Fatima „Erscheinungen“ und „Botschaften“

Vorwort

Zu den bekanntesten Marienwallfahrtsorten gehört das in Portugal gelegene Fatima. Dort soll im Jahre 1917 die Muttergottes wiederholt drei Kindern erschienen sein; ihre „Botschaften“ werden seitdem in Wort und Schrift verbreitet.

Bei der „Geschichte von Fatima“ kann man zwei Phasen unterscheiden. Die ältere enthält die Ereignisse des Jahres 1917, das heißt die Marienerscheinungen, ihre Begleitumstände und das Sonnenwunder vom 13. Oktober. Ober diese Frage geben Auskunft die Protokolle der kirchlichen Untersuchungen und der Verhöre, außerdem die Berichte und Veröffentlichungen bis zum Jahre 1935. Mit dem Jahr 1935 beginnt die zweite Phase. Damals begann nämlich Lucia, das einzige noch lebende Seherkind, mit der Niederschrift neuer Berichte über die Erscheinungen. Darin wird unter anderem eine Reihe von wunderbaren Ereignissen und Botschaften bekanntgegeben, über die angeblich bislang strengstes Stillschweigen beobachtet worden war. Diesen „Erinnerungen“ Lucias, jenen schriftlichen Aufzeichnungen, die sie in den Jahren 1935, 1937, 1941 und 1943 gemacht hat, kommt eine besondere Bedeutung zu.

Bei der Lektüre der einzelnen Veröffentlichungen über die Ereignisse von Fatima stößt man immer wieder auf Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten. Dabei läßt sich feststellen, daß sich einzelne Chronisten zuweilen eigenmächtig recht beträchtliche Retuschen erlauben, um glättend über offensichtliche Schwierigkeiten hinwegzukommen. Auch die geschilderten wunderbaren Ereignisse selbst und der Inhalt der berichteten himmlischen Botschaften lassen Fragen, Zweifel und Bedenken aufsteigen. All diese Dinge sollen in dieser Schrift zur Sprache kommen.

„Ober die so bekannten Visionen von Fatima und ihre Botschaft gibt es keine historisch-kritische Arbeit bzw. keine wissenschaftlich genaue Ausgabe der Texte“1. Aber die erreichbare Literatur genügt, um sich ein begründetes Urteil bilden zu können. Der Verfasser dieser Schrift vertritt eine andere Überzeugung als die eifrigen Verfechter der Erscheinungen und Botschaften von Fatima. Für beide Seiten gilt, was Karl Rahner sagt: Eine Meinung ist „soviel wert wie ihre Gründe“. Es ist aber auch zu beachten: „Dort, wo der übernatürliche, von Gott gewirkte Ursprung einer Vision behauptet wird, ist diese Behauptung zu beweisen, nicht vorauszusetzen; der Bejaher, nicht der Zweifler oder Verneiner hat nach allen Grundsätzen der Theologie die Beweislast. Solange also nach einer auch nur vernünftig wahrscheinlichen, wenn auch in sich hypothetischen, allgemeinen Theorie der Visionen eine bestimmte Erscheinung 'natürlich' erklärt werden kann, kann der Erweis der Übernatürlichkeit einer bestimmten Erscheinung nicht als erbracht gelten.“2

Schriften freilich, die sich kritisch mit „mystischen“ Erscheinungen auseinandersetzen, finden nicht viele Leser und ein kath. Verlag ist bei einschlägigen Themen kaum zu finden, da er Rücksicht nehmen muß. Schlimmer ist es allerdings, daß auch von kirchlichen Stellen Schwierigkeiten bereitet werden. Wahrend Schriften, die sich positiv zu „mystischen“ Erscheinungen äußern, reichliche Forderung erfahren, stehen die Autoren, die zur Vorsicht mahnen und vor Wundersucht warnen, oft genug vor schwer zu überwindenden Hindernissen. So hat beispielsweise der spanische Jesuit Carlos Maria Staehlin im Jahre 1954 ein umfangreiches Buch veröffentlicht, das sich kritisch mit Visionen, Stigmata und Prophezeiungen auseinandersetzt3. An den Anfang der Arbeit setzte er die Worte aus dem 2. Timotheusbrief: „Es wird eine Zeit kommen, da man die gesunde Lehre nicht ertragen mag und sich seine Lehrer nach eigener Willkür auswählt, weil man nach Ohrenkitzel verlangt; und so wird man das Ohr von der Wahrheit abwenden und sich Fabeleien zuwenden“ (2. Tim. 4, 3 f). Über das Werk urteilte die Zeitschrift „civita Cattolica“: „Dieses mit Wissen, Erfahrung und aufrichtiger Liebe zur Wahrheit geschriebene Buch ehrt die katholische Wissenschaft.“4 Aber eine zweite Auflage und die Übersetzung in andere Sprachen wurde nicht gestattet. Die übersetzung ins Deutsche hatte P. Theodor Baumann S.J. angefertigt; die Schrift sollte im Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, erscheinen. Da kam vom „Heiligen Offizium“ aus Rom die Anordnung: „Das Buch ist aus dem Handel zurückzuziehen, neue Ausgaben und Übersetzungen sind verboten.“5 Gründe für dieses Vorgehen wurden nicht angegeben. An ein solches Schicksal seiner Arbeit hat P. Staehlin mit seinem Hinweis auf die erwähnten Worte aus dem 2. Timotheusbrief wahrscheinlich nicht gedacht. In dem Buch Staehlins wird in einer Reihe von Fallen aufgezeigt, wie sich kirchliche Stellen in ihrem Urteil über außerordentliche Phänomene schwer getäuscht haben. Das Verbot sollte also ein „Ärgernis“ verhüten. Papst Gregor IX. hat in dieser Hinsicht anders geurteilt. Als ihm einige allzu Kluge den Rat gaben, er solle eine Wahrheit, die Ärgernis erwecken konnte, verheimlichen, antwortete er: „Es ist nützlicher, die Entstehung eines Ärgernisses zuzulassen, als die Wahrheit zu verlassen.“6


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Letzte Änderung: 29. September 2005