Der stigmatisierte Pater Pio von Pietrelcina

V. Stigmatisation

1. Wundmale

Das Auftreten von Wundmalen vollzieht sich bei den einzelnen Stigmatisierten in verschiedener Weise. Häufig künden sie sich durch vorausgehende Schmerzen an. Die Lage und die äußere Form weisen fast durchwegs mehr oder minder große Unterschiede auf. Nur selten bleiben sie das ganze Leben Über erhalten; sie verschwinden normalerweise in späteren Lebensjahren wieder spurlos.

Bei P. Pio wurden die Wundmale, wie allgemein angegeben wird, im Jahr 1918 sichtbar. Aber schon Jahre vorher bereiteten ihm unsichtbare Male große Schmerzen. Diese spürte er bereits ungefähr seit dem Sommer 1910, also um die Zeit seiner Priesterweihe. Pios Onkel Orazio behauptete hingegen später, P. Pio habe schon in der Zeit seines Aufenthaltes in Pietrelcina ständig die "unsichtbaren Stigmata" getragen (179). Die, müßte also bereits Ende 1907 oder im Jahr 1908 der Fall gewesen sein. Aber wie konnte Orazio das bezeugen? Zudem steht seine Angabe mit der Aussage aus dem Munde Pios nicht im Einklang. Erstmals hat sich P. Pio selber dazu am 8. September 1911 in einem Brief an P. Benedetto geäußert; er schreibt: "Gestern Abend hat sich etwas ereignet, was ich nicht erklären und begreifen kann. In der Mitte der Handfläche hat sich ein wenig Rot beinahe in der Größe eines Centesimo gezeigt, begleitet von einem starken und heftigen Schmerz in der Mitte dieser kleinen roten Fläche. Dieser Schmerz war empfindlicher inmitten der linken Hand, wo er noch andauert. Auch unter den Füßen spürte ich ein wenig Schmerz. Dieses Phänomen wiederholte sich beinahe ein Jahr hindurch. Aber jetzt hat sich seit längerer Zeit das Phänomen nicht mehr gezeigt" (180). Demnach müßte P. Pio, wie er selber bezeugt, bereits im Jahre 1910 wenigstens in der Handfläche sichtbare Male gehabt haben, die ihm heftige Schmerzen zufügten. Von einem Bluten derselben ist jedoch nicht die Rede. Diese Male erschienen nach einer längeren Zeit wieder am 7. September 1911, und zwar besonders auffällig auf der linken Hand. Sie verschwanden aber "nach einigen Tagen wieder". "Das Phänomen wiederholte sich fast jede Woche bis 1918" (181). Soist zu lesen im Bericht der Patres von San Giovanni Rotond. Ein anderes Bild entwirft P. Pio selber in seinem Brief, den er am 10. Oktober 1915 an P. Benedetto geschrieben hat. Benedetto hatte ihn gefragt, ob er tatsächlich "das unsagbare Geschenk" der Wundmale Jesu erhalten habe. Pio gab die Auskunft: "Darauf muß bejahend geantwortet werden, und das erste Mal, als Jesus es dieser seiner Gunst für würdig erachten wollte, waren sie sichtbar, besonders auf der linken Hand, und da diese Seele angesichts dieses Phänomens sehr erschrocken war, hat sie zum Herrn gebetet, daß er eine solche sichtbare Erscheinung von ihr nehmen möge. Seitdem sind sie nicht mehr erschienen, doch als die Durchbohrungen verschwunden waren, so hörte deshalb der heftige Schmerz nicht auf, der sich besonders unter bestimmten Gegebenheiten und an bestimmten Tagen zu spüren macht" (182). Wir sehen, daß sich die Berichte widersprechen; auch sonst stimmen die Biographien nicht überein. So behaupten einige Autoren, P. Pio habe am 20. September 1915 die "unsichtbaren Wundmale" erhalten und erst 1918 die "sichtbaren". Die unsichtbaren Male sollen sich diesen Autoren zufolge bei Pio im Jahre 1915 in seiner Heimat Pietrelcina gezeigt haben, als er sich krankheitshalber zu Hause aufhielt. Dort verbrachte er viel Zeit in einer Strohhütte, die er sich inmitten des Weinberges nahe einer Ulme eingerichtet hatte. Am 20. September 1915 rief ihn seine Mutter zum Mittagessen. Auf dem Weg zum Elternhaus "rieb er sich langsam die Hände" (18 3) , bzw. er "bewegte die Hände hin und her, als ob er Sich verbrannt hätte" (184) Seine Mutter Giuseppina war heiteren Gemüts und begann zu lachen". "Was hast du denn, Padre Pio? Man möchte sagen, du spielst Gitarre!" Er gab zur Antwort: "Ach nichts, Mama. Kleine stechende Schmerzen ohne Bedeutung" (185). Nach P. Ritzel lautete die Antwort: "Alles andere als Gitarre, Mama!" Mehr habe er den ganzen Tag hindurch nicht gesagt (186). Damals, so liest man allgemein, habe P. Pio die unsichtbaren Wundmale erhalten.

Er selber freilich gab am 10. Oktober 1915 in einem Brief bekannt, daß er nunmehr die "sichtbaren Stigmen" erhalten habe" (187). Er habe jedoch Jesus gebeten, er möge sie unsichtbar machen. Am Abend des 20. September 1915, nach dem Empfang der unsichtbaren Wundmale", veranlaßten die ungeheuer großen Schmerzen P. Pio, alles ganz genau dem Erzpriester von Pietrelcina zu erzählen. Dieser erklärte daraufhin: "Nun, Piuccio, wer weiß, was bald noch alles nachkommt!" Auch Pios betagter Onkel Torre soll bereits "die wunderbaren Dinge" vorausgesehen haben, "die jenem außergewöhnlichen Ereignis folgen sollten" (188) . Wie er überhaupt davon erfahren hat, wird allerdings nicht verraten. Der Pfarrer von Pietrelcina wollte Pio der Schmerzen wegen vom Zelebrieren dispensieren; aber damit war der Pater gar nicht einverstanden. Von da ab las er die hl. Messe "in einem alten, kleinen, verfallenen Kirchlein" (189) .

Von diesen unsichtbaren Stigmen sagt P. Ritzel: "Sie schmerzen, unter der Haut brennt es an Händen und Füßen und an der Seite. Jeder Schritt auf den gepflasterten und geschotterten Straßen bereitet ihm unendlichen Schmerz" (190). In den Berichten ist aber nur die Rede von Schmerzen in den Händen; die Mutter Pios hat offenbar nicht gemerkt, daß ihm etwa auf Grund von Schmerzen das Gehen beschwerlich gefallen wäre. Alle einschlägigen Berichte stützen sich lediglich auf spätere Angaben der Angehörigen des Paters. Lotti schreibt: "Ein Tatsachenbeweis kann hierfür nicht angeführt werden." "Nach der Darstellung seiner Angehörigen" habe sich alles so zugetragen, wie er auf Grund ihrer Erklärungen geschildert habe. Der Angelegenheit habe niemand irgendwelche Bedeutung beigemessen. Erst drei Jahre später habe man sich daran erinnert, "als die Zeichen des Erlösers an seinem Leib sichtbar wurden" (191). Diese müßten jedoch, falls die von Patri in seinem Buch über den Pater gemachte Angabe stimmt, bereits vorher sichtbar gewesen sein; denn Patri schreibt: Nachdem P. Pio im September 1918 plötzlich die Stigmen erhalten hatte, sprach seine Nichte Grazia zur Mutter des Paters: "Giuseppina, ich weiß es schon seit fünf Jahren. Erinnerst du dich noch, als du eines Tages auf dem Feld Pater Pio riefst und es Mittag läutete und er dir entgegenkam und sich die Hände rieb? Da hatte er zum erstenmal die Stigmata an den Füßen, an den Händen und an der Seite, und er sagte es mir noch am gleichen Abend" (192). - Welche Versicherung stimmt?

Dornenkrönung und Geißelung

Am 10. Oktober 1915, also zwanzig Tage nachdem Pio die "unsichtbaren Wundmale" empfangen hatte, verriet er, "seit vielen Jahren" erdulde er beinahe jede Woche die Dornenkrönung und Geißelung" (193). In San Giovanni Rotondo wird ein mit Blut beflecktes Hemd des Paters als "kostbare Reliquie" aufbewahrt (194).

Die sichtbaren Male (20.9.1918)

Sonst liest man in der Regel, daß P. Pio die sichtbaren Wundmale erst am 20. September 1918 erhalten hat. Am Morgen dieses Tages begab sich der Pater nach der hl. Messe zur Danksagung in den Chor der Kirche. "Dort gegen 11 Uhr empfing er die Wundmale. Er lehnte mit der Schulter an der Holzwand, blieb jedoch auf den Knien liegen. So fand ihn der Laienbruder" (195). So berichtet Lotti und erklärt, nur so viel sei amtlich über das Erscheinen der Wundmale bekannt. Jede andere Schilderung des Sachverhaltes sei bloß als mutmaßliche oder willkürliche Erklärung der Tatsachen zu betrachten (196). Wir ziehen aber trotzdem einige andere Berichte heran, zumal ja auch P. Pio selber Aussagen gemacht hat, die man nicht übergehen darf.

Als der Pater über die Entstehung der Wunden gefragt wurde, gab er zur Antwort, sie seien gleichzeitig vorhanden gewesen (197). Aber anderen Aussagen zufolge müßte der Pater zum mindesten die Seitenwunde bereits früher erhalten haben. Am 9. September 1918 berichtete er über all das, was ihm in der ersten Augustwoche widerfahren war, seinem "Seelenführer" P. Benedetto. "Ich hörte am Abend des 5. August unseren Buben Beichte, da wurde ich auf einmal beim Anblick einer himmlischen Persönlichkeit, die sich mir im Tiefsten des Geistes darstellte, mit äußerstem Schrecken erfüllt. Diese hielt in der Hand eine Art Werkzeug, ähnlich einer langen Eisenlanze mit einer gut geschliffenen Spitze, und es schien, daß aus dieser Spitze Feuer hervorkam. All das sehen und beobachten, wie besagte Persönlichkeit das Werkzeug mir mit aller Heftigkeit in die Seele stieß, war eins! ... Mit Mühe brachte ich einen Klagelaut hervor, ich fühlte mich sterben. ... Ich sagte dem Buben, er solle sich zurückziehen, da ich mich nicht wohl fühlte und keine Kraft mehr hatte fortzufahren. Dieses Martyrium dauerte ununterbrochen bis zum Morgen des siebenten. Was ich in diesem so trauervollen Zeitabschnitt litt, ich weiß es nicht zu sagen! Sogar das Innerste sah ich herausgerissen und hinter diesem Werkzeug hergezogen... . Von diesem Tage an bin ich zu Tode verwundet und ich spüre im Innersten meiner Seele eine Wunde, die immer offen ist und mich andauernd schmerzt" (198). Obwohl die "mit einer Lanze bewaffnete Himmelsgestalt" bloß "das Herz" des Paters durchbohrte, verlor er "am ganzen Körper Blut", das "zum Teil aus dem Munde, zum Teil von unten" austrat (199).

Diese "geheimnisvolle Persönlichkeit" erschien dem Pater auch zu anderen Zeiten, vor und nach dem 20. September 1918. Jedesmal war der Besuch mit den grausamsten Schmerzen für den Pater verbunden. Er sagt von der geheimnisvollen Persönlichkeit: "Diese macht mich ganz wund und läßt nicht ab von der harten, rauhen, stechenden und durchdringenden Bearbeitung und trägt eilends dafür Sorge, daß sich die alten Wunden nicht vernarben, sondern daß sich auf diesen neue öffnen und das mit einem unendlichen Schmerz des armen Opfers" (200).

P. Pio hat also die Wundmale nach allgemeiner Annahme am Abend des 20. September 1918 erhalten. Er selber berichtet hierüber seinem Seelenführer Benedetto: "Was soll ich Euch darüber sagen, wenn Ihr mich fragt, wie meine Kreuzigung geschehen sei? Mein Gott! Was für eine Verwirrung und Demütigung empfinde ich, wenn ich mich über all das eröffnen soll, was Du in dieser armseligen Kreatur gewirkt hast. Vergangenen Monat, es war am Morgen des 20. September, befand ich mich nach der Zelebration der hl. Messe im Chor, als ich von der Ruhe, ähnlich wie von einem süßen Schlaf, überrascht wurde. Alle inneren und äußeren Sinne wie auch die Seelenfähigkeiten befanden sich in einer unbeschreiblichen Ruhe. In all dem herrschte ein vollkommenes Stillschweigen um mich her. Dazu kam plötzlich ein großer Friede und eine Hingabebereitschaft zur vollkommenen Entäußerung. ... Und all das geschah in Blitzesschnelle. Und während sich all das verwirklichte, sah ich vor mir eine geheimnisvolle Persönlichkeit, ähnlich jener, die ich am Abend des 5. August sah. Sie unterschied sich einzig darin: von den Wänden, den Füßen und der Seite tropfte Blut. Ihr Anblick erschreckte, und das, was ich in diesem Augenblick fühlte, wüßte ich nicht zu sagen. Ich fühlte mich sterben und wäre gestorben, hätte nicht der Herr eingegriffen und das Herz, das ich aus der Brust springen fühlte, gehalten. Die Schau der Persönlichkeit verschwand, und ich merkte, daß Hände, Füße und Seite durchbohrt waren und Blut herabtropfte. Stellen Sie sich den Schmerz vor, den ich da erfuhr und den ich andauernd fast alle Tage empfinde! Die Herzwunde strömt dauernd Blut aus, besonders von Donnerstagabend bis Samstag" (201). Anfänglich waren die Wunden klein im Verlauf von wenigen Monaten vergrößerten sie sich (202).

