie setzten dem Pater auch durch körperliche Mißhandlung zu. Darüber wissen wir Bescheid, weil P. Pio immer wider seinem Seelenführer entsprechende Mitteilungen gemacht hat. Einmal beklagte er sich darüber, daß der Teufel ihm keine Ruhe lasse. Dieser, so sagt er, wolle sich seiner "um jeden Preis" bemächtigen (377). Die Nachstellungen des Bösen offenbarten sich in den verschiedensten Formen, vor allem in körperlichen Beschwerden wie Kopfweh und Schmerzen auf der Brust. Im Oktober 1911 wurde Pio seiner Leiden wegen zunächst nach Venafro geschickt, dann zur ärztlichen Behandlung nach Neapel; "aber die Ärzte - in Wahrheit - begriffen wenig". So urteilt der Pater selber über die Mediziner. In Venafro hatte Pio "übernatürliche Ekstasen", aber er mußte auch "viele teuflische Quälereien" erdulden (378). Wo immer er in Klöstern Aufnahme fand, überallhin folgten ihm die böswilligen Geister. Im Jahr 1916 kam er für kurze Zeit nach Foggia, wo er im Kloster S. Anna "entsetzliche Ängste und Schläge von seiten des Teufels" mitmachen mußte (379 ). Der Teufel war diesmal ein "diavolo rumoroso", ein "Lärmteufel". Mit P. Pio kam die Unruhe ins Kloster. Alsbald beklagten sich seine Zellennachbarn, weil "seltsame Geräusche aus seiner Zelle kamen, die sie nachts am Schlafen hinderten". Aber auch sonst trieb der Lärmteufel seinen Unfug. An jedem Abend, zur selben Stunde, da die Religiosen beim Nachtmahl im Refektorium weilten, hörte man auf der über dem kleinen Refektorium liegenden Zelle des kranken Paters plötzlich einen furchtbaren Schlag, wie wenn ein schwerer Benzinkanister auf den Boden des Zimmers gefallen wäre. Als sich dies zum erstenmal ereignete, eilten einige Mitbrüder keuchend zur Zelle des Paters. Sie fanden ihn mit äußerst bleichem Gesicht im Bett liegend; sein Hemd war völlig durchnäßt; er zeigte sich so ermattet, daß er kein Wort zu sprechen vermochte. Solcher Teufelslärm wurde in Foggia zur Gewohnheit. Eines Abends begab sich P. Paolino in das Zimmer Pios und erklärte, er wolle während der Zeit des Abendmahles bleiben, um zu sehen, ob auch dann ein Teufel den Schneid habe, sich zu offenbaren. P. Pio gab zur Antwort, er habe große Hoffnung, daß sich an diesem Abend das gewohnte Ereignis nicht einstellen werde. Trotzdem blieb Paolino. Es ereignete sich auch tatsächlich nichts. Als die Mitbrüder das Refektorium verließen, wollte sich Paolino dorthin begeben, um auch seinerseits das Abendmahl einzunehmen. Aber kaum war er bis zur Treppe gekommen, da hörte er einen schrecklichen Lärm, der ihn "vom Kopf bis zu den Füßen" erschütterte. Rasch eilte er zurück und fand den Pater bleich und schweißdurchnäßt, wie immer in solchen Fällen. Eines Tages erschien der Provinzial P. Benedetto da San Marco in Lamis. Paolino und seine Mitbrüder berichteten ihm von den Ereignissen; der Provinzial forderte P. Pio auf, er solle Gott bitten, daß die Sache ein Ende nehme; er als Vorgesetzter wünsche dies. Aber das half nichts; immer zur selben Stunde, während die Mitbrüder das Abendmahl einnahmen belästigten die Teufel den Pater auf seinem Krankenlager (380). Einen Zeugen ihres Unfugs lehnten sie jedoch ab.

