Die stigmatisierte Seherin Anna Katharina Emmerick

XII. Schlußbemerkungen

Am 8. September 1974 sagte Bischof Dr. Tenhumberg: "Die Geschichte der christlichen Mystik kennt eine Fülle von Tatsachen, die unser nationalistisches und materialistisches Weltbild sprengen: Visionen, Prophezeiungen, Wunder, die Gabe der Herzenskenntnis, Stigmatisation, ekstatische Zustände, in denen die Seele sozusagen auf Reise geht, sei es an andere Orte unserer Erde oder in überirdische Bereiche" (542) . Diese Worte wurden gesprochen im Hinblick auf Katharina Emmerick. Aber was sich im Leben der Stigmatisierten von Dülmen abgespielt hat, sprengt in keiner Weise das "nationalistische und materialistische Weltbild". Wir begegnen in ihrem Leben gewiß nichtalltäglichen Dingen; es weist jedoch andererseits gar nichts auf, was über den Bereich des natürlich Erklärbaren hinausgeht.

Bischof Dr. Tenhumberg hat in seiner erwähnten Predigt den Gedanken ausgesprochen: "Die Kirche stellt an die Glaubwürdigkeit solcher außerordentlicher Geschehnisse schärfste Maßstäbe. Was nach Abzug aller fragwürdigen Dinge und Überlieferungen, nach Ausscheidung aller rein natürlich erklärbaren Vorkommnisse übrigbleibt, ist ein vertrauenswürdiges Zeugnis der Macht Gottes." Nun, die veröffentlichten Schriften über Katharina Emmerick legen in keiner Weise schärfste Maßstäbe an, und was bleibt übrig nach Abzug aller fragwürdigen Dinge, nach Ausscheidung aller rein natürlich erklärbaren Vorkommnisse? Nichts bleibt übrig aus der "Fülle von Tatsachen", was unser "nationalistisches Weltbild" zu sprengen vermochte. Wir stehen lediglich vor einer Person, die auf Grund ihrer pathologischen Veranlagung eine schwere Lebenslast zu tragen hatte. Diese Last hat sie getragen, weil ihr der Wandel in einer Traumwelt die nötige Kraft gab.

Die mystische Literatur offenbart vielfach einen äußerst stark getrübten Blick für die Wirklichkeit. Ihr hervorstechendes Kennzeichen ist ein Übermaß an Kritiklosigkeit. Das gilt für die Verfasser solcher Schriften wie auch für die Mystiker selbst, die bei ihren Erzählungen vielfach wenig Gespür für den Unterschied zwischen wahr und falsch erkennen lassen.

Wenn an die Glaubwürdigkeit außerordentlicher Geschehnisse schärfste Maßstäbe angelegt wurden, dann trüge eine ganze Menge einschlägiger Schriften nicht die Unbedenklichkeitsbescheinigung der kirchlichen Druckerlaubnis. Dazu gehört vor allem die Literatur über religiöse Mystik, die in der Regel romantisch-apologetisch eingestellt ist; sie ist unkritisch, ja nicht selten blind-illusionär. Der Stil solcher Schriften ist nur allzuoft auch schwülstig und läppisch, und es ist ein Kennzeichen ihrer Verfasser, daß sie unbelehrbar und unbekehrbar sind wie jene "Frommen", die von ihrer Kost leben.

Die Stigmatisation gehört zu jenen Frage, für die in erster Linie die Medizin zuständig ist. Wir besitzen auf diesem Gebiet schon längst ganz ausgezeichnete Arbeiten. Wer an solcher Literatur vorbeigeht, stellt an die Glaubwürdigkeit "mystischer Vorkommnisse" nicht schärfste Maßstäbe. Es mußte allein schon dies auffallen, daß es vor dem 13. Jahrhundert, vor Franz von Assisi, keine stigmatisierte Person gegeben hat. Von da an vermehrte sich die Zahl der Träger von Wundmalen. Es wirkte der Nachahmungstrieb. Der Jesuitenpater Herbert Thurston hat dies als "Kreuzigungskomplex" bezeichnet (543). Offenbar wirkt bei den Stigmatisierten in ausnehmend hohem Maße die Kraft der Autosuggestion. Dies erfährt man deutlich im Leben der Katharina Emmerick. Es muß betont werden, daß physisch gesunde fromme Menschen keine Stigmen bekommen. Warum wird dies nicht zur Kenntnis genommen? "Soweit uns Berichte aufbewahrt sind über die Vorgeschichte stigmatisierter Personen, läßt sich behaupten, daß es kaum einen einzigen Fall gibt, in dem nicht eine der Stigmatisation vorangehende Nervenstörung offensichtlich ist" (544)