Bei der "geheimnisvollen Persönlichkeit" handelt es sich um nichts anderes als eine Schöpfung der Autosuggestion. Solche Dinge findet man in Abwandlungen genauso bei anderen "Mystikern", aus deren Lebensbeschreibungen ja Pio reichlich geschöpft hat. Beispielsweise schildert Margareta Maria Alacoque des öfteren die Qualen, welche sie von ihrem "Bräutigam" zugefügt erhielt. Als sie einmal der "Bräutigam durch die Last seiner Liebe erdrückte", wehrte sie sich dagegen. Der "Bräutigam" aber erklärte ihr: "Laß mich mein Vergnügen haben! Für alles gibt es eine Zeit. Jetzt will ich dich als Spielzeug meiner Liebe, und du mußt so leben ohne Widerstand, meinen Wünschen preisgegeben, und mir erlauben, mich auf deine Kosten zu befriedigen" (203). Kann ein vernünftiger Mensch glauben, daß solche Worte aus dem Munde Christi gekommen sind?

Bevor P. Pio einem Mitmenschen verriet, was mit ihm geschehen war, bemerkte einer seiner Mitbrüder, daß des Paters Hände bluteten. Er sprach ihn an: "Haben Sie sich verwundet?" Barsch antwortete Pio: "Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten!" Diesem Mitbruder verriet also Pio nichts; aber er ging sofort zu seinem Guardian und erzählte ihm alles. Dieser geriet ob der Dinge, die er sah, "völlig außer Fassung". "Außer den Wundmalen an den Händen und Füßen hatte P. Pio an der rechten Seite eine tiefe Schnittwunde, die stark blutete. Seine Wäsche und Strümpfe waren hiervon völlig durchtränkt. Und eigenartigerweise gerann das Blut nicht und strömte einen angenehmen Duft aus" (204).

Schmerzen

Wie P. Pio versicherte, haben ihm die Wunden vom ersten Tag an heftigste Schmerzen bereitet. Er schildert dies in seinem Brief vom 17. Oktober 1918 an seinen Seelenführer P. Benedetto: "Mein Vater! Ich sterbe vor Schmerz an dieser Zerreißung und der daraus folgenden Verwirrung, die ich im Tiefsten meines Herzens empfinde. Ich fürchte zu verbluten, wenn der Herr nicht die Seufzer meines armen Herzens erhört und von dieser Operation abläßt. Wird mir Jesus, der so gut ist, diese Gnade schenken? Wird er wenigstens die Verwirrung von mir nehmen, die ich durch diese Leiden erfahre? Laut werde ich meine Stimme zu Ihm erheben und nicht aufhören, Ihn zu beschwören, seine Barmherzigkeit möge mir nicht die Qual und nicht den Schmerz..., wohl aber die Verwirrung nehmen. Die Persönlichkeit, von der ich in meinem vorausgehenden Brief zu sprechen vorhatte, ist keine andere als die, von der ich in einem anderen Brief vom 5. August sprach. Sie setzt ihre Einwirkung pausenlos fort mit einem Höchstmaß von Seelenqual. Ich höre im Innersten ein ständiges Getöse ähnlich einem Wasserfall, der ständig Blut ausströmt. Mein Gott! Gekommen ist Deine Züchtigung und recht ist Dein Gericht. ... Aber laß mich schließlich Barmherzigkeit erfahren!" (205)

Als Dr. Romanelli im Juni und Juli 1919 P. Pio untersuchte, konnte er feststellen, daß "die benachbarten Gewebe auch bei leichtem Druck schmerzempfindlich" waren (206).

P. Pios Ruhm

Die Kunde von dem in San Giovanni Rotondo geschehenen Wunder drang sofort über die Klostermauern hinaus in die weite Welt. Einer der ersten, dem die Kapuziner "die großartige Nachricht von den Stigmata" zukommen ließen, war der Erzpriester von Pietrelcina" (207) . Es dauerte gar nicht lange, schon erschienen Pilger "in Massen". Der "Massenandrang" setzte vor allem seit dem Mai 1919 ein. "Auch hohe Würdenträger scheuten sich nicht, ihn zu besuchen oder sich seinem Gebet zu empfehlen." Zu den ersten "illustren Personen", die ihn besuchten, gehörte Msgr. Bonaventura Ceretti und Kardinal Augusto Siri. Andere kirchliche Würdenträger ließen den Pater von Leuten, die sie mit Empfehlungsschreiben ausgestattet hatten, herzlich grüßen. Dazu gehörte auch der Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri, der in einem Brief vom 19. November 1919 dem Pater einige Personen empfahl und seiner Freude Ausdruck gab, "daß dieser für den Hl. Vater und für ihn bete". Auch Papst Benedikt XV., schreibt P. Ritzel, "war fest überzeugt von der großen Sendung und Aufgabe des Paters Pio" (208).

Dem Pater selbst wird freilich nachgerühmt, er sei an dem ganzen Rummel, der seinetwegen einsetzte, unschuldig gewesen. Er verbarg die Wundmale auf den Händen vor den Leuten durch Handschuhe. Seiner Stigmen wegen brachte er einmal ein ganz großes Opfer. Er mußte sich im Jahre 1925 einer Leistenbruchoperation unterziehen. Der operierende Arzt war Dr. Festa. Weil Pio befürchtete, der Arzt werde seine Wunden untersuchen, lehnte er eine Narkose ab. Während der Operation erlitt er allerdings einen Kollaps; wiederholt wurde er bewußtlos. Während dieser Zeit untersuchte dann der Arzt ohne Wissen des Paters die Stigmen (209). Das Verhalten des Paters überrascht etwas; denn Dr. Festa hatte ja bereits 1919 und 1920 die Wundmale untersuchen dürfen. Was glaubte denn Pio befürchten zu müssen, daß er sich zu solch einem Opfer entschloß?

Übrigens hat sich P. Pio über die erwähnte Operation auch selber geäußert. Während eines im März 1954 stattgefunden Gesprächs mit Dr. Klaus Thoma berichtete er, er habe sich in Foggia ohne Narkose operieren lassen, "da er beim Beten ohne Schmerzen sei" (209a) . Diese Behauptung ist offensichtlich falsch; der Pater hat ja gerade der Schmerzen wegen mehrmals das Bewußtsein verloren. Sicherlich hat Pio ein anspruchsloses Leben geführt. Unverständlich bleibt jedoch, warum er sich ohne Widerspruch regelmäßig die Hände küssen ließ. Dies taten nicht bloß Pilger, sondern auch seine Mitbrüder; sie taten es alltäglich vom Auftreten der Wundmale an bis zu des Paters Lebensende. Pio wehrte nicht ab; er duldete sogar, daß seine Handschuhe hochgehoben wurden damit so unmittelbar die Wundstelle geküßt werden konnte (210).

Beschreibung der Wunden

Etwa neun Monate nachdem Pio die Wundmale erhalten hatte, wurden nach San Giovanni Rotondo drei Ärzte geschickt, damit sie die Stigmen untersuchten; es waren Dr. Romanelli, Dr. Gignami und Dr. Festa. Der erste war Dr. Romanelli, der im Jahre 1919 die Untersuchung vornahm. In einem Gutachten beschreibt er die dabei gewonnenen Eindrücke: "Die Hautwunden sind mit einem rötlich-braunen Häutchen überzogen. Ich bin überzeugt, ja gewiß, daß es keine oberflächlichen Wunden sind; denn wenn ich mit meinen Fingern einen Druck ausübe und beide Seiten meiner Hand in Richtung auf die Wundmale drücke, habe ich ganz genau den Eindruck des Hohlen zwischen meinen Fingern. Die Fußwunden zeigen dieselben Merkmale. Nur ist wegen des größeren Umfangs der Füße hier das Experiment schwieriger auszuführen als an den Händen. Die blutende Seitenwunde zeigt einen Schnitt parallel mit den Rippen von 6 bis 7 1/2 cm Länge. Die Tiefe ist nicht abzuschätzen. Es handelt sich um Arterienblut: die Blutränder erweisen sich als nicht nur oberflächlich" (211). Dr. Romanelli spricht von seinem "Eindruck", als ob sich jeweils zwischen den beiden Handwunden ein "leerer Raum" befunden habe (212). Johannes Maria Höcht sagt sogar, die Wunden Pios seien verhältnismäßig groß gewesen, "so daß man durch sie hindurch beide Daumen und Zeigefinger vereinigen" konnte. Ein Zeuge soll die Wundmale als "so groß" bezeichnet haben, "daß man durch sie ein bedrucktes Blatt lesen konnte " (213). Vielleicht meint Höcht mit dem Zeugen den Provinzial der Kapuziner P. Pietro da Ischitella, der aufgrund der "Gewißheit des empfangenen Eindrucks" seine Aussagen sogar eidlich zu bekräftigen bereit war. Er erklärte: "Wenn man den Blick auf die Wunden der Handfläche Pater Pios von Pietrelcina richte", sei es eine Leichtigkeit, "ein zuvor auf die entgegengesetzte Seite angebrachtes Schriftstück oder einen sonstigen Gegenstand in den Einzelheiten wahrzunehmen" (214). Daß solche "Eindrücke" lediglich die eigene Phantasie wiedergeben, beweist allein schon die Betrachtung der veröffentlichten Bilder, welche die Handwunde Pios genau erkennen lassen. Was Höcht und P. Pietro behaupten, verrät Mangel an einfachen anatomischen Kenntnissen und Verzicht auf kritisches Denken. Die Mittelhandknochen liegen so nahe nebeneinander, daß man selbst bei einer tiefen Wunde über dem Handrücken und auf der gegenüberliegenden Seite, der Handfläche, niemals beim Zugreifen Daumen und Zeigefinger vereinigen kann.

Der zweite Arzt, der im Jahr 1919 P. Pio untersuchte, war Dr. Gignami. Dieser hat, wie berichtet wird, versiegelte Verbände angelegt. Beim Abnehmen der Verbände "erschienen die Wunden nicht vernarbt, sondern lebhaft rot und immer noch blutend" (215). Um die Wunden befand sich damals ein "intensiv gefärbter Hof", wie er sich manchmal um den Mond herum zeigt; dieser entstand dadurch, daß P. Pio die Wundränder mit Jod bestrich (216).

Die "Herzdurchbohrung" fand bereits, wie erwähnt, vor der eigentlichen Stigmatisation statt. In der Zeit zwischen dem 5. und 7. August 1918 "wurde das Herz von einer geheimnisvollen himmlischen Persönlichkeit, die mit einer Lanze ausgerüstet war, durchbohrt" (217).

Aus der Wunde floß reichlich Blut merkwürdigerweise spricht P. Pio auch später von einer mehrmaligen Wiederholung der Herzdurchbohrung. Am 20. Dezember 1918 schrieb er nieder, seit einigen Tagen erneuere sich die "Durchbohrung des Herzens"; eine Lanze drang ihm "von dem unteren Teil des Herzens bis unter die rechte Schulter in schräger Linie"; heftigste Schmerzen waren die Folge (218). Die mehrmalige Wiederholung der Herzdurchbohrung ist allerdings keine Erscheinung, die auf P. Pio beschränkt bleibt. Ähnlich wird auch bei anderen Stigmatisierten berichtet, daß sich ihre "Dornenkrönungen", ihre "Durchbohrungen des Herzens" und die "Bezeichnungen an den Händen" wiederholten, und zwar jedesmal begleitet von feierlichen Visionen (219).

Dr. Festa hat die Wunde auf der Brust im Jahr 1919 so beschrieben: "Die Brustwunde bildete durchaus nicht die Form eines Kreuzes; sie war vielmehr ein glatter Schnitt parallel zu den Rippen, wenn ich mich nicht täusche, 7 oder 8 cm lang.... von nicht abschätzbarer Tiefe und sehr blutig." So wurde die Brustwunde auch von anderen beschrieben; wieder andere Beobachter jedoch, unter ihnen Gignami, haben einen anderen Schnitt vorgefunden und zusätzlich einen schrägen Zweig, der sich mit dem Schnitt kreuzte (220). Höcht weiß noch mehr; er sagt: "Die Herzwunde ist außerordentlich groß (etwa 7 cm lang und 5 cm breit) und hat Kreuzesform. Dabei ist sie so tief, daß sie direkt auf das Herz geht" (221). Aber wie konnte Johannes Maria Höcht dies wissen? Außerdem hat P. Pio seine Wunden kaum beobachten lassen, am allerwenigsten die Herzwunde. Abgesehen davon war Höcht offensichtlich unbekannt, daß jede perforierende Verletzung der Brustkorbwand durch Einströmen von Luft einen Pneumothorax zur Folge hat.

Dem Gutachten Dr. Romanellis entsprechend machte die Herzwunde eine Entwicklung durch. In der ersten Zeit war sie mit einer Membran bedeckt. Später war sie "immer mehr oder weniger eine offene und mehr oder weniger tiefe Wunde, die mit blutigen Krusten bedeckt war, welche P. Pio immer allein in seiner Zelle fast alle zwei oder drei Tage entfernte" (222). Die braune Farbe der Haut und des Seinen Häutchens wurde als Folge von Jod erklärt. Pio selber hat Dr. Gignami gestanden, daß er Jod "ein paarmal in der Woche oder auch öfter" als Desinfektionsmittel verwendet habe (223).

Während Dr. Festa am 10. Oktober 1925 den Pater operierte, hat er dessen Herzwunde untersucht, als der Patient bewußtlos war. Diesmal fand er einen anderen Zustand vor als früher. Er sagt: "Aus Liebe zur Wahrheit und der Genauigkeit wegen muß ich anfügen, daß die dünne Kruste, mit der ich bei der vorausgehenden Prüfung die Wunde bedeckt gefunden habe, welche er auf der linken Brust hat, nun gefallen ist, so daß diese frisch und rot erscheint, in der Form des Kreuzes, und mit kurzen, aber deutlichen hellen Ausstrahlungen, welche aus seinen Umrissen aus strömen" (224).

