Der stigmatisierte Pater Pio von Pietrelcina

III. Frömmigkeitsleben

1. Gebetsleben

P. Pio hat sich in seiner Kindheit sicherlich nicht wesentlich von seinen Altersgenossen unterschieden. Zwar versichert er selber, er habe bereits im fünften Lebensjahr dem hl. Franziskus von Assisi Treue gelobt (55), aber dem ist nicht viel Bedeutung beizumessen. So etwas ist nicht anders zu bewerten als Träume und Zukunftspläne anderer Kinder in entsprechendem Alter.

Über das Gebetsleben Pios heißt es in einer 1972 veröffentlichten Schrift: "Von seinem Gebetsleben wissen wir nichts. Auch dies ist einer der Fälle, bei denen sich P. Pio in sein Schweigen eingeschlossen hat" (56). Der Verfasser übertreibt. Beispielsweise kann man doch wenigstens ungefähr nachweisen, welche Tagesordnung der Pater einzuhalten pflegte oder wieviel Zeit er dem Gottesdienst und privater Andacht gewidmet hat. Auch die Angabe, der Pater habe "jeden Tag verschiedene Stunden dem betrachtenden Gebet gewidmet", sagt etwas über sein Gebetsleben aus (57).

Besonders viel freie Zeit stand dem Pater zur Verfügung in den Jahren, da ihm jegliche Tätigkeit in der Öffentlichkeit verboten war. Am 26. Juli 1931 hatte sein Tagewerk folgende Ordnung: Die Feier der hl. Messe nahm im allgemeinen mit Vorbereitung und Danksagung etwa vier Stunden in Anspruch. Nach der Danksagung betete P. Pio eine Stunde im Chor. Anschließend begab er sich in die Bibliothek "zum Studium und zur Lektüre". Nach der Vesper folgte eine Stunde Gebet; hernach widmete er sich der Lektüre. Darauf folgten zwei Stunden innerliches Gebet im Chor. Sehr spät ging er gewöhnlich zu Bett.

Am 1. September 1933, also in der Zeit, da die harten Maßnahmen gegen ihn wieder außer Kraft gesetzt waren, feierte Pio um 7.30 Uhr die hl. Messe. Die Austeilung der hl. Kommunion dauerte drei Viertelstunden; nach der Messe hielt er "1 bis 2 Stunden" Danksagung. Die Vesper betete er mit den übrigen Brüdern; dann folgte im Chor eine Stunde Meditation; "das gleiche" tat P. Pio am Abend. "In der übrigen Tageszeit" las er Bücher (58)

Wie erwähnt, wird in einem 1972 herausgegebenen Buch behauptet: "Von seinem Gebet wissen wir nichts." Anderer Meinung ist P. Ferdinand Ritzel. Der Artikel in seinem Buch über den Pater, den er "Der mystische Beter" betitelt, umfaßt 37 Seiten. Es handelt sich allerdings zumeist nur um allgemeine Betrachtungen des Verfassers über das "mystische Gebet". Interessant ist vor allem das, was P. Pio selber niedergeschrieben hat. So äußert er sich in einem Brief über seine "mystische Gebetsweise und deren Wirkungen": "Die gewöhnliche Weise meines Gebetes ist diese: Kaum daß ich mich zum Beten anschicken empfinde ich sofort, daß die Seele anfängt, sich zu sammeln in einem Frieden und in einer Ruhe, die man nicht mit Worten zum Ausdruck bringen kann. Die Sinnestätigkeit bleibt dann eingestellt mit Ausnahme des Gehörsinns, der einigemal nicht ausgeschaltet ist, aber für gewöhnlich keinen Verdruß bereitet. Ich muß bekennen: Wenn man auch um mich den größten Lärm machte, würde mich das nicht im geringsten belästigen. Von da aus versteht Ihr, daß es nur wenige Male sind, in denen es mir gelingt, den Verstand diskursiv zu gebrauchen. Oft geschieht es mir auch, daß sich mir in bestimmten Momenten der Gedanke an Gott, der mir immer gegenwärtig ist, ein wenig aus dem Geist entfernt. Dann fühle ich mich in einem Augenblick von unserem Herrn in einer sehr durchdringenden und süßen Weise im Grunde der Seele angerührt, daß ich die meisten Male Tränen des Schmerzen vergießen muß, weil ich einen so guten und aufmerksamen Vater habe, der mich in seine Gegenwart zurückrief. Andere Male hingegen kommt es vor, daß ich mich in größter Trockenheit des Geistes befinde. Ich fühle meinen Körper in einer großen Gedrücktheit wegen der vielen Krankheiten, ich fühle mich in einer Unfähigkeit, mich zu sammeln und beten zu können, wie groß auch das Verlangen danach ist. Dieser Zustand intensiviert sich immer mehr, so daß es ein Wunder des Herrn ist, wenn ich nicht sterbe. Wenn es dann dem himmlischen Seelenbräutigam gefällt, ein solches Martyrium zu beenden, sendet er mir in einem Augenblick einen solchen Aufschwung des Geistes, daß ich in keiner Weise widerstehen kann. Ich befinde mich in einem Augenblick gänzlich verändert bereichert mit übernatürlichen Gnaden und, mit Starkmut erfüllt, um das ganze Reich Satans herauszufordern. ... Das, was ich von diesem Gebet zu sagen weiß, ist, wie mir scheint, daß sich die Seele ganz in Gott verliert und daß sie in diesen Momenten mehr profitiert, als sie es mit vielen Jahren der Übung mit all ihren Anstrengungen könnte"(59)

Als Wirkung seiner Gebetsgnade zählt er selber auf: "Leidensbereitschaft, Gehorsam gegen den Beichtvater und Seelenführer..., Gotteserkenntnis, Selbsterkenntnis und vor allem eine tiefe Demut" (60). - Man darf bezweifeln, ob ein derartiges Eigenlob als echte Gebetsfrucht angesehen werden kann.

Am 28. November 1911 verbrachte P. Pio die Zeit zwischen 9.45 und 11 Uhr im Gebet. Er führte mit lauter Stimme "Zwiesprache mit Jesus, der Muttergottes, seinem Schutzengel und sogar dem hl. Franz, seinem Ordensvater". P. Augustin schrieb die von Pio gesprochenen Worte nieder: "O diese liebe Mutter, warum schaut sie mich so ernst an? Jesus, sage ihr, sie möge mich mit gütigen Augen anschauen! O Jesus, ich empfehle dir diese Seele. Du mußt sie bekehren. O Jesus, warum schaut mich deine Mutter nicht herzlich an? O liebe Mamma, schau mich gütig an; ich weiß, du willst mir nur gut, aber warum diese traurigen Augen? O Jesus, ich empfehle dir diese Person, bekehre sie, rette sie! Bekehre sie nicht nur, weil sie deine Gnade verlieren könnte, sondern rette sie, rette sie! Hast du nicht auch für sie dein Blut vergossen? O Jesus, bekehre diesen Mann; du kannst es, du bist allmächtig, für ihn opfere ich mich dir ganz auf. O Jesus, du willst doch nicht weggehen; bleib noch ein wenig! Es ist so schön, bei dir zu verweilen. Und wie man sich wohl fühlt bei dir! O Jesus, warum willst du fortgehen? ... O Jesus, wo bist du gestern früh gewesen? Hast du nicht diesen Spitzbuben von Teufel gesehen? Wie hat er mir Angst eingejagt! O Jesus, ich frage nicht mehr. Ich verzichte auf all deine Zärtlichkeit, aber schicke mir nicht mehr diesen Schurken von Teufel! O Jesus, noch eine andere Sache. Ich liebe dich sehr. Ich will ganz dein sein. Siehst du nicht, wie ich für dich glühe. Du verlangst von mir Liebe, Liebe, Liebe, Liebe. Sieh, ich liebe dich. Komm zu mir alle Morgen! Wir sind ganz allein. Ich mit dir und du mit mir. O Jesus, gib mir deine Liebe! Wann kommst du in mein Herz? Wenn du etwas siehst, was dir mißfällt, vernichte es! Ich liebe dich, ich werde dich eng an mich ziehen. Ich lasse dich nicht fortgehen. Du bist zwar frei. Es ist wahr. Ich ziehe dich ganz eng an mich, wie wenn ich dir die Freiheit nehmen würde. O Jesus, willst du fortgehen? Willst du vielleicht eine Seele trösten, die mehr leidet als ich, aber die sich nicht so nach dir sehnt? Mein Engel, mein Schutzengel, lobe Jesus für mich! Meine Lippen sind unwürdig und unrein, du aber bist rein. Bist du vielleicht der Engel der Finsternis? Du bist der Engel ohne Sünde, also lobe Jesus für mich! Mein Schutzengel, entferne diesen Schurken! O Jesus, heilige Hostie, Schönheit, Liebe, Jesus. ... " (61). Was soll man zu solch einem "Zwiegespräch", wie es P. Ritzel veröffentlicht hat, sagen? Warum betet P. Pio überhaupt mit so lauter Stimme, daß seine Umgebung Wort für Wort verstehen kann? Das geschieht doch nicht ohne Absicht. Überlegen wir uns einmal näher den Inhalt der gesprochenen Worte! Das ist nicht das Beten einer gesunden Frömmigkeit. Die Sprechweise P. Pios hat große Ähnlichkeit mit jener der hl. Theresia von Avila. Diese schreibt zum Beispiel einmal in der Zeit ihrer "geistigen Dürre" folgende Worte nieder: "Was? Ist es denn nicht genug, daß du mich in diesem elenden Leben hältst, daß ich mich aus Liebe zu dir füge? Mußt du dich auch noch vor mir verbergen? Wie läßt sich das mit deinem Mitgefühl vereinen? Wie kann deine Liebe zu mir das dulden? Herr, wäre es mir möglich, mich vor dir zu verbergen wie du vor mir, so würde das deine Liebe sicher nicht dulden. Solche Undankbarkeit ist zu grausam. Bedenke, daß das nicht schön gegen jemand, der dich so heiß liebt, gehandelt ist!" (62) . Die Ähnlichkeit der Sprache erklärt sich daraus, daß P. Pio die Schriften der hl. Theresia eifrig studiert hat.

