Fatima „Erscheinungen“ und „Botschaften“

I. Die Seherkinder

1. Lebensüberblick

a) Jacinta

Die Heimat der drei Seherkinder Lucia sowie der beiden Geschwister Jacinta und Francisco ist der in Portugal gelegene Weiler Aljustrel, der zur Pfarrei Fatima gehört. Das jüngste der Kinder war die am 11. März 1910 geborene Jacinta (Hyazintha) Martos, eine Kusine der Lucia Santos. Im Jahre 1916, als die drei wiederholt Erscheinungen eines Engels hatten, war das Mädchen erst sechs Jahre alt. Bei den einzelnen Erscheinungen führte die Gespräche mit den himmlischen Persönlichkeiten ausschließlich Lucia; Jacinta war bloß Augen- und Ohrenzeugin; Francisco sah zwar in der Regel, was sich ereignete, aber er horte lediglich, was Lucia sprach.

Die Kinder verbrachten ihre Jugendjahre genau wie ihre Altersgenossen auch. Jacinta soll leidenschaftlich gerne getanzt haben7. Dies erzählt später Lucia, die im übrigen ihre Kusine, die sie als sehr lebhaft bezeichnet, nicht ganz so gut beurteilt wie sich selbst8. Lucia gibt an, zwischen ihnen beiden habe vor 1917 keine engere Beziehung bestanden; ja sie beteuert: „Im Gegenteil, ihre Gegenwart war für mich ab und zu ziemlich unangenehm wegen ihres zügellosen Wesens. Der kleinste Streit, wie er bei spielenden Kindern vorkommt, reichte aus, damit sie sich eingeschnappt in den Schmollwinkel stellte. Um sie wieder zum Mitspielen zu bewegen, reichten die zärtlichsten Worte nicht aus, wie sie Kinder bei solchen Anlassen zu geben wissen. Es war dann nötig, ihr die Wahl des Spieles zu überlassen und auch des Partners, mit dem sie spielen wollte.“9 Weiterhin urteilt Lucia über Jacinta, diese sei „nicht nur sehr leicht beleidigt gewesen“, sondern habe auch den Fehler gehabt, „geizig zu sein“10.

Jacinta wurde nicht ganz zehn Jahre alt. Am 20. Februar 1920 verstarb sie an einer „eiterigen Brustfellentzündung“, der Folge der sog. „Spanischen Krankheit“. Fonseca weiß zu berichten, daß vom Leichnam „ein angenehmer Duft wie von wohlriechenden Blumen“ ausströmte11. Die Verstorbene wurde zunächst in das in der Nabe von Fatima gelegene Vila Nova de Ourem überführt, wo sie in der Gruft eines Barons beigesetzt wurde12. Weil Jacinta einer „ansteckenden eiterigen Krankbeit“ erlegen war, wurde der entseelte Leib „mit einer dicken Kalkschicht“ bedeckt. Am 13. September 1935 ließ der Bischof von Leiria den Leichnam in eine Gruft überführen, die er für Jacinta und ihren Bruder auf dem Friedhof von Fatima hatte herrichten lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte man feststellen, daß das Gesicht des Mädchens „in diesem Augenblick schön, unversehrt und vollkommen erkennbar“ war13. Barthas meint, ihr Antlitz sei „völlig unversehrt“ gewesen14. Sechzehn Jahre später, am 30. April 1951, wurde der Leichnam Jacintas ein zweites Mal aus dem Grab genommen und dann in die Basilika von Fatima übertragen. Er war, wie Netter schreibt, „nicht mehr so gut erbalten wie bei der ersten Exhumierung 1935“, aber trotzdem noch „fast unversehrt“15. Etwas vorsichtiger drückt sich Barthas aus, wenn er sagt, der Leib Jacintas sei „völlig kenntlich“ gewesen16. Wieder anders lautet das Urteil Fonsecas. Er schreibt, bei der „kanonischen Rekognoszierung“ am 30. April 1951 sei Jacintas Leichnam leicht zu identifizieren gewesen. „Er wurde aus dem Grabe gehoben und der Sarg geöffnet – der Leib war eingetrocknet und einwandfrei erkennbar. Nur die Knochen der rechten Hand waren bloß und die Finger abgetrennt.“17 Nicht zu übersehen ist der Versuch der Biographen, auf jeden Fall irgendetwas Wunderbares zu finden. Dabei bandelt es sich um eine völlig normale Angelegenheit. Die Beisetzung in einer Gruft und die Verwendung von Kalk hatten einen verzögerten Verwesungsprozeß zur Folge. Jacintas Bruder Francisco wurde im Unterschied zu ihr in einem normalen Erdgrab beigesetzt; darum hat sich auch sein Leichnam in kurzer Zeit zersetzt.