P. Pellegrino da Sant' Elia sah oft die Handwunde des Paters, und zwar eine Wunde, die "im Mittelpunkt mit Krusten bedeckt war". Er hatte jedoch nur ein einziges Mal Gelegenheit, die Seitenwunde zu betrachten. Sie war 6 oder 7 cm lang und 2 oder 3 cm breit; P. Pellegrino hatte den Eindruck, daß sie sehr tief war; Blut sonderte sie nicht ab (225). Diese Beobachtung fand in späteren Lebensjahren Pios statt. Damals bestand offenbar die Herzwunde nicht mehr in Kreuzesform. Obwohl P. Eusebio, der von 1960 bis 1965 Sekretär des P. Pio war, oft bei diesem weilte, hatte er nur ein einzigesmal zufälligerweise das Glück, die Herzwunde für einen kurzen Augenblick zu betrachten. Er sah ein schräges Kreuz mit einem kleinen waagrechten Zweig; die Wunde war feucht und sonderte Blutwasser ab (226). Gegen 1967 beschrieb P. Alessio die Brustwunde anders. Offenbar bestand sie nicht mehr aus zwei Balken, sondern nur mehr aus einem langen Streifen unterhalb der Brustwarze; in der Mitte derselben erblickte Alessio eine "Naht" (sutura) von derselben Länge (227)

Bluten

Zum erstenmal bluteten die Wunden nach dem persönlichen Zeugnis Pios am Tag der Stigmatisation, also am 20. September 1918. Im Hinblick auf die Handwunden sagt Patri: "Es sind also Wunden, durch die man hindurchgehen kann und aus denen ein so erheblicher Blutstrom hervordringt, daß er bei jedem anderen Individuum den Tod durch Verbluten verursachen würde" (228). Das ist natürlich eine der üblichen Übertreibungen. Bei Therese Neumann von Konnersreuth bluteten für gewöhnlich die Wunden an ganz bestimmten Freitagen. Bei P. Pio war es anders. Bei ihm gab es keine eigentliche Freitagspassion. Er litt vor allem während der hl. Messe, bei der sich die Schmerzen bis zur Wandlung immer mehr steigerten. Dann drang aus den Wunden auch das meiste Blut, das sonst tagsüber "nur leicht nachsickerte. Freilich, Schmerzen hatte der Pater "fast jeden Tag" zu erdulden, "die bei der hl. Messe zweifellos den Höhepunkt fanden" (229).

In den letzten Lebensjahren

P. Guardian Carmelo da San Giovanni in Galdo war in den fünf Jahren vor dem Tod des Paters Pio in San Giovanni Rotondo stationiert. Er hatte ein paarmal Gelegenheit, die Handwunden zu erblicken. Dies geschah, während P. Pio die hl. Messe feierte; während derselben hat ja der Pater keine Handschuhe getragen. Absichtlich hat der Guardian nie auf die Wundmale geschaut, weil, wie er meint, "das Phänomen der Stigmen eine festgestellte Sache war", über die man nicht weiter diskutierte. Er hat also nur die Wundmale erblickt, während P. Pio zelebrierte. Darüber sagt er: "Es war eben bei einer solchen Gelegenheit, daß ich bequem aus der Nähe die stigmatisierten Hände des P. Pio beobachten konnte. Die Hände waren auf dem Rücken und in der Handfläche mit Blutkrusten bedeckt. Dort, wo die Fingerglieder beginnen, befand sich kein Schorf, aber das Fleisch war von violetter Farbe und die Haut dünn und sehr zart, wie sie aussieht, nachdem sich eine Wunde kaum vernarbt hat oder unmittelbar, nachdem der Schorf abgefallen ist. Fast am äußersten Ende der Fingerglieder begann wieder die Haut in ihrem normalen Zustand und der normalen Farbe". Die Wunden selbst hat der Guardian nicht gesehen, weil sie fast völlig mit einer Blutkruste bedeckt waren (230).

In den letzten Lebensjahren verringerte sich der Blutverlust sehr stark (231). Ja, auch die Male selber verschwanden mehr und mehr, bis nach dem Tode des Paters überhaupt nichts mehr zu sehen war. P. Pellegrino sagte als Zeuge am 21. Februar 1969 aus, er habe die Füße des Paters "in den letzten drei Jahren seines Lebens" nur ein einziges Mal gesehen. Es waren aber keine Wundmale mehr vorhanden, sondern nur ein "Bluterguß" zeigte sich an ihrer Stelle. P. Pellegrino versichert: "In den drei letzten Jahren seines Lebens, die ich in seiner Nähe verbrachte, habe ich feststellen können, daß auf den Füßen auch der Bluterguß allmählich verschwunden ist." Aber die Füße zeigten sich außerordentlich schmerzempfindlich; schon eine leichte Berührung genügte, daß P. Pio schmerzerfüllt das Gesicht verzog (232).

Auch die Gläubigen, die in San Giovanni Rotondo der Messe des P. Pio beiwohnten, konnten das allmähliche Verschwinden der Wundmale verfolgen; vor allem "in den vier oder fünf Monaten vor dem 23. September 1968", dem Todestag des Paters, sickerte immer weniger Blut aus den Wunden der Hände. "Alle Gläubigen, die seiner Messe beiwohnten, stellten dieses Phänomen fest und bemerkten auch, daß P. Pio, der sonst immer ängstlich die Male mit seinen Handschuhen zu verbergen suchte, in der letzten Zeit die Hände unbedeckt ließ." Auch die Seitenwunde hat sich im Lauf der Zeit geschlossen; dies konnte man daraus schließen, daß die von Pio verwendeten Tücher immer weniger Blut aufnahmen (233)

Den Guardian des Klosters machten die Leute etwa einen Monat vor dem Tod Pios darauf aufmerksam, daß die Hände des Paters nicht mehr wie früher Wunden und Wundkrusten trugen; der Guardian hat sich jedoch um das Gerede nicht sonderlich gekümmert. Aber dies fiel auch ihm auf: Wenn er P. Pio die Hände küßte, sah er nicht mehr die gewohnten Blutkrusten (234).

Am 22. September 1968 feierte P. Pio zum letztenmal die hl. Messe. Als der Pater in der Sakristei vor dem Gang zum Altar die Halbhandschuhe ablegte, fiel von seiner Hand "ein weißes Häutchen", eine kleine Hautschuppe, ab. Am Tag darauf, als unmittelbar nach dem Tod der entseelte Leib versorgt wurde, löste sich von der linken Hand noch einmal "ein kleines weißes Häutchen, der letzte Rest des vergessenen Blutes". Die beiden Teilchen werden im Archiv von San Giovanni Rotondo aufbewahrt. (235)

Nach dem Tod des Paters

Am 23. September 1968 betrachtete der Guardian Carmelo da San Giovanni in Galdo zusammen mit anderen Zeugen den Leichnam. Er bezeugt: Die Hände waren ganz anders als früher. "Alle Stigmen waren vollständig verschwunden ohne eine Spur von Narben " (236).

Dr. Sala, der nach dem Tod Pios zugegen war sagte am 7. Juli 1969 aus: "Einige Monate vor dem Tod wurden die Füße trocken und jene schorfigen Erhebungen ließen sich nicht mehr ertasten, wie sie früher deutlich festzustellen waren. Die Hände behielten ihre charakteristische Art bis zum Tag vor dem Tod, an welchem sich bei betonter Blässe der Haut eine Verminderung der Bildung von Krusten, die sich abgelöst haben, und ein Verschwinden der Wunden auf dem Handrücken einstellte. Während der ganz kurzen Agonie zeigte die linke Handfläche noch eine schorfige Erhebung, welche nach dem Tode aufbewahrt wurde. Zehn Minuten nach dem Tod wurden die Hände, die Brust und die Füße des Paters Pio unter meiner Unterstützung, wie hervorgeht aus dem Vorhandensein meiner Hände auf den angefertigten Photographien, von einem Bruder in Gegenwart von noch vier anderen Mitbrüdern photographiert. Die Hände, die Füße, die Brust und jeder andere Teil des Körpers zeigten keine Wundreliefs; auch keine Narben waren vorhanden an den Händen und an den Füßen, weder auf dem Rücken noch in der Handfläche oder an den Fußsohlen, auch nicht in der Rippengegend, wo er zu Lebzeiten Wundmale hatte, die gut begrenzt und sichtbar waren. Die Haut an diesen erwähnten Stellen war gleich derjenigen an jedem anderen Teil des Körpers, weich, elastisch, beweglich, und der Druck mit dem Finger zeigte kein Einsinken der Haut oder der Unterhaut oder eine Verschiebung der Knochen oder ein Nachgeben derselben. Das Aussehen, die Farbe, die Konsistenz ließen keine Besonderheiten erkennen, weder ein Vorhandensein von Zeichen vorausgegangener Einschnitte, von Zerreißungen, Verletzungen, Wunden, noch von Entzündungsreaktionen. Schließlich, die Flächen und Rücken der Hände, die Fußrücken und Fußsohlen und die linke Brust hatten eine normale Haut, rein, von durchgehend gleicher Farbe wie der übrige Körper" (237).

In dem Gutachten Dr. Salas findet sich eine unrichtige Angabe, nämlich, daß die Hände ihre charakteristische Art bis zum Tag vor dem Tod beibehalten hätten. Wir haben gesehen, daß sich hier bereits seit einigen Jahren eine Änderung vollzogen hat und daß schließlich die charakteristische Art schon lange vor dem Tode verschwunden war.

Ripabottoni schreibt: "Als nach und nach der entseelte Leib erkältete, verschwanden die Stigmen, die Gewebe rekonstruierten sich rapide und die Haut erschien frisch, zart" (238). Diese Bemerkung ist vollkommen falsch.

Dr. Sala vertritt die Auffassung: "Solche Erscheinungsformen von Wunden, welche P. Pio im Leben hatte und die nach dem Tode verschwunden sind, muß man als ein Faktum betrachten außerhalb jeder Art eines klinischen Befundes und als Tatsache übernatürlichen Charakters". (239) Aber in dieser Weise kann man doch nicht schlußfolgern, ganz abgesehen davon, daß die Wundmale ja gar nicht erst nach dem Tode Pios unsichtbar geworden sind. Ihr allmähliches Verschwinden hat ja bereits Jahre zuvor eingesetzt. So etwas kann man nicht als ein Wunder bezeichnen.

P. Raffaele da Sant' Elia a Pianisi war dabei, als P. Pio starb. Er war auch anwesend, als die Wundmale untersucht wurden. Am 27. September 1968 gab er die Erklärung ab, er habe nach dem Tode des Paters "keine Wunden mit frischem Blut" gesehen wie früher, "sondern nur feuchte Narben, die wie mit einer Messerspitze durchstochen und mit einem weißen Hautfilm überzogen waren" (240) . Die Angabe des P. Raffaele steht offensichtlich im Widerspruch zu den Versicherungen anderer Zeugen.

Das Zurückbilden der Wunden begann also bereits Jahre vor dem Tode Pios; völlig verschwanden sie dann nach und nach in seinen letzten Lebensmonaten. Man steht hier vor einer ganz wichtigen Feststellung. "Jede tiefe Wunde, die das Fleischgewebe verletzt, hinterläßt eine nachweisbare Narbe. Hier fand sich keine Spur davon" (241). Wird bei einer Verletzung nur die oberste Hautschicht (Deckepithel) beschädigt oder durchtrennt, so erfolgt die Heilung ohne Narbenbildung durch einfache Regeneration. Daraus ergibt sich, daß P. Pios Wunden lediglich in der Form einer oberflächlichen Hautläsion bestanden; alle gegenteiligen Behauptungen gehören in das Reich der Phantasie. Die Tatsache also, daß die Stigmata des Paters Pio bis zu seinem Tod ohne Hinterlassung einer Narbe abheilten, kann keinesfalls "als eine Tatsache übernatürlichen Charakters", als Wunder bezeichnet werden. Sie entspricht dem normalen physiologischen Heilungsverlauf einer Verletzung des Deckepithels. Dessen war man sich offenbar im Kloster von San Giovanni Rotondo auch bewußt, als P. Pio gestorben war. Zur Aufbahrung wurden die Füße des Leichnams mit Strümpfen bedeckt, über die Hände wurden Handschuhe gezogen, "um nicht die Leute zu erschrecken mit der Tatsache, daß die Male verschwunden waren, und um einen Skandal bei den Schwachen zu vermeiden" (242)

2. Wohlgeruch

Eine Reihe von Zeugen findet sich für die Behauptung, von P. Pio bzw. von seinen Wunden sei ein intensiver Wohlgeruch ausgeströmt. Dies, so behauptet Maria Winowska, soll bereits am Tag der Stigmatisation, also am 20. September 1918, der Fall gewesen sein; der P. Guardian von San Giovanni Rotondo soll gemerkt haben, wie das aus den Wunden fließende Blut "einen angenehmen Duft" verbreitet habe (243). Über die Art des Geruches gehen die Ansichten auseinander. P. Onorato von San Giovanni Rotondo berichtet am 4. Oktober 1920, er habe, als er die Handschuhe des Paters geküßt habe, einen intensiven Geruch von Rosen wahrgenommen (244) . Als Dr. Romanelli im Juli 1919 sich zum erstenmal in San Giovanni Rotondo aufhielt, fand er die Zelle des Paters mit einem "seltsamen und köstlichen Wohlgeruch" erfüllt. Der Arzt zeigte sich entrüstet, daß der Pater seiner Meinung nach Parfüm verwendete, noch dazu von offensichtlich "teuerer und guter Qualität" (245). Während P. Onorato von intensivem Geruch von Rosen spricht, bezeichnet es Maria Winowska als eine Tatsache, daß dieses Parfüm "nichts ähnelt", obwohl es an eine "ganze Reihe von Gerüchen erinnerte" (246).

