Die stigmatisierte Seherin Anna Katharina Emmerick

XI. Wunder für und durch Katharina Emmerick

Wie Katharina Emmerick selber erzählte, hat Gott zu ihren Gunsten oftmals wunderbar eingegriffen. Dies begann bereits in frühester Jugend. Damals hatte sie "in einer Ecke der Hütte ein Bildchen der Gottesmutter mit dem Jesuskindlein" aufgehängt und davor "ein Stück Holz als einen Altar gelegt". Dort betete und legte sie Sachen nieder, die sie als Geschenk erhalten hatte. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, daß sie selber auf all diese Dinge verzichten wolle, um sie Jesus zum Opfer darzubringen. "Diese Sachen verschwanden dann wunderbarer Weise" (527). Man fragt sich aber, wer der Dieb war. Anna Katharina hatte offenbar Jesus im Verdacht, der sich die Gegenstände, wie Obst oder Heiligenbildchen, angeeignet habe.

Oftmals, so versicherte Katharina Emmerick, sei sie auf wunderbare Weise aus gefährlichen Krankheiten errettet worden. Daneben geschah eine Reihe von anderen Wundern. Als sie noch als Bauernmagd in Dienst war, verließ sie oftmals am Abend heimlich das Haus und blieb bis zum frühen Morgen unauffindbar. Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, schlichen ihr eines Abends der Hofbauer und sein Knecht unbemerkt nach. Sie folgten ihr bis zur Kirche von Coesfeld. Dort sahen sie, wie Anna Katharina in die Kirche hineinging und nach geraumer Zeit wieder herauskam und sich dann auf den Weg zum großen Kreuzweg machte. Nach Beendigung der Andacht kehrte sie wieder in die Kirche zurück. Was die beiden Lauscher am meisten in Staunen versetzte, war die Tatsache, "daß die Kirchtür sich bei Anna Katharinas Ankunft öffnete und bei ihrem Weggang wieder schloß". Da die beiden ihren Augen nicht trauen wollten, fragten sie den Küster; dieser konnte nur versichern, daß die Kirche versperrt war 528) .

Während der Zugehörigkeit zum Kloster war Anna Katharina wieder einmal "sehr krank". Ihre Mitschwester Klara Söntgen besuchte sie in der Frühe zwischen 7 und 8 Uhr. Zu ihrem Erstaunen war das Bett der Kranken bereits gemacht. Anna Katharina schilderte ihr, wie dies geschehen sei. Sie erzählte, "die würdige Mutter" und sie selber, Klara Söntgen, seien ja bei ihr gewesen und "hätten ihr das Bett so schön zurecht gezogen", nur sei ihr die Eile der beiden aufgefallen, ebenso, daß sie "so weiß und festlich gekleidet" gewesen seien. In Wirklichkeit war keine der genannten Schwestern bei ihr (529).

Eine "eigenartige Begebenheit" hat Dr. Wesener in seinem Tagebuch vom 20. Juli 1813 festgehalten. Er erzählte in Gegenwart der Anna Katharina ihrem Beichtvater Limberg, La Perouse erwähne in seiner Reisebeschreibung "eine Pflanze im Inneren Afrikas, deren Saft die Wirkung des Feuers auf den menschlichen Körper hinderte". In diesem Augenblick unterbrach ihn Emmerick und erklärte, "so etwas sei ihr auch schon widerfahren; denn als sie einst mit mehreren ihrer Mitschwestern eine Albe gebügelt, sei ihr der weißglühende Bolzen aus dem Bügeleisen auf die Albe geschleudert; sie habe in ihrer Angst, daß nun die schöne Albe verbrennen werde, den Bolzen mit der Hand gefaßt und ihn auf die Erde geworfen, wo er ein Loch in die Bretter gebrannt. Ihre Hand aber und die Albe seien unverletzt geblieben. Die Mitschwestern, welche dies gesehen, hätten darüber gescherzt und gesagt, das sei Hexerei" (530). Zu bemerken ist, daß von dem "Wunder" nicht die Mitschwestern berichteten, sondern nur Katharina Emmerick.