b) Franciso

Das zweite Seherkind, Francisco Martos, geboren am 11. Juni 1908, war zur Zeit der Muttergotteserscheinungen neun Jahre alt. Lucia sagt von ihm Ende 1941, er sei „nicht eigensinnig und lebhaft“ wie Jacinta gewesen; ihr gegenüber habe er „kein großes Interesse“ gezeigt18. Francisco war offenbar nicht anders als die übrigen Jungen seines Alters. Lucia klagt ihn an, er habe einmal seinem Vater „einen halben Franken“ gestohlen, um sich eine Mundharmonika zu kaufen, und er habe zusammen mit einigen Altersgenossen andere Knaben mit Steinen beworfen19.

Auch Francisco starb in jungem Alter. Am 4. April 1919 holte ihn „die Gottesmutter, deren Gegenwart sich durch einen Lichtschein anzeigte“, in die ewige Heimat, wie sie es ihm am 13. Mai 1917 versprochen hatte. Der Leichnam des Jungen wurde am Tag darauf auf dem Friedhof von Fatima neben der Pfarrkirche beigesetzt20. Am 13. September 1935 wollte man die Gebeine Franciscos exhumieren. Aber diese „schienen zunächst unauffindbar“. „Bei der Eröffnung des Grabes konstatierten die Fachkundigen, daß es Knochen verschiedener Leiber enthielt, und zwar Knochen von neugeborenen Kindern“. Diese waren 1919 „in geringerer Tiefe im Grab Franciscos“ bestattet worden. Fonseca gibt an, man habe diese Gebeine ohne weitere Prüfung, in der Annahme, es seien die sterblichen Überreste Franciscos, in die neue Grabstätte übertragen21. Wie man freilich Knochen von Säuglingen mit Gebeinen eines elfjährigen Knaben verwechseln konnte, ist schwer zu verstehen. Jedenfalls befanden sich die Gebeine Franciscos weiterhin im ursprünglichen Grab. Im Februar 1952 wurde dieses gründlicher untersucht; man fand nun „in einer etwas größeren Tiefe den Sarg und in ihm die Gebeine; sie waren durch die Feuchtigkeit schon sehr beschädigt“. Die Familienangehörigen erkannten „auf Grund verschiedener Kennzeichen“ die Gebeine Franciscos „unzweifelhaft, vor allen aber an dem Rosenkranz“. Die Gebeine wurden dann in einem neuen, schöneren Sarg in der Basilika von Fatima beigesetzt22.

c) Lucia

Lucia Santos, die Kusine der beiden Geschwister Jacinta und Francisco Martos, wurde am 22. März 1907 geboren. Am 17. Mai 1921 trat sie in das Kolleg der Schwestern der hl. Dorothea in Vilar ein, das später dem Nachbarort Porto eingemeindet wurde. Fünf Jahre darauf, am 2. Oktober 1926, fand sie Aufnahme im Institut der seligen Paula Frassinetti zu Tuy, einer alten spanischen Stadt am rechten Ufer des Minho. Bei Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges im Jahre 1936 wurde sie in das Collegio do Sardao in der Nähe von Porto versetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie im Jahre 1946 nach Tuy zurück. Am 25. März 1948 verließ sie ihre bisherige klösterliche Gemeinschaft und begab sich ins Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen von Coimra; am 31. Mai 1949 legte sie dort die feierliche Profeß ab23.

