Ein neues Konnersreuth-Buch

Wir wenden uns dem neuen Konnersreuth-Buch zu, dessen Verfasser Augustin Niedermeier ist. Der Titel des im Jahr 200 I erschienenen Buches lautet: JOSEPH NABER, DER PFARRER DER KONNERSREUTHER RESL. Wie Niedermeier im “persönlichen Nachwort“ angibt, wollte er, vom Konnersreuther Pfarrer Anton Vogl dazu aufgefordert, eine „eingehendere Lebensbeschreibung des Seelenführers der Stigmatisierten“ erarbeiten. Nur der kleinere Teil des Buches kann als Biographie Nabers bezeichnet werden; das Hauptthema bildet Therese Neumann. Dabei geht es weniger um die „Konnersreuther Phänomene“ oder um die Frage des heroischen Tugendlebens der Stigmatisierten als um eine Auseinandersetzung mit Personen, die sich kritisch mit den einschlägigen Themen befassen oder befasst haben. Insbesondere ist dies der Fall in den beiden Kapiteln: „Der Kampf um die Glaubwürdigkeit der Stigmatisierten“ und: „Konnersreuth und der Nationalsozialismus“. Neues vermag der Verfasser trotz der umfangreichen Literaturangaben und trotz des im Dokumentationszentrum von Konnersreuth lagernden Materials aber nicht zu bieten.

Die Bischöfe Henle und Buchberger

Die Ereignisse in Konnersreuth wären wahrscheinlich anders verlaufen, wenn Bischof Antonius von Henle nicht bereits im Oktober 1927 gestorben wäre. Niedermeier gesteht, dass der Bischof auf die Vorgänge in Konnersreuth nicht gut zu sprechen war. Das zeigte er beispielsweise dadurch, dass er während seiner Firmungsreise im Jahr 1927 zwar durch den Ort Konnersreuth fuhr, aber nicht anhielt. Niedermeier erwähnt, dass der Bischof den Ausspruch getan hatte, die Konnersreuther Sache sei „vom Teufel“; er beschwichtigt aber zugleich, indem er angibt, der Bischof sei nach der Priesterkonferenz in Waldsassen Pfarrer Naber gegenüber „die Freundlichkeit selber“ gewesen.

Therese Neumann vermochte dem Bischof nicht zu verzeihen, dass er ihre Überwachung im Jahr 1927 in ihrem Elternhaus „erzwungen“ und ihre Überwachung in einer Klinik gefordert hatte. Am 2. Dezember 1930, also mehr als drei Jahre nach dem Tod des Bischofs, schrieb Pfarrer Naber: „Bischof Antonius hat Therese Neumann etliche Male an Allerseelen, wenn sie das Fegfeuer besuchen darf, dort gesehen, und er hat sie um Hilfe gebeten, das erste Mal mit dem Bemerken, er habe uns ja Unrecht getan, aber er sei nicht allein daran schuld gewesen.“32 Damit wird die Forderung des Bischofs, Therese Neumann müsse ihre Behauptung, nahrungslos zu leben, beweisen, als schwerwiegende Sünde bezeichnet. Dazu kommt, dass die um Hilfe Gebetene nicht bereit war zu verzeihen; die Stigmatisierte hat ja den Bischof nicht, wie sie es sonst gelegentlich für andere getan haben soll, durch ein „Sühneleiden erlöst“.

Die „Wissenschaft“

Bischof Michael Buchberger, so sagt Niedermeier, musste immer auf die Wissenschaft Rücksicht nehmen. Welche Wissenschaft hat er damit im Auge? Er meint: „Die Regensburger Bistumsleitung zeigte sich reserviert, zuweilen schroff, die Wissenschaftler, genauer gesagt, jener Teil der Wissenschaftler, die dem Naturalismus und Biologismus zuneigten, mussten aus Prinzip gegen Konnersreuth sein. Die Anhänger des Naturalismus erklären alles Geschehen, auch alles menschliche Geschehen, als bloße Äußerung seelisch-triebhafter Vorgänge. Das Eingreifen transzendenter Mächte steht für sie nicht zur Diskussion. Manche Vertreter aus dem Berufsstand der Mediziner fühlten sich dieser Richtung verpflichtet, früher noch mehr als heute. Die Konnersreuther Phänomene sind dann natürlich unerwünschte und ungeliebte Erscheinungen. Die Gegnerschaft von dieser Seite brauchte die ,Konnersreuther' nicht zu verwundern. Schwerer zu ertragen war aber solche Gegnerschaft, wenn sie im Priestergewand auftrat.“

In den weiteren Ausführungen zählt Niedermeier eine Reihe von Persönlichkeiten auf, die er zu den Naturalisten und Biologisten zählt. Dieselben Namen tauchen auch zum Teil in den Vorträgen auf, die der Journalist Toni Siegert in Konnersreuth gehalten hat. Dieser gebraucht für deren Charakterisierung allerdings andere Bezeichnungen, zum Beispiel: „Fälscher“, „Zuträger von falschen Nachrichten“, „Macher“, „Denunzianten“, „Sumpfarbeiter“; in den „Negativveröffentlichungen über Therese Neumann“, so sagt Siegert, spiegele sich „zwangsläufig auch die ganze Skala des Strafgesetzbuches wider mit Verunglimpfungen, Beleidigung, Denunziation, Diffamierung, Diskreditierung, Ehrverletzung, Hetze, Verleumdung, Rufmord, übler Nachrede“33.

Den entschiedensten Gegner von Konnersreuth in der Regensburger Bistumsleitung wagt allerdings keiner anzugreifen, weder Siegert noch Niedermeier: Generalvikar und Weihbischof Dr. Höcht. Im Jahr 1947 hat dieser in Hirschau das Sakrament der Firmung gespendet. Damals hat er während des Mittagessens eine Reihe von Anekdoten über seine einschlägigen Erfahrungen erzählt. Er hat auch seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass Bischof Buchberger nicht zu einem entschiedenen Vorgehen gedrängt werden konnte. Dr. Höcht hat seine persönliche Einstellung zu den Vorgängen in Konnersreuth mit den Worten zum Ausdruck gebracht: „Und wenn ich verdammt würde, ich kann nicht anders sagen als: Ich glaube von diesen Dingen gar nichts.“

Niedermeiers primitiv-negative Einstellung zu Wissenschaftlern entspricht der Auffassung Therese Neumanns. Nachdem diese von Prof. Ewalds Bericht über seine Erfahrungen in Konnersreuth Kenntnis erhalten hatte, schrieb sie an den Eichstätter Professor Dr. Wutz unter anderem:

„Ja, wenn die Wissenschaft noch so dagegen arbeitet und gescheiter sein will als der lb. Heiland selbst, sie müssen am Ende doch zugeben, dass sie aus sich nichts wissen. Sie wissen ja, dass ich von so übergescheiten, die alles nach dem Verstande erklären wollen und nicht bedenken, dass der lb. Heiland über ihnen steht, nicht viel wissen mag. Die kommen mir genau so vor, wie die elenden, stolzen Pharisäer, die ich immer am Freitag sehe und von denen ich solch großen Abscheu und Ekel habe ... Ich denke halt, die wahre Wissenschaft sollte zum lb. Gott fuhren, aber es ist meistens das Gegenteil. ... Ich meine halt und weiß ganz bestimmt, dass der lb. Heiland mich nicht leiden lässt, dass die stolze Wissenschaft daran zu deuteln und zu nörgeln hat und doch nicht erklären kann. Nicht eine Seele kommt ihm dadurch näher, denn da müsste der lb. Heiland und die Apostel früher ein ganzes Regiment Wissenschaftler um sich gehabt haben. Aber die waren doch nicht notwendig.“34

Beide also, Therese Neumann und Augustin Niedermeier, sind auf die Wissenschaftler, die den Schwindel von Konnersreuth durchschaut haben, nicht gut zu sprechen; in den Augen der Stigmatisierten waren sie „elende, stolze Pharisäer“; Niedermeier bezeichnet sie als Biologisten und Naturalisten. Mit einer Reihe von den also Bezeichneten setzt er sich in der Biographie Nabers namentlich auseinander. Als ersten von Therese Neumanns „Gegnern im Priestergewand“ fuhrt er

den Würzburger Theologen Prof. Dr. Georg Wunderle an. Dieser sei „mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft vertraut“ gewesen, habe „aber auch als katholischer Theologe den Lehren der Kirche treu bleiben“ wollen; er habe sich jedoch „manchmal kühn bis an die Grenzen katholischen Verständnisses“ herangewagt.

Warum lobt Niedermeier lediglich Prof. Wunderle, weil er als katholischer Theologe den Lehren der Kirche treu bleiben wollte? Dieses Lob hätten ja auch andere Theologen verdient, die er in seinem Buch anführt, zum Beispiel die Benefiziaten von Konnersreuth Weber, Plecher und Muth sowie die Professoren Waldmann, Engert und Mager. Von diesen Theologen weiß freilich Niedermeier nicht das gleiche zu sagen wie von Wunderle. Dieser, so behauptet er, habe sich später zur Konnersreuther Frage „positiv“ eingestellt. Dieses Wissen verdankt er freilich nicht dem Studium von Wunderles Schriften, sondern einer „brieflichen Mitteilung des Würzburger Archivars E. Soden“.

In diesem Zusammenhang muss die Frage gestellt werden: Was versteht Niedermeier unter dem Begriff Glauben? Bei den angeblichen wunderbaren Ereignissen in Konnersreuth handelt es sich in erster Linie nicht um theologische, sondern um medizinische Probleme; darum hat hier das entscheidende Wort die Medizin zu sprechen, nicht die Theologie. Dies gilt nicht nur für die Fragen Stigmatisation und Nahrungslosigkeit, sondern auch für die große Zahl von so genannten mystischen Fähigkeiten. Niedermeier vertritt wie die Masse der Pseudomystiker nicht den Glauben, sondern den Aberglauben und die Wundersucht. Die Hauptschuld lastet allerdings nicht auf ihm, sondern auf den Theologen, die im Auftrag einer kirchlichen Behörde arbeiten.

Prof. Dr. Ewald

Beim Thema „Wissenschaftler“ wendet sich Niedermeier nach seinen Ausführungen über den Theologen Georg Wunderle einem Mediziner zu, nämlich Prof. Ewald. Da tischt er ohne Hemmungen eine altbekannte Verleumdung gegen den Professor wieder auf, eine Verleumdung, die Therese Neumann und ihr Vater in schwerer Bedrängnis erfunden haben. Was war geschehen? Ewald hatte im Jahr 1927 einen Bericht über seine Erlebnisse in Konnersreuth verfasst. Dort steht in dem Kapitel „Körperlicher Befund“ der Satz: „Die Schambehaarung bekam ich bei einer Bewegung kurz zu Gesicht, sie war normal.“35

Das ist aber auch schon alles. Niedermeier regt sich darüber auf: „Bis heute ist ungeklärt und Aussage steht gegen Aussage, ob Dr. Ewald eine Jungfräulichkeitsprüfung bei der Stigmatisierten durchführte. Jedenfalls hat sich Vater Neumann bei seinem Sträuben gegen eine Klinikuntersuchung seiner Tochter immer auf diese Sache berufen.“ Aber „auf diese Sache“ vermochte sich Ferdinand Neumann gar nicht „immer“ zu berufen. Das Bischöfliche Ordinariat von Regensburg bemühte sich ja bereits vom Herbstbeginn 1926 an vergeblich, eine Überwachung Thereses in einem Krankenhaus zu erreichen.

Niedermeier behauptet, Aussage stehe gegen Aussage. Aber es gibt nur eine einzige einschlägige Aussage, die wahrscheinlich das Ergebnis gemeinschaftlicher Beratung zwischen Vater und Tochter ist. Was Dr. Ewald geschrieben hat, hat mit einer Jungfräulichkeitsprüfung nicht das mindeste zu tun. Er hat sicherlich nichts von dem Vorwurf erfahren; sonst hätte er sich dagegen gewehrt. Bis zum Jahr 1932 hat niemand von dem angeblichen Vergehen Ewalds etwas gehört. Der Vater der Stigmatisierten hat sich Jahre hindurch nur dagegen verwahrt, dass Ewald das Wort „Schambehaarung“ gebraucht hat. Der Vorwurf gegen den Mediziner wurde erst fabriziert, als immer wieder mit gesteigertem Nachdruck gefordert wurde, Therese Neumann solle sich in einer Klinik überwachen lassen.

Ich habe mich mit der ungeheuerlichen Verdächtigung Ewalds in drei meiner Schriften beschäftigt und den wirklichen Sachverhalt eingehend dargestellt36. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat sich Niedermeier informiert oder er hat es nicht getan.

