“Konnersreuth“ - was nun?

Am Schluss seines Buches dankt Augustin Niedermeier in einem „persönlichen Nachwort“ einer Reihe von Personen, die ihn bei seiner Arbeit unterstützt haben. Unter anderem schreibt er: „Der frühere Leiter der Abteilung für Selig- und Heiligsprechungsprozesse des Bistums Regensburg, Herr Prälat Emmeram H. Ritter, und sein Nachfolger in diesem Amt, Herr Domvikar Georg Schwager, begleiteten wohlwollend das Unternehmen.“ Dabei konnte sich Niedermeier zusätzlich auf

das stützen, was Ritter in früheren „Therese Neumann-Briefen“ geschrieben hatte.

Der neue „Therese-Neumann-Brief 12“

Im Spätsommer 2002 ist nach einer mehrjährigen Pause wieder ein „Brief“ erschienen, die Nummer 12. Domvikar Schwager gibt in der Einleitung bekannt, dass Toni Siegert „größtenteils für den Inhalt die Verantwortung trägt“. Auf die einzelnen Beiträge, Ladenhüter und Lückenbüßer, braucht nicht näher eingegangen zu werden. Nur ein Thema beschäftigt uns. Was Siegert schreibt, entspricht ganz seiner sattsam bekannten Argumentationsweise. Da tadelt er mein im Jahre 1979 erschienenes, „ziemlich abfälliges Buch über Pater Pio“. Insbesondere äußert er seine Empörung über die „entschiedensten Gegner von Konnersreuth“, über die Mediziner Chefarzt Dr. Deutsch und Prof. Dr. Martini, vor allem über den Redemptoristen Hermann Brühl. Diesen klagt er, wie er es bereits vor Jahren getan hat, an:

„In seiner Klosterzelle fälschte und verfälschte P. Brühl nachweislich Dokumente gegen Konnersreuth, um sie dann als Umdruck einem geschlossenen Leserkreis im Deutschen Reich zugänglich zu machen.“

Auf eine der angeblichen Fälschungen Brühls geht Siegert etwas näher ein. Er zitiert aus dem Brief, den P. Brühl am 9. Februar 1939 an den Regensburger Prof. Dr. Engert geschrieben hat. Dazu erklärt er, bei dem angeführten Text handle es sich „um eine jener Erfindungen über Pater Pio, die inzwischen längst als Lügengeschichten einwandfrei aufgeklärt“ worden seien. Die „Erfindung“ soll in dem Text stecken:

„Am 20. Jan. war Abt Laur. Zeller, jetziger Generalabt der Brasilianischen Benediktinerklöster, der am vorigen Sonntag hier in Trier in St. Mathias zum Bischof geweiht wurde, mit seinem Nachfolger in der hiesigen Abtei bei uns im Kloster. Er erzählte mir folgendes: P. Pio habe Chemikalien benutzt, um die Wundmale und den Duft zu erzeugen. Man habe auch die Drogerie festgestellt, woher Pio die Chemikalien bezogen hat.“

Warum verschweigt Siegert, dass Bischof Zeller auch erzählt hat, er habe die Information unmittelbar aus dem Munde des Mailänder Kardinals Schuster erhalten? Warum verzichtet er auf jedweden Beweis für seine These von einer Erfindung, einer Lügengeschichte und von einer einwandfreien Aufklärung? Wer sich über das einschlägige Thema genauer informieren will, der lese in meinem Buch über P. Pio das Kapitel „Stigmatisation“ (S. 60-99)! P. Pio hat in der Tat Chemikalien verwendet. Dies hat sogar der Arzt Dr. Testa bezeugt, einer der besten Freunde Pios, zum Beispiel mit den Worten: „P. Pio hat zeitweilig Jodtinktur

und eine konzentrierte Karbolsäurelösung verwendet.“

Schließlich sei besonders betont, dass P. Gemelli, zeitweise Rektor der Universität Mailand, in seiner Eigenschaft als Arzt den Pater untersucht und versichert hat, dass dieser die Wunden mit Chemikalien erzeugt hat. Auf die Untersuchung durch Gemelli hin wurde von Rom aus sechsmal vor jeglichem Verkehr mit dem Pater gewarnt, sei es mündlich oder schriftlich.