So urteilt Herbert Thurston. Gerade dies fällt bei Katharina Emmerick in die Augen. Dasselbe gilt für Therese Neumann von Konnersreuth und P. Pio von Pietrelcina. Warum sollte denn Gott ausgerechnet psychisch kranke Menschen in einem besonderen Gnadenerweis mit Wundmalen auszeichnen? Warum sollten ausgerechnet solche kranke Menschen in besonderem Maße dazu ausersehen sein, Gottes Macht und Herrlichkeit zu künden?

Mehr kritisches Denken täte not gegenüber Äußerungen der Mystiker selbst. Man scheint weithin der Überzeugung zu sein, daß solche Personen nichts anderes sprechen können als die lautere Wahrheit. Daß es Selbsttäuschungen gibt, oft auch Ungenauigkeit in der Darstellung bis zu einem Grade, daß man an die Grenze von Betrug kommt, wird nicht zur Kenntnis genommen. Es sei hier nur verwiesen auf das ganz fragwürdige Umgehen mit der Wahrheit bei Therese Neumann von Konnersreuth. Ein anderes Beispiel liefert die stigmatisierte Luise Lateau, die auch noch in unseren Tagen Verehrer findet, obwohl sie als Betrügerin einwandfrei entlarvt worden ist. Als sie im Jahr 1878 von der zuständigen kirchlichen Behörde feierlich über ihre angebliche Nahrungslosigkeit befragt wurde, gab sie zur Antwort: "Vor dem Angesichte Gottes, der mein Richter sein wird, und angesichts des Todes, den ich erwarte, versichere ich Sie, daß ich sieben Jahre lang weder gegessen noch getrunken habe" (545) . Es ist durchaus denkbar, daß Luise Lateau aufgrund ihrer Geistesverfassung ihre falsche Aussage gar nicht gemerkt hat; jedenfalls ist sie als Schwindlerin entlarvt worden (546).

Will man an außerordentliche Geschehnisse schärfste Maßstäbe anlegen, dann dürfen gegnerische Stimmen nicht ignoriert und totgeschwiegen werden. Ja gerade auf sie müßte in erster Linie eingegangen werden. Im Falle Katharina Emmerick muß in diesem Zusammenhang auf den Pfarrer Bernhard Rensing von Dülmen hingewiesen werden. Dieser hatte bis Mitte 1819 an die Echtheit der außerordentlichen Phänomene geglaubt; aber nach der staatlichen Untersuchung im August jenes Jahres hat er sein früheres Urteil vollkommen geändert. Im Jahr 1821 hat er eine Schrift verfaßt, die den Titel trug: "Kritische Revision"; sie wurde aber nicht veröffentlicht. Die Schrift befindet sich bei den Akten in Rom; der ganze Inhalt ist leider nicht bekanntgegeben worden. Im Buch "Im Banne des Kreuzes" wird Rensings Ablehnung als "unbegründet" bezeichnet; sein Urteil über Katharina Emmerick soll, wie gesagt wird, ständig schwankend gewesen sein; seine "Kritische Revision" sei "bei allen Gutgesinnten" verurteilt worden. Es wird auch gesagt, er habe sein "Pamphlet gegen Anna Katharina Emmerick aus verletzter Eitelkeit geschrieben" (547 ). So wird über Rensing geurteilt, aber nicht ein einziges seiner Argumente wird auch nur angedeutet; was er vorher gesagt hatte, wird hingegen reichlich zitiert. Später

wird in dem erwähnten Buch Rensing noch einmal erwähnt: "Wir sind der Ansicht, daß seine unvoreingenommene, vorurteilslose Meinung aus seinen ersten Zeugnissen spricht und nicht aus seiner sogenannten 'Kritischen Revision', in der er ohne jede Ursache gegen Anna Katharina Stellung nimmt" (548) . Diese Art zu argumentieren, ist eine allzu billige Methode. Hätte Dechant Rensing umgekehrt gehandelt, das heißt, hätte er zuvor abgelehnt und sich später "bekehrt", wie würden dann die Verehrer der Stigmatisierten von Dülmen jubeln!

