Der stigmatisierte Pater Pio von Pietrelcina

IV. Mystische Offenbarungen

Wenn P. Ritzel in seinem Buch über P. Pio über das "Außergewöhnliche im eigentlichen Sinne im Leben Pater Pios" spricht, meint er "jene mystischen Begleiterscheinungen, die nun wirklich ins Außerordentliche im eigentlichen Sinn zu verweisen sind." Dann zählt er auf: "Visionen oder Schauungen, Ansprachen von Gott und seinen Heiligen, Miterleben und Miterleiden des Leidens Christi, Stigmatisation, was ihre Ausformung im Körperlich-Leibhaften betrifft, vertrauter Umgang mit dem Schutzengel, teuflische Anfechtungen, die ebenso handgreiflich erlebt werden." "Von alldem", sagt Ritzel, "berichtet P. Pio in seinen Briefen mit großer Selbstverständlichkeit. Ekstatische Aufschwünge, die sich beim Abklingen auch in Schauungen und Ansprachen brechen, sind oft eingeleitet und gefolgt von massiven Teufelsbelästigungen, die ein gottgeschenktes oder von Gott zugelassenes Gegengewicht zu den ekstatischen Erhebungen auf dem außergewöhnlich passiven Weg darstellen. Zu diesen außergewöhnlichen mystischen Begleiterscheinungen kommt beim Pater Pio noch die Fülle des Charismatischen, all jener Dienstgnaden, die nicht zur eigenen Heiligung geschenkt sind, sondern zur leichteren und wirksameren Durchführung des gottgeschenkten Auftrags, das Volk Gottes zu heiligen. Ich nenne hier nur die Gabe der Herzensschau, der Bilokation, der Krankenheilung, des Beistandes in der Todesstunde, des außerordentlichen Duftes, der vielen ein Zeichen seiner Gegenwart, seiner Mahnung und Ermunterung vermitteln durfte. Durch diese Fülle des Außerordentlichen und Wunderbaren wollte Gott seinen Erwählten auf den Leuchter stellen, ihn als seinen Gesandten beglaubigen, seine existenzielle Predigt der Liebe und des Kreuzes noch wirksamer machen, seinem Apostolat weltweite Ausmaße geben" (144) . Nach all dem, was P. Ritzel andeutet, muß es sich bei P. Pio um mehr als einen Mystiker erster Ordnung handeln.

1. Visionen

P. Pio wurde in seinem Leben als Ordensmann regelmäßig durch Visionen ausgezeichnet. Im Briefverkehr mit seinen Seelenführern ist die Rede von häufigen Ekstasen oder Verzückungen, "von Visionen und Offenbarungen bezüglich Gott, der göttlichen Vollkommenheiten, bezüglich des Gottesgeheimnisses". Er spricht in seinen Briefen auch von "visionärer Schau des Lebens und Leidens Christi, von Visionen der Muttergottes, der heiligen Engel, besonders seines Schutzengels und einigemal auch der Heiligen" (145).

Francesco Forgione trug sich bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Gedanken, sich für immer dem Herrn "in einem Stand der Ganzhingabe" zu weihen. Damals setzten auch bereits "Ekstasen und Erscheinungen" ein, die von da an zur Gewohnheit wurden (146). Er sprach jedoch, wie es heißt, darüber mit keinem Menschen auch nur ein Wort. Allerdings fragte er "oftmals" andere: "Siehst du nicht die Madonna, siehst du nicht die Engel um den Altar herum?" (147). Demnach müßte Francesco Maria und die Engel tatsächlich gesehen haben; er müßte zudem der Meinung gewesen sein, auch andere würden solche Dinge schauen. Bis 1915 ließ er angeblich von seinen Geheimnissen nichts verlauten. Erst in dieser Zeit kam man auf irgendeine Weise doch darauf. Als er nun gefragt wurde, warum er bisher darüber geschwiegen habe, gab er "treuherzig" zur Antwort, er habe das für "gewöhnliche Sachen gehalten, die sich bei allen ereigneten". Einmal sprach er zu seinem Mitbruder P. Agostino: "Und du siehst die Madonna nicht?" Als der Gefragte versicherte, sie nicht zu sehen, erwiderte P. Pio ungläubig: "Du sagst das nur in deiner heiligen Demut" (148). P. Pio bezeichnet damit eine von ihm vermutete Lüge als Ausdruck von Demut! Die Berichte sind offensichtlich widersprüchlich. Einerseits soll P. Pio von früher Kindheit an "Ekstasen und Erscheinungen" gehabt haben, über die er jahrzehntelang strengstes Stillschweigen gewahrt hat; andererseits soll er "oftmals" andere gefragt haben, ob sie nicht auch wie er selber Muttergottes- und Engelerscheinungen hätten. Es ist unglaubhaft, daß P. Pio fünf Jahre nach dem Empfang der Priesterweihe erstmals über seine Geheimnisse geplaudert hat, wenn zugleich gesagt wird, er habe schon längst vorher "oftmals" darüber gesprochen und er sei der Auffassung gewesen, daß solche Dinge zu den Alltagserlebnissen aller Menschen gehörten.