Der berühmte Theologe und Mediziner Dr. Gemelli hat in höherem Auftrag P. Pio aufgesucht, ihn untersucht und dann ein umfassendes negatives Urteil über ihn abgeliefert. Dies wird zwar immer wieder in Abrede gestellt, aber es entspricht der Wahrheit. Über den Inhalt des angefertigten Attestes durfte Gemelli nicht sprechen; dazu hatte er sich eidlich verpflichten müssen. dass er Pio untersucht hat, wurde von ihm zu wiederholten Malen bestätigt. So hat er am 20. Juni 1952 geschrieben: „Ich habe P. Pio untersucht.“ Nicht lange darauf versicherte er wiederum: „Ich habe P. Pio und seine Stigmen genau untersucht. Während dieser Untersuchung war der P. Provinzial anwesend.“ Als der Arzt Dr. Testa über ihn unwahre Angaben verbreitete, wandte er sich an die kirchliche Behörde in Rom, in deren Auftrag er den Pater untersucht hatte, und bat um die Erlaubnis, sich verteidigen zu dürfen. Dies wurde ihm jedoch nicht gestattet. Es wurde ihm befohlen, „Stillschweigen zu bewahren und die Sache laufen zu lassen“.

Es steht fest, Gemelli hat P. Pio im Auftrag einer römischen Behörde eingehend untersucht. Darüber hat er zu wiederholten Malen Berichte an kirchliche Behörden gesandt. Der Inhalt dieser Schreiben muss sehr ungünstig gelautet haben, sonst wäre nicht Dr. Testa gegen den Mailänder Professor aufgetreten. Dies bestätigt unter anderem die Äußerung von Pios Mitbruder Luigi de Avellino, der Bericht, den Gemelli „nach vorgenommener Untersuchung, welcher P. Pio unterworfen worden sei“, abgegeben habe, sei „terribile“, fürchterlich gewesen.

Schließlich sei noch erwähnt, dass P. Pio gegen Ende seines Lebens kein Wundmal trug; ja, nicht einmal die geringste Spur eines Wundmales konnte entdeckt werden. Dies hat man freilich totgeschwiegen. Auch die vielen Besucher des aufgebahrten Paters wurden getäuscht: Der Verstorbene trug an seinen Füßen Strümpfe und an seinen Händen Handschuhe. Als Begründung wurde angegeben: „um einen Skandal bei den Schwachen zu vermeiden.“

Seligsprechung Therese Neumanns

Im neuen “ Therese-Neumann-Brief' sucht man vergebens eine Anmerkung zu dem Thema, mit dem seit Jahren der Name Toni Siegert eng verbunden ist, über die Frage: Wann wird der Selbstwerdungsprozess für Therese Neumann eingeleitet, von dem seit Jahrzehnten gesprochen wird? Das Thema spielt bereits seit vier Jahrzehnten eine Rolle.

Im Jahr 1962 kam Dr. Rudolf Graber als Bischof nach Regensburg. Im selben Jahr starb Therese Neumann. Der Bischof gab alsbald zu erkennen, dass er ihre Seligsprechung anstrebte. Die Voraussetzung für eine solche ist der Nachweis der Heroizität des Tugendlebens. In Grabers Auftrag hat von 1971 bis 1978 der holländische Jesuit Dr. Carl Straeter Zeugen vernommen und das „seit Jahrzehnten angefallene schriftliche Aktenmaterial durchgearbeitet“. Am 21. November 1979 gab das AMTSBLATT FÜR DIE DIÖZESE REGENSBURG das Urteil ab, der Informativprozeß, die Vorstufe eines Seligsprechungsprozesses, könne eingeleitet werden. Darauf ging der Bischof nicht ein, aber am 7. Februar 1982 ernannte er den Konnersreuther Pfarrer Anton Vogl zum „Postulator“. Dieser sollte den kirchlichen Bestimmungen gemäß „alsbald“ seinem Bischof über den Ruf der Heiligkeit der „Dienerin Gottes“ einen Bericht abfassen. Dabei wird betont, es dürfe nichts Negatives ausgelassen werden, er müsse auf die Schwierigkeiten hinweisen, die sich bei einer beabsichtigten Seligsprechung ergeben könnten. Vogl hat sich vor allem mit dem Thema befasst: „Ruf der Heiligkeit im Leben und nach dem Tod“ Therese Neumanns. Zusammen mit dem Postulator ist der Vizepostulator, der Kapuziner Ulrich Veh, tätig geworden. Im ersten Absatz seiner Arbeit hat er das Thema behandelt: „Lebenslauf der Dienerin Gottes.“ Die Arbeit umfasst XIV Titel.