P. Ritzel meint, bei den durch P. Augustin belauschten "Zwiegesprächen" habe nicht bloß Pio geredet, es seien in Wirklichkeit "echte Zwiegespräche zwischen ihm und dem Himmlischen" gewesen; freilich habe der Lauscher bloß Pios Stimme vernehmen können; die andere Seite habe er nicht zu verstehen vermocht, weil es sich vielleicht um eine "Sprache ohne Sprache" gehandelt habe, eine Sprache also, "die Jesus und die Himmlischen benutzten" (63).

2. Rosenkranz

Eine besondere Verliebe hatte P. Pio für das Rosenkranzgebet. "Pater Pio", so ist zu lesen, "war nicht nur ein glühender Verehrer der hl. Maria, sondern auch ein leidenschaftlicher - ich möchte sagen - Fan des Rosenkranzes. Er trug nicht bloß Tag und Nacht den Rosenkranz um die Hände geschlungen - er nannte ihn seine Waffe - sondern war auch ein unersättlicher Verzehrer von Rosenkränzen" (64). Bereits in der Zeit, als er zum Priester geweiht wurde, soll er sich vorgenommen haben, "täglich wenigstens fünfmal den Rosenkranz zu beten", das heißt fünfmal den Rosenkranz mit den fünfzehn Geheimnissen (65). Dabei blieb er allerdings nicht. Er betete in Wirklichkeit täglich Dutzende von Rosenkränzen (66). Man kann sich freilich nicht vorstellen, wann der Pater hierzu die Zeit gefunden hat. "Auch wenn er mit seinen Mitbrüdern ein wenig Zerstreuung suchte, fuhr er immer fort, seinen Rosenkranz durch die Finger gleiten zu lassen. Das gleiche ereignete sich im Refektorium. Die Schüssel dampfte vor ihm. Aber er beschloß sie nicht eher zu berühren, bis er einen Rosenkranz mit den 15 Geheimnissen gebetet hatte; das gleiche tat er hernach. Am Abend legte er sich nicht zur Ruhe (wenn er überhaupt schlief), bevor er nicht eine lange Vorbereitung auf die Messe gemacht hatte und bevor er nicht einige Rosenkränze gebetet hatte" (67)

Wie lange wird wohl P. Pio vor der dampfenden Schüssel gebraucht haben, bis er den Rosenkranz mit 15 Geheimnissen vollendet hatte Mit welcher inneren Anteilnahme wird er gebetet haben, wenn er zugleich "mit seinen Mitbrüdern sich unterhaltend" ein wenig Zerstreuung suchte?

"Für gewöhnlich" soll P. Pio täglich nicht weniger als vierzig Rosenkränze gebetet haben; dazu kommen noch "die vielen Stoßgebete". "Manchmal betete er auch an einem einzigen Tag sechzig Rosenkränze mit fünfzehn Gesetzchen" (68) . Bei solchen Angaben handelt es sich nicht etwa bloß im Vermutungen, die Zahlenangabe geht auf P. Pio unmittelbar zurück. Eines Tages fragte ihn ein Superior, wieviele Rosenkränze er an diesem Tag bereits gebetet habe. Der Pater antwortete: "Beh! Meinem Superior muß ich die Wahrheit sagen: Ich habe 34 gebetet" (69). Diese Zahlenangabe ist aber noch nicht vollständig; es kommen ja in den noch folgenden Stunden des Tages etliche Rosenkränze hinzu. Solcherlei Dinge werden in einer Menge von Schriften verbreitet, ohne daß sich die Schreiber irgendwelche Gedanken machen. Man muß doch fragen:

1) Hat P. Pio sein tägliches Pensum so genau gezählt? Hat er das getan, dann lag ihm an der Menge mehr als am Inhalt.

2) Der Pater müßte, um so viele Rosenkränze fertig zu bringen, mit unglaublicher Geschwindigkeit gebetet haben. Kann man dann aber bei einer Art von indischer Gebetsmühle noch von andächtigem Beten sprechen? Bei gewöhnlichen Sterblichen würde so etwas ohne Zweifel nicht anerkannt werden.

3) Nehmen wir einmal die angegebene Höchstzahl, nämlich 180 Rosenkränze zu je fünf Gesetzchen! Wenn der Pater für einen einzigen Rosenkranz in südländischem Tempo bloß zehn Minuten gebraucht hätte, dann müßten ihm hierfür am Tag nicht weniger als dreißig Stunden zur Verfügung gestanden haben! Wie geht das, wenn der Tag nur 24 Stunden zählt?

4) Es bleibt außerdem zu bedenken, daß P. Pio angeblich sehr viele Stunden im Beichtstuhl verbracht hat; er benötigte, wenigstens für längere Zeit, zur Meßfeier mit Vorbereitung und Danksagung ungefähr vier Stunden. Dazu kommen die übrigen täglichen Verrichtungen; schließlich mußte er auch noch essen und schlafen. Wie viele Stunden bleiben dann noch übrig für das Rosenkranzgebet? Man müßte an ein Düsenjägertempo denken. Nehmen wir nur einmal an, von irgendeinem anderen Sterblichen würde behauptet, er bete täglich trotz seines großen Arbeitspensums Dutzende von Rosenkränzen, wie würde über eine solche Behauptung geurteilt werden?

3. Messe

Sehr viele, die San Giovanni Rotondo besucht haben, Wollten P. Pio beim zelebrieren sehen. Maria Winowska sagt, sie habe mehreren Messen beigewohnt; nicht "zwei glichen einander" (70). Dies scheint bereits für die Zeitdauer zu gelten. Gewöhnlich liest man bloß, daß P. Pio für die Zelebration zwei Stunden gebraucht habe. Dies trifft für bestimmte Zeiten zu, aber durchaus nicht für immer. So benötigte der Pater im Jahr 1928 normalerweise 25 bis 35 Minuten (71). In der Zeit, als ihm jede Öffentliche Tätigkeit untersagt war, also zwischen dem 11. Juni 1931 und dem 15. Juli 1933, feierte er die hl. Messe in der inneren Kapelle des Klosters; in dieser Zeit dauerte sie in der Regel zwei Stunden (72). Aber der Pater stand oftmals auch mehr als drei Stunden am Altar (73). Nachdem er wieder von den ihm gemachten Auflagen befreit war, brauchte er für die Zelebration 1 1/4 Stunden, manchmal 1 1/2 Stunden (74). In den letzten Lebensjahren dauerte die hl. Messe nicht mehr so lange; "im Jahre 1965 beispielsweise "nicht über vierzig Minuten" (75). Für die drei an Weihnachten gestatteten Messen sind die Angaben nicht einheitlich; im Jahr 1931 sollen sie vier, im Jahr 1954 sogar fünf Stunden in Anspruch genommen haben (76) Allein beim Memento pflegte P. Pio zuweilen wesentlich länger zu verweilen, als sonst eine ganze hl. Messe dauert. In der Regel soll er sich fünfzehn bis zwanzig Minuten dabei aufgehalten haben (77). Für die Zeit von 1911 wird sogar behauptet: "Zum Memento war er derart vertieft, daß er mehr als eine Stunde verweilte" (78). Nach der Kommunion verharrte der Pater etwa zwanzig Minuten in stillem Gebet (79).