Von Foggia weg schickten die Ordensoberen P. Pio in das abgelegene Kloster San Giovanni Rotondo, damit er sich durch das günstigere Klima rascher gesundheitlich erhole (381). Dies führt als Grund Maria Winowska an. In Wirklichkeit wurde Pio auf sein eigenes anständiges Bitten hin nach San Giovanni Rotondo versetzt. Er bat den Ordensprovinzial persönlich darum und "deutete ihm die wundersamen Dinge an, die Gott dort in ihm wirken" wolle (382). Mit der erwarteten Erholung war es auch in San Giovanni Rotondo schlecht bestellt; das duldeten die böswilligen Teufel einfach nicht. Sie belästigten den Pater vornehmlich zur Nachtzeit in einer Weise, daß die Mitbrüder aufmerksam wurden. Diese vernähmen durch Ketten und auf andere Weise erzeugten Lärm; aber sie beunruhigten sich darüber nicht allzu sehr, weil sie wußten, daß P. Pio die Teufel zu besiegen verstand (383).

Zuweilen hatten es die Dämonen bloß darauf abgesehen, äußere Unordnung zu stiften. Verließ einmal Pio des Nachts seine Zelle, dann fand er bei seiner Rückkehr das Unterste zu oberst gekehrt; das Bett war "in Unordnung"; die Bücher lagen auf dem Boden; das Tintenfaß war zerbrochen (384).

Doch es kam nicht selten noch viel schlimmer. Bereits in der Noviziatszeit geschah es, daß Pio zur Nachtzeit von "schrecklichen Ungeheuern" belästigt wurde. "Morgens hatte er dann oftmals Wunden im Gesicht, blaugeschlagene Augen und blaue Flecken am ganzen Körper (385). Als Pio in San Giovanni Rotondo zum erstenmal von einem Dämon geschlagen wurde, geschah dies deshalb, weil er einem Zögling, der ihn geistigerweise um seinen Beistand angerufen hatte, durch sein Gebet half. Als der Dämon merkte, daß er um seinen erwarteten Sieg kommen würde, wandte er seinen Zorn gegen P. Pio, schlug ihn auf brutale Weise und verletzte ihn an einem Auge. Aber Pio fuhr in seinem Gebet fort und verhalf so dem Zögling zum vollen Sieg über den bösen Geist (386).

Bereits im Jahr 1912 bekennt P. Pio: "Der Teufel hört indessen nicht auf, mir in seinen gruseligen Gestalten zu erscheinen und mich in wahrhaft erschreckender Weise durchzuprügeln." Kurze Zeit darauf schreibt er wieder: "Der Teufel fährt fort, mich zu terrorisieren. Er jagt mir Furcht ein, indem er sagt, er müsse mich umbringen. Ob es ihm Jesus erlauben wird? 0 mein Vater, ich bin bereit zu allem. Aber ich hoffe, daß Jesus ihm nicht die Erlaubnis geben wird" (387). In einem Brief vom 28. Juni 1912 berichtet der Pater: "Die vorletzte Nacht habe ich sehr schlecht verbracht. Dieser gemeine Kerl hat gegen zehn Uhr abends, als ich zu Bett ging, bis fünf Uhr morgens nichts anderes getan, als mich fortwährend zu schlagen. Zahlreich waren die teuflischen Einflüsterungen, Gedanken der Verzweiflung und des Mißtrauens gegen Gott. ... Ich glaubte wirklich, daß das die letzte Nacht meines Lebens sei oder daß ich, wenn ich auch nicht sterben würde, den Verstand verlöre. Aber Jesus sei gepriesen, daß sich nichts von dem bewahrheitete. Als dieser üble Kerl um fünf Uhr morgens fortging, bemächtigte sich meiner ganzen Person eine Kälte, daß ich vom Kopf bis zu den Füßen zitterte wie ein Rohr, das dem stürmischen Wind ausgesetzt ist. Es dauerte ein paar Stunden. Es ging Blut durch den Mund ab. Schließlich kam das Jesuskind, dem ich sagte, daß ich nur seinen Willen tun wolle. Es tröstete mich und ließ mich nach den Leiden der Nacht neuen Mut schöpfen. 0 Gott, wie schlug mein Herz, wie glühten meine Augen neben diesem himmlischen Kind!" (388)