Am 16. Februar 1986 wurde bekannt gegeben: „Nach der Auswertung der verfügbaren Akten im Ordinariatsarchiv und der Befragung Hunderter von Augenzeugen“ muss nun der Bischof „erst einmal über die Eröffnung des offiziellen Informativprozesses entscheiden.“ Der Bischof blieb stumm. Aber dann, nach Ablauf eines Jahres, geschah etwas Sonderbares. Am 20. Februar 1987 verkündete Weihbischof Schraml in Konnersreuth, es müsse das “vorhandene Material“ erst gesammelt, archiviert und „im Hinblick auf einen möglichen Prozeß überprüft“ werden, außerdem müssten „alle noch lebenden Zeugen“ vernommen werden. Aber was hatten denn bisher die Theologen Straeter, Vogl und Veh getan? Alle einschlägigen Akten, die Dr. Straeter eingesehen hat, waren ja bereits gesammelt; sie befanden sich in der Hauptsache im Bischöflichen Ordinariatsarchiv und in Konnersreuth, und Dr. Straeter vermochte ja keine anderen Zeugen zu vernehmen als noch lebende.

Wie bereits ausgeführt, hat der Vizepostulator P. Veh einen „Lebenslauf der Dienerin Gottes“ angefertigt. Einige Jahre danach, im Jahr 1992, erhielt Toni Siegert den Auftrag, eine „Biographie von Therese Neumann“ anzufertigen. Den von P. Veh angefertigten „Lebenslauf der Dienerin Gottes“ hatte man offenbar vergessen. Im Jahr 1998 hat Weihbischof Guggenberger von der „Biographie“ gesagt, sie werde „das Fundament für die voraussichtliche Seligsprechung“ bilden. Wann wird sie vorliegen? Guggenberger sprach die Vermutung aus, im Jahr 1999 könne „mit einem Teil des umfangreichen Werkes zu rechnen sein“. Am 15. März 1999 schrieb „Der neue Tag“, Toni Siegert wolle sein „Buch über die Konnersreuther Resl“ noch im laufenden Jahr publizieren. Es wurde angekündigt, „die akribische Dokumentation der Vorgänge um die Resl, die von ihrem unlängst verstorbenen Bruder Ferdinand seit 1930 vorgenommen“ worden sei, werde „sicher hilfreich“ sein „für die genaue Prüfung, die der Eröffnung eines Diözesanprozesses“ vorangehe.

Aber es blieb bei der Ankündigung, die akribische Dokumentation erschien nicht. Da wurde der Konnersreuther Pfarrer ungeduldig. Im Dezember 2000 begab er sich „mit einem großen Anliegen am Herzen und wichtigen Dokumenten im Gepäck zu seinem Chef nach Regensburg. Und Vogl gab bei Manfred Müller den Antrag nach Eröffnung des Seligsprechungsprozesses ab und untermauerte das Vorhaben mit einer 60-seitigen Übersicht über das Leben der als Konnersreuther Resl weltbekannt gewordenen Frau ... Doch mit der Seligsprechung ...wird's so schnell nichts werden. Der Bischof war nicht geneigt.“49 Dazu bemerkte der bischöfliche Pressesprecher Gregor Tautz nach einer Besprechung in der Ordinariatskonferenz, es handele sich noch nicht um eine Vorentscheidung, „man wolle noch auf eine ausführliche Biographie warten, die derzeit der Rundfunkredakteur Toni Siegert über das Leben der Therese Neumann zusammenstellt; hernach werde der Bischof entscheiden, ob das Seligsprechungsverfahren eröffnet wird - oder ob erneut weitere Fakten gesammelt werden müssen“50.

„Weitere Fakten“? -Wirkliche Beweise, dass die „Konnersreuther Phänomene“ echt waren und dass die Stigmatisierte ein heiligmäßiges Leben geführt hat? In dieser Hinsicht hat bisher niemand auch nur einen einzigen Beweis vorgelegt. Am 11. September 1988 hat Bischof Manfred Müller in der Pfarrkirche von Konnersreuth ein Pontifikalamt gehalten und bei der Ansprache seine Zuhörer zur Nachahmung der Stigmatisierten aufgefordert. Ob er dabei das bekannte Urteil des ehemaligen Benefiziaten von Konnersreuth Heinrich Muth über Therese Neumann im Auge hatte?: „Ich habe an der Resl so wenig Ehrlichkeit - Wahrheitsliebe -Nächstenliebe gefunden, dass es schlimm wäre, wenn die anderen Menschen auch so wären.“51