Einen oberflächlichen Einblick in Rensings "Kritische Revision" ermöglicht P. Hümpfner, der die fünf Hauptpunkte in der Stellungnahme des Dechanten angibt und dann wenigstens auf den "Gedankengang des ersten Punktes" unter der Überschrift "Von den seltsamen Erscheinungen an dem Körper der Emmerick" eingeht. Rensing erklärt, bei den Wundmalen handle es sich um kein Wunder. Das Bluten der Male erklärt er als "Ausfluß der Psyche"; von großem Einfluß sei die "wirksame Phantasie". Er weist darauf hin, daß die "Wunderzeichen" verschwanden, "als von einer bevorstehenden Untersuchung" geredet wurde. Der Dechant verweist auf Katharinas "Begierde sich auszuzeichnen", er weist hin auf "Suggestion" und "Imagination". Auf die Frage der Heiligkeit Katharinas eingehend erklärt er: "Diese war in dem Kloster und ist jetzt noch lange nicht so ausgezeichnet, als sie von ihren Anhängern, die sie gerne bei Lebzeiten schon kanonisiert sehen möchten, beschrieben wird" (549). Was Rensing, der zuständige Pfarrer, anmerkt, ist durchaus beherzigenswert. Daß P. Hümpfner alle Einwände des Dechanten samt und sonders ablehnt, erklärt sich aus seiner Tendenz heraus, mit zum Gelingen eines Seligsprechungsprozesses beizutragen.

Katharina Emmerick hat sich immer wieder über ihre unverständigen und lieblosen Mitschwestern im Kloster beklagt, auf die offenbar das angeblich heiligmäßige Leben der Mystikerin keinen überzeugenden Eindruck gemacht hat; dasselbe gilt für ihre leibliche Schwester Gertrud. Diese und alle anderen, über die Anna Katharina negativ geurteilt hat, hätten vor allem verhört werden müssen, und zwar nicht in der Form, wie im Jahre 1953 Therese Neumann von Konnersreuth in Eichstätt vernommen worden ist. Bei suggestiven Fragen, wie sie dort immer wieder gestellt wurden, kommen nicht Antworten heraus, die die Wirklichkeit wiedergeben.

Katharina Emmerick ist berühmt geworden aufgrund ihrer Wundmale und von all dem, was sich im Zusammenhang damit entwickelt hat. Bei ihr wie auch bei den bekanntesten Stigmatisierten unseres Jahrhunderts, Therese Neumann von Konnersreuth und P. Pio von Pietrelcina, wäre vieles ganz anders gelaufen, wenn nicht ihre Umwelt die Entwicklung zum "Fall" gefördert hätte. Die einzige richtige Haltung der Therapie, die bei solchen Persönlichkeiten angebracht ist, heißt Nichtbeachtung. Darum trifft sie weit weniger "Schuld" als ihre wundersüchtige und sensationsgierige Umgebung. Leider muß man befürchten, daß sich auf diesem Gebiet nicht viel ändern wird. Menschen, die sich einem Scheuklappendenken verschrieben haben, bringen es kaum fertig, klarer zu sehen und Argumente mit Beweisen zu belegen; ihnen fällt es viel leichter, Kritiker mit Beschimpfungen und Verdächtigungen abzuspeisen. Da wird sich also nichts ändern. Es wäre aber bereits etwas gewonnen, wenn die Pseudomystiker oder ihre Anhänger nicht auch noch in blindem Bekehrungseifer verlangen würden, daß man außer dem Credo auch noch an den Firlefanz "glaube", den sie verkünden oder vertreten. Wenn sie nur einmal aufhörten, allen mahnenden Stimmen naturwissenschaftlich gebildeter Menschen "Unglauben" vorzuwerfen! Wer beispielsweise über die phantastische Zweckmäßigkeit und den geradezu "liebevollen" Einfallsreichtum der Biologie nachdenkt, der kann eigentlich nicht anders als anbetend niederknien. Das Credo ist etwas anderes, Schöneres und Entscheidenderes als die Credulitas der Pseudomystiker.

Wenn man von all dem "mystischen" Kram absieht, der das Leben der Anna Katharina Emmerick umgibt, dann bleibt nicht viel übrig, was zur Nachahmung anreizen könnte. Aber die Menschen sind nun einmal auf Sensationen erpicht; das ist im religiösen Bereich nicht anders als sonst. Da mag ein Mensch in der Stille noch so viel echte Leistung vollbringen, wenn er nicht auffällt, blickt die Welt nicht auf ihn. So geschieht es auch, daß "Mystiker" allgemein viel höher eingeschätzt werden als gewöhnliche Menschen, die weit mehr leisten.