Weiter berichtet P. Pio über das Wüten der teuflischen "Unholde": "Dann stellten sie sich unter den abscheulichsten Gestalten vor, und, um mich zu verführen, fingen sie an, mich mit gelben Handschuhen zu traktieren. ... Sie warfen mich auf die Erde und schlugen mich unbarmherzig, warfen Kopfkissen, Bücher und Stühle durch die Luft, indem sie gleichzeitig verzweifelte Schreie ausstießen und äußerst schmutzige Worte aussprachen." Einmal, so erzählt P. Pio weiter, habe er einen Brief seines Seelenführers öffnen wollen. Da hätten ihm "diese Unholde" gesagt, er solle den Brief zerreißen oder ins Feuer werfen. Pio weigerte sich. Voll Wut stürzten sich die Plagegeister "wie große, ausgehungerte Tiger" auf ihn, indem sie ihn schlugen und drohten, sie würden ihm heimzahlen, was er ihnen angetan habe. Von diesem Tag an hätten die üblen Geister ihn regelmäßig geschlagen. Weiter schreibt Pio.- "Nunmehr sind 22 Tage vergangen, seit Jesus ihnen (= den häßlichen Schnauzen) erlaubt, ihren Zorn an mir auszutoben. Mein Körper, mein Vater, ist ganz zerquetscht auf Grund so vieler Schläge, die er bis jetzt durch diese unsere Feinde erhalten hat. ... Ein äußerst rauher Krieg hat begonnen seit jenem Tag mit diesen häßlichen Unholden. Sie wollen mir weismachen, daß ich schließlich von Gott verworfen werde" (389).

In der Zeit während des Ersten Weltkrieges, als P. Pio die Aufgabe eines Spirituals versah, war ein Zellengenosse des Paters Zeuge eines nächtlichen Teufelsspuks. Ein heftiger Lärm ließ ihn aufwachen. Er hörte Pio seufzen und immer wieder die Worte wiederholen: "Madonna mia!" Aber er vernahm auch Hohngelächter und den von eisernen Stangen herrührenden Lärm; er glaubte sogar zu hören, wie sie gebogen wurden und auf dem Boden auffielen. Das alles verfolgte der von Furcht erfüllte, unter seiner Bettdecke versteckte Mitbruder. Als es dann am frühen Morgen etwas heller wurde, entdeckte er zu seinem grossen Entsetzen, daß eiserne Stangen tatsächlich verbogen auf dem Boden lagen. P. Pio saß auf einem Stuhl; ein Auge war geschwollen und bereitete ihm Schmerzen. Gefragt, was eigentlich während der Nacht losgewesen sei, verweigerte er die Auskunft. Nur dem herbeigerufenen P. Paolino erzählte er sein Erlebnis. Die eisernen Stangen stammten übrigens, wie man bald darauf herausbrachte, aus einer benachbarten Schmiedewerkstätte. Erst später offenbarte Pio, was sich in seinem Zimmer zugetragen hatte: Vom Teufel seien ihm zur Strafe dafür, daß er einem Novizen geistigerweise Beistand geleistet hatte, "fürchterliche Prügel" verabreicht worden. Der Pater nannte auch einen Novizen mit Namen, von dem er behauptete, er sei "von einer starken Versuchung gequält" worden; dabei habe er die Muttergottes und geistigerweise auch ihn, P. Pio, um Hilfe angerufen. Er habe ihm sofort durch sein Gebet geholfen. Pio schließt seine Erzählung mit den Worten. "Der Junge schläft, während ich den Kampf, der stattfand, bestehen mußte; aber ich habe die Schlacht gewonnen" (390). Hätte es sich um ein tatsächliches Geschehen gehandelt, niemals hätte Pio durch Nennen des Namens einen Novizen in der geschilderten Weise bloßstellen dürfen. Interessant in der Fabel ist folgender Zug: Die Teufel brauchen Eisenstangen, um einen Menschen verprügeln zu können; sie schlagen so heftig zu, daß sich die Stangen verbiegen; trotzdem bleiben die Folgen der Mißhandlung erträglich; lediglich ein Auge des Opfers schwillt etwas an; die Teufel lassen nach vollbrachter Tat die Eisenstangen in der Zelle liegen, offenbar zum Zeugnis ihrer Tätigkeit.