Als eines Tages Francesco Forgione über seinen späteren Beruf nachdachte und "den Entschluß erwog, der Welt Lebewohl zu sagen, um sich Gott in einem heiligen Raume zu weihen, wurde er plötzlich hinweggerissen und gewürdigt, mit geistigem Auge Gegenstände zu bewundern, die von denen verschieden sind, die man mit irdischen Augen sieht. Er sieht an seiner Seite einen ,majestätischen Mann mit seltener Schönheit, leuchtend wie die Sonne". Dieser, es war offenbar Jesus selber, nimmt ihn bei der Hand und Francesco hört ihn sprechen: "Komm mit mir; denn du mußt mit einem tapferen Krieger kämpfen." Dann führte Jesus Francesco auf ein weites Feld. Dort befand sich eine große Gruppe von Menschen, die in zwei Abteilungen eingeteilt waren. Auf der einen Seite standen "Menschen in weißen Kleidern mit einem sehr schönen Gesicht" (149)

Besonders zahlreich waren die übernatürlichen Visionen von der Zeit an, als Francesco Forgione Novize bei den Kapuzinern war. Für gewöhnlich erschienen ihm Jesus, Maria und der Schutzengel (150). Offenbar aufgrund einer persönlichen Mitteilung berichtet P. Benedetto, P. Pio habe wiederholt Visionen gehabt von der Passion Jesu, von der Hl. Familie, von Jesus und Maria, "die sich liebkosten", von Jesus, "der sich als Kind vergnügte", und wie sich Jesus, Maria und Josef einander ihre gegenseitige herzliche Zuneigung bekundeten; ja Pio wußte sogar "das Spielzeug des Jesusknaben" (151)zu benennen

Wir haben gehört, daß bei P. Pio bereits im Alter von fünf Jahren "Visionen und Ekstasen" einsetzten. Später wurde er einmal von seinem Mitbruder P. Agostino gefragt, seit welcher Zeit er "Visionen Jesu" habe. Pio gab die Antwort in einem Brief; sie lautet: "Nicht lange nach dem Noviziat" (152) . Da muß sich aber der Pater geirrt haben; denn er erzählt ja auch, und zwar nicht bloß einmal, wie ihm Jesus bereits lange vor seinem Ordenseintritt erschienen sei.

Ohne Zweifel hat P. Pio viele Anregungen für seine "Visionen" und sonstigen "mystischen Erscheinungen" durch sein Studium erlangt, wozu dann noch eine entsprechende Veranlagung kam. Bereits in den Jahren vor seiner Priesterweihe stellte sich eine sonderbare Kränklichkeit ein, so daß er zur Erholung in seinen Heimatort geschickt wurde. In dieser Zeit "studierte" er "die spanischen Klassiker der Mystik; er studierte sie und durfte sie immer mehr selbst erfahrene" (153). Er hat diese spanischen Mystiker so eingehend studiert, daß er in seinen Briefen" fast wörtlich die Ausführungen des mystischen Kirchenlehrers Johannes vom Kreuz" zitierte (154). P. Pio hat ohne Zweifel nicht bloß zitiert, sondern auch ausgiebig kopiert.