Dr. Deutsch

Allgemein klagt Niedermeier über das „taktlose Benehmen mancher Ärzte“. „Den Hinweisen nach“, so sagt er, „gehören auch die Doktoren Ewald und Seidl dazu.“ Insbesondere beklagt er sich über den Lippstadter Chefarzt Dr. .Josef Deutsch. Auf die Vorwürfe gegen den tüchtigen und angesehenen Mediziner einzugehen, erübrigt sich. Bemerkenswert ist, dass Niedermeier bei ihm wie bei Prof. Wunderle einen „versöhnlichen Schluß“ ausfindig gemacht hat. Er schreibt über ihn: „Auf dem Sterbebett kamen ihm, wie es scheint, Zweifel, ob er nicht doch zu hart gegen Konnersreuth vorgegangen sei. Es gibt einen Bericht einer Lippstadter Krankenschwester aus dem Orden der Vinzentinerinnen, nach der Dr. Deutsch vor seinem Sterben erklärt habe: ,Das einzige, wovon ich fürchte vor Gott verantworten zu müssen, das ist mein Kampf gegen Konnersreuth. Wenn ich es noch einmal zu tun hätte, würde ich nicht gegen Konnersreuth schreiben'.“ Was Niedermeier behauptet, steht nicht in einem Bericht einer Lippstadter Krankenschwester- einen solchen Bericht gibt es nicht. Die zitierten Worte befinden sich in dem Brief, den ein Fritz Müller von Lippspringe am 20. Mai 1950 an Pfarrer Naber geschrieben hat. Müller behauptete, den zitierten Ausspruch nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager aus dem Mund einer Vinzentinerin vernommen zu haben. Dieser Kolporteur hat auch behauptet, eine Dame aus Paderborn habe ihm erzählt, „dass Dr. Deutsch vor seinem Tod bestimmt habe, dass alles, was er gegen Konnersreuth geschrieben habe, ihm ins Grab mitgegeben werden solle“37. Beide Berichte sind Lügen. Dr. Deutsch hat nie widerrufen. Er wäre zu einem Widerruf vor seinem Tod gar nicht mehr fähig gewesen. Am 20. August 1938 ist er, nachdem er als Todkranker noch eine schwere Operation durchgeführt hatte, auf sein Zimmer gegangen und dort zusammengebrochen. Während der letzten hundert Stunden seines Lebens kam er zwar wiederholt zu Bewusstsein, aber zu sprechen vermochte er nicht mehr. Ich zitiere, was mir auf meine Anfrage hin die Gattin des Chefarztes geschrieben hat:

„Ich kann ... versichern, dass die Äußerung ... nie über die Lippen meines Mannes gekommen ist. Das Gegenteil ist der Fall. Er war bis zuletzt der festen Überzeugung, mit seinem Kampf gegen Konnersreuth der guten Sache gedient zu haben; er nahm immer wieder viele Anfechtungen entgegen, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen“38.

Auch die andere Behauptung Müllers ist eine Fabel. Es trifft zu, dass Frau Deutsch in das Grab ihres Gatten von diesem verfasste Schriften gegeben hat, aber nicht, weil er widerrufen hatte, sondern weil man auf diese Weise zum Ausdruck bringen wollte, wie sehr er sich in seinem Kampf gegen „Konnersreuth“ für seine Kirche eingesetzt hat39.

Es handelt sich hier um eine typische sog. Bekehrungslüge, wie sie aus der Kriminalgeschichte religiöser Kontroversen nur zu gut bekannt ist: Welch geringe Glaubwürdigkeit Berichten über angeblich „letzte Worte“ Sterbender beizumessen ist, hat erst kürzlich wieder Werner Fuld aufgezeigt40.

Das meiste, was hierüber berichtet wird, ist Legende, wie etwa der weltberühmte, aber gar nicht gefallene letzte Ausspruch Goethes („Mehr Licht!“). Vor allem, wenn kritische Freidenker in den letzten Zügen lagen und man aus Gewohnheit den Priester zum Versehgang gerufen hatte, wurde posthum gerne fälschlich behauptet, der „verstockte Sünder“ habe in letzter Minute reuig „alles widerrufen“ und sich zum allein selig machend Glauben bekehrt. So war es bei Voltaire, dem Paradefall der Bekehrungslüge41, und so war es bei Descartes, dem von einem Geheimprälaten die Sterbesakramente erteilt wurden, als er bereits nicht mehr sprechen konnte und deshalb gar nicht mehr in der Lage war, sich zu wehren42. So wird auch noch übers Grab hinaus gelogen, dass sich die Balken biegen.

Dr. Seidl

Zu den Medizinern, von denen Niedermeier sagt, sie hätten Konnersreuth mächtig angegriffen, zählt er den Waldsassener Chefarzt Dr. Otto Seidl, dessen „Verhältnis“ zu Therese Neumann er als „ambivalent“ bezeichnet; zunächst, nach der Überwachung der Stigmatisierten in ihrem Elternhaus sei er zu „einem überwiegend positiven Ergebnis“ gekommen, “als aber die Bistumsleitung von Regensburg härtere Seiten aufzog“, sei „sein Ton gegenüber Konnersreuth ... deutlich härter“ geworden; im Hause Neumann sei er „ungeliebt“ gewesen, weil er in seinem für die Rentenanstalt ausgestellten Gutachten „den Begriff Hysterie“ verwendet habe; sein Verhältnis zur Familie Neumann und zu Pfarrer Naber sei „frostig“ geworden. Der Arzt, so sagt Niedermeier, habe sich von der Konnersreuther Sache zurückgezogen „ohne großen Krach“. - Obwohl er ungeliebt war, hat die Familie Neumann seine Hilfe gerne in Anspruch genommen. Ihm hatte Therese Neumann es zu verdanken, dass sie vom Jahr 1918 an monatlich eine Vollrente von über 100 Mark erhielt und dass sie ihr nach einer Pause von einigen Jahren neuerdings gewährt wurde.

Am 22. Februar 1932 wurde Therese vom Bezirksarzt Fuchsberger untersucht. Der Arzt stellte fest: „Das Aussehen ist frisch und nicht krankhaft. An der Wirbelsäule ist keine Veränderung sicht- oder tastbar, die Rumpfbewegungen sind frei. An der Lendenwirbelsäule wird nur eine geringe Druckempfindlichkeit angegeben. Die Bewegungen der oberen und unteren Gliedmaßen sind regelrecht.“ Auf Grund medizinischen Gutachtens erhielt Therese vom 1. März 1932 an nur mehr 20 Prozent der bisherigen Rente. Der wiederholten Aufforderung, sich nachuntersuchen zu lassen, kam sie nicht nach; darum wurde ihr Ende März 1934 die Rente ganz gestrichen.