Wie andere "Mystiker" auch, so zeichnet sich Anna Katharina Emmerick geradezu aus an Mangel von echter Demut. Die Art, wie sie sich und ihre "außerordentlichen Gaben" schildert, ist offensichtlich alles auf das eigene Ich abgestellt. Auf der gleichen Linie liegt ihr Verhalten zu ihren Mitmenschen und ihr Urteil über sie. Über all das sehen die Verehrer der Stigmatisierten von Dülmen großzügig hinweg; offenbar bestätigt sich auch in dieser Hinsicht die Erfahrung: "Liebe macht blind." Wie bei anderen "mystischen Seelen" finden wir auch bei Katharina Emmerick eine extreme Ichbezogenheit. Diese wird ja auch durch die Aussage ihrer Mitschwestern einhellig bezeugt. Ihren Aussagen zufolge war Anna Katharina "empfindlich", "aufgebracht und verdrießlich"; bei Widerspruch konnte sie "ungeduldig und böse" werden; sie beschwerte sich des öfteren, daß sie "mehr als alle anderen zurückgesetzt würde"; man warf ihr vor, "daß sie sich viel zu viel dünken ließ" und daß sie "gerne ein wenig ästimiert" würde. Solch eine ausgesprochene Ichbezogenheit schlägt einem Vollkommenheitsstreben, wie es unsere bekannten Mystiker verwirklicht haben, geradezu ins Gesicht. Aber so etwas interessiert offensichtlich die Verehrer der Stigmatisierten von Dülmen nicht. Wie sagte der Bischof von Münster? Im Hinblick auf die "außerordentlichen Phänomene", die das Leben der Stigmatisierten ausgezeichnet haben sollen, meint er: "Die Kirche stellt an die Glaubwürdigkeit solcher außerordentlicher Geschehnisse schärfste Maßstäbe". Wir haben gesehen, daß solche Worte in Anbetracht der Tatsachen bloße Phrasen sind. Wo bleiben da, so muß man fragen, die schärfsten Maßstäbe, wenn beispielsweise die Aussagen der Mitschwestern der Katharina Emmerick und wenn das Zeugnis des zuständigen Pfarrers Rensing einfach unter den Tisch gewischt werden?

Dazu kommt noch ein weiterer Gesichtspunkt, der im Falle Katharina Emmerick in gleichem Maße gilt, wie etwa bei Therese Neumann und P. Pio. Wir begegnen hier wie in anderen Fällen der totalen Verkehrtheit einer tiefeingewurzelten, von verantwortlichen kirchlichen Kreisen nicht bloß geduldeten, sondern geradezu geförderten Mentalität, die offenkundig Pathologisches als "heiligmäßig" hinstellt.

Das Phänomen der Stigmatisation und alle anderen im Zusammenhang damit auftretenden "außerordentlichen Dinge" interessieren nicht bloß den Theologen, sondern ebenso den Mediziner; ja, er ist sogar in erster Linie zuständig. Das Wort von "schärfsten Maßstäben" ist in der Tat nur leere Phrase, wenn so getan wird, als ob der in erster Linie zuständige Wissenschaftler und Fachmann nichts zu sagen hätte.

Angeregt durch das Vorgehen amtlicher kirchlicher Stellen bringt die katholische Presse immer wieder Artikel über die drei zur Zeit bekanntesten Stigmatisierten, deren Seligsprechung gefordert wird, nämlich Anna Katharina Emmerick, P. Pio und Therese Neumann. Im Vergleich zu Therese Neumann, die ja nur ein bewußter und vom zuständigen Pfarrer Josef Naber eifrig geförderter Abklatsch der Stigmatisierten von Dülmen ist, schneiden die beiden anderen ohne Zweifel gut ab. Aber in jedem Fall stehen wir vor Menschen mit eindeutig pathologischen Zügen. Wer solche als Vorbilder will, dem wird es niemand verwehren. Aber die amtlichen kirchlichen Behörden sollten doch darauf verzichten, dem gläubigen Volk solche Typen zur Nachahmung zu empfehlen.


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Letzte Änderung: 28. Januar 1998