2. Manifestationen

Von frühester Jugend an wurde Francesco Forgione durch Visionen ausgezeichnet. Aber er hatte nicht bloß Schauungen; oft hörte er auch Stimmen aus dem Jenseits, erhielt er "Offenbarungen über sein eigenes Leben, seine Seele und die Seele anderer" (155). Ja noch mehr, er hörte nicht bloß Jesus und Maria sprechen; sie offenbarten sich ihm auch durch wirkliche Erscheinungen. Das begann bereits in seinem Kindesalter. Als er ungefähr fünf Jahre alt war, machte er in seiner Heimatkirche einen Besuch. Plötzlich erblickte er beim Hochaltar Jesus, der ihm zuwinkte und zu erkennen gab, er solle sich zum Altar begeben; dort legte Jesus seine Hände auf den Kopf des Buben und bestätigte durch diese Geste, er "nehme an und bekräftige das Angebot seiner Weihung" (156). Der Himmel" selber, sagt Patri, stellte dem kleinen Francesco "die Gestalt Jesu vor Augen". Eine "innere, vom Geist eingegebene Stimme" sagte zu ihm: "Nimm dir als Maß den menschgewordenen Herrn zum Vorbild!" "Unter dem Himmel von Assisi" hörte Francesco eine "klare Stimme" zu ihm sprechen: "Du wirst wie Franziskus gekreuzigt werden!" Diese Botschaft nahm der Junge "begeistert" auf; "mystischer Weise nagelte er sich selbst ans Kreuz" (157).

Fünf Tage bevor Francesco im Kloster Aufnahme fand, erschien ihm Christus und verhieß ihm, wie bereits früher, seine Hilfe "im Kampf gegen die bösen Feinde" (158). In der letzten Nacht, die Francesco in seinem Elternhaus verbrachte, also am 5. Januar 1903, "kam der Herr und stärkte ihn mit einer Vision". Er sah Jesus und Maria "ganz in ihrer Herrlichkeit". Diese "ermutigten" ihn und versicherten ihm "ihre Vorliebe". Schließlich legte ihm Jesus "eine Hand auf den Kopf" (159) .

P. Raffaele erzählt ein gar wundersames persönliches Erlebnis. Einmal stand er um Mitternacht auf; der dunkle Gang war durch eine Petroleumlampe nur spärlich beleuchtet. Da kehrte P. Pio gerade vom Chor zurück, wo er gebetet hatte. Der Pater war ganz in Licht gehüllt; er trug den Jesusknaben auf den Armen; langsamen Schrittes ging er dahin und murmelte Gebete. Er ging vor Raffaele einher, die ganze Gestalt in strahlendes Licht getaucht, ohne daß er seinen Mitbruder bemerkte (160) - Was hat wohl P. Raffaele zur mitternächtlichen Stunde wirklich gesehen? Vielleicht hat Pio tatsächlich das Jesuskind auf den Armen getragen, das natürlich bloß aus Kunststoff angefertigt war. Bei der Weihnachtsfeier pflegte er die Figur zur Krippe zu tragen. Ein veröffentlichtes Bild zeigt ihn bei dieser Gelegenheit an Weihnachten 1959 (161) . Nicht bloß Pater Pio hat das Jesuskind auf den Armen getragen; das wird von anderen Mystikern auch erzählt. Wahrscheinlich haben sie sich ihr Motiv von dem kitschigen Bild entlehnt, das den hl. Antonius von Padua als lächelnden Jüngling im Franziskanerhabit darstellt, wie er das Jesuskind auf den Armen trägt. Davon hat offenbar Margareta Maria Alacoque die Anregung für eine ihrer "Visionen" erhalten. Während sie ihre Privatexerzitien machte, erschien ihr "die allerseligste Jungfrau mit ihrem süßen Kinde". Maria legte ihr das Kind in die Arme und sprach: "Da sieh ihn, der dich lehren wird, was du tun sollest!" Alacoque erzählt dann: "ich fühlte mich von einem unwiderstehlichen Verlangen gedrängt, das göttliche Kind zu liebkosen, und es ließ mich gewähren, so lange ich wollte, und als ich davon ganz müde geworden war, sagte es zu mir: 'Bist du jetzt zufrieden? Das merke dir für immer; denn ich will, daß du dich mir so hingibst, wie ich mich jetzt dir überlassen habe. Ob ich dich liebkose oder mit Härte behandle, so sollst du keine andere Regung aufkommen lassen, als die ich dir geben werde"' (162). Auch Anna Katharina Emmerick behauptet, daß sie das Jesuskind buchstäblich auf den Armen habe tragen dürfen. Eines Tages trat zu ihr, die schwerkrank im Bette lag, die Mutter Gottes mit dem Jesuskind. Sie gab ihr "ihr Kindlein eine Zeitlang in die Arme", was die Kranke ungemein erquickte (163). Daß auch Therese Neumann von Konnersreuth ähnliche Erlebnisse gehabt haben will, verwundert nicht, da sie ja über Anna Katharina Emmerick sehr eingehend informiert war (164)