Lange Zeit widmete P. Pio auch der Vorbereitung auf die Meßfeier und der Danksagung, für gewöhnlich je eine Stunde. Die Danksagung dauerte zuweilen zwei Stunden 80). Es wird behauptet, daß die Vorbereitung auf die hl. Messe "einige Stunden" in Anspruch genommen habe (81).

Der Pater zelebrierte mit großer Andacht. Wir können freilich dabei nicht die Züge eines großen Skrupulanten übersehen. Sein Überängstliches, skrupulöses Gemüt zeigt sich in der "Schwierigkeit, mit der er die Konsekrationsworte sprach" (82) Wiederholt sah man ihn während der hl. Messe "innerlich so übermannt, daß er sich vor Tränen und Schluchzen kaum mehr fassen" konnte (83). Franco Lotti schildert des Paters Meßfeier von der Wandlung ab so: "Schon seht ihr, ihr geistlichen Kinder des Paters, die ihr diese Zeilen leset, mit den Augen euerer von Liebe entzündeten Seele den Pater über den Altar gebeugt, das Gesicht gespannt, die Augen voll süßer Tränen, während er die göttlichen Wandlungsworte spricht. Die Füße winden sich krampfhaft unter den Schmerzen der Wundmale; nur langsam, zögernd und schluchzend gehen die Wandlungsworte aus der von Liebesschmerz verschlossenen Kehle hervor. Nach einigen Augenblicken, wenn die höchsten Schmerzen überwunden sind, blickt er flehentlich zum Tabernakel, um die Kraft zum Sprechen der Wandlungsworte zu erbitten. Bei der Kniebeuge ist es weniger ein Sichneigen als ein Zusammenbrechen. (Die Stirne lehnt am Ende des Altares, die Pulse klammern sich an ihn, wie nach einer Stütze für eine allzu schwere Last). ... Beim 'Domine non sum dignus' hört man einen dumpfen, kurzen Schlag auf die linke Brust. Beim ersten Male ist man bestürzt. ... Bewußtsein seiner Niedrigkeit vor Gott. ... Reichlich und heiß fließen die Tränen aus den Augen des Paters, wie er mit einem Ausdruck tiefster Liebe die eucharistischen Gestalten betrachtet, die nun bald seine Nahrung und sein Trank sein werden" (84). Die Schilderung, in einer sentimental-schwulstigen Sprache abgefaßt, läßt des Paters skrupulöse Veranlagung erkennen. Vielleicht ist diese noch von außen her verstärkt worden durch P. Giustino von San Giovanni Rotondo, unter dessen Anleitung Frater Pio Philosophie studiert hat. Von P. Giustino wird gesagt, er sei "wegen seiner Gründlichkeit, die bis zum Absurden ging", im Orden berühmt geblieben. Seine peinliche Genauigkeit habe "geradezu unmögliche Formen" angenommen. Für die Vorbereitung auf die hl. Messe beispielsweise benötigte er so viel Zeit, daß er sie bereits am vorausgehenden Abend machen mußte. "Oft versteifte er sich auf einen Satz oder auf ein Wort; dann wiederholte er es mit lauter Stimme ganz langsam, fast um sich die Bedeutung nicht entgehen zu lassen." Pio fand ihn eines Abends im Kloster von San Giovanni Rotondo bei der Vorbereitung auf die hl. Messe "quälender als je" im Kampf mit den ersten Gebetsworten. Es gelang ihm nicht, über die zwei ersten Worte hinauszukommen (85). Das Beispiel P. Giustinos hat möglicherweise auf Pios Veranlagung verschlimmernd abgefärbt.

Gewöhnlich wurde Pios Meßfeier von Schauungen begleitet, aber auch von teuflischen Nachstellungen überschattet. So lesen wir: "Man kann in diesen Zügen das geheimnisvolle Zwiegespräch verfolgen. Da beteuert er etwas, sagt 'Nein' mit dem Kopf, wartet auf die Antwort. Sein ganzer Leib ist in stummem Flehen erstarrt. ... Plötzlich quellen dicke Tränen aus einen Augen, und seine Schultern, von Seufzern geschüttelt, scheinen unter einer drohenden Last zusammenzubrechen... . Indessen sieht man, daß er nicht allein wirkt. Unsichtbare Gegenwarten umgeben ihn, helfen ihm oder hemmen ihn. Eines Freitags sah ich ihn keuchen, bedrängt wie ein Kämpfer in verzweifelter Lage. Mit brüsken Kopfbewegungen suchte er vergeblich ein Hindernis zu beseitigen, das ihn daran hinderte, die Worte der Konsekration zu sprechen. Es fand dann eine Art Handgemenge statt, in dem er Sieger blieb, jedoch völlig erschöpft war. Ein andermal strömen vom Sanctus an dicke Schweißtropfen von seiner Stirn, überschwemmen das von Seufzern verzerrte Gesicht. Es ist wirklich der Schmerzensmann, der mit dem Tode ringt. Es gibt Tage, an denen er beim Sprechen der Konsekrationsworte ein wahres Martyrium erleidet" (86)

4. Beichtvater

Auf der Anschrift eines Briefes wurde einmal P. Pio als "König der Sünder" bezeichnet. Der Pater billigte diesen Ausdruck, indem er sprach: "Was will denn dieses ganze Volk von mir? Ich bin der König der Sünder" (87). Im Jahr der Stigmatisation setzte auf den Beichtstuhl Pios ein förmlicher Ansturm ein. Die Zahl der Beichtenden hat freilich in den einzelnen Jahren und in den verschiedenen Zeiten eines Jahres sehr geschwankt. Bereits vom Jahre 1918 an heißt es: "Fast alle Stunden des Morgens vergingen mit Beichthören." Noch wesentlich mehr Stunden opferte Pio im folgenden Jahr 1919. Am 16. November dieses Jahres schrieb er an P. Benedetto: "Es sind nunmehr 19 Arbeitsstunden, die ich durchhalte ohne ein wenig Ruhe. Das erklärt sich so: Es sind Hunderte und auch Tausende von Seelen, die von entfernten Landstrichen nur zu dem Zwecke kommen, um sich von ihren Sünden loszuwaschen." In dieser Zeit hörte Pio Beichten "von Morgen bis zum Abend", zuweilen "ununterbrochen 15 und 16 Stunden, ohne eine Nahrung zu sich zu nehmen" (88). Bei dieser Zeitangabe wird aber offenbar stark übertrieben oder wir müssen annehmen, daß die Behauptungen über die Meßfeier, das Rosenkranzgebet und anderes nicht stimmen.

Der Beichtandrang dauerte bis zum Beginn des Jahres 1923. P. Pio verbrachte im Beichtstuhl vom Morgen an bis 15 Uhr und von 15.30 an bis 18.30. Am Karsamstag, offenbar 1922, teilte P. Pio die hl. Kommunion aus; siebenhundert Gläubige kommunizierten (89). Die Leute waren wohl der Meinung, wenn P. Pio die Hostie reiche, sei es wertvoller. Unverständlich ist, daß die Ordensoberen dem zugestimmt haben.