Oftmals war Anna Katharina während ihrer Klosterzeit ohne Geld. Ungefähr um 1806 war sie, wie sonst sehr häufig, in großer Verlegenheit, "weil sie nichts hatte, um sich etwas zum Frühstücke anzuschaffen". Eines Morgens erblickte sie vor ihrem Zimmerfenster Geld. Sie rührte es aber nicht an, sondern eilte in ihrer Bestürzung zu ihrer Mitschwester Söntgen. Der wunderbare Spender blieb unbekannt (531). Des öfteren fehlte ihr das Geld zur Bezahlung der Apothekerrechnung. Immer wieder geschah es, daß plötzlich die benötigte Geldsumme vorhanden war, ohne daß Anna Katharina wußte, woher sie gekommen (532).

Als Parallele zu dem im Evangelium berichteten Wunder der Brotvermehrung gab es im Leben der Katharina Emmerick ein Wunder der Geldvermehrung. Während ihres Klosteraufenthaltes erhielt sie einmal zwei Goldmünzen zur Verwendung für arme Leute geschenkt. Für das Geld ließ sie Kleider und Schuhe anfertigen, die sie dann verteilte. "Mit diesem Geld", sagt Anna Katharina, "war ein wunderbarer Segen Gottes; denn so oft ich es ausgegeben in Münze, hatte ich auch die zwei Goldstücke wieder in meiner Tasche und ließ sie sehr oft wieder wechseln. Ich hatte wohl auch ein ganzes Jahr an diesem Golde und habe sehr vielen Armen damit geholfen." Die wunderbare Geldvermehrung habe, wie in anderen Fällen auch, gewöhnlich ein Ende genommen, wenn sie "ein Vierteljahr lang unbeweglich, meist bewußtlos lag In dieser Zeit gingen, so äußerte sie ihren Verdacht, "alle anderen" über ihre Sachen (553).

Solche Erlebnisse will Anna Katharina auch immer wieder gehabt haben, als sie das Kloster verlassen hatte. Aber Gott gestattete offenbar nicht, daß man dem Wunder auf den Grund gehen konnte. Als Anna Katharina einmal wieder "eine ziemliche Summe" erhalten und verwendet hatte, erzählte sie darüber dem Stadtpfarrer Rensing. Dieser erklärte, wenn solches wieder einmal geschehen werde, solle sie es ihm "zeigen". "Von dieser Zeit an blieb es aus" (534).

Auch andere Wunder erlebte Anna Katharina immer wieder. Einmal schenkte ihr an ihrem Namenstag die im Kloster von Dülmen untergebrachte Jungfrau Oldencott von Amsterdam zwei Pfund Kaffee. Anna Katharina trank täglich davon, und zwar ein ganzes Jahr hindurch; der Kaffee ging nicht zu Ende. Aber dann brachten sie wieder böse Menschen um ihre Freude. Als sie erkrankte, wobei sie meistens abwesenden Geistes war, kamen andere Leute über ihr Schränkchen, "und dann hatte gewöhnlich alles bald ein Ende" (535). Gott ließ also auch in diesem Fall keine Bestätigung des Wunders zu.

Ähnlich war es bei anderen wunderbaren Hilfen, die nur Anna Katharina allein erfahren durfte, ohne irgendeinen Zeugen. Sie erzählt: "Einmal erhielt ich in einer Krankheit kleine süße Bissen, welche ich lang als Arznei gebrauchte und auch kranken Armen zur Heilung mitteilte. Die Oberin fand einmal so etwas bei mir, und ich kriegte großen Verdruß, weil ich nicht sagen konnte, woher es mir gekommen war " (536) .

Dies war nicht bloß ein Einzelfall. Zudem geschah es nicht selten, daß himmlische Wesen die wunderbaren Speisen oder Arzneien überbrachten, wie Katharina Emmerick bezeugt - "Oft erschien mir eine unendlich schöne, leuchtende Frau oder ein heiliger Jüngling, wie mein Führer, oder mein himmlischer Bräutigam selbst, und sie brachten mir Arznei in wunderbar hellen schönen Flaschen, oder Kräuter oder kleine Bissen und stellten sie zu Häupten meiner Bettstelle, wo ein kleines Brettchen verborgen angebracht war. Erwachend fand ich oft die Kräuter neben mir im Bett. Es waren grüne, unbeschreiblich zarte und wohlriechende Blättchen, die ich gebrauchte, indem ich sie aß oder daran roch oder Wasser über sie trank. Manchmal waren es Blüten oder Knospen. Auch Figuren, Edelsteine oder dergleichen empfing ich auf diese Weise, - die mich heilten und erquickten. Manchmal traten in schwerer Krankheit Erscheinungen zu mir, reichten mir Blumen oder Kräuterbüschken zum Riechen dar oder legten mir Bilder und andere Gaben auf die Brust und nahmen sie auch wieder weg. Ich aber wurde dadurch erquickt und genas zu irgendeiner Arbeit auf eine kürzere oder längere Zeit" (537 ). Zuweilen "erschien ihr Jesus selbst und reichte ihr das heiligste Sakrament seines Leibes, wodurch sie genas; auch wurde sie zur Anschauung der himmlischen Herrlichkeit entrückt und kehrte neu belebt in den wachen Zustand zurück" (538) .