Vier Jahre später wurde ihr wiederum eine Invalidenrente gewährt. Am 1. Oktober 1937 schrieb die landwirtschaftliche Landesversicherungsanstalt Landshut an den Waldsassener Chefarzt Dr. Seidl und bat ihn um ein ärztliches Gutachten für Therese Neumann. Erst zehn Monate später, am 30. Juli 1938, stellte er ein solches aus. Als Begründung für die Verspätung gab er an: „Die Therese Neumann war monatelang verreist und nur mit kurzen Unterbrechungen in Konnersreuth anwesend. Als ich zufällig von ihrer Anwesenheit erfuhr, suchte ich sie auf und untersuchte sie.“

Der Text dieser „gutachterlichen Stellungnahme“ ist nicht das Ergebnis einer eingehenden Untersuchung, sondern die Wiedergabe von Angaben Thereses, zum Beispiel die Angabe: „Die in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag auftretenden Blutungen bestehen in der bekannten Form noch fort. Während der Blutungen ist das Bewusstsein geschwunden oder stark getrübt.“

Die letzten Sätze des Gutachtens haben den Wortlaut: „Ich möchte mein Urteil dahin zusammenfassen: Infolge der an den Händen und Füßen bestehenden, sehr schmerzhaften Stigmen, die das Zugreifen unmöglich machen und auch nur ein mühsames Gehen ermöglichen, ist Therese Neumann zu 80% in ihrer Arbeitsfähigkeit gehindert. Eine Besserung der Arbeitsfähigkeit würde dann eintreten, wenn die Stigmen verschwinden würden.“

Auf Grund des ärztlichen Gutachtens wurde Therese Neumann wieder eine Invalidenrente gewährt. Sie betrug im Jahr 1960 monatlich DM 130,5043. Auf den Inhalt des Gutachtens soll nicht weiter eingegangen werden. Nachdenklich macht, dass für eine „übernatürliche Gabe“, die Stigmatisation, eine Rente beansprucht wird, noch dazu für eine Person, über die sich über Jahrzehnte hin ein wahrer Geldstrom ergossen hat. Daran hat sich auch während der Zeit des „Tausendjährigen Reichs“ nichts geändert.

Nationalsozialismus

In Niedermeiers Buch ist insbesondere das Kapitel „Konnersreuth und der Nationalsozialismus“ bemerkenswert. Mit einer „Lebensbeschreibung des Seelenführers der Stigmatisierten“ haben die Ausführungen herzlich wenig zu tun. Außerdem findet der Leser in dem Text nichts, was Konnersreuth vor anderen Pfarreien auszeichnet.

Bemerkenswert ist die Einleitung zu diesem Kapitel: „Weithin herrscht die Meinung vor, die Konnersreuther Sache ist ein Fall der Mystik oder -wie die Gegner sagen -ein Fall der Pseudomystik.“ Aber was ist die Konnersreuther Sache nach Niedermeiers Meinung? Er sagt so: „Natürlich gehören die Konnersreuther Erscheinungen dem Bereich der religiösen Mystik an. Aber bei näherem Zusehen zeigt sich, dass das Geschehen bedeutsame politische und gesellschaftliche Dimensionen besaß. Politik und Mystik schließen sich nicht aus.“

Mit der Konnersreuther Pseudomystik wollen wir uns nicht weiter befassen. Aus dem Kapitel „Nationalsozialismus“ seien nur jene Ausführungen herausgegriffen, die sich mit bestimmten Personen beschäftigen, denen Niedermeiers Augenmerk gilt, weil sie Gegner der Stigmatisierten von Konnersreuth waren.

Lehrkräfte von Konnersreuth

Eingehender befasst sich Niedermeier mit Anna Faltermeier, die von 1920 bis 1945 in Konnersreuth als Lehrerin tätig war. Er sagt von ihr: „Täglich scheint sie die Messe besucht zu haben. Sie galt als treue Katholikin. In kurzer Zeit änderte sich das.“ Die Änderung trat erst ein, nachdem der Rummel von Konnersreuth eingesetzt hatte. Warum „änderte sich das“? Auskunft darüber gibt Frau Faltermeier in einem im Jahr 1940 geschriebenen Brief: „Ich habe sehr viel erlebt und muss ehrlich sagen:Alles um Th. N., alles Religiöse und Theologische ist Schwindel. Ich hab lang gebraucht, bis ich Beweise hatte, nun aber reicht es mir.“

Zu dieser Auffassung ist die Lehrerin nicht „in kurzer Zeit“ gekommen, sondern auf Grund ihrer Erlebnisse mit Therese Neumann und Pfarrer Naber. Es ist sehr zu bedauern, dass die Lehrerin ihre Erlebnisse nicht aufgezeichnet hat. Freilich, hätte sie es getan, die Wirkung bei den „Mystikern“ wäre nicht anders ausgefallen als im Fall Heinrich Muth, über den von den „Konnersreuthern“ eifrig geschimpft wird, ohne dass man sich mit seinen Berichten wirklich auseinander setzen würde.

Zur damaligen Zeit gab es in Konnersreuth noch eine zweite Lehrerin, nämlich Maria Schönberger. Diese war schon vor Pfarrer Naber in Konnersreuth tätig. Benefiziat Muth bezeichnet sie als „charaktervolle Person“, die täglich zur Kommunion ging. Sie hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Frau Faltermeier, aber sie ist nicht deren Weg gegangen. Eines Tages schilderte sie den Wandel ihres Verhältnisses zu Therese Neumann. Sie hatte anfangs „an die Resl geglaubt“, war aber auf Grund einer Reihe von Erlebnissen zu einer „Ungläubigen“ geworden. Darüber berichtet Benefiziat Heinrich Muth in seinen Aufzeichnungen. Diese erwähnt Niedermeier überhaupt nicht, obwohl sie ihm im Dokumentationszentrum von Konnersreuth zur Einsichtnahme zur Verfügung standen.

Mit der dritten in Konnersreuth tätigen Lehrkraft beschäftigt sich Niedermeier in dem Abschnitt: „Das schillernde Verhältnis des Benefiziaten Muth und der Fall Böhm.“