Da der Pater dem Andrang der Beichtwilligen nicht gewachsen war, wurden Kärtchen ausgegeben, durch die bestimmt wurde, wann die einzelnen an die Reihe kommen konnten. Diese Maßnahme erfolgte aber erst vom Jahre 1950 an (90). Man mußte mit einer Wartezeit von drei bis vier Tagen rechnen. So sagt Maria Winowska (91); andere sprechen von einer noch längeren Wartezeit, zum Beispiel Rippabottoni - "Viele kamen, um bei Pio zu beichten; sie warteten zehn und auch fünfzehn Tage, indem sie im Umkreis (92) des Klosters im Freien auf der bloßen Erde schliefen"

Dieser gewaltige Andrang, sagt er, dauerte bis zum Anfang des Jahres 1923. Auch Johannes Maria Höcht behauptet, "Männer und Frauen" hätten sich "oft bis zu zehn Tagen gedulden müssen, bis sie, aufgerufen nach Zulassungsnummern, zur Beichte vorgelassen wurden; "bis zwölf und vierzehn Stunden" habe P. Pio Beichten gehört (93). Höcht glaubt offenbar, dies sei Jahr für Jahr und Tag für Tag der Fall gewesen. Darüber, wie der Pater neben den vielen übrigen Beschäftigungen auch noch die Zeit gefunden haben soll, täglich wenigstens 120 Rosenkränze zu beten, macht er sich freilich keine Gedanken.

Wenn P. Pio wirklich, aber nicht nur er, sondern auch seine Mitbrüder, einmal an einem Tag bis zu vierzehn Stunden im Beichtstuhl verbringen mußte, so war es eben Ausnahme, nicht Regel. Daß dem so ist, kann man Angaben anderer Schriften entnehmen. So zeigt ein Überblick Über die Jahre 1927 bis 1929, daß die Zahl der Beichtenden weit geringer war als sonst behauptet wird. Am Vormittag hat der Pater Beichten gehört, "wenn verlangte"; für den Nachmittag heißt es ebenso: "Beichte, wenn verlangt"(94) Ähnliches ergibt sich aus den Angaben für das Jahr 1934. Während der Monate Januar und Februar hörte der Pater bis gegen Mittag Beichten; am Nachmittag kamen "nur einzelne Männer" (95). Dabei sind natürlich die Vormittagsstunden abzurechnen, die der Pater für die Meßfeier sowie für Vorbereitung und Danksagung verwendet hat. Am 25. März, dem Palmsonntag, hörte P. Pio bloß eine Stunde Beichte. An den Tagen vom 26. bis zum 28. März, also in den ersten drei Tagen der Karwoche, beichteten "nur wenige bei ihm". Am Gründonnerstag, Karsamstag und Ostersonntag hörte er "vom Morgengrauen bis Mittag" Beichte, aber nicht nur er allein, sondern "zusammen mit anderen Beichtvätern". An den sonstigen Wochentagen hatte er nur "wenige oder einige" Beichtkinder; "an den Sonntagen indessen fand sich immer eine mäßige Anzahl von Personen ein" (96).

Einem Bericht vom 7. Juli 1934 ist zu entnehmen, daß an "jedem Morgen die Zahl der Beichtenden mäßig" war. Das mag damit zusammenhängen, daß P. Pio damals für die Feier der Messe mit Vorbereitung und Danksagung etwa vier Stunden verwendet hat. Sonst hat er, wie erklärt wird, "durchschnittlich an den Wochentagen zehn bis fünfzehn Männer und dreißig bis fünfzig Frauen" als Beichtkinder gehabt; "an den Feiertagen" waren es "ein wenig mehr" (97). Im Jahre 1967 sollen bei P. Pio 15000 Frauen und 10000 Männer gebeichtet haben; die Zahl der Männer wurde allerdings nur geschätzt. An jedem Morgen soll der Pater 35 bis 40 Frauen und 25 bis 30 Männern das Bußsakrament gespendet haben; in früheren Jahren waren es angeblich "viel mehr" (98)

Es unterliegt natürlich keinem Zweifel, daß P. Pio viel Zeit im Beichtstuhl verbracht hat. Zu bedenken ist aber, daß seine Mitbrüder ebenfalls viel Zeit, vielleicht genausoviel dafür verwendet haben wie er, wenn auch zutrifft, daß die Zahl der Beichtenden im Kloster San Giovanni Rotondo der Person Pios wegen gewaltig angestiegen ist. Andererseits kennen wir Männerklöster, in denen täglich viele Stunden Beichtgelegenheit gewährt wird. Aber von diesen spricht man nicht, weil man es bei ihnen als selbstverständlich findet.

Die Herzenskenntnis, welche P. Pio zugeschrieben wird, soll sich in besonderem Maße auch bei der Spendung des Bußsakramentes bewährt haben. "Die Sünder", so sagt Johannes Maria Höcht, "können ihm nichts verschweigen, da er die Gabe der Herzenskenntnis besitzt" (99). Da könnte man freilich fragen, ob ausgerechnet jene, die unbedingt bei P. Pio beichten wollten, mit dem Vorsatz gekommen seien, schlimme Verfehlungen zu verschweigen.

P. Pio werden hinsichtlich der Spendung des Bußsakramentes noch mehr außergewöhnliche Gaben zugeschrieben. Da kamen eines Tages 24 amerikanische "boys" mit dem Vorsatz, bei P. Pio zu beichten. "Der Pater versteht kein Wort der englischen Sprache"; die Amerikaner verstehen "kaum oder gar nichts italienisch"; aber sie kommen doch "begeistert" aus dem Beichtstuhl. Auf Fragen geben sie zur Antwort. "Pater Pio versteht uns, das steht fest." Wie er das fertig bringe, so meinen sie, daß sei seine Sache. Sie versichern auch. "Er sagt uns, was wir erwartet haben." Sie haben jedoch den Pater nicht verstanden! (100). Es müßte einleuchten, daß man daraus nicht einen Beweis für Herzenskenntnis fabrizieren kann. Andererseits muß man mit Recht fragen: Welchen Sinn hat eine Beichte bei einem Priester, der die Sprache des Beichtenden nicht versteht?

Einmal hat P. Pio gar einem Kranken, der weit von San Giovanni Rotondo entfernt wohnte, nach erfolgter Fernbeichte die Lossprechung erteilt, Dies geschah im, Jahre 1920. Als die Seminaristen vom Chor zurückkehrten, befand sich P. Pio "am Fenster zum kleinen Saal"- Da hörten alle Seminaristen "klar die Worte": "Ego te absolvo... ", die von ihm "deutlich ausgesprochen wurden. Was hat sich da zugetragen? P. Onorato, ein Zeuge des Vorfalls, berichtet: "Einige Tage darauf erfuhren wir durch einen Brief, daß sich der Pater an diesem Tag in einem bestimmten Landstrich aufhielt, um die Beichte eines Kranken zu hören" (101). In diesem Fall wird also P. Pio die Gabe der Bilokation zugesprochen.

Ein anderes Mal, es war in seinen letzten Lebensjahren lag der Pater in seinem Bett; P. Alessio saß auf einem Stuhl in der Zelle; P. Pio betete den Rosenkranz; plötzlich schrie er: "Was willst du..., was willst du?... Komm her... , geh hierher!" Es war, wie wenn er zu einem Sünder spräche. Nach einigen Minuten sprach er die Absolutionsformel (102). Also hat wieder jemand gebeichtet, der gar nicht anwesend war. Aber in solcher Weise wird kein Bußsakrament gespendet. Die Szene ist ein eindeutiger Beweis dafür, daß P. Pio unter dem zwingenden Einfluß von akustischen und optischen Trugwahrnehmungen Wechselgespräche mit Personen seiner Vorstellungswelt führte. Trugwahrnehmungen gehören zur Symptomatik von Psychosen.

Die Gabe der Herzenskenntnis befähigte angeblich P. Pio, auch Leuten, die gar nicht beichten wollten, ihre Sünden vorzuhalten und sie förmlich zur Beichte zu zwingen. So sagt Maria Winowska: "Andere zwingt er direkt zu beichten, obwohl sie gar nicht wollen" (103). Zu einem Kaufmann aus Pisa, der überhaupt nicht ans Beichten dachte, sagte der Pater: "Unglücklicherweise kannst du dich wohlbefinden mit so vielen Sünden auf dem Gewissen? Ich sehe zumindest zweiunddreißig!" Diese Eröffnung trieb den Kaufmann in den Beichtstuhl(104) . Unklar bleibt allerdings, warum sich der Kaufmann von Pisa, der ja durchaus nicht als beichtwillig geschildert wird, nach San Giovanni Rotondo begeben hat und wie und wann ihm die Gelegenheit zu einer Unterredung mit dem Pater verschafft worden ist.