Nicht klar war man sich darüber, ob dieser Wohlgeruch allgemein von P. Pio ausging oder ob die Ursache desselben nur allein die Wunden waren. Als Dr. Romanelli seine Verwunderung über das vom Pater verwendete teuere Parfüm zum Ausdruck brachte, stellte der anwesende Kapuziner Valenzano richtig: "Das Blut erfüllt alles mit Wohlgeruch" (247) . Derselben Ansicht ist auch Lotti, der sagt: "Die aus den Wundmalen hervorgehende Blutflüssigkeit hat einen angenehmen und durchdringenden Duft" (248). Ähnlich schreibt Patri den "wohlriechenden Duft" den Wunden des Paters zu (249). Wie P. Raffaele bezeugt, hat man im Chor der Kirche während der Verrichtung des Stundengebetes "bisweilen" einen "ganz eigenen Wohlgeruch" bemerkt, der von den Wundmalen seiner Hände ausgegangen sei. Außerdem habe der Pater den Duft "mehr als einmal" in der Zelle Pios wahrgenommen (250). Vorsichtiger drückt sich Dr. Festa aus, wenn er erklärt, daß der Wohlgeruch "im allgemeinen mehr von der Person Pios als vom Blut ausgehe, das aus den Wunden sickere" (251). Er selber führt aber auch einen Beweis für die Tatsächlichkeit des Wohlgeruches an, der dafür sprechen würde, daß die Ursache desselben im Blut des Paters lag. Als er San Giovanni verließ, nahm er in einem Etui ein Stückchen Linnen mit, das mit Blut durchtränkt war. Im Autobus fingen nach einiger Zeit Mitreisende an zu fragen: "Was riecht denn da so gut? Welch erlesenes Parfüm! Was kann das bloß sein? Das hat ja keinerlei Ähnlichkeit mit irgendetwas Bekanntem." Eine Viertelstunde dauerte das eigenartige Phänomen an. "Dann verschwand plötzlich die seltsame Ausdünstung." In Rom angekommen, verwahrte Dr. Festa das Etui im Schränkchen seines Arbeitszimmers. "Noch in den folgenden Tagen und noch lange Zeit hindurch" verbreitete das verschlossene Leinenstück "einen solchen Wohlgeruch im ganzen Raum", daß viele Leute, die in ärztliche Sprechstunde kamen, "ganz spontan" nach der Ursache fragten (252).

Daß der Grund für den Wohlgeruch nicht im Blut des Paters Pio lag, beweist eine Reihe von Berichten. Der angebliche Duft wurde auch dann wahrgenommen, wenn keine Beziehung zum Blute .Pios bestand, ja selbst über weite Entfernungen hin (253). Im März 1920 starb in Pompilio der Klosterbruder Nicola. "Während der acht Tage seiner Krankheit war die Kammer erfüllt vom Wohlgeruch des Paters Pio, insbesondere in der Nähe des Bettes" (254).

Ein Priester, der sich als "geistlicher Sohn Pios" bekennt, bezeugt: "Ich spürte eines Morgens während der hl. Messe den bekannten Wohlgeruch. Ich achtete nicht darauf. Eine und eine halbe Stunde später, mitten in meiner Arbeit, drängte sich mir derselbe Duft auf und ich fragte mich, was Padre Pio etwa wolle. Gegen Mittag geschah es zum drittenmal und stärker als je. Nun wurde ich unruhig. Nach dem Unterricht ging ich in Gedanken versunken meiner Wohnung zu und, als ein Freund in seinem Auto kam und mich heimbringen wollte, widerstand ich, weil ich lieber allein bleiben wollte. Wenige Minuten später sah ich an einer Straßenkreuzung einen schrecklichen Verkehrsunfall; man rief mich heran und ich konnte einem Schwerverletzten gerade noch die Absolution geben. Da mich der Fall wegen jenes Wohlgeruches interessierte, fragte ich nach der Person des Verunglückten und erfuhr, daß es sich um einen Mann handelte, der seit vielen Jahren der Kirche und den Sakramenten ferngeblieben war, für den aber die Angehörigen schon seit Jahren bei Padre Pio vorstellig wurden, für die Rettung seiner Seele zu beten" (255). Mit welchen "Beweisen" sich nicht Wundersüchtige zufrieden geben!

Zwei jungverheiratete Polen, die in England ansässig waren, befanden sich zur Winterszeit auf der Reise zu P. Pio. In Bern überlegten sie sich, ob sie nicht besser wieder nach England zurückkehren sollten. Da umhüllte sie plötzlich ein "erlesener und starker Duft". Ermuntert setzten sie ihre Reise fort. In San Giovanni Rotondo wurden sie von P. Pio mit offenen Armen empfangen. Der junge Mann, der italienisch zu sprechen verstand, begann das Gespräch mit den Worten: "Wir haben Ihnen geschrieben, Padre; da Sie jedoch nicht geantwortet haben... ." Weiter kam der junge Mann nicht, da ihn der Pater unterbrach: "Was, ich habe nicht geantwortet? Und neulich abends in der Schweizer Herberge, haben Sie da nichts gerochen?" Und "mit einigen Worten löste der Pater die Schwierigkeiten seiner Besucher " (256).

Hier wie in dem folgenden Fall erklärt P. Pio selber, daß er es war, der den angenehmen Duft in die Ferne aussandte und daß dies mit seinem Wissen und Willen geschah. Maria Winowska schreibt, "in manchen Fällen" hätten "diese Düfte" in tödlicher Gefahr Rettung gebracht. Zum Beleg hierfür führt sie einen Fall an: Eines Tages las in der Umgebung von San Giovanni Rotondo ein armes, altes Weib auf einem Steilhang rückwärts gehend Kastanien auf. Plötzlich veranlaßte köstlicher Duft" die alte Frau, ihren Kopf zu erheben, und schon schrie sie auf: "Madonna mia!" Noch ein Schritt, und sie wäre in den Abgrund gestürzt. Als P. Pio die Gerettete wieder einmal traf, schimpfte er sie aus: "Du wirst Dir abgewöhnen, rückwärts zu gehen" (257).

Zuerst hat man offenbar als Ursache des Wohlgeruches, wenigstens in der Hauptsache, die Wunden des Paters angesehen. Aber es gab auch genug Zeugen, deren Erlebnisse beweisen, daß nicht bloß die Wunden schuld waren. In diesem Sinne behauptet Maria Winowska, die Frauen von San Giovanni Rotondo hätten sich förmlich darum gerissen, die Klosterwäsche waschen zu dürfen; sie sagten: "Alles, was P. Pio anrührt, riecht so gut, daß sogar das übrige vom Wohlgeruch erfüllt wird" (258). Also nicht bloß die Wäsche des Paters roch so angenehm, sondern alles, was er anrührte. So erlebte einmal ein erkrankter Pfarrer dieses "Wunder" mit Hilfe eines Andachtsbildchens. Dem bettlägerigen Pfarrer sandte Prof. Giovanni Crippa ein Bildchen, das P. Pio gesegnet hatte. Als der Kranke den Brief öffnete, ward das Krankenzimmer mit "himmlischem Wohlgeruch" erfüllt (259). Als Dr. Romanelli erstmals den Duft wahrnahm, hatte er nicht den Eindruck von "himmlischem Wohlgeruch"; er dachte lediglich an Parfüm von "guter Qualität" (260) . Dr. Festa selber hat nie den Duft gemerkt; denn er besaß nach eigener Aussage keinen Geruchssinn (261).

Patri behauptet: "Dieser wohlriechende Duft wird fast von allen, die in seine Nähe kommen, klar und deutlich wahrgenommen" (262). Dies stimmt jedoch bei weitem nicht. Eine bestimmte Regel, wann der Wohlgeruch wahrgenommen wurde, gibt es offenbar nicht. Auch wurde durchaus nicht jedermann gewürdigt. Außerdem läßt sich oftmals kein sinnvoller Zusammenhang erkennen. Als Dr. Romanelli im Juni 1919 zum erstenmal die Zelle des Paters Pio betrat, fand er sie mit einem "seltsamen und köstlichen Wohlgeruch" erfüllt. Er verließ die Zelle, kehrte aber alsbald wieder zurück, konnte jedoch nunmehr zu seiner großen Überraschung nichts mehr wahrnehmen, er mochte schnuppern, so viel er wollte. "Zwei Tage lang lief der Doktor schnuppernd wie ein Hund herum", ohne Erfolg. Bevor er abreiste, ging er, in Gedanken versunken, die Treppe des Klosters hinauf. "Plötzlich umhüllte ihn das gleiche Parfüm mit einem heftigen Duftstoß. Dies dauerte nur einige Sekunden" (263). Ebenfalls von ganz kurzer Dauer hatten einige Mitbrüder Pios den Eindruck eines angenehmen Duftes, als sich des Abends die klösterliche Gemeinschaft vom Refektorium zum Chor begab. Plötzlich merkten die dem Pater folgenden Mitbrüder den Wohlgeruch, der den ganzen Gang erfüllte. Dies währte jedoch nur einige Sekunden. Auch P. Raffaele berichtet von einem ähnlichen Erlebnis, das "einige Sekunden" gedauert habe (264) . Der Mitbruder Pios, P. Agostino, merkte nur besonders scharfe Düfte, weil sein Geruchssinn sehr schwach war. Trotzdem will er einige Male den Wohlgeruch wahrgenommen haben (265) . Das Wunder wäre freilich noch größer gewesen, wenn auch des Geruchssinnes Beraubte das angenehme Erlebnis gehabt hätten.

Schon Dr. Festa konnte feststellen, daß nur ein Teil seiner Patienten den von dem blutigen Leinenflecken ausgehenden Duft wahrnahm (266). Dabei muß bemerkt werden, daß nicht etwa nur fromme Seelen das "Wunder" erleben durften. So sagt Maria Winowska zu ihrer eigenen inneren Beruhigung, es sei ihr versichert worden, die Empfänglichkeit für solche Gerüche sei keine Gewähr für ein gutes Gewissen. Maria Winowska hatte nämlich selber kein Glück; zu ihrem Bedauern hat sie trotz ihres feinen Geruchssinnes nie etwas "Außergewöhnliches" gerochen. Sie sprach darüber mit einem Pater. Dieser gab "mit einem spitzbübischen Lächeln" zur Antwort: "Da kann man nichts machen. Da droben ist man sparsam und wirft nicht gerne mit den Gnadengaben um sich." Übrigens, auch die Nase dieses "spitzbübischen Paters" wird als "widerspenstig" bezeichnet, weil sie auch nie etwas Außergewöhnliches wahrnahm 267) . Dies war ebenfalls der Fall bei Don Giovanni Rossi. Er erzählt: "Viele behaupten, einen Wohlgeruch gemerkt zu haben, der von seiner Person ausging. Ich hatte dieses Glück nicht" (268).

Maria Winowska führt übrigens einen Parallelfall zu P. Pio an. Sie sagt: "P. Pios Parfüms erinnern in eigenartiger Weise an die ehrwürdige Benote Reneurel von Le Laus. Zu ihren Lebzeiten alarmierte sie auf diese Weise die großen Sünder. Seit ihrem Tod vor bald dreihundert Jahren dauert das schöne Wunder fort." Ihr selber habe der zuständige Pater Rektor erklärt: "Wir stellen nie Blumen auf die Altäre der Kirche, damit keine Verwechslung vorkommt" (269). Maria Winowska stellt die Sache so dar, als ob es sich bei dem "schönen Wunder" um eine alltägliche Erscheinung handle. Wie liegen die Dinge in Wirklichkeit? Eines Tages soll die Mutter Gottes zu Benote Reneurel gesprochen haben. "Geh nach Le Laus! ... Du wirst eine kleine Kapelle entdecken; ... angenehme Düfte werden dir vorausgehen...; diese Wohlgerüche werden im Lauf der Jahrhunderte das Vorrecht bestimmter Personen sein." Nur selten hatte jemand das Glück, das angenehme "Wunder" zu erleben. Am 16. Juni 1976 erwiderte auf eine Anfrage hin ein Pater des Missionshauses in Le Laus: "Ich kenne persönlich eine gewisse Anzahl von Personen, die dieses Privileg erhalten haben." Obwohl ihnen von dem eigenartigen Phänomen überhaupt nichts bekannt gewesen sei, hätten sie plötzlich überrascht ausgerufen: "Wie riecht es gut in dieser Kirche!" Die eigenartige Erscheinung sei noch nie näher untersucht worden; das Phänomen werde lediglich jedesmal, wenn es sich zeige, registriert. "Das ist alles", so schreibt der Pater des Missionshauses.