Heinrich Muth

Heinrich Muth war vom April 1942 bis zum April 1943 Benefiziat in Konnersreuth. Wie Niedermeier über ihn denkt, zeigen seine Seitenhiebe gegen ihn, zum Beispiel: Er zitiert aus einem Brief der Konnersreuther Lehrerin Faltermeier deren Urteil über den damaligen Landrat Vogl, von dem sie sagt, mit seiner politischen „Linientreue“ sei es nicht weit her. Nach der Bemerkung, dass Vogl nach Karlsbad versetzt worden sei, bemerkt die Lehrerin: „Das Rückgrat unserer römischen Gegnerschaft im Kreis und von da nach auswärts zu den amtlichen Behörden, ist gebrochen. Nun stehen sie mit einemmal allein da. Das ist gut für uns.“ Diese Bemerkungen Faltermeiers schließt Niedermeier mit den Worten ab: „Und sie sollte recht bekommen, zumal sich unter den ,Römischen' alsbald ein Judas fand.“ Vom anschließenden Satz an beschäftigt sich Niedermeier dann auf sechs Seiten mit dem Benefiziaten Heinrich Muth. Über ihn, so behauptet er, habe der damalige Generalvikar (Schaller) gesagt: „Unser größter Kritiker ist der Muth; der kommt nach Konnersreuth.“ Weiter sagt Niedermeier, es sei zu bedenken, dass „Muth Schüler der konnersreuthfeindlichen Professoren Waldmann und Engert war“. Das ist ein ausgesprochen törichtes Argument; alle damals in Regensburg an der Phil.- Theol. Hochschule Studierenden waren Schüler von Engert und Waldmann. Meiner Erinnerung nach hat Prof. Waldmann das Thema Konnersreuth nur während eines Semesters in einer wöchentlich einstündigen Vorlesung über „mystische Erscheinungen“ behandelt; in seinen Hauptvorlesungen hat er dieses Thema nicht berührt. Prof. Engert ist einmal auf Therese Neumann zu sprechen gekommen, und zwar mit der kurzen Bemerkung: „Der Bischof von Regensburg und die bayerischen Bischöfe haben von Therese Neumann verlangt, sie solle sich in einer Klinik überwachen lassen. Sie hat den Gehorsam verweigert. Für mich ist damit das Thema erledigt.“ Im übrigen war kein einziger der Regensburger Professoren „konnersreuthfreundlich“ eingestellt; in den Augen Niedermeiers müssen sie alle Biologisten und Naturalisten gewesen sein.

Muth kam nicht als Gegner Therese Neumanns nach Konnersreuth, schon gar nicht als größter Kritiker. Hätte Niedermeier seine Aufzeichnungen gelesen, schon die ersten Sätze hätten ihn eines Besseren belehren können. Der Benefiziat schreibt in seinen „Vorbemerkungen“:

„Konnersreuth hatte mir niemals innere Sorgen gemacht. Ich war an der Resl nicht interessiert. Ich nahm auch niemals teil an Vorlesungen über Konnersreuth von Dr. Waldmann. Als ich dann als Benefiziat nach Konnersreuth kam, wollte ich mit Pfarrer Naber zusammenarbeiten in der Seelsorge, der RESL gegenüber jedoch neutral bleiben. Leider war dies nicht möglich, ich kam an der RESL nicht vorbei. Meine ganze Arbeit in Konnersreuth hing zusammen mit dem, Glauben an die Resl'.“

Niedermeier fährt in seinen Ausführungen über Muth fort: „Muth schnaubt weiter Wut gegen die Resl und den Pfarrer ... Gegen die Nahrungslosigkeit der Stigmatisierten vor allem sucht er Beweise. Er kommt nicht voran. Da versucht er, eine fünfzehnjährige Nichte der Resl für sein Vorhaben zu gewinnen. Diese ist von dem jungen Priester begeistert und erzählt unüberlegt Dinge, die Muth für wichtig hält. Die Berichte dieser Jugendführerin sind letztlich wenig aussagekräftig. In einem Brief bedauert sie später ihre ,dummen Sachen'.“

Der zitierte Text ist in besonderer Weise bezeichnend für die Argumentationsweise Niedermeiers. Er beweist nicht, sondern polemisiert. Aus den Aufzeichnungen Muths zitiert er nur zwei Wörter, nämlich „dumme Sachen“. Er gibt als Fundstelle an: „Brief der Theres Härtl v. 5.5.1943 an Heinrich Muth, DZ Konn.“ Die genannten zwei Wörter stehen im Schlusssatz des Briefes, den Theres Härtl am 23. März 1943 von Eichstätt aus an Muth geschrieben hat, also nicht am 5. Mai. Niedermeier führt im Literaturverzeichnis seines Buches mein Buch KONNERSREUTH ODER EIN FALL VON VOLKSVERDUMMUNG an. Dort wird über den „Widerruf“ des Mädchens berichtet und über die ganzen Zusammenhänge, die genau das Gegenteil von dem dartun, was Niedermeier behauptet. Es sei hier nur festgestellt, dass Theres Härtl den Brief tatsächlich geschrieben hat; aber sie hat ihn nicht verfasst. Nicht nur einmal hat Härtl später geschildert, wie es zu dem Brief mit den „dummen Sachen“ gekommen ist. So hat sie einige Monate nach ihrem „Widerruf“ bei einem Besuch der Mutter Muths in Regensburg gestanden:

„Ich habe damals nicht anders schreiben können. Ferdl (Neumann) hat mir den Brief diktiert.“44 Niedermeier vergisst auch anzugeben, dass Theres Härtl einige Jahre später Heinrich Muth an seinem Seelsorgeort Hütten besucht und ihre früheren Beobachtungen nicht nur bekräftigt, sondern ergänzt hat.45

Böhm-Affäre

Im Jahr 1943 kam es in Konnersreuth zur „Böhm-Affäre“. Darüber berichte ich in meinem eben genannten Buch in Anlehnung an die Aufzeichnungen Muths. Auch Niedermeier beschäftigt sich mit dem Fall. Er nimmt genauso, wie es seinerzeit Therese Neumann und Pfarrer Naber getan haben, Böhm in Schutz und verurteilt Muth.

Hauptlehrer Böhm wurde Ende 1943 zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren verurteilt wegen sexueller Verfehlungen mit Schulmädchen - wie Therese Neumann und Pfarrer Naber behaupteten, unschuldig. Die Vergehen Böhms waren jedoch nicht Verdächtigungen, sondern nachgewiesene Tatsachen, von denen man schon seit zwölf Jahren wusste. Heinrich Muth hat bereits bald nach seiner Ankunft in Konnersreuth aus dem Mund seines Vorgängers Plecher so manches über Böhm erfahren. Plecher hat über dieses Thema auch mit Pfarrer Naber gesprochen. Dieser überredete den Benefiziaten, „nichts der Gendarmerie zu übergeben“.

