Die stigmatisierte Seherin Anna Katharina Emmerick

X. Aberglaube

Katharina Emmerick lebte und dachte im Aberglauben ihrer Umwelt; darauf stößt man immer wieder. Dies zeigt beispielsweise ihre bereits erwähnte Bemerkung über die "Gestirneinwirkung auf die Stunde der Geburt, da das Kind frei wird" (524)

Ihren Aberglauben offenbart auch folgender Bericht: "Meine Mutter hatte in der Schwangerschaft mit mir schwere Arbeit und war oft sehr krank. Sie klagte auch oft über die Empfindung, als steche sie eine Weizenähre in der Seite. Als ich zur Welt kam, hatte ich über dem Nabel in der Magengegend, wo ich jetzt das Zeichen des lateinischen Kreuzes habe, ein seltsames Gewächs in der Gestalt einer aus dem Halm dringenden Weizenähre. Drei Frauen waren bei meiner Geburt, und eine davon hat es mir abgebunden. Ich habe in Gesichten, die ich von meiner Geburt und Taufe später gehabt, diese drei Frauen nie recht leiden können, vielleicht wegen diesem Abbinden. Meine Mutter habe ich oft in meiner Jugend und später bedauern hören, daß sie dieses wunderbare Zeichen nicht bewahrt habe. Ich bin aber öfters innerlich davon unterrichtet worden, daß mir durch das unverständige Wegnehmen dieses Zeichens etwas entzogen worden sei, indem ich ohne den Verlust dieses Gnadenzeichens viel heller als jetzt, ja als vielleicht je ein Mensch würde gesehen und das Gesehene mitteilen gekonnt haben würde. Es ist mir aber dabei gezeigt worden, wie ungemein vieles von meinen Gaben in meiner Jugend durch menschlichen Unverstand und auch später durch Mangel an einfältiger Weisheit und durch sogenannte Aufklärung sogar der Geistlichen sei zertrümmert worden. ... Ich hatte lange an der Stelle, wo mir die Ähre abgebunden worden, ein rotes, herzförmiges Mal, auf die Weise merkbar wie das Mal meiner Seitenwunde. Ich hatte auf dem Puls des rechten Handgelenks ein Mal wie ein rotes Herz, von der Größe eines Viergroschenstückes, und oben daran wie einen kleinen Strauß oder Dornbusch. Das Herzmal war manchmal blutrot, und der Strauß dann weiß. Ich hatte dieses Mal bis in die Zeit meiner Stigmatisation und verbarg es immer sorgfältig. Dann verschwand es ganz" (525). - Aus solchen Worten spricht ein waschechter Aberglaube. Dieser erscheint nicht geringer, wenn Anna Katharina glaubt, "in Gesichten" über die wunderbare Bedeutung der "Weisheits- oder Weissagungsähre" unterrichtet worden zu sein und wenn sie betont, durch das "Gnadenzeichen" hätte sie die Fähigkeit erhalten, mehr zu schauen als je ein Mensch zu schauen vermocht hätte. Des weiteren verdient Beachtung, was Emmerick über das rote herzförmige Mal über der Magengegend und das Mal im rechten Handgelenk sagt. Wir können ihren Worten entnehmen, daß nie jemand davon etwas bemerkt hat. Wer sollte glauben, daß die angeblichen "wunderbaren Male" etwas mit Übernatur zu tun haben, zumal der Zusammenhang mit reinem Aberglauben offenliegt? Ein Rückschluß auf den Ersatz dieser "Male" durch Stigmen drängt sich auf.

Aberglauben und auch ungehemmten Drang zu bloßen Phantastereien offenbart auch, was Katharina Emmerick über die sie oftmals begleitenden "Irrlichter" redet. Im Winter, so versichert sie, sei sie "als Jungfrau" manchmal um vier Uhr nach Coesfeld in die Frühmesse gegangen. Gewöhnlich habe sie auf dem Weg für die Armen Seelen gebetet. "Da kamen dann sehr oft wunderbare kleine Lichter zu mir. Sie waren wie eine helle Perle, aber mit etwas trüberen Perlen umgeben. Sie machten mir so hell, daß ich jeden Stern unterscheiden konnte. Sie schwebten in der Höhe bis an meine Brust und gingen paarweise wie eine Prozession vor mir. Ich hatte sie sehr lieb, denn ich kannte sie schon, weil sie auch nachts oft in meinem Bett zu mir kamen und mich weckten, daß ich aufstand und betete. Es waren kleine Irrlichter. Die kannte ich wohl von Kind auf; denn ich sah solche oft, wenn ich morgens vor Tag 'dat Peer halen' (das Pferd holen) mußte aus dem Kamp. Sie waren blässer und schwebten über dem Sumpf. Jene aber zogen in schöner Ordnung vor mir her und erleuchteten den Weg. Sie verschwanden aber, wenn jemand zu mir kam" (526). Allein schon der Hinweis, die Irrlichter hätten so helles Licht ausgestrahlt, daß Anna Katharina jeden Stern habe unterscheiden können, erklärt die Sachlage.


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Letzte Änderung: 28. Januar 1998