Bei derart läppischen Dingen kann nur von einem Wunder sprechen, wer an Wundersucht leidet. Dieses Urteil gilt in gleicher Weise für das dem Pater Pio zugeschriebene Phänomen. Hier geht der Anfang des "himmlischen Duftes" ohne Zweifel auf P. Pio unmittelbar zurück. Am 5. Februar 1939 wurde der Benediktinerabt Laurentius Zeller in St. Matthias zu Trier zum Bischof geweiht. Beim Besuch des Trierer Redemptoristenklosters berichtete er in Gegenwart mehrerer Zeugen dem P. Norbert Brühl, Kardinal Schuster von Mailand habe ihm persönlich erzählt, "P. Pio habe Chemikalien benutzt, um die Wundmale und den Duft zu erzeugen; man habe auch die Drogerie festgestellt, woher P. Pio die Chemikalien bezogen hat" (270). P. Pio hat sich tatsächlich, wenigstens in den ersten Jahren nach seiner Stigmatisation, Chemikalien besorgt. So schreibt Dr. Festa: "P. Pio hat zeitweilig Jodtinktur und eine konzentrierte Karbolsäurelösung verwendet." Dr. Festa fügt seiner Angabe freilich noch hinzu, P. Pio habe den Wohlgeruch auch dann noch ausgeströmt, nachdem er die Lösung nicht mehr verwendet habe (271). Wie weit dies zutrifft, läßt sich nicht leicht nachweisen.

Selbst wenn P. Pio später nie mehr irgendwelche Chemikalien verwendet hätte, so bereitet die Erklärung des "Phänomens" doch keinerlei Schwierigkeiten. Wir wissen ja, was Suggestion zu wirken imstande ist. Sobald einmal das Gerede von den "himmlischen Düften" auftauchte, wuchs die Zahl derer, die dieses "Wunder" konstatierten. In diesem Zusammenhang könnte man von einem lehrreichen Parallelfall sprechen, was W. Schrödter in dem Buch "Vom Hundertsten ins Tausendste" berichtet: "Der amerikanische Professor Slossen machte einmal ein neues Experiment, um seinen Schülern die Macht der Einbildungskraft vorzuführen. Er brachte eine mit destilliertem Wasser gefüllte und wohlverschlossene Flasche auf seinen Versuchstisch und erklärte, feststellen zu wollen, wie schnell der Geruch der darin enthaltenen Flüssigkeit sich im Hörraum verbreiten würde. Er bat die Zuhörer, die Hand zu erheben, sobald der Geruch sich bis zu ihrem Platz verbreitet haben würde, entkorkte die Flasche und goß etwas von dem darin enthaltenen Wasser auf ein Stück Watte, indem er das Gesicht abwandte, als ob er einen heftigen Geruch vermeiden wollte, zog die Uhr und wartete einige Sekunden. In der Pause erklärte er, sicher zu sein, daß kein Anwesender bisher den Duft der zu dem Versuche benutzten Lösung kenne; aber wenn er auch stark sei, so hoffe er doch, daß er niemand lästig fallen würde. Nach fünfzehn Sekunden hatte die Mehrzahl der seinem Platz näherstehenden Zuhörer die Hand erhoben, nach vierzig Sekunden hatte sich der Duft zu den entferntesten Plätzen verbreitet, ungefähr Dreiviertel der Zuhörer spürte den Geruch und nur eine Minderzahl, in der die Männer vorherrschten, bestand darauf, nichts wahrzunehmen. Die Zahl der Personen, welche der Suggestion unterlagen, würde ohne Zweifel noch zugenommen haben, wenn Slossen sich nicht genötigt gesehen hätte, den Versuch vorzeitig abzubrechen, da einige Zuhörer der vordersten Reihe sich unangenehm belästigt fühlten und den Saal verlassen wollten" (272). Genauso verhielt es sich bei den "himmlischen Düften" in der Umgebung des Paters Pio. Zum einen Teil war der Wohlgeruch die Folge der vom Pater verwendeten Chemikalien; zum anderen Teil existierte er nur in der Einbildung bestimmter Menschen. Handelte es sich um unerklärbare Dinge, dann müßte ein ganz außerordentliches Wirken Gottes vorliegen. Was für ein Gott müßte das sein, der solche läppischen Wunder wirkte, noch dazu ohne einen tieferen Sinn? Warum merkten die einen Patienten Dr. Festas etwas, warum die anderen nicht? Warum empfand der eine Pater den angenehmen Duft, der andere aber nicht?

3. Ärztliche Untersuchung

Im Februar 1919 beauftragte der Provinzial der Kapuziner den Prof. Dr. Luigi Romanelli, die Stigmen des P. Pio zu untersuchen. Am 16. Mai 1919 fand der erste Besuch in San Giovanni Rotondo statt. Am 26. Juli desselben Jahres wurde Prof. Dr. Amigo Gignami aus Rom zugezogen. Romanelli hat den Pater in fünfzehn Monaten fünfmal untersucht. Danach lieferte er seinen Bericht ab. Darin heißt es: "Die Läsionen, die P. Pio an den Händen hat, sind von einem leichten Häutchen rötlicher Farbe bedeckt. Es sind weder blutige Punkte noch eine Schwellung oder Entzündungsreaktion der Gewebe vorhanden. Ich bin überzeugt., ja gewiß, daß diese Wunden nicht oberflächlich sind. Als ich sie mit meinen Fingern drückte, spürte ich eine Leere, die die Stärke der ganzen Hand durchquert. Ich habe nicht feststellen können, ob meine Finger bei stärkerem Druck zusammengekommen wären; denn dieser Versuch ruft, wie jeder Druck, beim Patienten heftige Schmerzen hervor. Dennoch habe ich ihn wiederholt morgens und abends dieser harten Prüfung unterworfen, und ich muß einräumen, daß ich jedesmal die gleiche Feststellung gemacht habe. Die Läsionen an den Füßen zeigen die gleichen Merkmale wie die an den Händen. Wegen der Stärke des Fußes konnte ich jedoch nicht den gleichen Versuch anstellen wie an den Händen. Die Seitenwunde ist eine glatte Schnittwunde, parallel zu den Rippen, von sieben bis acht Zentimeter Länge, weiche Gewebe durchschneidend, von schwierig festzustellender Tiefe und reichlich blutend. Dieses Blut hatte alle Merkmale arteriellen Blutes, und die Lippen der Wunden zeigen, daß sie nicht oberflächlich sind. Die Gewebe, die die Läsion umgeben, zeigen keinerlei entzündliche Reaktion und schmerzen beim leisesten Druck. Ich habe P. Pio in fünfzehn Monaten fünfmal untersucht. Obwohl ich einige Modifikationen feststellte, konnte ich keine klinische Formel finden, die mir gestattet, diese Wunden zu klassifizieren" (273).

Dr. Gignami, heißt es, versah die Wunden des Paters mit "gründlichen" Verbänden. Aber die "seltsamen Läsionen" dauerten fort, "ohne sich zu infizieren und ohne die geringste Eiterung" (274)

Im Jahr 1919 erhielt ein dritter Arzt den Auftrag, die Wunden Pios zu untersuchen. Es war Dr. Giorgio Festa, der am 9. Oktober 1919 in San Giovanni Rotondo eintraf. Sein Urteil lautete: "Diese Art von Läsionen" entziehe sich der Wissenschaft. "Sein verständnisvoller und objektiver Bericht", sagt Maria Winowska, "trug mit dazu bei, die Voreingenommenheit mancher Kreise im Vatikan und der Oberen P. Pios zu zerstreuen. Schließlich ließ man ihn in Frieden" (275) - Wenn überhaupt, so stimmt dies höchstens bis Anfang 1923, als die ersten Schritte gegen sein bisheriges Wirken unternommen wurden.

Drei Ärzte hatten also in den Jahren 1919 und 1920 die Erlaubnis erhalten, P. Pios Wunden zu untersuchen. Den bekannten Arzt und Theologen P. Dr. Agostino Gemelli O.F.M. hat man bei seinem Besuch vom 18. bis zum 20. April 1920 keine Untersuchung gestattet. Zweieinhalb Monate später war jedoch Dr. Giorgio Festa wieder in San Giovanni Rotondo ein gern gesehener Gast, der des Paters Wunden ungehindert untersuchen durfte.

4. Dr. Festas Kritiklosigkeit

Dr. Giorgio Festa war einer der Ärzte, die sich entschieden für die Echtheit und Übernatürlichkeit der Wundmale des Paters Pio aussprachen. Er hat im Oktober 1919 und im Juli 1920 den Pater aufgesucht; er war es auch, der im Oktober 1925 bei P. Pio eine Leistenbruchoperation vorgenommen hat. Festas Argumente stehen in ihren Folgerungen wiederholt auf wackeligen Füßen. Dies gilt auch, wenn er seine Ansicht durch Hinweise auf Beispiele stützen will, die vollkommen fehl am Platze sind. Merkwürdigerweise glaubt er sogar, bei der Dornenkrönung Jesu seien lange Dornen durch den Schädelknochen hindurch eingedrungen und hätten "Gehirnsubstanz" verletzt. Dabei beruft er sich auf die Ordensschwester Maria von Jesus zu Agreda, aus deren "Visionen" er sein Argument entnimmt. Diese Schwester lebte im 17. Jahrhundert. Ihre "Offenbarungen" schrieb sie selber nieder. Für diese gilt das gleiche wie etwa für die Visionen der Therese Neumann von Konnersreuth, nämlich: Halluzinationen oder Phantastereien. Die genannte Schwester Maria hat über die Dornenkrönung Jesu gesagt, die Dornen hätten "den Schädelknochen durchbohrt", sie hätten auch die Ohren und Augen verletzt; Jesus habe die Dornenkrönung nur deshalb überlebt, "weil er auch Gott war" (276). Diese Angaben übernimmt Dr. Festa kritiklos. Zum anderen verweist er auf die stigmatisierte Louise Lateau (1850-1883), die mehr als zweihundert Ärzte und über zweihundert Theologen beobachtet hätten. Als Hauptzeugen führt er an Dr. Lefebvre, der von den beobachteten "Phänomenen" derart beeindruckt gewesen sei, daß er erklärte, man könne sie unmöglich wissenschaftlich erklären (277) . Diese Auffassung hat Dr. Lefebvre tatsächlich vertreten. Aber als er sein Urteil veröffentlichte, wußte er noch nicht, daß Louise Lateau eine Betrügerin war. Sie, die angeblich nahrungslos Lebende, wurde von ihrem Beichtvater in flagranti ertappt, "wie sie in betrügerischer Weise Stigmen und eine Ekstase hervorrief; ferner entdeckte Dr. Warlomont nach Louises Verschwinden Früchte, Wasser und Weißbrot in ihrem Schrank, womit die Ausdauer bei dem verlängerten Fasten eine natürliche Erklärung fand" (278) Der Gedanke, daß die Wundmale einer solchen stigmatisierten Person übernatürlich bewirkt seien, muß von vornherein ausscheiden. Dr. Lefebvre hat Louise Lateau achtzehn Monate hindurch immer wieder beobachtet und untersucht. Er war längere Zeit, wie erwähnt, von der Übernatürlichkeit der Stigmen und Visionen ohne Einschränkung überzeugt. Aber er hat sein Buch über die Stigmatisierte später aus dem Buchhandel zurückgezogen und die Exemplare, die noch im Umlauf waren, gegen jeden Preis zurückgekauft (279) . Dieses Verhalten sagt alles. Davon wußte wohl Dr. Festa nichts; sonst hätte er auf den Gedanken kommen müssen, daß nicht bloß ein Dr. Lefebvre, Professor für Pathologie und Psychologie, sich täuschen konnte.

5. Dr. Gemelli

Es ist bekannt geworden, daß der Theologe und Arzt Dr. Gemelli Über P. Pio ein äußerst negatives Urteil abgegeben hat. Aber immer wieder ist zu lesen, Gemelli habe den stigmatisierten Kapuziner gar nicht untersucht. Wir wollen dieser Frage einmal näher nachgehen, soweit dies unter den gegebenen Umständen möglich ist.

Im Jahr 1933 hat Dr. Gemelli dem bekannten Pariser Nervenarzt Prof. Jean Lhermitte während eines Kongresses im Kloster Avon anvertraut, "er habe schon an die dreißig weibliche Stigmatisierte untersuchen müssen und in jedem Falle ein einfaches Verfahren gewählt. Um die berechtigte Empfindlichkeit nicht zu verletzen, bat er sie, nicht eine Klinik, sondern ein Kloster aufzusuchen, wo die Bewachung unter seiner Aufsicht erfolgen konnte. Die Glieder, an denen die Male auftraten, umgab er mit einem versiegelten Gipsverband, der wieder entfernt wurde, wenn man der Meinung war, daß die Zeit für die Vernarbung ausreichte. In allen Fällen war nun aber das Ergebnis dasselbe. Die verschorften Blutkrusten hatten sich abgelöst, und an die Stelle des Wundmals war eine rosa Epidermis getreten, welche die Regeneration anzeigte" (280)

Wenn Dr. Gemelli so viele Stigmatisierte aufsuchten konnte, dann beweist dies, daß es deren gar nicht so wenige gibt; man hört nur von ihnen nichts, weil die Unechtheit ihrer Wundmale offenbar klar liegt. Uns beschäftigt nun die Frage: Hat Dr. Gemelli P. Pio tatsächlich untersucht? Von den Verehrern des Paters wird dies ja immer wieder geleugnet, obwohl doch bereits die Tatsache, daß er etwa dreißig Stigmatisierte untersucht hat, erwarten läßt, daß er nicht ausgerechnet P. Pio übergangen hat; wenn er sich ein paarmal nach Konnersreuth begeben hat, dann wird er nicht den Stigmatisierten seines Heimatlandes unbeachtet gelassen haben. Gemelli, der ja nicht nur Mediziner, sondern auch Theologe war, hat, wie er versichert, jedesmal in höherem Auftrag gehandelt. Warum sollte es denn im Fall P. Pios anders gewesen sein?

Nicht bestritten wird, daß Dr. Gemelli am 18. April 1920 in San Giovanni Rotondo erschienen und bis zum 20. April geblieben ist. Er kam in Begleitung von Fräulein Armida Barelli, der Generalpräsidentin der weiblichen katholischen Jugend in Italien; sie war auch Mitglied des Verwaltungsrates der Mailänder Universität, an der Dr. Gemelli einen Lehrstuhl innehatte. Dr. Gemelli soll aber in San Giovanni Rotondo keine Erlaubnis erhalten haben, die Wundmale des Paters zu untersuchen, weil er keine ausdrückliche Genehmigung der höheren kirchlichen Autorität habe vorweisen können (281).