Was bei Pios Beichtprgxis mehr als überrascht, ist die Tatsache, daß er gar nicht selten Beichtende buchstäblich fortgejagt hat. Dies fällt um so mehr auf, da er doch andererseits zuweilen Nichtbeichtwillige zum Empfang des Bußsakramentes geradezu gezwungen hat. Den Grund für die Verweigerung der Lossprechung gaben manchmal "gewisse Fehler ab", denen gegenüber der Pater "unerbittlich" war (105). Offenbar handelt es sich um Verfehlungen gegen das 6. Gebot. Darauf deutet eine Bemerkung seiner Mitbrüder hin, P. Pio habe "ohne Gnade und ohne Erbarmen" besonders "bestimmte Sünden" verdammt, "wie die unerlaubte Beschränkung der Kinderzahl, worin der Pater unerbittlich" gewesen sei (106) . Die Art, wie der Pater gelegentlich Beichtende behandelt hat, ist mehr als anstößig. "Er verjagt aus dem Beichtstuhl, verjagt von neuem, um nochmals zu verjagen" (107). Man möchte annehmen, in solchen Fällen hätte es sich um außerordentlich gewichtige Gründe gehandelt. Das war aber offenbar nicht so. Lorenzo Patri argumentiert so: "Wenn er aus dem Beichtstuhl Sünder fortschickt und wiederholt fortschickt, so vielleicht deshalb, weil diese armseligen Seelen das Bedürfnis nach Gott übermächtig in sich verspüren; haben sie auf bekümmerter Suche den Herrn einmal wieder gefunden, so verlieren sie ihn nicht mehr" (108). Hier wird eine Begründung für die Verweigerung der Lossprechung gebracht, wie sie törichter nicht sein könnte.

Andere, die ohne Absolution Pios Beichtstuhl verlassen mußten, wurden abgewiesen, weil sie "ohne die für das Bußsakrament erforderliche Reue und Gewissenserforschung" gekommen waren. "Man sieht, wie sie sich nach den ersten Worten wieder aus dem Beichtstuhl entfernen. ... Es geschah, daß Pater Pius mit seiner Gabe der Unterscheidung der Geister ihre seelische Indisposition und den Stand ihrer Vorbereitung ersah" (109).

Einmal verjagte P. Pio sogar ein zwölfjäliriges Mädchen aus Cosenza, Mariella mit Namen. Er wies die Beichtende aus dem Beichtstuhl mit den Worten: "Geh! Ich kann dich nicht beichthören." Weinend begab sich das Mädchen zu seinen in der Kirche anwesenden Eltern. Trotz dieser peinlichen Szene harrten die Drei in San Giovanni Rotonde weiter aus. Abends fragte dann Mariella in Gegenwart ihrer Eltern den Pater: "Warum, Pater, haben Sie mich nicht zur Beichte angenommen?" Der Pater gab zur Antwort-. "Ich hätte es schon können, aber ich tat es zu deinem Nutzen. Du gehst fast nie in die Sonntagsmesse und vernachlässigst den Katechismus, weil deine Eltern mit dir anderswo hinfahren. Wenn ich also deine gewöhnlichen Kleinigkeiten anhöre, während du wesentliche Dinge übergehst, kommen wir zu nichts" 110). Wiederum muß man fragen- Hat ein Beichtvater das Recht, so zu handeln? Oder hat ein "Heiliger" andere Rechte?

Ein Mitbruder Pios wurde eines Tages in den Beichtstuhl gerufen. Es erschienen zwei Frauen. Die eine erklärte, völlig erregt und in Tränen aufgelöst, sie sei von P. Pio vertrieben worden. "Kaum daß sie die kleine Türe des Gitters zum Beichtstuhl geöffnet hatte", begann der Pater zu schimpfen und sie "auf gar üble Art und Weise" zu verjagen. Die Frau wurde durch den Mitbruder Pios allmählich beruhigt und erhielt die Lossprechung. Dann kam die zweite Frau, die von P. Pio in derselben Weise behandelt worden war. Sie versicherte, "sie sei, ohne daß sie den Mund geöffnet habe, vertrieben worden". Auch sie erhielt nun die Lossprechung. Der Berichterstatter führt als Begründung des unerhörten Verhaltens an: "Pio hat durch diese rauhe und energische Art die Damen innerlich erschüttert, sonst wäre ihre Beicht eine der gewöhnlichen geworden, ohne wirkliches Heil. Pio habe durch seine herbe Art die beiden geheilt" (111) Einige Tage später berichtete eine weitere Dame, sie habe bei Pio beichten wollen. "Kaum kniete sie sich nieder, machte er ihr Vorwürfe und trieb sie fort." Nach einem Jahr kam sie wiede und beichtete bei P. Pio. Nunmehr ging die Sache in Ordnung (112) - Hatte P. Pio das Recht, so als Beichtvater zu handeln? Durfte er die Lossprechung verweigern, wenn überhaupt kein entsprechen der Grund vorlag? Auch für einen Stigmatisierten gelten die kirchlichen Gesetze.

Man sträubt sich fast zu glauben, in welch brutaler Weise P. Pio zwanzig Jahre lang eine Engländerin "aus sehr guter Familie" behandelt hat. Eines Tages kniete sie an seinem Beichtstuhl nieder. P. Pio blickte sie bloß an, dann "schloß er ihr heftig den Schalter vor der Nase", indem er sprach: "Für Sie habe ich keine Zeit!" Die Frau war wie erschlagen. "Zwanzig Jahre kam sie mit dem gleichen Anliegen wieder. Und jedesmal erlebte sie die gleiche Abfuhr. Vergeblich flehten Pater Pios geistliche Töchter ihn an, sie doch anzuhören." Schließlich, nach Ablauf von zwanzig Jahren, empfing er sie mit folgenden Worten, die sie getreulich ihren Freunden mitteilte: "Arme Blinde, statt dich über meine Strenge zu beklagen, müßtest du dich fragen, wie es möglich ist, daß dich die Barmherzigkeit Gottes nach so vielen Jahren von Sakrilegien empfängt! Weißt du, daß das, was du getan hast, entsetzlich ist? Wer ein Sakrileg begeht, ißt seine eigene Verdammnis, und ohne eine besondere Gnade, die Seelen erlangen, die Gott besonders nahe stehen, kann er nicht erlöst werden. Hast du nicht Jahre lang im Stande der Todsünde an der Seite deiner Mutter und deines Gatten kommuniziert, nur um den Anschein der Ehrbarkeit zu wecken?" Auch in diesem Falle, so sagt die Berichterstatterin Maria Winowska, folgte wieder eine große "Rückkehr, die das inbrünstige Verlangen auslöste, wieder gutzumachen und andere Seelen vor dem Verbrechen des Sakrilegs, des Gottesraubs zu warnen" (113). - Ist so etwas möglich? Kann P. Pio tatsächlich so gehandelt haben? Es sträubt sich einfach alles, solch ein entsetzliches Verhalten für wahr zu halten. Eine Frau kommt zwanzig Jahre hindurch regelmäßig von England nach Süditalien, um zu beichten, und wird jedesmal verstoßen, verstoßen von einem "Heiligen", der im Dienste des Barmherzigen Samariters steht, der nie einem reumütigen Sünder einen Fußtritt verabreicht hat! Erst nach zwanzig Jahren wirft der Pater jener Frau "Sakrilegien" vor! Die ganze Zeit hindurch hat er aber nichts getan, diese zu verhindern, nicht einmal durch ein beratendes Wort! Warum hat die Kraft seiner Herzenskenntnis der Frau nicht geholfen, wenn sie schon tatsächlich so unchristlich gelebt hat? Und wie hören sich die Worte des Paters Gott besonders nahe stehe, nur sich selbst gemeint haben. Man stelle sich nur einmal vor, so brutal, ja derart dumm hätte irgendein anderer Priester gehandelt! Man kann sich ausmalen, wie gerade jene Leute über ihn herfallen würden, die es offenbar als besonderes Zeichen göttlicher Erwählung ansehen, wenn ein Pater Pio so vorgeht.