Die ersten Jahre nach der Ausweisung aus dem Kloster zählten mit zu den schlimmsten im Leben der Katharina Emmerick. Noch im Dezember 1816 fühlte sie sich "sehr matt und hinfällig und klagte über viele Schmerzen in der Brust und in den Malen". Eines Tages aber fand sie Dr. Wesener "wieder recht munter". Sie erzählte ihm, daß sie nunmehr wieder allein im Bette sitzen könne; bisher war sie nicht einmal fähig gewesen, "den Kopf aufrecht zu halten". Vor den Augen Dr. Weseners "setzte sie sich, wenn auch mit einiger Mühe, aber doch allein ganz gerade im Bette auf". Sie berichtete dem erstaunten Arzt, was vorgefallen war. "In einem Gesichte sah sie den Lohn der Unschuldigen Kinder". Da fragte sie ihren "Begleiter in der Vision": "Was werde denn ich bekommen, da ich nun schon so lange Schmach und Schmerzen erlitten und Geduld geübt zu Ehren meines Herrn Jesu?" Der Gefragte gab zur Antwort: "Vieles ist in deiner Sache verruchloset (= vernachlässigt) und du selbst hast vieles verruchtloset, allein harre und sei wachsam; denn groß wird auch dein Lohn sein." Nochmals fragte die Kranke - "Werde ich denn aber nie wieder meiner Glieder mächtig werden? Werde ich nie wieder Speise genießen können?" Die Antwort lautete: "Auch dieses soll dir noch wieder gewährt werden zu deiner Erleichterung, und Speise selbst sollst du wenigstens etwas wieder genießen, nur sei geduldig!" Anna Katharina fragte weiter: "Soll ich dann jetzt nur aufstehen?" Der "Begleiter" antwortete: "Setze dich immerhin auf im Bette im Beisein deines Beichtvaters und harre mit Geduld des Ferneren!" In diesem Augenblick erwachte die Kranke und, als sie Limberg erblickte, fragte sie ihn sogleich, ob sie aufstehen solle. Als er dies erlaubte, "setzte sie sich sogleich im Bette auf" (539). Freilich etwas Besonderes oder gar Wunderbares hatte sich hierbei nicht abgespielt; denn die Kranke war auch bisher schon zu mehr fähig als zu sitzen; während ihrer "Ekstasen" brachte sie es sogar fertig, lange Zeit zu sitzen oder zu knien und mit ausgebreiteten Armen zu beten; ja sie hatte sogar die Kraft aufzustehen. Das geschilderte "Wunder" bedeutet demnach keine große Leistung. Es gleicht aber zusammen mit der dazugehörigen 'Ansprache" fast vollkommen gleichgearteten Begebnissen im Leben der Therese Neumann von Konnersreuth. Diese schrieb allerdings die Ansprachen der Kleinen Theresia zu (540)

Für gewöhnlich geschahen die Wunder an Katharina Emmerick. Weniger oft wirkte sie selber Wunder. Einmal, so wird berichtet, hat sie ein Mädchen wunderbar von ihrem Leiden befreit. Es kam eine Frau mit einem fallsüchtigen Mädchen zu ihr. Diese erkannte sofort, daß die Krankheit eine Folge von "Untugend" war. Auf eine entsprechende Mahnung hin versprach das Mädchen reumütig Besserung. "Es ward geheilt". Anna Katharina, durch deren Bericht erst Clemens Brentano etwas von dem Wunder erfuhr, erklärt vorwurfsvoll, die Mutter des Mädchens habe das Wunder ausgeschwätzt" (541)


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Letzte Änderung: 28. Januar 1998