Es kann nicht bezweifelt werden, daß Dr. Gemelli bei seinem Aufenthalt im April 1920 in San Giovanni Rotondo keine Erlaubnis erhalten hat, P. Pio zu untersuchen. Die Begründung für die Verweigerung stimmt eigenartig, wenn man bedenkt, daß doch der Pater von einigen Ärzten ohne weiteres untersucht werden durfte. Der Verdacht drängt sich auf, daß man das Urteil des Dr. Gemelli, der als Theologe und Arzt Fachmann war, fürchtete. Schließlich wird in San Giovanni Rotondo auch bekannt gewesen sein, daß ihm das Phänomen der Stigmatisation nichts Unbekanntes war.

Im Oktober 1924 hat Dr. Gemelli einen Artikel über das Stigmatisationsproblem veröffentlicht; darin bezeichnete er den hl. Franziskus als den einzigen wirklich Stigmatisierten; die Echtheit der Wundmale bei der hl. Katharina von Siena ließ er offen. Bei den anderen stigmatisierten Personen, wenn auch nicht bei allen, so doch bei sehr vielen, so erklärt er, seien die Wunden lediglich eine Folge hysterischer Veranlagung (282). Dieses Urteil hatte offensichtlich in erster Linie P. Pio im Auge, dessen Name in jener Zeit in aller Munde war. Aber worauf gründet sich Gemellis Urteil? Gehört P. Pio zu den von ihm untersuchten Stigmatisierten?

Über den Besuch Gemellis im April 1920 berichtet der damals in San Giovanni Rotondo weilende Kapuzinerpater Benedetto da San Marco in Lamis als Augenzeuge. Dr. Gemelli, der in den Jahren 1919 und 1920 Rektor der Mailänder Universität war, schrieb an den Provinzial der Kapuziner P. Pietro, er wolle San Giovanni Rotondo besuchen. Der Provinzial antwortete, falls Gemelli als Wissenschaftler zu kommen beabsichtige, um P. Pio zu "beobachten", müsse er sich in Rom die Erlaubnis der kirchlichen Obrigkeit verschaffen, weil Pio einen Widerwillen habe, sich derartigen Konsultationen und Beobachtungen auszusetzen. Gemelli antwortete auf einer Postkarte, er komme bloß aus privaten und geistlichen Gründen. Er traf in Begleitung von Fräulein Armida Barelli am Abend des 18. April in San Giovanni Rotondo ein, ohne daß er ausdrücklich den Wunsch äußerte, P. Pio beobachten zu dürfen. Am Tag darauf hatte Armida Barelli eine Unterredung mit P. Pio; dabei drehte sich das Gespräch nur um allgemeine Fragen. Am übernächsten Tag begann Armida Barelli P. Benedetto zu bitten, er möge Dr. Gemelli gestatten, P. Pio zu beobachten. Benedetto lehnte ab. Er erklärte, der Provinzial habe ihm ausdrücklich gesagt, P. Pio dürfe "zu jener beschwerlichen Demütigung nicht gezwungen werden"; Gemelli habe sich keine Erlaubnis beschafft; außerdem habe er vorher ja selber erklärt, keine Untersuchung zu beabsichtigen. Alle inständigen Bitten von Armida Barelli blieben erfolglos. P. Benedetto brachte unter anderem vor, er könne die Notwendigkeit einer augenscheinlichen Untersuchung nicht begreifen, da ja "genaue Berichte von anderen Doktoren" vorlägen. Da also nichts zu machen war, bat Dr. Gemelli um eine Unterredung mit P. Pio. Diese fand auch statt, jedoch lediglich in der Sakristei; sie dauerte nur wenige Minuten. P. Benedetto hatte den Eindruck, daß P. Pio beim Abschied Gemellis gequält dreinblickte. So lautet der Bericht des P. Benedetto da San Marco in Lamis, wie er ihn am 16. Juli 1932 abgefaßt hat (283).

Diesem Bericht zufolge gewinnt man den Eindruck, Dr. Gemelli habe überhaupt nie eine Gelegenheit gehabt, P. Pio zu beobachten und zu untersuchen. Aber das stimmt nicht. Vielmehr wurde auf "Umwegen" folgendes bekannt: Am 6. Juni 1952 erschien in der englischen Zeitschrift "The Month" ein Artikel, in dem auch P. Gemelli eine Rolle spielte. Daraufhin nahm dieser mit P. Martindale, dem Verfasser jenes Artikels, Verbindung auf, um einige falsche Darstellungen richtigzustellen. In einem Brief an P. Martindale schreibt Gemelli unter anderem: "Ich bin von der kirchlichen Behörde - es ist nicht nötig, sie zu nennen - beauftragt worden, eine Untersuchung vorzunehmen. Ich habe dieser Behörde mehr als einmal einen Bericht übergeben. Diese kirchliche Behörde wie auch ich sind gebunden durch das Geheimnis; deshalb weiß niemand, was ich geschrieben habe, ausgenommen die Mitglieder jener Behörde. Darum sind die Meinungen, welche man mir zuschreiben will, nicht auf wirkliche Informationen gegründet. Ich habe über P. Pio bei meiner Unterredung mit Dr. Festa keine Erklärung abgegeben. Das war ganz natürlich, weil mich gebunden hat und noch bindet das Geheimnis. Ich habe ihm bloß gesagt, daß ich P. Pio untersucht habe. Die Meinung, von der Dr. Festa spricht, habe ich nie ausgesprochen, auch nicht niedergeschrieben. Das ist die Wahrheit. Seinerzeit habe ich mich über Dr. Festa beklagt und habe die vorgesetzten Behörden informiert über die Ungerechtigkeit der Behauptungen des Dr. Festa, des Argentieri und von anderen. ... Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie seine falschen Informationen richtigstellen wollten, weil es unrecht ist, mich in dieser Weise vorzustellen " (284). So schreibt Dr. Gemelli am 20. Juni 1952 an P. Martindale. Dieser antwortete am 5. Juli 1952. In einem Dankschreiben des Dr. Gemelli heißt es unter anderem: "Worauf es ankommt, ist die Frage P. Pio von Pietrelcina." Ausdrücklich betont Gemelli: "Ich habe P. Pio und seine Stigmen genau untersucht. Während dieser Untersuchung war der P. Provinzial anwesend." Weiterhin versichert Gemelli, er könne sich nicht

mehr daran erinnern, was er damals etwa dem Provinzial gegenüber gesagt habe. Über P. Pio habe er sonst bei keiner Gelegenheit gesprochen; er habe auch seine Ansicht über den Pater niemand kundgemacht, da er ja zum Stillschweigen verpflichtet sei. Erst recht habe er sich davor gehütet, Dr. Festa gegenüber über P. Pio zu sprechen. Dr. Festa habe "einen Mißbrauch begangen", als er seine Erklärungen in die Presse gegeben habe. Weiter schreibt Gemelli: "Ich habe gefragt, ob ich ihm antworten kann, und es wurde mir befohlen, Stillschweigen zu bewahren und die Sache laufen zu lassen. Ich kenne gut den Verleumdungsfeldzug, den mir diese Schreiber machen und der auf falschen Behauptungen beruht. Meine einzige Schuld besteht darin, daß ich als ärztlicher Experte gehandelt habe " (285).

Demnach steht einwandfrei fest, daß Dr. Gemelli P. Pio im Auftrag einer römischen Behörde eingehend untersucht und die Stigmen geprüft hat. Wann dies war, ist nicht bekannt geworden. Wahrscheinlich geschah dies nicht in San Giovanni Rotondo; man mußte ja jedes Aufsehen vermeiden. Daß es sich um eine eingehende Untersuchung und Beobachtung gehandelt haben muß, darauf deutet auch die Tatsache hin, daß Gemelli mehrmals Berichte an kirchliche Behörden abgegeben hat. Ihr Inhalt muß sehr ungünstig gegen P. Pio gelautet haben; sonst wäre nicht Dr. Festa gegen Gemelli aufgetreten. Dies bestätigt außerdem die Äußerung, die Luigi da Avellino im November 1932 abgegeben hat, nämlich, der Bericht, den P. Gemelli "nach vorgenommener Untersuchung, welcher P. Pio unterworfen worden sei", abgegeben habe, sei "fürchterlich" (terribile) gewesen. P. Luigi soll aber den Bericht selbst nicht gekannt haben (286).

Daß die Gutachten Gemellis gegen Pio lauteten, geht schließlich auch daraus hervor, daß die kirchliche Behörde wiederholt gegen den Pater Maßnahmen ergriffen hat, wobei zu bedenken ist, daß offenbar auch andere Kreise ihre Bedenken in der Angelegenheit vorgebracht haben. Da über P. Pio inzwischen Hunderte von Schriften seiner Verehrer veröffentlicht worden sind, wäre es nicht bloß zu begrüßen, sondern eine Notwendigkeit, daß die Gutachten Dr. Gemellis auch veröffentlicht würden, ein Wunsch freilich, der nicht erfüllt werden wird. Dr. Gemelli durfte nicht reden, weil ihn ein Eid band. Nicht einmal sich zu verteidigen wurde ihm gestattet. Man fragt mit Recht, ob es der richtige Weg ist, "die Sache laufen zu lassen", wie Dr. Gemelli bedeutet wurde. Man läßt ja schließlich die Dinge gar nicht laufen, wenn eine sehr wichtige Quelle verstopft wird. So kann man der Wahrheit nicht dienen. Wenn seit Jahrzehnten mit kirchlicher Druckerlaubnis Hunderte von Schriften zur Verherrlichung des Paters Pio herausgegeben werden, in denen nur einseitig informiert, ja nicht selten glatter Unsinn vertreten wird, dann hätte schon längst die zuständige kirchliche Behörde das Urteil Gemellis veröffentlichen müssen. Geschieht dies nicht, dann kann man nicht anders als von einer geduldeten Irreführung sprechen.

6. Maßnahmen gegen P. Pio

Die Menschen lieben Sensationen. P. Pio ist zum Sensationsfall geworden, nicht ohne Schuld seiner Vorgesetzten. Wie in ähnlichen Fällen, so wurde auch San Giovanni Rotondo zum vielbesuchten Wallfahrtsort, kaum nachdem bekannt geworden war, daß sich dort etwas "Wunderbares" ereignet hatte. In ständig wachsender Zahl erschienen von nah und fern Menschen jeden Alters und aller Berufe, "insbesondere Ärzte, Journalisten, sehr viele Kranke im Vertrauen, geheilt zu werden, unter ihnen viele Personen, die sich vom Teufel besessen wähnten und vom Dämon befreit werden wollten" (287). Im Lauf der Zeit wuchs die Zahl der Besucher mehr und mehr an; ebenso steigerte sich die Briefflut, die alltäglich im Kloster von San Giovanni Rotondo einlief. An manchen Tagen sollen aus allen Gegenden der Erde bis zu zehntausend Briefe eingelaufen sein. Es ist klar, daß der Pater diese riesige Korrespondenz nicht bewältigen konnte. Aber zu diesem Zweck wurde ihm "eine Reihe Sekretäre" zur Verfügung gestellt, welche für ihn die Arbeit verrichteten (288).

Natürlicherweise war von Anfang an die vorgesetzte kirchliche Behörde an der Sache interessiert. Nicht ohne Einfluß auf das weitere Geschehen blieben zustimmende Äußerungen kirchlicher Würdenträger, die schon ein Jahr nach der Stigmatisation des Paters einsetzten. Empfehlungsschreiben kirchlicher Behörden und Personen sicherten Pilgern eine Begegnung mit P. Pio zu. Bereits am 19. November 1919 wandte sich das Sekretariat des Kardinals Gasparri an den P. Guardian in San Giovanni Rotondo und empfahl eine gewisse Familie Rossi, die bei dem Pater beichten und kommunizieren wollte (289). Aber es dauerte auch nicht lange, bis zur Vorsicht mahnende Stimmen laut wurden. Schon im Jahr 1919 wollte der Ordensobere der Kapuziner erreichen, daß P. Pio San Giovanni verlasse und sich in ein anderes Kloster begebe. Solche Versuche, den Pater zu versetzen, wurden im Lauf der folgenden vierzehn Jahre immer wieder gemacht; es war aber unmöglich durchzugreifen, weil der Widerstand der Anhänger des Paters zu groß war; sogar weltliche Behörden setzten sich für den Pater ein. Sobald verlautete, P. Pio müsse San Giovanni Rotondo verlassen, wurden von der Bevölkerung Tag- und Nachtwachen eingeteilt, die bereit waren, eine Versetzung auch unter Anwendung von Gewalt zu verhindern. Da halfen selbst im geheimen erlassene Verordnungen nichts; sie wurden regelmäßig, offenbar durch Eingeweihte, der Öffentlichkeit bekanntgemacht (290). Ja, als 1931 das Kloster San Giovanni Rotondo einen neuen Superior erhalten sollte, ließ sich nicht einmal dies durchführen. "Alles sollte im geheimen geschehen." Aber in der Ortschaft erfuhren davon Leute außerhalb des Klosters bereits Tage vor dem Termin und in kürzester Frist wußten es alle. Sofort fanden sich viele Leute ein, die "bis zu den Zähnen bewaffnet waren", um den Konvent zu bewachen. Dauerwachen wurden eingeteilt; die ankommenden Leute mußten sich sogar eine Kontrolle gefallen lassen. Ein Klosteroberer konnte nur unter Polizeischutz Zutritt finden. Unter diesen Umständen mußte der Provinzial auf weitere Schritte verzichten.