Menschen in aller Öffentlichkeit zu blamieren, das hat offenbar P. Pio auf Grund seiner "Herzenskenntnis" nichts ausgemacht. So verweigerte er ja auch "manchen Pilgern" die Kommunion. "Sie können drei, fünf, zehn Mal an der Kommunionbank niederknien; er geht an ihnen vorbei." Einem Mann, der dem Pater in die Sakristei nachfolgte, sagte er: "Geh fort, heirate die Frau, mit der du zusammenlebst, und dann komme zurück! " (114) . Es läßt sich nicht nachprüfen, ob die Berichte alle so stimmen, wie sie verbreitet werden, aber auf jeden Fall darf niemand an der Kommunionbank in derartiger Weise beschämt werden. P. Pio hat ja doch andererseits auch zum häufigen Kommunionempfang mit scheinbar weitherzigen Worten ermuntert, wenn er vor 1942 "als Seelenführer" schreibt: "Versäumen Sie um nichts in der Welt die tägliche Kommunion! ... Solange man sich nicht sicher ist, eine schwere Sünde begangen zu haben, soll man sich nicht der Kommunion enthalten" (115)

Wie vereinbaren sich solche Ermahnungen mit seinem Verhalten gerade jenen Menschen gegenüber, deren Gewissen in keiner Weise schwer belastet war? Diese durften also zur Kommunion gehen, aber im Beichtstuhl konnten sie keine Lossprechung von ihren Fehlern erhalten? Da hören eines Tages die in der Nähe von Pios Beichtstuhl Stehenden die Türe desselben "heftig knallen". "Via!", "Fort!", ruft P. Pio "einem blonden jungen Mädchen zu, das heiße Tränen vergießt und seufzt. Es verläßt den Beichtstuhl, schleppt sich vor ihn. ... Er verjagt es mit seinem Taschentusch." Wieder ruft er: "Fort! Ich habe keine Zeit für dich!" Das Mädchen geht; "es seufzt weiter, als ob es ihm das Herz bräche." Es kehrt um und stellt sich wieder in die Reihe der Beichtenden, "aber eine Frau, die an der Reihe ist, stößt sie zurück." "Arme Kleine", sagt der Pater, der die Aufsicht führt, "laß den Mut nicht sinken!" Weiches Verbrechen hat wohl dieses weinende, bußwillige Mädchen begangen, daß es so brutal verstoßen wird? Der aufsichtführende Pater weiß Bescheid; er entschuldigt Pio: "P. Pio liest in den Gewissen und schickt die Personen fort, die nicht in der richtigen inneren Verfassung sind. ... Um ein Herz zu waschen, ist ein ganzer Tränenregen nötig. ... Es ist vielleicht aus Neugier gekommen. Viele Frauen kommen aus Neugierde; P. Pio spürt es" (116)

Selbst wenn des Paters Argumente zutreffend gewesen wären, niemals hätte Pio so handeln dürfen. Angeblich hat die Gabe der Herzenskenntnis P. Pio "befähigt", gegen Beichtkinder in der geschilderten Weise vorzugehen. Aber er verdankte sein Wissen auch der unmittelbaren Erleuchtung aus dem Jenseits. "Die Mutter Gottes und der hl. Franziskus standen allezeit zu den Seiten des Beichtvaters, um ihm beizustehen." Wer das verraten hat? Man höre und staune! Das haben "Dämonen" geoffenbart. Für die Richtigkeit dieser Angabe verbürgt sich der Kapuzinerpater Tarcisio Zullo aus Campobasso. In den Jahren, als er in San Giovanni Rotondo weilte, beauftragte ihn P. Pio, "die Exorzismen bei drei Besessenen vorzunehmen". Pio sprach: "Es sind wirklich die Dämonen diesmal in jenen Geschöpfen! Geh und fürchte dich nicht, weil ich dir nahe sein werde!" Während der Exorzismen fragte der Exorzist den Dämon über viele Dinge aus. Er verlangte auch Auskunft, warum P. Pio als Beichtvater so viele Seelen mit ausnehmend großer Strenge behandle. Der Dämon antwortete: "P. Pio behandelt jene Seelen, wie Gott es will. Zu den Seiten des Beichtvaters befinden sich immer zu seinem Beistand die Mutter Gottes und der hl. Franziskus und P. Pio macht und sagt nur das, was ihm von diesen eingegeben wird" (117). Damit wäre also die Sache geklärt. An dem geradezu unmenschlichen Verhalten Pios als Beichtvater sind die Mutter Gottes und der hl. Franziskus schuld! Ein besseres Zeugnis als das der "Dämonen" kann man sich wohl nicht mehr denken. Es ist auch zu Überlegen, daß an Tagen, an denen P. Pio bis zu sechzehn Stunden im Beichtstuhl verbracht hat, die hl. Maria und Sankt Franziskus keine angenehme Aufgabe zu erfüllen hatten, da sie viele Stunden lang nichts anderes zu tun hatten, als am Beichtstuhl Pios zu stehen. Zu bedenken wäre auch, daß sich ihre Aufsicht sehr einseitig auf einen einzigen Menschen auf der ganzen Erde beschränkt hat; denn Allgegenwart werden den beiden wohl auch die Verehrer des Paters nicht zuerkennen wollen.

5. Leidensliebe

P. Pio hat nicht erst, seitdem er die Wundmale trug, ein von Leiden geprägtes Leben geführt. Opfer zu bringen und Leiden auf sich zu nehmen, danach verlangte ihn bereits in seiner Kindheit. Schon als Kind verzichtete er auf sein bequemes Bett; er schlief auf bloßem Boden (118). Zuweilen begnügte er sich mit einem Stein als Kopfkissen (119). "Er war kaum neun Jahre alt, als seine Mutter die Entdeckung machte, daß ihr Sohn mit (120) einem Stein unter dem Kopfe auf der Erde schlief" . Zusätzlich ersann Francesco andere Methoden, um sich Opfer aufzuerlegen. Gelegentlich wurde er von Kameraden "an langen Winterabenden bespitzelt". Sie lauerten vor seinem Schlafzimmer; "das Zimmer war dunkel, aber man hörte die Schläge eines Menschen, der mit einem Hanfseil den eigenen Körper schlug" (121). Dann überraschte die Mutter Giuseppina ihren neunjährigen Sohn, wie er sich mit einer eisernen Kette schlug. Aber "Franz läßt sich nicht irremachen". Er gibt den Bescheid: "Ich muß mich schlagen, wie die Juden Jesus geschlagen haben" (122)

Namentlich während der Noviziatszeit und in den ersten Priesterjahren war Pio fortwährend kränklich. Aber er empfand die Beschwerden als Geschenke Jesu, wenn er auch über die allzu großen Schmerzen klagte. Einen Monat vor der Priesterweihe informierte er P. Benedette über "einen heftigen Schmerz an der Basis der linken Lunge". Dazu bemerkt er dann: "Diesmal wird es Jesus vielleicht wirklich ernst mit mir meinen. Dieser neue Schmerz ist viel heftiger als alle anderen" (123)

Im August 1912, zwei Jahre nach seiner Priesterweihe, schreibt er an P. Agostino: "Der Herr läßt mich wie in einem Spiegel mein ganzes Leben schauen, es werde nichts anderes sein als ein Martyrium" (124). Drei Monate später teilt er P. Agostino mit, was ihm Jesus, Maria und sein Schutzengel gesagt hatten; sie hätten ihn dadurch ermutigt, daß sie nicht aufhörten, ihm zu sagen, daß das Opfer, um sich als solches bezeichnen zu können, sein ganzes Blut verlieren muß" (125). Seinen Mitbruder Agostino erinnert er an frühere Erklärungen: "Habe ich Euch nicht gesagt, daß Jesus will, daß ich ohne jeden Trost leide? Hat er mich denn nicht zu einem seiner Opfer gewollt und erwählt? Und der allersüßeste Jesus hat mich voll und ganz begreifen lassen, was es bedeutet, Opfer zu sein. Man muß, lieber Papa, bis zum 'consummatum est' gelangen" 126)