In der Zeit zwischen 1915 und 1918 hatte P. Pio, "wenigstens in Venafro", "fast ununterbrochen zwei- oder dreimal am Tag" eigenartige Zustände, die der Arzt als "Starrsucht" bezeichnete; dieser Zustand dauerte jedesmal zwischen einer Stunde und zweieinhalb Stunden; vorausgingen oder folgten regelmäßig "teuflische Erscheinungen" (391)

Die Teufel setzten offenbar P. Pio bis zu seinem Lebensende zu. Eines Tages, es war am 5. Juli 1964, hörte man den Pater laut aufschreien: "Brüder, helft mir! Brüder, helft mir!" Dieser Schrei erfolgte unmittelbar nach einem schweren Schlag, der den Fußboden wanken ließ. Die Mitbrüder fanden den Pater im Zimmer auf dem Bauche liegend; das Gesicht war geschwollen; Stirne und Nase bluteten; eine Reihe von Wunden zeigte sich über der rechten Augenbraue. Was hatte sich zugetragen und was war die Ursache davon? An jenem Tag war der Pater einer besessenen Frauensperson aus dem Gebiet von Bergamo begegnet. Am Tag darauf hat der Teufel durch den Mund der Besessenen eingestanden, er habe am vorausgegangenen Tag gegen 22 Uhr einen Mann aufgesucht, an dem er Rache genommen habe; so habe dieser Mensch ,die Lehre für ein anderes Mal ziehen können (392).

Daß es sich bei diesen "teuflischen Plackereien" nicht um reale Ereignisse, sondern um episodisch auftretende Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen eines Psychotikers handelt, ist jedem Mediziner offenkundig, wenn er das Krankheitsbild des Paters Pio überblickt. Seine eigenartigen Zustände wurden von den Ärzten als "Starrsucht" bezeichnet; dies entspricht der Allgemeinbeschreibung des psychiatrischen Krankheitsbildes der "Katatonie". Auch optische, akustische und sensorische Trugwahrnehmungen gehören zur Symptomatik der Katatonie. Wie weit die halluzinierten Inhalte für wirklich gehalten werden, hängt von der Kritikfähigkeit und der Mentalität des Erlebenden ab. Je nach sozialer Herkunft, beruflicher Vorbildung und der Intensität bestimmter Ereignisse erfahren die Halluzinationen eine andersartige Zusammensetzung. Die Lektüre erbaulicher Schriften und Legenden von Heiligen mag das Auftreten der "Teufelsgestalt" und der Halluzinationen des Paters Pio induziert haben. Der als körperloses Geistwesen gedachte Teufel erhält in den Trugwahrnehmungen des Paters Pio körperliche Züge, ähnlich den zahlreichen Sagen des Volksglaubens und der Hexenliteratur.