Während Lucia über Jacinta manches Negative zu berichten weiß und auch Francisco nicht besonders gut in ihrem Urteil wegkommt, sieht sie sich selbst in wesentlich günstigerem Lichte. Nur einen kleinen Fehler bekennt sie, wenn sie die „Eitelkeit“ als ihre „schlechteste Zierde“ bezeichnet. So sagt sie: „An den Festtagen liebte ich, mich mit einer kleinen goldenen Schnur und mit großen Ohrringen zu schmücken, die mir bis auf die Schulter herabfielen, und ein schönes Hütchen zu tragen. ... In der Umgegend lebte kein anderes so gut herausgeputztes Mädchen und meine Schwestern und meine Patin Therese brüsteten sich deshalb“24.

Lucia stellt mit Wohlgefallen fest, daß sie ein äußerst gutes Gedächtnis besitze. „Nicht wenige Personen“, so schreibt sie, „haben sich gewundert über das Gedächtnis, das Gott mir zu gewähren sich würdigte“25. Auch sonst findet sie bei ihrer eigenen Person manch Lobenswertes. Sie erwähnt, daß sie als jüngstes der sechs Geschwister der Liebling aller gewesen sei; unter ihren Geschwistern sei es ihretwegen zu „allerhand Streitereien“ gekommen; alle hätten sie „auf dem Arm tragen“ und sich mit ihr unterhalten wollen; ihr Vater habe sie „mit Liebkosungen und Zärtlichkeiten überhäuft“. „Überhaupt mit Zärtlichkeiten und Liebkosungen“ habe sie ihr sechstes Lebensjahr erreicht. Auch der Pfarrer, versichert Lucia, habe sie vor allen Kindern ausgezeichnet. Wenn wahrend des Unterrichtes irgendein Kind eine ihm gestellte Frage nicht beantworten konnte, habe er sie die Antwort geben lassen, um die anderen zu „beschämen“. Nicht bloß der Vater und ihre Geschwister hätten sie „besonders gerne“ gehabt; ebenso beliebt sei sie bei den Nachbarskindern gewesen, von denen sie allezeit „Zuneigung und Achtung“ erfahren habe. Ihre Mutter habe zu sagen gepflegt: „Ich weiß nicht, welche Anziehungskraft du hast; die Kinder laufen dir zu, als gehe es zu einem Feste!“ „Das gleiche“, so bezeugt Lucia, „geschah mit meinen Spielgefährtinnen in Vilar, und fast wage ich zu sagen, jetzt auch mit meinen Mitschwestern im Kloster.“ Die Novizenmeisterin habe ihr gestanden: „Sie haben einen solchen Einfluß auf die Schwestern, daß Sie ihnen von großem Nutzen sein können, wenn Sie wollen." Durch ihre Oberin sei sie darauf aufmerksam gemacht worden, daß sich ihre Mitschwestern ganz nach ihrem Vorbilde richteten. Lucia fragt selber: „Woher das kommt?“ Sie gibt auch die Antwort: „Ich weiß es nicht; vielleicht ein Talent mehr, das der Herr mir anvertraute.“26

In Widersprüche verwickeln sich die einzelnen Autoren, aber auch Lucia selber, wenn sie die Freundschaft der Seherkinder untereinander schildern. So schreibt Fonseca: „Wir erkennen das Walten der Vorsehung, wenn wir erfahren, daß Jacinta und Francisco von klein auf ihrer Cousine Lucia herzlich zugetan waren und ihre Gesellschaft jeder anderen vorzogen. Sie sagten, es mache ihnen keine Freude, mit anderen Kindern zu spielen, und darum gingen sie oft zu Lucia und holten sie zu ihrem Lieblingsplätzchen: einem Brunnen im elterlichen Garten... . Auch später kamen sie dorthin ... , doch nicht mehr, um zu spielen und sich an Geschichten zu ergötzen, sondern um zu weinen und zu beten“.27 Eines Tages, als Lucia acht Jahre alt geworden war, so erzählt Fonseca, teilte sie ihren „kleinen Freunden“ mit, von nun an sei es nicht mehr möglich, miteinander zu spielen, da sie künftig die Schafherde des elterlichen Anwesens hüten müsse. Aber auf Bitten der beiden Geschwister wurde ihnen gestattet, zusammen mit Lucia „auf die Berge zum Hüten zu geben“. So wuchsen die Drei „in der Einsamkeit auf“28.