Die ersten Maßnahmen gegen P. Pio wurden im Frühjahr 1923 vorgenommen; sie erstreckten sich dann über die folgenden Jahre hin bis 1933. "Nachdem viele Apostolische Visitationen zur Prüfung des Falles nach San Giovanni Rotondo gekommen waren, erklärte das Hl. Offizium, daß die Phänomene, die P. Pio zugeschrieben werden, nicht übernatürlichen Ursprungs seien" (291). Diese Erklärung wurde am 31. Mai 1923 veröffentlicht. Drei Monate später erhielt P. Pio zur Auflage, er dürfe künftig nicht mehr in der Öffentlichkeit die hl. Messe feiern; es wurde ihm lediglich gestattet" in der kleinen Klosterkapelle zu zelebrieren (292). Daraufhin kam es zu einem "Volksaufstand". Dreitausend Menschen drohten mit "gewaltsamen Vergeltungsaktionen". Da bekamen es die Ordensoberen mit der Angst zu tun und, gestatteten dem Pater wieder die Zelebration in der Kirche (293). Am 24. Juli 1924 wiederholte die römische Behörde die Verordnung des vorausgegangenen Jahres. Es heißt in dem Schreiben, eine vorgenommene Untersuchung der Angelegenheit habe ergeben, daß den Dingen kein übernatürlicher Charakter zukomme. Nachdem inzwischen "aus vielen und sicheren Quellen andere Informationen" eingelaufen waren, ermahnte das Hl. Offizium " neuerdings mit noch eindringlicheren Worten" die Gläubigen, sie möchten Besuche bei P. Pio unterlassen und sich jeglicher Verbindung mit ihm enthalten, auch wenn dies nur durch Briefe geschähe, die eine Verehrung des Paters zum Ausdruck brächten (294).

In weiteren Verlautbarungen 1926 und 1931 wurde betont, es werde niemand verurteilt; über die Angelegenheit wird gesagt, deren Übernatürlichkeit stehe nicht fest (non constare de eorum supernaturalitate) (295). Als im April 1931 verlautete, von Rom werde ein Oberer nach San Giovanni Rotondo gesandt, kam es zu einem Volksaufstand. Die Leute stürmten am 7. April gegen 22 Uhr das Kloster und verlangten "die unverzügliche Auslieferung" eines Paters, der als Gast im Kloster weilte und in dem die Leute einen Gegner Pios vermuteten. Von da ab wurde das Kloster vor der aufgeregten Menge Tag und Nacht bewacht (296).

Nach den vorausgegangenen Verordnungen erfolgte am 23. Mai 1931 eine schärfere Maßnahme. Nunmehr wurde P. Pio das Recht "über alle amtlichen Befugnisse" entzogen; nur die Feier der hl. Messe wurde ihm gestattet, aber bloß in der Privatkapelle innerhalb des Klosterkonvents und ohne irgendeinen Teilnehmer (297). Diese Einschränkungen galten bis 1933. Johannes Maria Höcht meint, P. Pio habe dann seine frühere Tätigkeit wieder ausüben dürfen, weil "die Untersuchung seiner außergewöhnlichen Zustände... ihre Echtheit erwiesen" habe (298). Aber um die "außergewöhnlichen Zustände" und die Frage der "Echtheit" ging es gar nicht. Es drehte sich offenbar um eine Reihe von Anklagen gegen P. Pio, die nicht berechtigt waren. Papst Pius XI. kam aufgrund von eingehenden Nachforschungen zur Überzeugung, "daß Pater Pio für Dinge bestraft wurde, die er nicht getan hatte" (299).

7. Beurteilung der Stigmatisation

Die Wundmale bei P. Pio müssen im Rahmen aller Stigmatisierten gesehen werden. Es handelt sich ja bei diesen Phänomenen keineswegs um etwas Einmaliges. Die Entstehung und Entwicklung von Wundmalen zeigt zwar bei den einzelnen Stigmatisierten ein vielgestaltiges Bild; in vielen Punkten kann man aber auch auffallend ähnlich geformte Entwicklungen feststellen. So treten die Male fast nie zu gleicher Zeit auf; sie sind vielmehr auf verschiedene Termine verteilt. Sie unterliegen auch einer fortwährenden Veränderung. Das war auch bei P. Pio der Fall. Dies läßt sich nachweisen, obwohl man von 1920 an bis 1968 lediglich auf zufällige und oberflächliche Beobachtungen angewiesen ist.

Die Stigmatisation und die einzelnen Wundmale bei P. Pio werfen eine Reihe von Fragen auf, auch abgesehen davon, daß die Berichte Abweichungen aufweisen.

Wie bei anderen Stigmatisierten fällt der Zusammenhang mit Kränklichkeit auf, insbesondere das Vorliegen von Krankheiten, die den Ärzten "unlösbare Rätsel" auferlegen. In erster Linie interessiert natürlich der Termin für die äußerlich sichtbaren Male; bei P. Pio war dies der 20. September 1918. Kurz vorher litt er an der "Spanischen Grippe". Vom 5. Juli bis zum 17. September war er bettlägerig. Als "seine Augen noch fiebernd, sein Körper geschwächt, seine Kehle wie ausgetrocknet war", in dieser Zeit erhielt er die sichtbaren Wundmale (300).

Nicht zu übersehen sind die widersprüchlichen Angaben hinsichtlich der erfolgten Stigmatisation. Bereits am 8. September 1911 gibt P. Pio an, es habe sich seit einem Jahr in seinen Handflächen "ein wenig Rot in der Größe eines Centesimo" gezeigt und "unter den Füßen" habe er "ein wenig Schmerz" gespürt. Dieses Phänomen habe sich "beinahe ein Jahr hindurch" wiederholt (301). Ja, es kehrte sogar in den folgenden Jahren bis 1918 "fast jede Woche" regelmäßig wieder (302)

Wenn P. Pio von 1910 an unter schmerzenden, zwar nicht blutenden, aber doch sichtbaren Wunden zu leiden hatte, warum wird dann behauptet, er habe erst am 20. September 1915 die unsichtbaren Wundmale" erhalten? P. Pio selber versichert zudem am 10. Oktober 1915, er habe "die Stigmen in sichtbarer Form empfangen"; zugleich betont er, "seit mehreren Jahren fast jede Woche die Dornenkrönung und Geißelung erlitten zu haben (303). Daß hierbei auch Blut vergossen wurde, soll das in San Giovanni Rotondo aufbewahrte Hemd Pios beweisen (304).

Die Mitbrüder Pios in San Giovanni Rotondo sagten aus, vom 7. September 1911 an bis zum Jahr 1918 hätten sich bei dem Pater "fast jede Woche" die Wundmale Jesu gezeigt, "welche nach ein paar Tagen" wieder verschwunden seien (305). Dem widerspricht Pio in seinem Brief vom 10. Oktober 1915. In seinem an P. Agostino gerichteten Schreiben versichert er, er habe tatsächlich "das unsagbare Geschenk" der Wundmale erhalten; die Male seien anfänglich sichtbar gewesen; er habe aber Gott gebeten, "daß er eine solche sichtbare Erscheinung" von ihm nehmen möge; seitdem seien sie "nicht mehr erschienen" (306)

Eine weitere Frage ergibt sich: Wenn P. Pio bereits im Jahr 1910 und dann wieder im Jahr 1915 mit den Wundmalen ausgezeichnet wurde, warum erfolgt dann das Phänomen im Jahr 1918 ein drittes Mal?

Wenn wir den Angaben Pios Vertrauen schenken wollen, dann hat er seiner Wundmale wegen, seien sie nun sichtbar oder unsichtbar gewesen, viele Jahre vor seiner Militärzeit fortwährend entsetzliche Schmerzen durchmachen müssen. Während seines Militärdienstes kränkelte der Pater zwar immer wieder, aber von Leiden, die von Wundmalen ausgingen, hört man in dieser Zeit nie etwas. Pio beklagte sich in dieser Periode über die Ungerechtigkeit, daß er überhaupt die Soldatenuniform tragen mußte, aber über Schmerzen seiner inneren Wunden jammert er nicht. Demnach muß man annehmen, daß er keine derartigen Schmerzen hatte, und rückblickend kann man nicht anders urteilen, als daß die "unsichtbaren Male" nie besondere Schmerzen bereitet haben. Genauso muß bezweifelt werden, ob Pios Angaben über die heftigen Schmerzen nach dem 20. September 1918 der Wirklichkeit entsprechen. Und wenn er schon Schmerzen zu erdulden gehabt hatte, er selber war es doch, der immer und immer wieder von seiner unstillbaren Sehnsucht nach Leiden gesprochen hat. Wenn schon die Stigmen eine Auszeichnung Gottes waren, dann paßt sein Klagen nicht dazu. Außerdem ist jene "geheimnisvolle Persönlichkeit", von der Pio wiederholt spricht, nicht zu verstehen, daß sie nichts anderes zu tun weiß als zu quälen und wieder zu quälen. Gott schickt nicht dienstbare Geister zu solchem Tun.

Daß P. Pio Schmerzempfindungen hatte, wird in keiner Weise bezweifelt. Worauf es aber ankommt, das ist die Frage, von welcher Ursache sie herrührten. Es waren Schmerzen, die sich Pio selbst suggeriert hat. Was Suggestion vermag, ist allgemein bekannt. Solches ist beispielsweise oft und oft zutage getreten bei den "Wunderkuren", die der im Jahr 1779 zu Pondorf a. D. verstorbene Teufelsbanner und Wunderheiler Pfarrer Johann Josef Gaßner an vielen Orten vorgenommen hat. So suchte Ende September 1775 ein Beamter den Wundermann in dem bei Amberg gelegenen Sulzbach auf, damit er ihn von seinen Martern befreie. Die Behandlung nahm folgenden Verlauf: Gaßner fragte den Beamten, was ihm fehle. Dieser antwortete, er habe "ein wenig Reißen" in den Händen. Gaßner stellte fest: "Das wird halt das Chiragra sein." Gegen diese Diagnose protestierte der Patient. Weiter fragte ihn Gaßner, was ihm sonst noch fehle. Der Gefragte erwiderte, er habe auch "ein wenig Reißen" in den Füßen. Der Pfarrer gab die Auskunft: "Das wenige Reißen wird halt das Podagra sein." "Allein der Beamte wurde ungnädig und wollte von keinem Chiragra und von keinem Podagra wissen." Nun ging der Wunderheiler zur eigentlichen Behandlung über. Er sprach, "es solle die Krankheit sich also gleich zeigen". Sofort bekam der Mann "unleidentliche Schmerzen an Wänden und Füßen. Herr Gaßner intendierte durch seine praecepta die Schmerzen so heftig, daß der Beamte jämmerlich zu schreien und zu heulen anfing". Lachend meinte der Pfarrer, wie man nur "wegen ein wenig Reißen" derart schreien könne. "Er befahl, die Schmerzen sollen noch heftiger kommen. Alsdann fing der arme Beamte um Himmelswillen um die Erlösung zu bitten an." Aber Gaßner gab zur Antwort, er wolle ihn nicht eher von seinen Schmerzen befreien, bis er öffentlich eingestehen daß er das Podagra und das Chiragra habe. Sofort rief der Gequälte "überlaut": "Ich habe das Chiragra und das Podagra." Daraufhin erteilte Gaßner den Befehl, die Schmerzen sollten weichen, und sofort ward der Patient schmerzfrei (307). Genauso wie Pfarrer Gaßner in dem Beamten durch Fremdsuggestion Schmerzempfindungen wachrief, in gleicher Weise konnte P. Pio sich selbst durch Autosuggestion Schmerzgefühle erregen. Daß diese durchaus nicht jenem Grade entsprachen, wie sie der Pater selber beurteilte, beweisen unter anderem seine Jammerbriefe, die er als Soldat geschrieben hat.

Erhebliche Bedenken erregt die Tatsache, daß P. Pio offenbar Jahre hindurch die Wundränder seiner Male mit Jod und anderer Lösung behandelt hat. Man kommt an der Frage nicht vorbei: Benötigen von Gott verliehene Stigmen eine derartige Vorsichtsmaßnahme? Muß ein Stigmatisierter seine "übernatürlichen Wunden" mit Jod vor Infektion schützen?

Wenden wir uns den Wunden selbst zu! Vor allem bei der Herzwunde fällt auf, daß sie von den Beobachtern verschieden beschrieben wird. Natürlich konnten Beobachtungsfehler vorliegen; aber so viel kann doch beispielsweise jeder sehen, ob die Wunde Kreuzesform zeigt oder nicht. Aber gerade hierin widersprechen sich die Zeugen; die Beobachter haben zu verschiedenen Zeiten verschiedene Formen vorgefunden.

Auffallend, wenn auch nicht überraschend, ist die Rückbildung der Wunden in den letzten Lebensjahren des Paters. Die Füße zeigten zunächst bloß mehr eine Art von Bluterguß; aber auch dieser ist alsdann verschwunden; nur eine gewisse Schmerzempfindlichkeit soll geblieben sein. Da wird eingewendet, Gott habe eben dem betagten Pater eine Erleichterung verschafft. Aber die Erleichterung hätte dann doch im Wegnehmen der Schmerzen bestehen müssen, nicht aber im Verschwinden der Zeichen sichtbarer göttlicher Erwählung. Auch an den Händen verschwanden in den letzten Lebensmonaten allmählich die Male; dann waren auch keine Blutkrusten mehr zu sehen. Schließlich konnte nach dem Tode des Paters nicht die geringste Spur eines Wundmales gefunden werden. Der Hinweis auf eine kleine Hautschuppe bedeutet gar nichts. Die Verehrer Pios betrachten das Verschwinden der Wundmale als ein neues, großartiges Wunder. Dabei ist die narbenlose Abheilung einer Wunde des Hautepithels ein normaler physiologischer Vorgang. Als P. Pio verstorben war, da konnte man freilich Derartiges noch nicht vernehmen, nämlich, daß Gott ein neues Wunder gewirkt habe. Es berührt geradezu peinlich, wenn der tote Pater bloß deshalb mit Strümpfen an den Füßen und Handschuhen an den Händen aufgebahrt wurde, "einen Skandal bei den Schwachen zu vermeiden", wenn andererseits das Verschwinden der Male als offensichtliches Wunder Gottes ausgelegt wird.