P. Pio fühlt sich von den schrecklichen Ungeheuern und gruseligen Gestalten verprügelt, gequält, terrorisiert, so daß sein Körper ganz zerquetscht ist. Der Dämon bringt auch sein Zimmer durcheinander und droht ihn umzubringen. Von Todesangst gequält zittert der Pater am ganzen Körper. Zu den optischen und sensorischen Trugwahrnehmungen gesellen sich auch akustische Halluzinationen, wie beispielsweise die schmutzigen Worte des Teufels. P. Pio kämpft mit Geistern, die sich in seinem Innenleben personifizieren. Beeinflussungen durch irrationale Wesen oder Erscheinungen werden tagtäglich bei Geisteskranken in der psychiatrischen Sprechstunde verzeichnet. Seltsam ist nur, daß Theologen im Falle P. Pios die "Teufelsschilderungen" als reale Gegebenheit deuten.

Wie berichtet wird, hat sich Pio bereits in früher Jugendzeit "gegeißelt". So wird erzählt, daß eines Tages der mit einer eisernen Kette verursachte Lärm seine Mutter habe aufhorchen lassen. Sie entdeckte dann zu ihrem großen Erstaunen hinter dem Bett ihren Sohn, wie er sich mit einer Kette schlug. Die Mutter befahl ihm, damit aufzuhören, aber Francesco "wiederholte oft eine solche Handlung" (393).

Rippabottoni schildert eine Begebenheit aus der Noviziatszeit Pios. Eines Tages befanden sich Fra Pio und Fra Anastasio allein auf dem Chor der Klosterkirche. Sie entdeckten in den Schränkchen der Patres und Laienbrüder Riemen, von denen einige mit Eisenstückchen ausgerüstet waren. Anastasio erklärte: "Mit diesen schlagen sie sich, wenn sie am Abend vom Chor weggehen und laut beten. Wollen wir auch die Probe machen?" Fra Pio war sofort einverstanden und beide schlugen mit den Peitschen "ihre Schultern mit vollem Eifer; besonders tat dies Frau Pio" (394). Was die beiden Novizen taten, war durchaus nichts Außergewöhnliches für einen Kapuzinerkleriker in der damaligen Zeit. Die "Kasteiung" oder, wie sie auch bezeichnet wurde, die "Disziplin" war ja eine besondere Form der klösterlichen Aszese. Der Disziplin mußten sich bereits die Novizen unterziehen, und zwar dreimal in der Woche, am Montag, Mittwoch und Freitag. "Nach dem Abendessen ging man in den inneren Chor. Die Lichter wurden ausgemacht. Nachdem der Novize sich die Kutte über den Buckel gezogen hatte, geißelte er sein nacktes Fleisch, während er an die Leiden Christi dachte. Das Gerät für diese Disziplin war zu jener Zeit eine ungeschlachte Kette mit dicken Kugeln."

Einige sollen sich so stark gegeißelt haben, daß Blut "bis auf den Boden" floß. Die Disziplin gehörte auch zu den vom Lehrer der Novizen auferlegten Strafen. "Er konnte sie in den unvermutetsten Momenten befehlen, und der Novize mußte sich ihr unterziehen, ohne einen Laut von sich zu geben. Wenn er sie im Refektorium befahl, so mußte der Bestrafte hinausgehen und hinter der Tür sein nacktes Fleisch geißeln. Wenn es während der Erholungsstunde geschah, machten die Novizen einen Kreis um den Gefährten, der sich geißelte... . Andere Strafen waren das Anlegen einer hölzernen Ordenskette und der schwarzen Binde vor den Augen. ... Auch die geringsten Übertretungen wurden mit großer Strenge bestraft (395). Die Übung der "Disziplin" erklärt ohne weiteres die "Geißelungswunden", welche P. Pio aufwies.