Von Zeit zu Zeit wandte sich Jesus zu P. Pio und redete ihn an. Welche bedeutenden Botschaften verkündete ihm da der Herr? Im Jahre 1913 berichtete Pio, Christus sei ihm erschienen und habe also zu ihm gesprochen: "Mein Sohn, unterlaß es nicht, das aufzuschreiben, was du heute aus meinem Munde hörst, damit du es nicht vergaßest. Ich bin treu, keine Seele geht verloren, ohne es zu wissen. Das Licht ist völlig verschieden von der Finsternis. Die Seele, zu der ich zu sprechen pflege, ziehe ich immer an mich; aber der Dämon will sie von mir entfernen. Ich flöße niemals einer Seele Gedanken des Schreckens ein, die sie von mir entfernen; der Dämon jagt der Seele niemals Angst ein, die sie anreizt, sich mir wieder zu nähern. Die Furcht, welche die Seele zu gewissen Lebenszeiten hinsichtlich ihres ewigen Heiles fühlt, dient, wenn sie mich als Ursache hat, dem Frieden und der Heiterkeit der Seele" (165) In Anbetracht dieses naiven Gefasels, das P. Pio als "Ansprache Jesu" ausgibt, könnte man fragen: War der Inhalt wirklich so wertvoll, daß Jesus die Niederschrift befehlen mußte? Hat nicht P. Pio als eine Seele, "zu der Jesus zu sprechen pflegte", mit der Niederschrift der erhaltenen "Botschaft" sich selbst Weihrauch streuen wollen?

Im Jahr 1913 ist Christus dem Pater noch ein weiteres Mal erschienen, wobei er dem Angeredeten in tieftrauriger Stimmung eine tieftraurige Mitteilung machte. P. Pio schreibt: "Am Freitagmorgen befand ich mich im Bett, als mir Jesus erschien. Er war ganz übel zugerichtet und entstellt. Er zeigte mir eine große Menge von Ordens- und Weltpriestern, darunter verschiedene kirchliche Würdenträger. Die einen zelebrierten gerade, die anderen bereiteten sich auf die hl. Messe vor, wieder andere zogen gerade die heiligen Gewänder aus. Jesus so in Ängsten zu sehen, bereitete mir große Qual. Ich wollte ihn deshalb fragen, warum er so leide. Doch bekam ich keine Antwort. Sein Blick richtete sich jedoch auf jene Priester; aber ein wenig später, gleichsam entsetzt und des Schauens müde, zog er seinen Blick zurück und wandte ihn mir zu, was mir großen Schrecken verursachte. Dabei bemerkte ich, wie ihm zwei Tränen über die Wangen rollten. Er entfernte sich von dieser großen Schar der Priester mit einem starken Ausdruck des Mißfallens auf seinem Antlitz und schrie: 'Schlächter!' Dann wandte er sich wieder an mich und sagte: 'Mein Sohn, glaube nicht, daß meine Todesangst nur drei Stunden gedauert hat, nein. Durch diese von mir mit Wohltaten überhäuften Seelen werde ich bis zum Ende der Welt in Todesangst sein. Während der Zeit meiner Todesangst darf man nicht schlafen. Meine Seele geht auf die Suche nach ein paar Tropfen Mitleid; aber ach, sie lassen mich allein unter dem Gewicht der Gleichgültigkeit. Die Undankbarkeit und der Schlaf meiner Diener machen mir die Todesangst noch drückender. Ach, wie schlecht erwidern sie meine Liebe! Was mich noch mehr betrübt, ist, daß sie zu ihrer Gleichgültigkeit noch die Verachtung und den Unglauben hinzufügen. Wieviele Male war ich drauf und dran, sie zusammenzudonnern, wäre ich nicht von den Engeln und von den mich liebenden Seelen zurückgehalten worden" (166) Fürwahr, eine traurige Angelegenheit! Da täglich solche "Schlächter" weiterleben, ohne daß sie Jesus "zusammendonnert", weil er "von den Engeln und den Jesus liebenden Seelen zurückgehalten wird, müßte Jesus demnach andauernd "in Ängsten, übel zugerichtet und entstellt sein", müßte täglich, ja ununterbrochen Tränen vergießen und sich ständig in "Todesangst" befinden. Kann man sich so Christus in göttlicher Herrlichkeit vorstellen?