P. Pio war einer der Menschen, die "für Wundmale prädestiniert" sind. Mit dem Stigmatisationsproblem hat sich eingehend der Jesuitenpater Herbert Thurston beschäftigt. Er ist der Auffassung, daß das Beispiel des hl. Franziskus einen "Kreuzigungskomplex" herbeigeführt hat. "Seitdem den Beschaulichen die Überzeugung beigebracht worden, daß die Möglichkeit einer physischen Gleichförmigkeit mit dem Leiden des Herrn durch Anbringung seiner Wundmale an Händen, Füßen und Seite bestehe, da nahm in den Gemütern vieler die Idee dieser Art von Vereinigung mit ihrem göttlichen Meister Gestalt an. Es entstand in der Tat eine fromme Besessenheit, so sehr, daß bei einigen besonders empfindlichen Personen die in Geist und Gemüt aufgenommene Idee sich im Fleisch verwirklichte. ... So weit uns Berichte aufbewahrt sind über die Vorgeschichte stigmatisierter Personen, läßt sich behaupten, daß es kaum einen einzigen Fall gibt, in dem nicht eine der Stigmatisation vorangehende verwickelte Nervenstörung offensichtlich ist. ... Es ist einfach eine Frage der pathologischen Veranlagung" (308). Wieviel auf Kosten dieser Veranlagung geht und wieviel eigenes Zutun in jedem einzelnen Fall bewirken, läßt sich schwer aussagen. Daß auch P. Pio irgendwie mitgeholfen hat, darauf weisen insbesondere hin sein "Thermometerfieber" und das "Phänomen der wohlriechenden Wunden". Hier sei noch mal verwiesen auf das, was wir über die Gutachten des Prof. Dr. Gemelli wissen, und wie sich der Mailänder Kardinal Schuster über die Wundmale des P. Pio geäußert hat (309). Leuten, die mit dem Argument hausieren gehen, einem Mann wie P. Pio sei keinerlei Manipulation zuzutrauen, setzen einfach ein Axiom, um nicht weiter folgern zu müssen.

Francesco Forgione gehörte sicherlich aufgrund seiner Veranlagung zu den für die Stigmatisation Prädestinierten. Man muß berücksichtigen, daß in späteren Schilderungen manches auftaucht, was nicht mit dem tatsächlichen Geschehen übereinstimmt. Es besteht kein Zweifel, daß nicht wenig von dem, was später Über den jungen Francesco ausgesagt worden ist, zur Gattung der Legenden gehört; die Verklärung des Helden wird eben zurückdatiert. Trotzdem ist zu erkennen, daß bereits im jungen Francesco vorgezeichnet erscheint, was später zum Vorschein gekommen ist. Dazu gehört einmal seine Opfergesinnung und seine Leidensliebe. Bereits als neunjähriger Junge soll er sich mit einem Hanfseil, ja sogar mit einer eisernen Kette gegeißelt haben. Da braucht man sich doch nicht mehr zu wundern, wenn später P. Pio behauptet, "seit vielen Jahren" erdulde er auch "beinahe jede Woche die Dornenkrönung und Geißelung". Er wird auch oftmals vom Teufel geschlagen und mißhandelt, sogar mit eisernen Stangen. Andererseits ist es eine "geheimnisvolle Persönlichkeit", die ihm das Herz verwundet und andere Peinen bereitet. Man muß all das in einem Zusammenhang sehen.

Wie berichtet wird, hörte Francesco Forgione "unter dem freien Himmel von Assisi" eine "innere Stimme" zu sich sprechen: "Du wirst wie Franziskus gekreuzigt werden." Diese "Botschaft", die sich ja nur auf die Wundmale beziehen kann, nahm Francesco "begeistert" auf; in "mystischer Weise nagelte er sich selbst ans Kreuz" (310). Die "innere Stimme" kam gewiß nicht von Franziskus; aber die Szene, sei sie auch nur erfunden, zeigt an, wohin die Gedanken des jungen Francesco hinzielten.

Was sich ereignet, geschieht nicht von ungefähr. Das ist nicht anders im Leben des Paters Pio. Er kannte Vorbilder, die er nachzuahmen strebte. Bereits im Noviziat war er fast dauernd kränklich. Dort hat er die freie Zeit benutzt, "die Klassiker der Mystik Theresia von Avila und Johannes vom Kreuz zu studieren". Theresia hat "fast alle ihre Werke in Gehorsam gegen den jeweiligen Beichtvater und Seelenführer verfaßt" (311). Im Leben Pios fällt auf, wie abhängig er von seinem jeweiligen Beichtvater und Seelenführer war. Der Pater hat aber auch viel von seinen Vorbildern übernommen, sogar ihre Sprechweise. P. Ritzel bringt in seinem Buch über P. Pio Auszüge aus Schriften der Theresia von Avila, unter anderem, wie sie die eigene "Herzdurchbohrung" schildert. Das Zitat beschließt P. Ritzel mit den Sätzen: "Fast mit ähnlichen Worten und Ausdrücken berichtet P. Pio von seiner 'Herzdurchbohrung' (Transverberation). Er spricht nur nicht von einem Engel, sondern von einer 'himmlischen Persönlichkeit' (personnaggio celeste), die die Wurflanze in sein Innerstes gebohrt hat" (312).

Es liegt auf der Hand, daß P. Pio sein Vorbild kopiert hat. Genauso hat Pios Zeit und Leidensgenossin Therese Neumann von Konnersreuth gehandelt. Ihre "Visionen" sind weithin offensichtlich Anleihen bei Anna Katharina Emmerick. Das ist eine Tatsache, die sich durch einen Vergleich leicht erhärten läßt, die aber auch von dem zuständigen Ortspfarrer Josef Naber bestätigt wurde, wenn auch Therese und ihre Anhänger dies abgeleugnet haben.

Im Falle Therese Neumann hat der Ortspfarrer Josef Naber von ihrer Erkrankung an einen beständigen und bestimmenden Einfluß ausgeübt. Bei P. Pio übernahmen diese Rolle seine Beichtväter und Seelenführer, insbesondere P. Benedetto da San Marco in Lamis. Bis Ende 1922 bestand zwischen den beiden ein reger Briefwechsel, der deutlich erkennen läßt, wie sehr P. Pio von seinem Seelenführer "geführt" wurde. Wie weitgehend er von diesem abhängig war, zeigt sich unter anderem in den Briefen, die er an seine "geistlichen Kinder" geschrieben hat, wo er sein Herz ausschüttete oder heilsame Ermahnungen gab. Da machte er gerne Anleihen bei den "Briefen und Schriften" des P. Benedetto indem er oft "ganze Abschnitte daraus sich zu eigen machte" Dieser Briefwechsel erfuhr vom 2. September 1922 an eine starke Beschränkung. Dem P. Benedetto wurde von der vorgesetzten geistlichen Behörde jegliche Korrespondenz mit P. Pio untersagt (314). Die Beschränkungen erstreckten sich in der Folge bis zum Jahr 1933.

Nicht übersehen werden darf schließlich der Einfluß der großen Masse. Nachdem das "Wunder von San Giovanni Rotondo" in die Welt hinausposaunt worden war, befand sich P. Pio in einer Rolle, aus der er nicht mehr herauskommen konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Daß Wundmale nichts Wunderbares an sich haben, sondern eine durchaus im Bereich der Natur liegende Angelegenheit sind, beweisen die einzelnen Fälle der Stigmatisierten, unter denen sich nicht wenige sehr zweifelhafte Persönlichkeiten befinden. Schließlich wurde im Jahr 1949 die Stigmatisation eines nichtkatholischen, seiner eigenen Angabe nach unkirchlichen Mannes bekannt, des Arthur Moock in Hamburg. Von ihm wurde im Jahr 1949 in illustrierten Blättern berichtet: "Seit Jahren schläft Arthur Moock kaum noch. ... Unmengen Luminal zehrten ,an seinem Körper. ... Brechen die Wundmale auf, muß das schwachgewordene Herz mit starken Dosen Strophantin-Glukose vor Kollaps bewahrt werden, das ist alle vier Wochen. ... Erst nach Austritt des Blutes wird ihm leichter. Seit 1933 trägt der nichtkatholische Hamburger (von Beruf Prokurist) die Wundmale. Sie finden sich bei ihm an den Händen und Füßen und an der Seite. Auch die Male der Dornenkrönung und ein stigmatisiertes Kreuz auf der Stirne treten auf. Dabei hat Moock anscheinend innere Erleuchtungen (Visionen?). Er sieht Christus mit einem Buch auf sich zukommen, der mit ihm redet und ihm Mut zuspricht. Das Eigenartige an diesem Fall ist, daß es sich bei Moock um einen keineswegs religiösen Mann im kirchlichen Sinn handelt. ... Auffallend ist, daß ihn lange Jahre der Stigmatisation Gott nicht nähergebracht und keine Erneuerung und Steigerung der Frömmigkeit verursacht haben. ... Er hat nur einen Wunsch, wieder gesund zu werden.... Es scheint aber keinem der Ärzte zu gelingen, die Wunden zum Heilen und Vernarben zu bringen" (315) Außer Arthur Moock kennen wir noch einen anderen außerkatholischen Fall von Stigmenbildung. Hier wurden die Stigmen allein durch Fremdsuggestion hervorgebracht. Es handelt sich um die Versuche, die Dr. Alfred Lechler mit einer Dame angestellt hat. Diese bekam an Wänden und Füßen Wundmale, entsprechend der durch den Arzt suggerierten Vorstellungen (316).

Viele Ähnlichkeiten und Parallelen mit dem Leben stigmatisierter Personen finden wir bei einer von der Kirche als Heilige verehrten Person, die man als "verhinderte Stigmatisierte" bezeichnen könnte, nämlich Margareta Maria Alacoque. Ihr ganzes Leben erscheint von Leiden geprägt. Von Jugend auf litt sie unter ihren unerklärlichen Krankheiten, aus denen sie immer wieder plötzlich genas. Der Heiland ließ "am Leibe seiner Dienerin fast kein Glied ohne Leid". Die heftigsten Schmerzen kamen von unsichtbaren Wunden. Sie litt "an einem Schmerz an der Seite, um die durchbohrte Seite ihres Erlösers zu ehren"; sie wurde auch "des Vorzugs gewürdigt, seine Dornenkrönung durch ganz besondere Schmerzen am Kopfe verehren zu dürfen" (317). Ende 1678 verwundete sie sich schließlich selbst. "Jesus verlangte von ihr, sie solle zu seinen Gunsten ein schriftliches Testament machen, nämlich eine vollständige, rückhaltslose Schenkung aller ihrer Handlungen und Leiden sowie aller Gebete und geistigen Güter, die man ihr sowohl zu ihren Lebzeiten als nach ihrem Tod zuwenden würde. Der göttliche Meister bestand darauf, daß die Sache ordnungsgemäß abgemacht werde." Dies geschah dann auch. Am 31. Dezember 1678 unterschrieb Margareta Maria die feierlich formulierte Urkunde auf Befehl Jesu mit ihrem eigenen Blut. Sie schildert den Vorgang selber: "Dann unterzeichnete ich sie, indem ich mir mit einem Federmesser den heiligen Namen Jesu einritzte." Über diese selbstbeigebrachte Wunde heißt es: "Als die Schwester Margareta Maria im Herbst 1679 bemerkte, daß die Verletzung, die sie sich durch Einritzen des Namens Jesu auf der Brust zugezogen hatte, sich allmählich vermischte, versuchte sie, in immer heftigerer Liebe zu ihrem Gott erglühend, die Spuren mit einer brennenden Kerze wieder aufzufrischen. Der Erfolg ging jedoch über ihre Absicht hinaus; es bildeten sich Wunden. Am Vorabend ihrer heiligen Exerzitien sah sich die arme Schwester genötigt, ihrer Oberin die Sache mitzuteilen. Mutter Greyié antwortete, sie wolle für ein Heilmittel sorgen, um jeder Gefahr vorzubeugen."

Aber Jesus heilte auf die Bitten der Margareta Maria hin die Wunde auf wunderbare Weise (318).

Offenbar reichte es bei Margareta Maria Alacoque trotz einer entsprechenden Anlage nicht zu einer wirklichen Stigmatisation. Die Angabe, daß Christus ihr befohlen habe, die Urkunde mit ihrem eigenen Blute zu unterschreiben, ist genauso zu beurteilen wie die Märchen, die von ähnlichen Dingen bei Teufelspakten sprechen. Aus dem Bericht, daß sich nach mehr als neun Monaten ein allmähliches Verwischen der Verletzung zeigte und daß Margareta Maria dann mit einer brennenden Kerze nachgeholfen hat, geht hervor, daß sie auch vorher schon die Wunde künstlich unterhalten hat; denn oberflächliche Wunden heilen sehr rasch ab. Hätte Alacoque nicht selber das Entstehen ihrer Brustwunde erklärt, dann würde sie wohl in der Reihe der Stigmatisierten mitmarschieren.


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Letzte Änderung: 20. August 1997