In dem Buch über P. Pio, das die Patres von San Giovanni Rotondo herausgegeben haben, ist ein Hemd abgebildet, das voller Blutflecken ist. Dem Bild ist folgende Erklärung beigefügt: "Das Hemd der Geißelung. - Er erlitt nicht nur die heftigen Schmerzen, die ihm die Wundmale an Händen, Füßen und an der Seite bereiteten; denn in einem Brief an P. Agostino da San Marco in Lamis (vom 10. Oktober 1915) offenbart der Pater, daß er fast einmal in der Woche die Dornenkrönung und die Geißelung durchmache. Hier ein Hemd der Geißelung: es ist blutbefleckt. Es gehört zu den kostbarsten Reliquien des Paters" (396) . Ein ähnliches Bild befindet sich in der Schrift des Kapuzinerpaters Tarcisio da Cervinara; der beigefügte Text sagt: "Das Ordensgewand, welches Padre Pio im Jahre 1939 trug; ein lebendiger Zeuge der Geißelung, welche Padre Pio in der Nacht ertrug" (397) Es wird demnach die Sache so dargestellt, als ob Pio in geheimnisvoller Weise gegeißelt worden wäre. Diese Auffassung stützt sich auf Behauptungen aus dem Munde des stigmatisierten Paters unmittelbar. So fragte ihn eines Tages der erwähnte Mitbruder Tarcisio: "Pater, wenn Ihr nachts gegeißelt werdet, seid Ihr dann allein oder ist jemand dabei?" Pio antwortete: "Die heilige Jungfrau ist bei mir und das ganze Paradies" (398). Es ist in dieser Frage noch zu bedenken, daß bei P. Pio, wie in der Regel berichtet wird, die eigentliche Stigmatisierung erst im Jahre 1918 erfolgt ist, und zwar bald nachdem er vom Militärdienst befreit worden war. Seinem oben angegebenen, an P. Agostino gerichteten Brief entsprechend müßten aber bereits Jahre zuvor, und zwar recht häufig, Geißelungswunden am Körper des Paters aufgebrochen sein, die reichlich bluteten. Solange jedoch Pio während des Ersten Weltkrieges die Soldatenuniform trug, blutete er nie, sein Hemd war zu keiner Zeit "vollkommen blutbefleckt". Warum wohl nicht, wenn er noch kurz vor seiner Einberufung wöchentlich einmal die Geißelung und Dornenkrönung mitgemacht hat? Warum setzt während des Militärdienstes das "übernatürliche Zeichen" aus? Auch von "teuflischen Mißhandlungen" blieb er während dieser Zeit verschont. Welchen Grund konnten nur die Teufel haben, daß sie ihm keine Schläge verabreichten, als er außerhalb seines Klosters weilte? Wenn der Pater wirklich, wie es die in Büchern verbreiteten Bilder zeigen, am Körper geblutet hat, so kann dies nur als Folge von Selbstgeißelung bezeichnet werden. Ebenso liegt bei den "teuflischen Mißhandlungen" lediglich eigenes Tun vor.

Es ist durchaus möglich, daß sich P. Pio dessen nicht recht bewußt war. P. Staehlin weist auf mehrere Fälle hin, die das bestätigen können. Eines Tages erzählte ihm und seinen Mitbrüdern ein Priester, er habe mehrere Male in der Nacht merkwürdige Erlebnisse gehabt. "Schon im Bett, aber noch wach und bei angezündetem Licht, erschien ihm ein Dämon in Gestalt eines schrecklichen Katers, der sich auf sein Gesicht stürzte und ihm tiefe Kratzer beibrachte. Darauf verschwand er geheimnisvoll." Der Priester, der auf die Spuren des dämonischen Überfalls im Gesicht hinwies, versicherte, in seinem Haus befänden sich weder Katzen noch andere Tiere; die Fenster und Türen seien immer gut verschlossen. Aber "einige einfache Beobachtungen enthüllten die Wahrheit von all dem, was dort vor sich gegangen war. Der Priester hatte sich, ohne es zu merken, selbst das Gesicht zerkratzt, als er das Opfer jener Halluzinationen geworden war" (399).