Es ist eine falsche, ja völlig unsinnige Auffassung, daß Christus bis ans Ende der Zeiten von Qual und Todesangst gepeinigt werden könne. P. Pio hätte doch als Theologe wissen müssen, was keinem Christen unbekannt sein darf, daß Christus nicht mehr leidet. Ebenso töricht ist die Ansicht, Christus brauche die Fürsprache der "Engel und der ihn liebenden Seelen" zur Besänftigung seines Zornes. Die ganze Szene und die Worte, die Christus in den Mund gelegt werden, tragen nicht eine übernatürliche Handschrift; sie entsprangen einzig und allein der Gedankenwelt des Paters Pio. Er mag im Augenblick eines "gehobenen Zustandes" geglaubt haben, Christus zu schauen und zu hören. Der Grundtenor der "visionären Offenbarung" entspricht jedoch ganz seiner depressiven Verstimmung und psychotischen Angst. Er hat seine Emotionen auf die visionäre Figur des Heilandes übertragen. Wenn man dies berücksichtigt, lassen sich die "tieftraurigen Mitteilungen und Tränen" des Heilandes verstehen.

Ähnlich wie das erwähnte lautet ein anderes Klagelied, das P. Pio aus dem Munde des weinenden Jesus anhören mußte: "Mit welcher Undankbarkeit wird von den Menschen meine Liebe heimgezahlt! Ich wäre weniger beleidigt von jenen, wenn ich sie weniger geliebt hätte. Mein Vater will sie nicht mehr ertragen. Ich möchte aufhören, sie zu lieben, aber (und da schwieg Jesus und seufzte, dann fuhr er fort), aber ach, mein Herz ist da zum Lieben. Die feigen und trägen Menschen tun sich keine Gewalt an, um sich in den Versuchungen zu überwinden, sie erfreuen sich sogar in ihren Bosheiten. Die von mir mit Vorzug geliebten Seelen versagen in der Prüfung, die Schwachen überlassen sich der Verwirrung und der Verzweiflung, die Starken erschlaffen nach und nach. ... Sie kümmern sich nicht mehr um das Altarsakrament. Man redet nie von diesem Sakrament der Liebe und auch jene, die davon reden, ach, mit welcher Gleichgültigkeit, mit welcher Kälte! Mein Herz ist vergessen. Niemand kümmert sich um meine Liebe. Ich bin immer betrübt. Mein Haus ist für viele zum Unterhaltungstheater geworden. Auch meine Diener, die ich immer mit besonderer Liebe betrachtet und geliebt habe wie die Pupille meines Auges, sie, die mein Herz voller Bitterkeit trösten müßten, sie, die mir beim Werk der Seelenrettung helfen müßten, wer würde es hingegen glauben, daß ich gerade von ihnen Undankbarkeiten und Unaufmerksamkeiten empfangen muß? Ich sehe, mein Sohn, viele unter ihnen (hier wurde er still, das Schluchzen schnürte ihm die Seele zu, er weinte dann heimlich), die unter heuchlerischem Schein mich verraten durch gotteslästerliche Kommunionen, indem sie die Erleuchtungen und Stärkungen, die ich ihnen fortwährend gebe, mit Füßen treten" (167) - Der Erfinder dieser Szene mit dem weinenden und schluchzenden Jesus ist kein anderer als P. Pio.