Diese Angaben stimmen jedoch mit den Berichten anderer Autoren nicht überein. Lucia wurde am 22. März 1915 acht Jahre alt. Wie Fonseca angibt, hat sie von dieser Zeit an die elterliche Schafherde auf die Weide führen müssen; die bisherigen Freunde Francisco und Jacinta waren dabei regelmäßig ihre Begleiter. Aber Fonseca widerspricht sich selbst. Er schreibt bei der Schilderung der Engelserscheinungen des Jahres 1915, die zwischen April und Oktober stattgefunden haben sollen, damals seien Francisco und Jacinta „noch nicht“ „Gefährten der Lucia“ gewesen29. Ähnlich wie Fonseca, aber mit einigen Varianten, schildert Moresco das gegenseitige gute Verhalten der späteren Seherkinder. Er sagt: "Eine große Liebe verbindet Hyazintba mit Lucia, weniger Lucia mit Franz, vielleicht wegen des Charakterunterschiedes. Diese unschuldige Liebe geht aus der Erzählung der vielen Episoden hervor, die Lucia uns beschrieben hat über das Einverständnis bei der Wahl der Spiele, obwohl ein jedes seine Bevorzugungen hatte, im Fehlen ernster Streitigkeiten und im ständigen Einigsein.“30

Der bisher geschilderten Darstellung widerspricht das, was Lucia selber erzählt. Sie versichert, vor 1917 habe sie „keine besondere Zuneigung zu Jacinta und Francisco“ gehabt31. „Die Freundschaft“, so erklärt sie, „die mich mit Francisco verband, bestand lediglich auf unserer Verwandtschaft und auf den Gnaden, die der Himmel uns verlieb. ... Ich bekenne selbst, daß ich nicht viel für ihn übrig hatte.“ Manchmal habe sie ihn förmlich gezwungen, ihr zu gehorchen, als sei sie „eine große Autorität“ gewesen. Als sie, Lucia, durch ihre Eltern zum Schafehüten verpflichtet worden sei, da „erschien Francisco gleichgültig zu bleiben“; er habe „kein großes Interesse“ gezeigt, mit auf die Weide zu geben32.

All das widerspricht offensichtlich dem, was anderorts über das außerordentlich herzliche Verhältnis der drei Seherkinder zueinander berichtet wird. So beteuert ja Lucia auch ihrerseits, Jacinta und ihr Bruder hätten für sie „eine besondere Vorliebe“ und sie „fast immer“ zum Spielen geholt; sie sagt aber vor 1917 habe zwischen ihnen keine engere Beziehung bestanden. Man kann die widersprüchlichen Angaben einfach nicht übersehen. Soweit sie auf Lucia unmittelbar zurückgeben, kann man sich fragen, ob ihre sonstigen, zu verschiedenen Zeiten gemachten Äußerungen eher den Stempel der Wahrheit tragen.