P. Pio trägt nicht bloß seine Last gottergeben, sein Leidenswille sehnt sich förmlich nach immer neuen Opfern, "Ich kann es nicht verstehen", schreibt er, "aber ich weiß es mit Sicherheit, daß ich einen äußerst brennenden Durst verspüre, sehr leiden zu wollen. Ich fühle ein fortwährendes Bedürfnis, immer dem Herrn zu sagen: 'Entweder leiden oder sterben', ja sogar: 'Immer leiden, niemals sterben!"' Kaum ein Tag vergeht, an dem der Pater nicht Gott seine Leidensbereitschaft beteuert und sich erneut zum Opfer anbietet. Manchmal tut er dies in besonders feierlicher Weise, so am 26. August 1912; "er weihte sich als Opfer ohne jeden Vorbehalt" (127). Im Brief vom 7. Juli 1913 an P. Agostino bekennt er: "Das Leben gestaltet sich mir als ein grausames Martyrium... ; die Qual, die ich in bestimmten Augenblicken fühle, ist unerträglich; denn mein Herz will, daß das ganze Leben gleichsam mit Kreuzen und Verfolgung übersät wäre. ... Der Schmerz ist nunmehr noch grausamer geworden; es scheint mir, daß mein Herz durch und durch durchbohrt wird" (128) Einen Monat bevor Pio zum Militärdienst eingezogen wurde, schrieb er: "Alle Qualen dieser Erde zusammengefaßt in einem Bündel, ich nehme sie an, mein Gott, ich sehne mich danach als meinem Anteil" (129). Ähnlich schreibt er am 27. Juli 1918: "Ich will leiden; das ist mein heftiges Verlangen" (130) Den einen der genannten Briefe schrieb P. Pio im Jahre 1915 kurz vor seiner Einberufung zum Militär, den anderen ein paar Monate nach seiner Entlassung. Beide sprechen von einem unbändigen Leidenswillen. Ganz anders klingen die Jammerbriefe, die er während seiner Militärdienstzeit geschrieben hat. Immer wieder beklagt er sich da über seine "tiefste Erniedrigung" (131). Er bittet, Gott möge ihn befreien "aus der gegenwärtigen Prüfung" oder ihn "bald zu sich rufen". Nur ein paar Jahre vorher hatte er geschrieben, er wolle "immer leiden, niemals sterben" (132) Pio bezeichnet seinen Soldatendienst als "unglückliches Schicksal", das "über seine Kräfte gehe". Er jammert über die ihm zugestoßene "Ungerechtigkeit", Über die Prüfung, die ihn zu "zerschmettern drohe", die ihm das Leben "gänzlich unerträglich mache" (133). - Nun, niemand wird es P. Pio verübeln, daß er kein begeisterter Soldat war. Aber wenn er sich schon immer und immer wieder geradezu nach einem grausamen Martyrium gesehnt hat, hätte er den vergleichsweise erträglichen Sanitätsdienst für verwundete und leidende Kameraden, wenn auch nicht aus Begeisterung, so doch geduldig ertragen müssen. Die so ganz verschiedene Sprache hier und dort macht doch nachdenklich. Pio war während des Krieges für kurze Zeit zum Dienst in einem Lazarett abgestellt worden; zumeist aber war er selber Patient. Millionen von Soldaten hatten ein unvergleichlich härteres und gefährlicheres Los zu ertragen. Auch seine zum Kriegsdienst eingezogenen Mitbrüder in San Giovanni Rotondo hatten das Mönchsgewand mit der Soldatenuniform vertauschen müssen. Ihr Dienst war ohne Zweifel zumeist weit beschwerlicher als der des Paters Pio. Wenn er als Soldat fortwährend mit den bittersten Ausdrücken sein unerträgliches Los bejammert, wie groß waren denn dann die Schmerzen, die er als Zivilist angeblich zu ertragen hatte? Wie groß waren dann die Schmerzen, die er später durch seine Wundmale zu erdulden hatte? Sie müssen doch wesentlich geringer gewesen sein.

Ein Mitbruder Pios schreibt: "Padre Pio, von Gott ermutigt, immer mehr den Kreuzweg zu beschreiten, sieht sein ganzes Leben wie in einem Spiegel, als nichts anderes als ein ununterbrochenes Martyrium. Jesus selbst will sein Leiden. Der Herr selbst bettelt um seine Qualen, seine Tränen; und mit bittender und doch befehlender Stimme verlangt er von Padre Pio, seinen Körper zu opfern, damit seine Leiden erleichtert werden. Ohne Verschulden, dazu auserwählt, bei der großen Rettung der Menschheit zu helfen, hat Padre Pio ein heißes Verlangen nach Leiden. Er würde sich heftige Vorwürfe machen, - dieser Herold des Kreuzes -, wenn er auch nur eine Stunde ohne Kreuz wäre, oder wenn andere kämen, es ihm abzunehmen. Er will nicht nur, daß sein Lebensweg immer mehr mit Leiden und Verfolgungen besät sei, sondern verlangt sogar, daß er die gleichen Leiden des Herrn mitmache." Von einem Mitbruder gefragt, wann er leide, gab Pio zur Antwort: "Immer, mein Sohn!" Eine weitere Frage lautete: "Pater, habt Ihr immer gelitten?" Der Gefragte gab zur Antwort: "Schon im Schoße meiner Mutter!" Nochmals wird Pio gefragt -. "Wieviel leidet Ihr, Pater?" Er erwiderte: "So viel, wie derjenige leiden kann, der die ganze Menschheit auf sich nimmt" (134). Wenn man nach derartigen Kraftausdrücken andere Aussagen und Beteuerungen Pios bemessen wollte, dann müßte man deren Wahrheitsgehalt schwer in Zweifel ziehen.

Als im Jahre 1946 P. Giovanni seinen Mitbruder Pio fragte, ob er die "ganze Passion Christi" erlebe, antwortete der Gefragte "mit einem Ausdruck schmerzvoller Sammlung": "Ach, wenn ich das gewußt hätte!" Giovanni fragte weiter: "Hast Du es vielleicht bereut, daß Du Priester geworden bist?" Die Antwort lautet: "Wenn ich als Student die Erkenntnis gehabt hätte, die ich heute habe, hätte ich mich in eine Wüste zurückgezogen und hätte mich nicht weihen lassen" (135) . Solche Worte müssen doch sehr überraschen. Pio selber hat doch beteuert, er wolle "immer leiden, niemals sterben". "Alle Qualen dieser Erde zusammengefaßt in einem Bündel, ich nehme sie an, mein Gott, ich sehne mich danach als meinem Anteil." Diese Worte Pios sind zwar an sich schon unerhörte, kaum überbietbare Phrasen; sie erweisen sich erst recht als solche im Hinblick auf dessen jämmerliches Klagen über die Leiden seines kurzen Sanitätsdienstes. Wenn er durch und durch von unstillbarer Leidenssehnsucht erfüllt war und wenn ihm das Priestertum die heißersehnte "ganze Passion Christi" war, wie konnte er dann bedauern, Priester geworden zu sein? Er war doch schon längst Priester, als er immer und immer wieder seine außerordentliche Sehnsucht nach Leiden, ja nach dem Martyrium zum Ausdruck gebracht hat. Immer wieder wird geschildert, mit welcher Andacht Pio die hl. Messe gefeiert hat, wie er sich gewissenhaft darauf vorbereitete und wie lange die Danksagung dauerte. Immer wieder wird gerühmt, daß er sich ohne Rücksicht auf die eigene Person dem Heil seiner Mitmenschen gewidmet hat, insbesondere im Beichtstuhl. All das, so heißt es doch, war seine tiefste Freude. Und nun sagt dieser selbe P. Pio, er hätte sich lieber nicht zum Priester weihen lassen! Da bleibt doch nur übrig zu folgern: Irgendwann war etwas nicht echt. Außerdem weiß doch P. Pio selber zu berichten, wie ihm bereits vor dem Eintritt ins Kloster Christus unmittelbar zu wiederholten Malen erschien und ihm seine Hilfe versprach. Ja, noch in der letzten Nacht, die er vor seinem beginnenden Noviziat im Elternhaus verbrachte, erschienen ihm Jesus und Maria, die ihn "ermutigten" und ihm "ihre Vorliebe" verhießen. Wenn also P. Pio erklärt, er hätte sich nicht weihen lassen, falls er gewußt hätte, was seiner wartete, dann klagt er doch auch Jesus und Maria an, die ihn falsch beraten haben.