Fakten? - Solche interessieren offenbar bei der Abfassung einer Biographie der Therese Neumann nicht. Darum hat man Heinrich Muth nicht als Zeugen vernommen. Auch dessen Vorgänger als Benefiziat in Konnersreuth hat man übergangen. Dieser hätte auf Grund eigener Erfahrung viele Beiträge liefern können, beispielsweise über die Quelle von verschiedenen „übernatürlichen Schauungen“. Über „Resls“ außerordentliche Gabe schreibt der Autor Franz X. Huber: „Sie spürt - das wurde seit 1929 beobachtet und ist seitdem so -, wenn Anwesende im Stande der Todsünde sind. So wie sie bei einzelnen Personen deren Seelenzustand erkennt, so spürt sie, ob ihre weltliche oder fromme Gesinnung überwiegt und zu Hause ist; ob in dem Orte viele Trunksüchtige sind; ob in dem Ort geschlechtliche Sünden begangen werden; genau so, wie sie mittels dieses Sinnes unterscheiden kann, ob ein Besucher gläubig oder ungläubig, katholisch, protestantisch oder indifferent ist.“52

Zum Thema „Schauungen Therese Neumanns“ liefert der folgende Bericht, der mit Erlaubnis des Verfassers veröffentlicht wird, einen Beitrag:

EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG

Als neugeweihter Diakon war ich im Herbst 1966 für etwa zwei Monate in der Pfarrei Wiesau im Praktikum und habe im dortigen Pfarrhof gewohnt. Pfarrer war Josef Plecher, welcher einmal als Benefiziat in Konnersreuth gewesen war. Im Pfarrhof wohnten außer dem Kaplan und der Haushälterin auch noch die alte Haushälterin im Ruhestand, Frl. Johanna. Pfarrer Naber in Konnersreuth war damals schon im hohen Alter. Pfarrer Josef Plecher erzählte mir, dass er vor geraumer Zeit den Pfarrer Naber getroffen habe und dass ihn dieser nicht mehr erkannt habe. Sowohl Pfarrer Plecher als auch seine alte Haushälterin, Frl. Johanna hielten nichts von angeblich übernatürlichen Phänomenen um die Resl. Da ist zuviel Menschliches im Spiel, meinten beide.

Bezüglich des Pfarrers Naber erzählte mir Pfarrer Plecher das folgende: Pfarrer Naber habe im Pfarrhof Konnersreuth sehr zurückgezogen gelebt und habe von den Vorgängen im Dorf recht wenig mitbekommen. Dafür aber seien die Brüder der Resl zu Gast in den Dorfwirtshäusern von Konnersreuth gewesen und hätten von da jeweils den neuesten Dorfklatsch nach Hause gebracht. Die Resl habe dann den jeweiligen Dorfklatsch in der „Ekstase“ von sich gegeben und Pfarrer Naber habe dann diesen Dorftratsch als Offenbarung des göttlichen Heilands aufgenommen. Soweit Pfarrer Josef Plecher.

Ich habe diese Ausführungen von Pfarrer Plecher so wiedergegeben, wie er es gesagt hat, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen und erkläre hiermit an Eides statt, dass ich seine Ausführungen richtig wiedergegeben habe, desgleichen die oben ausgeführten Angaben.

93326 ABENSBERG, 16. August 2002

(Hans-Josef Bösl, Dekan)

Mitte Januar 2002 ist die Amtszeit des Bischofs Manfred Müller zu Ende gegangen. Die angekündigte Biographie ist nicht erschienen. Die Folge: Der Bischof war nicht in der Lage, eine Entscheidung in der Frage Einleitung eines Seligsprechungsprozesses zu treffen. Freilich, das zu tun, hatte er nie beabsichtigt.

Es bleibt demnach auch in Zukunft die Frage: Wie wird es weitergehen? Das wissen wir nicht. Es ist auch gar nicht so wichtig; denn auf eine entsprechende, der Wahrheit gemäße Verlautbarung der zuständigen kirchlichen Obrigkeit kommt es schon lange nicht mehr an. Das Schlussurteil in dieser unappetitlichen Affäre ist schon längst gesprochen, von Fachleuten auf theologischem und medizinischem Gebiet. Namentlich sei hier genannt der medizinkriminalistische Fachmann Prof. Dr. med. Dr. med. h.c. mult. Otto Prokop. Der weltbekannte Gerichtsmediziner, Serologe, Genetiker und Spezialist für kriminellen Aberglauben schrieb in seinem Geleitwort zu meiner Schrift WAHRHAFTIGKEIT UND GLAUBWÜRDIGKEIT IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE: „Im Fall Konnersreuth sind alle Fragen längst geklärt, die angeblichen, Wunder' als ganz irdisches Blendwerk entlarvt.“

Aber leider bleibt „Konnersreuth“ offensichtlich am Ende, was es immer war:

eine ewige Lüge.


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Gerald_Huber@r.maus.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers wieder.

Letzte Änderung: 2. Juli 2006