2. Opferleben

Auch in religiöser Hinsicht unterschieden sich die drei Seherkinder von Fatima nicht von anderen Kindern ihrer Heimat. Erst nachdem ihnen Maria erschienen war, so liest man, vermehrten sie etliche Frömmigkeitsformen und legten sich freiwillige Opfer auf. Den Anstoß gab die erste Muttergotteserscheinung vom 13. Mai 1917. Damals soll Maria die Kinder gefragt haben: „Wollt ihr euch Gott schenken, bereit, jedes Opfer zu bringen und jedes Leiden anzunehmen, das er euch schicken wird, als. Sühne für die vielen Sunden, durch die die göttliche Majestät beleidigt wird, um die Bekehrung der Sünder, von denen so viele auf die Holle zueilen, zu erlangen und als Genugtuung für die Flüche und alle übrigen Beleidigungen, die dem Unbefleckten Herzen Mariens zugefügt werden?“ Die Kinder erklärten sich bereit. Maria druckte ihre Freude über die „Großmut der unschuldigen Kinder“ aus. Worin bestanden nun die Opfer der Kinder? Da erzählt Lucia, sie und Jacinta seien Schmetterlingen nachgejagt. Wenn sie dann einen Falter gefangen hatten, ließen sie ihn wieder frei, „um das Opfer zu bringen, ihn fliegen zu lassen“33. Was haben wohl die Kinder früher mit den Schmetterlingen getan?

Am Tag nach der ersten Marienerscheinung setzte sich Jacinta abseits von den zwei Gespielen auf einen Felsen in Erinnerung an die Worte der Muttergottes verzichtete sie auf das gewohnte Spiel. Am selben Tag berieten sich die Drei, welche Opfer sie bringen konnten. Als erster hatte Francisco einen geeigneten Einfall: „Wir geben unser Vesperbrot den Schafen und bringen das Opfer, nicht zu essen.“ So sprach er, und die anderen zwei waren sofort einverstanden. „Es wurde ihr erster Fasttag.“34 Lucia bildet sich sogar ein: „So verbrachten wir einen Fasttag, wie ihn nicht einmal der strengste Kartäuser kennt.“35 Am meisten war Jacinta darauf bedacht, keine Gelegenheit zum Opferbringen zu versäumen. Eines Tags schenkte sie ihr Vesperbrot den Kindern zweier armer Familien. Von da ab beschlossen auch die anderen, jedesmal, wenn sie diese Bettelkinder trafen, in gleicher Weise zu bandeln. Durch den Verzicht auf das Vesperbrot gab es „nur allzu oft viele Fasttage für kleinen Apostel der Sünder“. Aber Kinder bahen nun einmal Hunger. Sie stillten ihn von nun an am Abend „nach Möglkeit mit Wurzeln, Maulbeeren und Eicheln“36. Um das Opferer und wertvoller zu machen, aßen sie auf Anregung Jacintas mit Vorliebe die besonders bitteren Eicheln. Außerdem verzichteten sie auf schmackhafte Fruchte oder andere Leckerbissen. Eines Tages bekamen Jacinta und Francisco ein paar schöne Weintrauben geschenkt. Sofort eilte damit Jacinta auf die Straße, wo gerade „ihre alten Armen“ vorübergingen und reichte ihnen die Trauben. Ein andermal hatte den beiden Kleinen ihre Mutter einen Korb voll frischer Fruchte gebracht; sie kosteten zuerst einige davon, dann rief die Kleine: „Schau, wir haben heute noch keine Opfer für die Sünder gebracht. Wir müssen dieses bringen.“ „Und mit gefalteten Händen brachte sie dem Herrn im Namen aller drei den Verzicht der Fruchte dar.“ Francisco suchte die anderen Kinder beim Opferbringen noch zu übertreffen. So verzichtete er einmal, „um den Heiland zu trösten“, auf ein Glas Apfelsaft, das ihnen Lucias Patin vorgesetzt hatte37.