Was hatte Muth mit der Affäre Böhm zu tun? Er hatte aus dem Mund eines Mädchens von Vergehen Böhms erfahren und darüber mit der Schulleiterin Faltermeier gesprochen. Diese brachte die Sache zur Anzeige. Nun bekam Muth die Fülle des Zornes von seiten Therese Neumanns und von seiten des Pfarrers Naber zu spüren. Niedermeier verteidigt Hauptlehrer Böhm, indem er Muth verdächtigt. Er wirft die Frage auf, ob Muth Nationalsozialist gewesen sei. Dann sagt er:

„War er selbst nationalsozialistisch eingestellt? Jemand hat das behauptet. Ich glaube nicht, dass Muth mit den Nationalsozialisten direkt sympathisierte, aber er suchte Schutz bei ihnen. Diese hinwiederum benutzten ihn als Werkzeug. Es handelt sich offenbar nicht nur um die Parteigenossen und Parteigenossinnen am Ort, sondern es standen Sicherheitsdienste des NS-Staates von höherem Rang dahinter, Regensburger und Münchener Stellen.“

Was Niedermeier da schreibt, ist eine gedankenlose Wiederholung der Ausführungen, die Toni Siegert am 18. April 1998 in der Seminarkapelle zu Fockenfeld aufgetischt hat. Meine kritische Stellungnahme dazu in der Schrift WAHRHAFTIGKEIT UND GLAUBWÜRDIGKEIT IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE hat er offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Auch bei der Vermutung, Muth habe engere Beziehungen zu Nazigrößen unterhalten, stützt sich Niedermeier auf Siegert. Er schreibt:

„Dass Benefiziat Muth im Dritten Reich eine Waffe tragen durfte – er besaß nachweislich einen Revolver -, konnte nicht allein Stationskommandant Höpfl genehmigen; es musste höheren Orts befürwortet sein.“ Niedermeier hätte seinen Verdacht selber leicht ausräumen können, wenn er meine Stellungnahme zu der von Siegert erhobenen Verdächtigung Muths zur Kenntnis genommen hätte. Ich habe aus Muths Aufzeichnungen zitiert: „Ich hatte berechtigte Angst vor Neumanns und Helfern. Ich ersuchte daher Polizeiwachtmeister Höpfl um die Erlaubnis, nachts bei Versehgängen den Revolver, den ich von meinem Vater hatte, mitnehmen zu dürfen. Dies wurde mir erlaubt.“46

Offenbar besaß Muth keinen Waffenschein. Hätte er über einen solchen verfügt, dann hätte er sich den Gang zum Polizeiwachtmeister ersparen können. Vielleicht hatte Muths Vater, der zur damaligen Zeit noch am Leben war, einen Waffenschein für seinen alten Trommelrevolver, den er bereits zu einer Zeit besaß, da man den Begriff Nationalsozialismus noch nicht gekannt hat.

Niedermeier weiß die Revolvergeschichte noch zu ergänzen. Er schreibt: „Mit seinem Revolver fiel Muth auch ein paarmal unangenehm auf. Einmal knallte er die Waffe bei einer Verhandlung auf den Tisch; ein anderes Mal schoss er bei einem nächtlichen Gang in die Luft, weil er glaubte, er würde verfolgt.“ Wem verdankt wohl Niedermeier sein Wissen? In einer Anmerkung verrät er sein Geheimnis:

„Mitteilung von Ferdinand Neumann, dem Bruder der Therese.“ Leider wird nicht verraten, wann Ferdinand Neumann sein Wissen preisgegeben hat. Jedenfalls muss man annehmen, dass er sich als Augen- und Ohrenzeuge hinstellen wollte. Da erhebt sich zuerst einmal die Frage, welche „Verhandlung“ Ferdinand Neumann im Auge hat. Es kann sich nur um einen einzigen Termin handeln, nämlich den 9. März 1943. Damals hatte sich in Muths Wohnung eine Reihe von Personen versammelt; neben Ferdinand Neumann „Resls Leibarzt“ Dr. Mittendorfer, die Nichte der Stigmatisierten Theres Härtl, Muths Schwester Emma und die Konnersreuther Baptist, Therese und Anna Hofmann. Das Hauptthema der „Verhandlung“ bildeten die Aufzeichnungen Muths, deren Vernichtung Ferdinand Neumann und Dr. Mittendorfer verlangten. Damals, während der zwei Stunden dauernden „Verhandlung“ müsste Muth seine Pistole „auf den Tisch geknallt haben“, wobei - wieder einmal - ein „Konnersreuther Phänomen“ zu beobachten war, allerdings nur von einem einzigen Teilnehmer, nämlich Ferdinand Neumann.

Die zweite Angabe Niedermeiers trifft zu: Muth hat einmal in der Tat „bei einem nächtlichen Gang“ in die Luft geschossen. Über diesen Vorgang wusste ich bisher nur Bescheid auf Grund der Aufzeichnungen Muths. Mein Bericht darüber befindet sich in meiner Schrift KONNERSREUTH ODER EIN FALL VON VOLKSVERDUMMUNG Der Benefiziat musste einen nächtlichen Versehgang machen. Lange Zeit folgte ihm eine „Gestalt“.Als er in ein Waldstück eintreten musste, gab er einen Warnschuss in die Luft ab, worauf sich der Verfolger verzog.

Wem verdankte wohl Ferdinand Neumann sein spezielles Wissen? Bedenken wir: Es gab nur zwei Zeugen für den Vorgang: Heinrich Muth und die „Gestalt“!

Die Konnersreuther Benefiziaten

Niedermeier kommt auch auf das Thema zu sprechen: Pfarrer Josef Naber und seine Benefiziaten. Er sagt: „Von einem ungetrübten Verhältnis zwischen Pfarrer und Benefiziaten kann man eigentlich nur in den sieben Jahren (1929-1937) sprechen, in welchen Liborius Härtl das Kaplaneibenefizium innehatte.“ Dessen Bewerbung um den Seelsorgeposten in Konnersreuth hatte die Stigmatisierte „in einer Ekstase“ empfohlen. Härtls Nachfolger Josef Plecher (1937-1942) glaubte lange Zeit an „Resls wunderbare Gaben“, wurde aber allmählich zum ausgesprochenen Gegner. Niedermeier sagt von Plecher: “ Als später ein Konnersreuthgegner ihn für seine Kampagne gegen Therese Neumann gewinnen wollte, lehnte er ab.“ Diese Formulierung gebraucht Niedermeier im Hinblick auf den Satz, den ich in meinem Buch KONNERSREUTH ODER EIN FALL VON VOLKSVERDUMMUNG geschrieben habe: „Ich habe ihn später, als er Pfarrer von Wiesau war, gebeten, er möge doch seine Erlebnisse aufzeichnen. Er hat mit der Bemerkung abgelehnt: ,Ich will von Konnersreuth nichts mehr wissen'.“ Niedermeier legt meinen Worten einen falschen Sinn unter. Mir ging es darum, dass Plechers Erlebnisse als eines Augen- und Ohrenzeugen aufgezeichnet würden, nicht für mich, sondern für die bischöfliche Behörde. Sich darum zu kümmern, wäre Aufgabe des Bischofs Michael Buchberger bzw. seines Nachfolgers Rudolf Graber gewesen; aber beide hatten kein Interesse daran.