Staehlin berichtet noch zwei weitere Fälle, bei denen die Verletzungen tiefe Bißwunden waren. "Ein Mädchen begann wenige Monate, nachdem es in ein Noviziat strenger Klausur eingetreten war, sich über Angriffe des Teufels zu beklagen, der sich jede Nacht in Gestalt eines Orang-Utan auf sie warf und sie biß. Nachdem man das Widerstreben der Novizin überwunden hatte, ließ man sie untersuchen. Dabei stellte man zwei Dinge fest: Die Spuren der Bisse zeigten sich nur an jenen Teilen ihres Körpers, die sie selbst mit ihrem Gebiß erreichen konnte und entsprachen in ihrer Form genau ihrem eigenen, etwas ungleichmäßigen Gebiß. Daraufhin verschwand der Orang-Utan für immer." Eine Frau vom Lande, die verheiratet war und vier Kinder besaß, "fühlte sich verfolgt und mißhandelt von einem unsichtbaren Wesen, und zwar gerade in jenen Nächten, die ihr Mann außerhalb des Hauses verbringen mußte. Als Beweise der erlittenen Gewalt wies sie Bisse auf, und zwar diesmal an Stellen, die für ihre eigenen Zähne unerreichbar waren. Die Spuren waren auch viel zu groß für ihr eigenes Gebiß, und auch für das des einzigen Menschen, der bei ihr wohnte, eines Dienstmädchens von vierzehn Jahren, das die Kinder versorgte. Das Geheimnis wurde erst gelüftet, als ihr Mann in einem Versteck ein eigenartiges Gerät entdeckte, das aus einer Mausefalle zurechtgemacht war und jene geheimnisvollen Spuren verursacht hatte, die also von keinem Munde herrührten. Nach dieser Entdeckung hörten die Verfolgungen für immer auf" (400).

In den beiden Fällen, dem der Novizin und der verheirateten Frau, handelte es sich nicht um absichtlichen Betrug. "Die Unglücxlichen lebten zwei Rollen, die des Opfers und die des Henkers." Sie mißhandelten sich selbst, ohne es zu wissen. Die Aufdeckung des unschuldigen Betrugs genügte, um die "dämonischen Mißhandlungen" zu beenden. "In den beiden Fällen entdeckte die weitere Nachforschung aber auch den möglichen Grund jener masochistischen Anomalien. Die Novizin las begierig die Wunderbiographien gewisser Heiliger, die vom Teufel verfolgt wurden. Die verheiratete Frau klagte andauernd darüber, daß ihr Mann ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Wundersucht und das Verlangen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, scheinen die Ursachen jener 'Teufelsverfolgungen' gewesen zu sein" (401)

Die Opfer der Mißhandlungen müssen als Opfer ihrer Halluzinationen bezeichnet werden. "Die Halluzination ist in der Tat ein ganz gewöhnliches, triviales Vorkommnis und, auf der anderen Seite, außerordentlich vielgestaltig und fähig, alle Sinne zu befallen und alles darzustellen, teuflische Szenen so gut wie himmlische und profane. Ihr Inhalt hängt von der Geisteshaltung des Menschen ab, der sie an sich erfährt, aber auch von den Meinungen, den Anschauungen, die er hegt, und den Einflüssen, denen er ausgesetzt ist, usw." (402)

Mit "Erlebnissen", wie sie P. Pio und andere "Mystiker" gehabt haben wollen, läßt sich keine Lehre über Dämonen und Teufeln beweisen. Dies gelingt hier ebensowenig wie durch "Teufelsaustreibungen", von denen die Öffentlichkeit gelegentlich zu hören bekommt. Da mag eine Blamage noch so groß ausfallen, sie verhindert nicht, daß immer wieder ein "Exorzist" mit bischöflicher Erlaubnis seine Teufelsbeschwörungen vornimmt. Der jüngste Fall spielte sich im fränkischen Klingenberg am Main ab, wo am 1. Juli 1976 eine angeblich besessene Studentin verstarb. Mit dem Fall hat sich auch der "anerkannte Experte auf diesem heiklen Gebiet", der Jesuitenpater Adolf Rodewyk, befaßt, der als "kirchlicher Gutachter" fungiert hat (403).