„Manchmal waren die Opfer der Kinder wirklich heroisch.“ Eines Tages trafen sie wieder „ihre kleinen Freunde“, nämlich die armen Kinder. Sofort schenkten sie ihnen ihr Mittagessen und Vesperbrot. Mehr noch als vom Hunger wurden sie vom Durst gequält. „Doch an jenem Platz gab es keinen Tropfen trinkbaren Wassers.“ Schließlich hielten sie es vor Durst nicht mehr aus; darum beschlossen sie, ins nahe Dorf zu geben, um ein wenig Wasser zu erbitten. Sie erhielten nicht nur Wasser, sondern auch ein Stück Brot. Aber was taten sie nun? Sie schütteten das Wasser weg. „Doch bald lernten sie den Heroismus, den sie an jenem Tag geübt hatten, noch zu überbieten.“ Da sie nun verspürt hatten welche Qual Durst bereiten kann, „wurde es ihnen zur Gewohnheit, oft eine ganze Woche oder auch einen vollen Monat lang nichts zu trinken“. Dieses Opfer brachten sie „einmal im August bei erstickender Hitze“. Die Kinder suchten und fanden immer wieder neue Gelegenheiten „zu empfindlichen Opfern“. „Einmal pflückten sie am Nachmittag Blumen. Dabei kam Jacinta unversehens an Brennesseln; sie hatte sich tüchtig verbrannt.“ Da nahm sie Brennesseln fest in die Hand und rief: „Schaut, ich habe wieder etwas entdeckt, womit wir uns abtöten können!“38

Einmal fanden die Kinder auf dem Weg zur Weide einen Strick, „und Lucia schlang ihn um den Arm; da sie merkte, daß dies Schmerzen bereitete“, sprach sie zu ihren Begleitern: „Wißt ihr, daß das wehe tut? Wir können ihn uns um den Leib schnüren und dem Herrn das Opfer bringen.“ Sofort waren die beiden bereit. Sie teilten den Strick in drei Teile, „und jedes schlang seinen Bußgürtel auf den bloßen Leib um die Lenden“. Dies erzählt Lucia und fahrt fort: „Dieses Bußinstrument bereitete uns schreckliche Schmerzen, so daß Jacinta nicht die Tranen zurückhalten konnte.“ Anfangs trugen die Kinder den Strick Tag und Nacht. „Welche Qual und welchen Schaden für die Gesundheit das bedeutete, kann man sich vorstellen.“ Darum griff die Muttergottes selber am 13. September 1917 ein; sie sprach „voll mütterlicher Güte“: „Der Herr ist sehr zufrieden mit eueren Opfern; doch er will nicht, daß ihr mit dem Strick schlaft. Tragt ihn nur untertags!“ Jacinta und Francisco, so versichert Lucia, trugen den Strick sogar noch wahrend ihrer Todeskrankheit; „später“ habe man an den Stricken „Blutflecken“ entdeckt39. Von all dem wußte niemand etwas, bis es Lucia Jahrzehnte später in ihren „Erinnerungen“ niederschrieb. Sie behauptet dabei: „Solche Vorfalle waren an der Tagesordnung und wenn ich alles erzählen wollte, käme ich an kein Ende.“

Wie diese Dinge geschildert werden, entspricht völlig jenem sentimentalen, schwulstigen Stil, den man bei der "mystischen" und erbaulichen Erzählungsweise der religiösen Trivialliteratur gewohnt ist. Lucia und ihre Biographen ergehen sich in schwärmerischen, ja kindisch-naiven Legenden mit maßlosen Übertreibungen und Superlativen. Bezeichnend ist beispielsweise der Anspruch Lucias, sie und ihre beiden Verwandten hätten bereits deshalb, weil sie einmal auf ihr Vesperbrot verzichteten, einen Fasttag verbracht, wie ihn „nicht einmal der strengste Kartäuser kennt“. Der Gedanke, daß nicht tatsachliche Ereignisse, sondern Märchen und Erdichtungen niedergeschrieben wurden, drängt sich immer wieder auf. Daß Jacinta erst nach der ersten Muttergotteserscheinung darauf gekommen sein soll, daß Brennnesseln Schmerzen bereiten, ist ohne Zweifel unwahr; und wenn gelegentlich Kinder mit Brennesseln ihre nackten Beine schlagen, so geschieht dies nicht aus Opfersinn, sondern aus Spielerei oder um den eigenen Mut unter Beweis zu stellen. Was Lucia über den Verzicht auf Trinken erzählt, ist offenkundig bloß erfunden. Die Kinder habe gewiß nicht einen Monat lang auf Trinken verzichtet, schon gar nicht im Hochsommermonat August „bei erstickender Hitze“. Daß es sich bei derartigen Erzählungen um bloße Märchen handelt, ist geradezu handgreiflich. Auch in diesem Zusammenhang taucht die schon einmal gestellte Frage auf: Sind die Erzählungen Lucias über die Erscheinungen und Offenbarungen der Muttergottes glaubwürdiger?