Vom Benefiziaten Alois Weber sagt Niedermeier, er habe sich „zurückgehalten“. Er zitiert den Ausspruch Webers: „Wenn ich eine andere Meinung gehabt hätte, wie der Pfarrer, würde ich vielleicht in Konflikt gekommen sein; deshalb habe ich mich zurückgehalten.“ Dazu bemerkt er, „diese Äußerung“ zeuge „nicht gerade von großem Mut“. Dem Autor Niedermeier vermag es doch niemand recht zu machen. Was würde er wohl sagen, wenn Weber „Mut bewiesen“ hätte? Vielleicht hätte er ihn ebenfalls wie Muth als Judas abgestempelt.

Das „Verhältnis Nabers zu seinem Benefiziaten und Nachfolger Josef Schuhmann“, so sagt Niedermeier, wolle er „nur anschneiden“, die vorhandenen Unterlagen und die „überlieferten mündlichen Berichte“ ergäben „ein uneinheitliches Bild“. Was er aber dann über Schuhmann sagt, zeigt, dass er mit dem Ausdruck „uneinheitliches Bild“ nicht das „Verhältnis Nabers zu seinem Benefiziaten“ im Auge hat, sondern dessen Einstellung zu Therese Neumann. So schreibt er: „Als Waldmannschüler kam er mit Vorbehalten nach Konnersreuth. dass er dennoch siebzehn Jahre die Stelle eines Kaplanbenefiziaten behielt, ist erstaunlich.“ -Waldmannschüler, die fünf und mehr Jahre in Konnersreuth verbrachten, waren Schuhmanns Vorgänger ebenfalls. Weiterhin sagt Niedermeier, Schuhmann sei nach Konnersreuth versetzt worden, weil „die Diözese“ ein Interesse daran gehabt habe, „einen ruhigen, zurückhaltenden Mann auf diesem Posten zu haben“, und er bescheinigt ihm: „und der Benefiziat hielt sich zurück.“ Zum Beweis dafür führt Niedermeier Schuhmanns Worte an: „Als nüchtern veranlagter Mensch habe ich mich bisher möglichst von den mystischen Geschehen ferngehalten.“ Dieses Zitat hat Niedermeier meinem Buch KONNERSREUTH ODER EIN FALLVON VOLKSVERDUMMUNG entnommen. Die Fortsetzung des Textes lautet: „Ich habe mich damit auch an die Weisung des Bischöfl. Ordinariates gehalten ... Als Ortspfarrer muss ich begreiflicherweise vorsichtig sein, um nicht in unliebsame Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.“ Der angeführte Text steht in dem Brief, den mir Schuhmann am 11. Juli 1961, also 14 Monate vor Thereses Tod, geschrieben hat. Unmittelbar an den Auszug aus meinem eben erwähnten Briefhabe ich geschrieben: „Diese Grundeinstellung hat Schuhmann immer beibehalten. So hat er noch in seinem letzten Brief am 17. November 1994 betont, dass er sich weiterhin streng neutral halte“.

Zwar bescheinigt Niedermeier Josef Schuhmann, er habe sich „zurückgehalten“, aber er behauptet auch: „Wiewohl Schuhmann den mystischen Phänomenen lange sehr reserviert gegenüberstand, öffnete er sich mit der Zeit doch mehr und mehr der, Wahrheit von Konnersreuth ' .“

Dies glaubt Niedermeier mit dem Zitat einiger Sätze aus dem Brief

beweisen zu können, den mir Schuhmann am 28. September 1994 geschrieben hat. Was er zitiert, steht in dem Kapitel meines erwähnten Buches: „Pfarrer Josef Schuhmann und Therese Neumann“. Mit der These Niedermeiers hat dies gar nichts zu tun; er hätte das ganze Kapitel lesen sollen. Ich habe auch die Bemerkung Schuhmanns erwähnt, er habe in Konnersreuth nichts erlebt, „was als wunderbar zu bezeichnen wäre“.Anschließend daran habe ich geschrieben:

„Es hätte auffallen müssen, dass ich zu Lebzeiten Schuhmanns seinen Namen nicht genannt habe. Er hat mich wiederholt gebeten, ihn aus dem Spiel zu lassen. Dies ist nur zu verständlich. Er hat mich auch gelegentlich gebeten, ich möchte ihm positiv klingende Äußerungen nicht verübeln, er lebe ja in Konnersreuth. Dafür hatte ich selbstverständlich volles Verständnis. Ich habe ihn auch selber aufgefordert: ,Drücke Dich nie so aus, dass man Dich angreifen könnte!'.“

Erst nach dem Umweg über Schuhmanns Einstellung zu den „mystischen Phänomenen von Konnersreuth“ wendet sich Niedermeier dem eigentlichen Thema zu, nämlich: Pfarrer Naber und seine Benefiziaten. Einleitend sagt er: „Bei vier von fünf Benefiziaten gab es gewisse Schwierigkeiten.“ Dann erörtert er die Frage: „Was waren die Gründe?“ Er beginnt seine Ausführungen mit der Feststellung: „Ein Hauptgrund scheint mir der enge Bezug des Pfarrers zur Stigmatisierten gewesen zu sein.“ Niedermeier führt noch eine ganze Reihe von anderen „Gründen“ an, die nicht wert sind, auch nur erwähnt zu werden. Es gibt in der Tat nur einen einzigen Grund für die „gewissen Schwierigkeiten“: „der enge Bezug des Pfarrers zur Stigmatisierten“. Wie Benefiziat Muth in seinen Aufzeichnungen angibt, wäre mit Naber gut auszukommen gewesen, wenn nicht „die Resl dazwischen gestanden wäre“. Wer sich nicht auf ihre Seite stellte, den betrachtete Pfarrer Naber als seinen persönlichen Gegner. „Ich sehe also“, so notiert Muth etwa zwei Monate nach seiner Ankunft in Konnersreuth, „dass in Wahrheit die Resl alles in der Hand hat. Resl ist der eigentliche Herr der Pfarrei. Was sie gut findet, ist recht; was sie ablehnt, das wird einfach nicht gemacht.“