Ein bekanntes Sprichwort sagt: "Lerne leiden ohne zu klagen!" Es gibt Menschen, und dazu gehört offenbar P. Pio, die in ihrem Verhalten das Sprichwort umkehren in: "Lerne klagen ohne zu leiden!" Auf jeden Fall beruhen die "Leiden" des Paters nicht auf einer körperlichen Störung oder einer Organerkrankung; die zahlreichen somatischen Beschwerden sind Ausdruck einer vitalen Verstimmung. Es sind die typischen Mißempfindungen einer Psychose, die freilich auch das Leben schier unerträglich machen können.

6. Der Soldat

Als größtes persönliches Unglück und auch als unverdientes Unrecht betrachtete P. Pio es daß er während des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst eingezogen wurde. Über Neapel kam er dabei freilich nicht hinaus. Trotzdem betrachtete er seine kurze, immer wieder von langem Genesungsurlaub unterbrochene Dienstzeit als ein wirkliches Martyrium. Am 6. November 1915 mußte er zum Militärdienst einrücken; am 6. Dezember wurde er zur Sanitätskompanie beim Militärlazarett in Neapel abgeordnete Aber bereits am 18. Dezember erhielt er seiner Kränklichkeit wegen einen Genesungsurlaub von einem Jahr (136). Da hat P. Pio aufgejubelt und mit ihm haben sich besonders gefreut P. Agostino und P. Benedetto. Sie dankten Gott, weil er den Schwerheimgesuchten wenigstens für eine längere Zeit gerettet hatte, gerettet aus der "Babylonischen Gefangenschaft" (137)

Nach Ablauf des Genesungsurlaubs wurde Pio nach vorgenommener ärztlicher Untersuchung nochmals auf sechs Monate beurlaubt. "Am 30. Juni 1917 fand sich P. Pio pünktlich bei dem Truppenteil ein, dem er zugeordnet war" (138). So schreibt Patri in seinem Buch über den Pater. Aber das stimmt nicht; P. Pio hat seinen Urlaub wesentlich verlängert. Da er nicht zum bestimmten Termin bei seinem Truppenteil eintraf, wurde er in die Liste der Deserteure aufgenommen. Der Brigadier der Carabinieri von Pietrelcina erhielt den Befehl, Francesco Forgione zu suchen und unter Geleit sofort abzuliefern. Der "Marschall" durchsuchte den Marktflecken Pietrelcina nach dem Deserteur Fr. Forgione; aber diesen kannte man dort nicht, weil er nur unter dem Namen Pio bekannt war. Also verlief die Aktion ergebnislos. Eines Tages erhielt der "Marschall" einen neuen Befehl, er solle die Nachforschungen verschärfen. Der Zufall wollte es, daß der Marschall auf Pios verheiratete Schwester stieß, welche natürlich einen Francesco Forgione kannte. Der Marschall von Pietrelcina schrieb nun sofort an seinen Kollegen in San Giovanni Rotondo, jener Francesco Forgione müsse ohne Verzug nach Neapel zurückgebracht werden. Aber auch diesmal klappte die Sache nicht.

Nach mehr als zwei Wochen berichtete der Marschall von San Giovanni Rotondo, hier sei weder ein Francesco noch sonst ein anderer mit dem Namen Forgione bekannt. Der Deserteur blieb also weiterhin unauffindbar. Schließlich klingelte der Brigadier von San Giovanni Rotondo an der Pforte des Kapuzinerklosters und vertraute dem Pförtner seinen Kummer an. Der Pförtner kannte den Gesuchten. Nun mußte also P. Pio, nach wesentlich verlängertem Urlaub, wieder einrücken. In Neapel herrschte ihn sein Hauptmann an: "Soldat Forgione, wissen Sie, daß Sie als Deserteur gesucht werden?" Pio verneinte die Frage und verteidigte sich, indem er seinen Urlaubsschein vorwies, auf dem geschrieben stand: "Sechs Monate Urlaub; dann neue Befehle abwarten!" Pio erklärte: "Ich habe gehorcht! Ich habe gewartet?" (139) So mit ganz rechten Dingen dürfte es bei dieser Affäre nicht zugegangen sein. Daß man in San Giovanni Rotondo einen Francesco Forgione nicht gekannt hat, ist glaubhaft; daß man aber auch in Pietrelcina nichts von ihm gewußt hat, das ist doch schwer zu glauben. In dem kleinen Marktflecken war doch die Familie Forgione wohlbekannt und auch den Francesco kannten die Leute; er hatte ja vor nicht einmal fünfzehn Jahren noch so geheißen. Ob sich nicht die Leute mit Absicht dumm gestellt haben? Es scheint auch, daß P. Pio ganz gerne den Text seines Urlaubsscheines buchstäblich ausgelegt hat.

An dem Militärdienst hatte P. Pio absolut kein Gefallen. Alle Briefe aus dieser Zeit wimmeln nur so von herzzerreißenden Eingeständnissen seiner "Niedrigkeit", ja seiner "tiefsten Erniedrigung" (140). Mitte August 1917, am siebten Jahrestag seiner Primiz, schrieb er an eine seiner "geistlichen Töchter" einen Brief, in dem er seiner verzweifelten Stimmung Ausdruck verlieh: "Man darf nicht aufhören, dem göttlichen Herzen wie auch dem Herzen seiner süßesten Mutter sanfte Gewalt anzutun. ... Möge es mich befreien von der gegenwärtigen Prüfung und sie mir in eine andere umwandeln im Schatten des heiligen Klosters oder auch mich zu sich berufen, und zwar bald. ... Sie müssen wissen, daß es im hiesigen Lazarett keine Kapelle gibt und es auch nicht erlaubt ist, den Fuß nach draußen zu setzen. ... So bin ich des Heilandes beraubt und kann nicht zelebrieren. ..." Am 5. September schrieb er: "Sie kennen schon mein unglückliches Schicksal. Jesus hat mich mit einer Abtötung bestrafen wollen, die über meine Kräfte geht. Ich hätte Sie gerne die Diagnose lesen lassen, die von der Klinik über meine Krankheit ausgestellt wurde: physisch zum Skelett abgemagert, Unterernährung, ausgedehnter Bronchialkatarrh usw. usw. ... Aber was wollen Sie? Ich kehre also ins Lazarett zurück zur letzten Untersuchung beim Obersten, und dieser beschränkt sich darauf, einen müden Blick auf mich zu werfen, um mich alsdann für geeignet zu erklären. Mein Gott! Welche Ungerechtigkeit! Ich überlasse es Ihnen, wie ich mich physisch und moralisch fühle. ... Diese Prüfung droht mich zu zerschmettern. Doch der Wille Gottes geschehe..." (141) Ein Auszug aus dem Brief vom 14. September 1917 lautet: "Die Ungerechtigkeit kann nicht triumphieren, und die Ungerechtigkeit der Menschen wird der Gerechtigkeit Gottes zum Triumph dienen. Nach so vielen und verschiedenartigen Prüfungen des Leidens wollte Jesus mich auch noch dieser Prüfung unterziehen, die mir das Leben gänzlich unerträglich macht"(142). Das sind Worte der Verzweiflung und der Selbstbemitleidung, auf die ein Heiliger in durchaus erträglicher Lage verzichten müßte. P. Pio wurde schließlich zu Beginn des November 1917 auf vier Monate beurlaubt. Im März 1918 erhielt er wegen doppelseitigen Bronchialkatarrhs die Einweisung ins Militärlazarett von Neapel. Am 16. März wurde er entlassen, wobei ihm eine Rente gewährt wurde. Merkwürdigerweise war "von dieser ihrer Natur nach besonders gearteten Krankheit einige Monate später keine Spur mehr vorhanden." Dies erklärt in eindeutiger Weise, daß die Krankheit Pios psychischer Natur war. Nun hatte also "Gott seinen Diener erhört"; er hatte ihn befreit von der "Babylonischen Gefangenschaft", wie P. Pio selber die Zeit seines Militärdienstes bezeichnete (143). Sein Verhalten beim Militär steht nicht in Einklang mit seiner sonst so ausgiebig geäußerten Leidensliebe.


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Letzte Änderung: 19. August 1997