Einmal erhielt der Pater folgende "Offenbarung": "Mein Sohn, ich brauche Opfer, um den gerechten Zorn meines Vaters zu besänftigen; erneuere mir die völlige Hingabe deiner selbst und tue das ohne irgendwelchen Vorbehalt!" (168)

Am 25. Mai 1915 ist Italien gegen Deutschland und die Donaumonarchie in den Krieg eingetreten. Einen Monat vorher, am Morgen des 21. April, erschien Jesus dem Pater und sprach: "Italien, meine Tochter, hat nicht die Stimme der Liebe hören wollen, Du weißt inzwischen, daß ich seit geraumer Zeit den Arm meines Vaters zurückhalte, der seine Blitze auf diese ehebrecherische Tochter schleudern will. Man hatte gehofft, daß sie das Unglück anderer hätte in sich gehen lassen, daß sie rechtzeitig ihr Miserere angestimmt hätte. Sie hat nicht einmal diese letzte Frist zu schätzen gewußt und sie ist nun so weit, daß vor mir ihre Sünde noch verabscheuungswürdiger geworden ist. Auch für sie ist sicherlich jenes Los aufbewahrt, das ihren Mitschwestern beschieden ist" (169) - Aus den Worten Pios spricht die Angst vor dem bevorstehenden Kriegseintritt Italiens, mußte er doch damit rechnen, selber zum Militärdienst eingezogen zu werden.

Oft geschah es, daß P. Pio urplötzlich von Ekstasen gleichsam überfallen wurde; ganz unvermittelt war er "abwesend und verklärt". Ganz gleich, wo er sich befindet, es "erfaßt" ihn ganz unerwartet. Eine seiner "geistlichen Töchter" war gerade beim Beichten. Plötzlich unterbrach sie der Pater und sprach: "Sei still!" Es schien, "als ob er lausche". "Sein Gesicht war völlig verändert, schien jedoch nicht tot." Geduldig blieb die Dame knien. "Schließlich, nach einiger Zeit stieß P. Pio einen heftigen Seufzer aus, murmelte einige Worte, beugte sich

zum Türchen des Beichtstuhls und die Beichte nahm ihren Fort gang " (170). Ob er eine Vision hatte oder ob jemand zu ihm gesprochen hat, das hat er nicht verraten.

Derartige "Erscheinungen" haben nicht das geringste mit einem übernatürlichen Ereignis zu tun. Es handelt sich um Dichtungen oder Phantasien, ähnlich wie beim folgenden "Erlebnis" des Francesco Forgione, das er hatte, als er die Volksschule besuchte. Als er einmal, so wird erzählt, auf dem Heimweg das Elternhaus betreten wollte, traf er auf der Schwelle des Hauses einen Mann in Priesterkleidern, der ihn am Weitergehen hinderte. Da erschien plötzlich ein barfüßiges Knäblein und machte das Kreuzzeichen; sofort verschwand der Priester und "Francesco trat heiter in das Haus" (171). Daß so etwas in das Reich der Fabeleien gehört, ist offenkundig. Fraglich bleibt nur, ob P. Pio bereits in seinen Kindheitsjahren wirklich solche Phantasiebilder schaute oder ob sie erst später erfunden wurden, wie es beispielsweise Therese Neumann von Konnersreuth gemacht hat (172)

Im Hinblick auf Visionen, Manifestationen und ähnliche Dinge ist äußerste Vorsicht am Platze. So etwas wird von allen Religionen berichtet; schon allein dies verpflichtet zu kritischer Einstellung. Außerdem muß der Inhalt solcher Schauungen ganz genau durchleuchtet werden. Darauf wird leider nur allzu oft verzichtet. Betrachten wir einmal unter diesem Gesichtspunkt als Beispiel einige "Ansprachen", die Margareta Maria Alacoque (1647-1690) durch Jesus erhalten haben will! In einer Art von Selbstbiographie hat sie die ihr gewährten "Offenbarungen" der Nachwelt überliefert. Im Alter von 25 Jahren hat sich ihr göttlicher Meister" mit ihr "huldreich vermählt". Damals versprach er seiner "Braut". "Sei immer bereit und gefaßt, mich zu empfangen; denn von nun an will ich Wohnung in dir nehmen, um mit dir zu verkehren und zu reden" (173). Am 27. Dezember 1673 erklärte Jesus seiner "vielgeliebten Jüngerin seines Herzens": "Mein göttliches Herz ist von leidenschaftlicher Liebe zu den Menschen und besonders zu dir erfüllt, daß es die Flamme seiner feurigen Liebe nicht länger in sich zu verschließen vermag. Durch seine Vermittlung will ich sie ausströmen und auch den Menschen kundtun, um sie mit den kostbaren Schätzen, die ich dir entdecke, zu bereichern" (174)