Kriegsende

Sechs Seiten widmet Niedermeier den letzten Kriegsereignissen in Konnersreuth. Seine Ausführungen sind eine unwesentliche Variierung von Siegerts Aufsatz: „Vor 50 Jahren sollte Therese Neumann sterben.“ Der Untertitel des Themas verrät noch Genaueres: „Mordanschlag der SS vom April 1945 ist nun zweifelsfrei durch amerikanische Akten belegt.“47 Ich habe dazu in meinem Buch KONNERSREUTH ODER EIN FALL VON VOLKSVERDUMMUNG Stellung genommen. In der Schrift WAHRHAFTIGKEIT UND GLAUBWÜRDIGKEIT IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE habe ich darauf hingewiesen, dass es keine einschlägigen Akten gibt. Das hindert Niedermeier nicht zu behaupten, Toni Siegert sei es gelungen, einschlägige amerikanische und deutsche Kriegsberichte ausfindig zu machen. Die als Beweise angeführten Kriegsberichte sagen nichts, aber auch gar nichts über das Thema Siegerts und Niedermeiers. Dieser gibt selber zu: „Die amtlichen amerikanischen Militärakten enthalten leider keine Angaben über die Beschießung von Konnersreuth.“ Aber er spricht mit Berufung auf Toni Siegerts im ,,7. Therese-Neumann-Brief' veröffentlichten Artikel von uns vorliegenden neuen „Fakten und Zeugnissen“, die uns zwängen, „vorsätzliche böse Aktionen nationalsozialistischer Kräfte in den letzten Tagen der Naziherrschaft gegenüber Konnersreuth und Therese Neumann anzunehmen.“

Von wem ging der Angriff aus? „Ging dieser Angriff nur von jener SS-Einheit aus oder war man bis in Berlin damit befasst?“ So fragt Niedermeier. Er gibt zur Antwort: „Wir wissen es nicht.“ Mit Berufung auf eine „verdächtige Rundfunkmeldung über die Kämpfe um Konnersreuth“ erklärt er: „Zum gesamten Problem der Beschießung

des Ortes möchte ich nochmal festhalten: Die SS begann offensichtlich den Ort zu beschießen und tat alles, um die im Westen stehenden amerikanischen Truppen zu provozieren. Diese eröffneten dann auch von sich aus das Feuer auf Konnersreuth. Es ist nicht auszuschließen, dass die amerikanische Artillerie den größeren Schaden verursachte. Sie hatte sicherlich die größere Feuerkraft. Als Urheber der schlimmen Zerstörungen müssen aber die SS-Männer angesehen werden. ... Zweiundzwanzig (1923!) Jahre stand der Geist von Konnersreuth gegen den Ungeist Adolf Hitlers. Die Nationalsozialisten wussten das auch immer. Nun am Ende der Herrschaft Hitlers versuchten sie das den Konnersreuthern heimzuzahlen. Sie wollten sich in letzter Stunde an der Konnersreuther Resl, an Pfarrer Naber und allen kirchentreuen Konnersreuthern rächen.“

Der Stigmatisierten geschah kein Leid, aber einige Personen kamen ums Leben; außerdem wurden viele Gebäude, Wohnhäuser und Scheunen, zerstört bzw. beschädigt. Die berühmte Frau von Konnersreuth hatte dies trotz ihrer außerordentlich guten Beziehungen zum Jenseits nicht verhindert! Aber wenigstens eines vermochte sie zu „klären“, warum es zum Unheil gekommen war. Sie berief sich auf die Auskunft, die sie aus dem Mund ihrer Lieblingsheiligen, der hl. Theresia vom Kinde Jesu, erhalten hatte. Diese war ihr schon seit Jahrzehnten immer wieder erschienen. Aus ihrem Mund hatte sie im Jahr 1927 den Lobspruch zu hören bekommen: „ Du bist der Liebling des Heilandes, weil du ihm nichts verweigerst.“ Damals im Jahr 1927 befand sich die Stigmatisierte in einer Notlage: Man verlangte von ihr, sie solle sich in einer Klinik überwachen lassen. Nunmehr, nach dem Unheil, das am Kriegsende über Konnersreuth hereingebrochen war, fühlte sie sich wiederum in einer für sie gefahrvollen Lage. Die hl. Theresia kam ihr zu Hilfe. Sie erschien ihr und tröstete sie:

„Sei ruhig und habe Mut, um deinetwillen ist wunderbare Hilfe gebracht und ein teuflischer Plan durch Gottes Macht vereitelt worden. Du wusstest das im voraus und hattest die furchtbare Gefahr vorhergesehen, die dich bedrohte; aber unser Herr nahm dein Opfer an, das nicht umsonst war. Deine Sendung ist noch nicht zu Ende. Du musst sein ein lebendiges und von der göttlichen Vorsehung berufenes Zeugnis für die übernatürlichen Wirklichkeiten.“48 Worin bestand das Opfer? -Das hat die Stigmatisierte nicht verraten.

Bemerkenswert ist, was Niedermeier allgemein zu dem Thema „Therese Neumann und der Nationalsozialismus“ zu sagen weiß. Er schreibt: „Die Konnersreuther Resl war aus tiefster Seele eine Gegnerin des Nationalsozialismus. Die Gestapo und die SS wussten das auch und sie richteten ... stets ihr Augenmerk auf das ,schwarze Nest'.“ Dessen ist sich Niedermeier sicher. Er weiß sogar,dass „der Konnersreuther Benefiziat Heinrich Muth ... ein Werkzeug des Konnersreuther Nationalsozialismus“ war und dass „offenbar Sicherheitsdienste des NS-Staates von höherem Rang“ dahinter standen. Aber warum haben diese gefährlichen Leute gegen die Konnersreuther Bevölkerung und insbesondere gegen Therese Neumann nichts Ernsteres unternommen? Auch auf diese Frage weiß Niedermeier eine plausible Antwort. Er schreibt: „Es scheint, dass Hitler eine heimliche Scheu vor der Seherin aus Konnersreuth hatte. Eine gewisse magische Religiosität war Hitler zeitlebens eigen. Oft sprach er von der Vorsehung, und ,gottgläubig' zu sein, gehörte für ihn zu einem Nationalsozialisten. Solange die Konnersreutherin keine deutlichen Prophezeiungen gegen ihn in die Öffentlichkeit brachte, ließ er sie gewähren.“ Aber, so weiß Niedermeier zu sagen, dieser Schutz „mochte vor allem für die Zeit vor 1936, wo die Olympischen Spiele in Berlin stattfanden, bis 1939, dem Jahr des Kriegsbeginns, gelten. In der Kriegszeit und besonders in den wirren Apriltagen 1945 traf das nicht mehr zu. Jetzt wollte und konnte Hitler seine schützende Hand nicht mehr über Konnersreuth halten.“

So erklärt Niedermeier die Lage und er beschließt seine weisen Überlegungen mit der alles klärenden Frage: „Hatten nun die Bluthunde der SS freie Bahn oder wurden sie gar von höherer Stelle gelenkt?“ -So beweisen die Konnersreuther Mystiker!


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Gerald_Huber@r.maus.de

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Letzte Änderung: 2. Juli 2006