Interessant ist das, was der Bischof und das Bischöfliche Ordinariat von Würzburg zu den Ereignissen um den Klingenberger Exorzismus zu sagen wußten (404). Da wird einmal festgestellt: "Aussagen über das Böse oder den Teufel sind ... dort falsch und widerstreiten dem Geist des Neuen Testamentes und der kirchlichen Überlieferung, wo sie differenziert etwas über das Wesen und Verhalten von Teufeln oder Dämonen zu wissen glauben." Im Jahr 1974 veröffentlichte der genannte Jesuitenpater Adolf Rodewyk in dritter Auflage ein Buch mit dem Titel "Dämonische Besessenheit heute". Im Jahr darauf erschien in zweiter Auflage sein Buch "Die dämonische Besessenheit" (405). Beide Schriften besitzen das Imprimatur des Würzburger Bischöflichen Ordinariates. Der Verfasser weiß sehr viel über das Wesen und Verhalten von Teufeln und Dämonen zu sagen; trotzdem haben die Bücher die kirchliche Unbedenklichkeitsbescheinigung erhalten.

In der Stellungnahme zu dem Klingenberger Besessenheitsfall heißt es weiter: "Die aufgetretenen Symptome - soweit öffentlich bekannt - sind dem Psychiater nicht fremd; sie gehören dem medizinischen Bereich an." Diese Einsicht hilft dem verstorbenen Mädchen nicht mehr. Das Würzburger Bischöfliche Ordinariat beantwortet auch die Frage, welche Folgerungen es aus dem Vorgefallenen zu ziehen gedenke. Es wird gesagt: "In der Sicht der Bischöflichen Behörde müssen Konsequenzen kirchendisziplinärer, theologisch-wissenschaftlicher und pastoraler Art gezogen werden. ... Die Diözesanleitung bittet die Fachtheologen, aber auch die Vertreter einschlägiger anderer wissenschaftlicher Disziplinen, wie Psychologie, Psychiatrie, Soziologie u.a., in möglichst interdisziplinären Untersuchungen die Fragen weiter zu klären, die im Hintergrund solcher Ereignisse stehen." Bei dieser Feststellung kann man nur verwundert fragen: Hat man denn bislang nichts davon erfahren, was Fachleute der angegebenen wissenschaftlichen Disziplinen gesagt haben? Sie haben schon längst und oft genug gesprochen, aber man hat ihre Äußerungen geflissentlich totgeschwiegen oder ihre Argumente gleichsam mit einer Handbewegung erledigt. In diesem Zusammenhang sei bloß auf das verwiesen, was Prof. Dr. Herbert Haag in seinem Buch "Teufelsglaube" unter anderem geschrieben hat: "In der herkömmlichen Lehre hat der Teufel etwas für sich in Anspruch genommen, was Gott allein gehört; er hat sich im Christentum eine Mitte verschafft, die Gott allein zugehört; er hat ein Stück der Weltlenkung für sich usurpiert, die in Wirklichkeit ganz in den Händen Gottes liegt. Schon das läßt erkennen, daß wir es beim Teufelsglauben im Grund mit etwas Heidnischem und zutiefst Unchristlichem zu tun haben. Umso erstaunlicher ist es, daß die universale Verbreitung des Dämonenglaubens in den nichtchristlichen Religionen bisweilen als Bestätigung des christlichen Teufelsglaubens angeführt wird. Gerade diese Argumentation macht das spezifisch Unchristliche des Teufelsglaubens deutlich. Denn die ständige Angst vor einer Bedrohung durch unsichtbare Mächte widerspricht in jeder Hinsicht dem Geist des Evangeliums" (406)


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Letzte Änderung: 20. August 1997