3. Rosenkranzgebet

Am 14. Mai 1917, am Tag nach der ersten Marienerscheinung, so berichtet Lucia, verzichtete Jacinta auf ihre gewohnten Spiele. Sie erinnerte ihre Gefährten daran, daß die Gottesmutter am Vortage gefordert hatte, sie sollten täglich den Rosenkranz beten, und fügte hinzu: „Wir müssen jetzt beim Rosenkranz immer das ganze Ave Maria und das ganze Vaterunser beten.“40 Warum drückt sich Jacinta in dieser Form aus? Lucia versichert, auch vorher hatten sie und die zwei Gefahrten täglich den Rosenkranz gebetet. Die erste Erscheinung am 13. Mai 1917 soll erfolgt sein, als die Kinder „andächtig“ den Rosenkranz beteten41. Es erscheint allerdings fraglich, ob die siebenjährige Jacinta und der neunjährige Francisco überhaupt den Rosenkranz richtig zu beten verstanden haben. Lucia freilich behauptet dies. Sie schreibt auch 1935 in ihrer „Ersten Erinnerung“, daß Jacinta gerne das Ave Wort für Wort laut gerufen habe, um „das Echo in der Tiefe des Tales“ zu hören. Jacinta sprach dabei immer erst dann das nächste Wort, nachdem das vorausgegangene aufgehört hatte zu widerhallen42. Lucia erzählt außerdem, in welcher Weise die Kinder den Rosenkranz „andächtig“ zu beten pflegten: „Weil uns die Zeit zum Spielen zu kurz vorkam, hatten wir eine gute Gewohnheit herausgefunden, schnell fertig zu werden: Wir ließen die Perlen gleiten, indem wir sagten: 'Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria! I Wenn wir am Ende des Geheimnisses angekommen waren, sagten wir, mit großer Pause, die einfachen Worte: 'Vater Unser'. – So hatten wir im Nu unseren Rosenkranz gebetet“43. Dieser Rosenkranz dauerte „kaum eine Minute“44 . Daß es sich bei dieser Gepflogenheit um ein andächtiges Gebet gehandelt hat, wird niemand sagen wollen. Dies gestebt auch Luici Moresco in seinem Buch über die Seherkinder ein, wenn er schreibt: „Daß sie dabei sehr inbrünstig und aufmerksam gewesen, läßt sich bezweifeln.“ Er nennt dies „unschuldige Kniffe, die offenbaren, wie sie den anderen Kindern gleich waren“45.

Erst nach der ersten Muttergotteserscheinung beschlossen die Kinder, den Rosenkranz „ganz“ zu beten46. Selbst wenn es stimmt, daß die Kinder so gehandelt haben, stehen wir dann vor einer außerordentlichen Leistung? Die Forderung, täglich den Rosenkranz zu beten, ging, wie Lucia versichert, von der Muttergottes aus, die bereits bei der ersten Erscheinung am 13. Mai 1917 eine entsprechende Anregung gegeben hatte. Aber an sich hätte ja eine solche Aufforderung überflüssig sein müssen; denn schon langst vorher kannten die Kinder den Willen ihrer Eltern, täglich den Rosenkranz zu beten. Sie verrichteten ihr Gebet allerdings, wenn überhaupt, im Schnellzugstempo.

Aus den Schilderungen, die in der Hauptsache auf Schwester Lucia zurückgeben, wird deutlich, daß sich die drei Seherkinder von Fatima in keiner Weise von anderen Kindern unterschieden haben. Die vermehrten Gebets- und Bußübungen setzten erst im Jahre 1917 ein; demnach brachten ihnen auch die angeblich vorausgegangenen Engelserscheinungen keinerlei religiöse Anregung.


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Letzte Änderung: 29. September 2005