In Worten, die Margareta Maria Alacoque Jesus in den Mund legt, spendet sie in Wirklichkeit sich selbst Lob und Dank. Zunächst klagt er über die schlechten und undankbaren Menschen, die "nur Kaltsinn und Zurückweisung" für seinen "Eifer, ihnen ,wohlzutun", übrig hätten; dann fordert er sie auf: "Gib du wenigstens mir Trost, ihren Undank nach Kräften gutzumachen!" Danach fragt sie der Herr: "Meine Tochter, willst du mir wohl dein Herz schenken, um meine leidende, von der Welt verachtete Liebe darin ausruhen zu lassen? Weißt du wohl, warum ich dir meine Gnaden in so überreichem Maße zuteil werden lasse? Es geschieht, um aus dir ein Heiligtum zu machen, in dem das Feuer meiner Liebe ständig brennt. Dein Herz ist wie ein geheiligter Altar, den nichts Unreines berühren darf. Ich habe ihn erwählt, um meinem ewigen Vater darauf Brandopfer darzubringen" (175) .

Als Margareta Maria Alacoque am 31. Dezember 1678 auf Jesu Aufforderung hin ihr "Testament" mit ihrem eigenen Blute unterzeichnet hatte, sprach der Herr: "Ich setze dich zur Erbin meines Herzens und aller seiner Schätze ein, damit du nach deinem Belieben darüber verfügest, und verspreche dir, daß es dir nur dann an Hilfe fehlen wird, wenn es meinem Herzen an Macht gebrechen sollte. Du wirst für immer seine vielgeliebte Jüngerin, der Spielball seines Wohlgefallens und das Brandopfer seines Willens sein. Er wird alle deine Fehler wieder gutmachen und alle deine Verpflichtungen auf sich nehmen" (176). - Es ist ausgeschlossen, daß solche Worte vom Sohne Gottes zu Margareta Maria Alacoque gesprochen worden sind.

Am 30. Mai 1680 will sie die sie auszeichnende Botschaft Jesu vernommen haben: "Liebe Tochter, ich habe mir deine Seele zu einem Himmel voll Ruhe auf dieser Welt erwählt, und dein Herz wird ein Thron der Wonne für meine göttliche Liebe sein" (177). Im Jahr 1681 machte sie trotz eines heftigen Fiebers ihre gewohnten Exerzitien. "Kaum war sie in ihrer Zelle mit Jesus allein, als er ihr erschien. Er fand sie auf der Erde liegend, ganz erstarrt vor Schmerz und Kälte. Unter tausend Liebkosungen hieß er sie aufstehen und sagte ihr: 'Endlich bist du einmal ganz mein und ganz meiner Obhut anvertraut; darum will ich dich denen, die dich meinen Händen krank übergeben haben, gesund zurückgeben"'. Kaum hatte Jesus diese Worte gesprochen, da war sie schon gesund. Dann schildert Margareta Maria wieder, wie sie "mit fortwährenden Gnadenbezeigungen, Liebkosungen und Vertraulichkeiten des lieben Heilandes, der allerseligsten Jungfrau, ihres heiligen Schutzengels und ihres heiligen Vaters Franz von Sales überhäuft wurde" (178)

Bei solchem Liebesgeschwätz kann man doch nicht von tatsächlichen Begebenheiten sprechen; im günstigsten Fall handelt es sich um bloße Halluzinationen; richtiger aber muß man auf zusammenphantasierte Geschichtchen erkennen, an die möglicherweise die Märchenerzählerin selber geglaubt hat. Letzten Endes muß man solche Phänomene als eine Ausdrucksform von Autoerotik bezeichnen.


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Letzte Änderung: 19. August 1997